Mehrere Hundert Rechtsextreme zogen durch die Straßen Athens. Sie trugen Banner und schwenkten Flaggen, hielten brennende Fackeln, brüllten Parolen oder trommelten, so ist es in Videos von diesem Tag zu sehen.

Es war der 27. Januar 2007, die "Patriotische Allianz" hatte eingeladen, ein griechisches Bündnis rechtsextremer Organisationen um die neonazistische Partei Goldene Morgenröte.

Mittendrin waren Gäste aus Deutschland: Udo Voigt, zu der Zeit NPD-Chef, war mit einer Gruppe angereist, insgesamt 14 Personen. Es waren Führungsleute der NPD und der Jungen Nationaldemokraten (JN), wie die Nachwuchsorganisation der Partei damals hieß. Auch die deutsche Gruppe trug Fahnen, Fackeln – und ein Banner: "Heute schon im Kampf, für die Idee von morgen!" stand darauf, Kommafehler inklusive.

Laut einem Dokument aus der deutschen Botschaft in Athen gehörte ein gewisser Andreas Kalbitz zu dieser Gruppe aus "14 deutschen Neonazis", wie sie darin bezeichnet werden. Geschrieben hat das Dokument die Verbindungsbeamtin des Bundeskriminalamts (BKA).

Kalbitz, heute 46, führt den Kampf für die Idee von morgen inzwischen woanders: Er ist Spitzenkandidat der AfD in Brandenburg. Seine Partei könnte bei der Landtagswahl am Sonntag stärkste Kraft werden.

Der Politiker behauptet, er sei nicht rechtsextrem. Immer wieder musste er nach Medienberichten aber zugeben, im rechtsextremen Milieu unterwegs gewesen zu sein, immerhin mehr als die Hälfte seines Lebens. In den vergangenen Jahren hat er außerdem ein Ex-Mitglied der NPD und Sympathisanten der rechtsextremen Identitären Bewegung eingestellt.

AfD-Mann Kalbitz
HERMANN BREDEHORST / POLARIS
AfD-Mann Kalbitz

Obwohl die NPD auf einer "Unvereinbarkeitsliste" der AfD steht, durfte Kalbitz bis heute in der Partei bleiben, wo er seinen politischen Einfluss immer weiter ausbaute. Er gilt als Strippenzieher im völkischen "Flügel", jener parteiinternen Plattform rund um den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke, die vom Verfassungsschutz als "Verdachtsfall" geführt wird.

Das Dokument zeigt einmal mehr, wie tief Kalbitz in der rechtsextremen Szene verankert war. Neben NPD-Chef Voigt waren die Bundesvorstände Jens Pühse und Alexander Neidlein in Athen dabei. Neidlein war damals stellvertretender Bundesvorsitzender der JN. Auch andere Mitglieder der Gruppe sind bis heute in der NPD aktiv. Gegen einen der 14 Reiseteilnehmer wurde später jahrelang ermittelt, weil er im Verdacht stand, einen zweiten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) aufzubauen. Zwei andere hatten sich als rechtsextreme Söldner in Kroatien verdingt, ein weiterer verdiente über Jahre sein Geld mit Rechtsrock-Tonträgern.

Dass das BKA die Reise dokumentierte, hatte mit einem Vorfall einen Tag nach der Ankunft zu tun. Die Gruppe hängte auf dem Balkon ihres Hotels Solomou eine Hakenkreuzflagge auf, "obwohl sie vom Hotelbesitzer gewarnt worden waren, dies nicht zu tun", wie es in dem Bericht aus der Botschaft heißt.

In jener Nacht warfen Unbekannte, die "der anarchistischen Szene zuzuordnen sind", Molotowcocktails "in den Hoteleingang und auf den Balkon", so der Bericht. Menschen wurden nicht verletzt, aber ein Sachschaden entstand, weshalb die Polizei kam. Die BKA-Verbindungsbeamtin trug die Erkenntnisse zusammen, verfasste den Bericht mit dem Kürzel ATH 019/07.

Zwei Tage später lieferte ein BKA-Beamter in Meckenheim weitere Infos, die er über die Mitglieder der Reisegruppe hatte. Demnach waren bei sechs von ihnen "staatsschutzrelevante Erkenntnisse vorhanden (Politisch motivierter Straftäter – Rechts)". Über die restlichen Personen lägen keine Erkenntnisse vor, hieß es: "Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese ebenso wie der Großteil der o. g. Personen dem Umfeld rechtsextremer Parteien wie z. B. der NPD zuzuordnen sind."

Der Aufmarsch in Athen war nicht der einzige Berührungspunkt des heutigen AfD-Politikers mit der NPD. So findet sich Kalbitz' Name samt seiner damaligen Anschrift in München auf einer Interessentenliste der Partei, die 2007 angelegt wurde. 2015 wurde er Vorsitzender in einem revisionistischen Verein, im Vorstand saß er gemeinsam mit NPD-Politikern. 2017 schrieb ein Münchner NPD-Mann auf Facebook von seiner "langjährigen politischen Freundschaft" mit Kalbitz.

Die Athen-Reise war nicht Kalbitz' einziger Berührungspunkt mit der NPD.

Außerdem war Kalbitz 1993 Mitglied im rechtsextremen Witikobund und schrieb Texte für dessen Zeitschrift. Wie der Sender RBB zuletzt berichtete, war er damals offenbar bei einem Lager der Heimattreuen Jugend. 2007 nahm er an einem weiteren Lager der Folgeorganisation Heimattreue Deutsche Jugend teil, die später verboten wurde. Von deren Bundesführer erhielt Kalbitz mindestens eine E-Mail, genau wie vom Holocaust-Leugner Horst Mahler.

Auf Anfrage erinnert sich der AfD-Mann an die Reise: "Es ist zutreffend, dass ich vor zwölf Jahren in Athen war." Die Einladung sei über einen ausländischen Kontakt erfolgt. "Es gab verschiedene deutsche und andere internationale Besucher dieser Veranstaltung, neben der von Ihnen benannten 'Reisegruppe', wie auch in meinem Fall." Zu dem "Brandanschlag und Vorgängen darum herum" könne er aber nichts sagen, da er nicht zugegen gewesen sei. Heute sagt er, der Marsch habe ihm nicht gefallen: "In der nachträglichen Bewertung dieser Veranstaltung war diese nicht dazu angetan, mein weiteres Interesse oder Zustimmung zu wecken, weder in der politischen Zielsetzung noch in der Zusammensetzung der Teilnehmer."

Kalbitz schreibt außerdem, er sei "zu keinem Zeitpunkt Mitglied der NPD" gewesen, habe sich dort nicht "engagiert" und "keinerlei persönlichen Kontakt". Er stehe "unverrückbar auf dem Boden des Grundgesetzes, auch in der konsequenten Distanzierung zu rechtsextremistischen Bestrebungen". Bei der Anfrage gehe es "doch nur um persönliche Diffamierung und mediale Stimmungsmache".

Die anderen Reiseteilnehmer könnten von Kalbitz' Antwort enttäuscht sein. Sie waren zufrieden mit ihrem Ausflug nach Athen. Es sei ein "unvergessenes Erlebnis" gewesen, schrieb einer auf der Homepage der Jungen Nationaldemokraten.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 36/2019.

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