Selbiger wurde 1928 geboren und wuchs als Sohn eines jüdischen Zahntechnikers und dessen Frau in Berlin-Neukölln auf. Als Zehnjähriger wechselte er auf die Jüdische Mittelschule in der Großen Hamburger Straße im Bezirk Mitte. Am 10. November 1938, dem Morgen nach der Reichspogromnacht, führte ihn sein Schulweg an zahlreichen zerstörten Geschäften und einer in Brand gesteckten Synagoge vorbei. Selbiger ist einer von zwei Schülern aus seiner Klasse, die den Holocaust überlebten.

Nach dem Krieg arbeitete Selbiger zunächst als Journalist in der DDR. 1964 reiste er für die SED-Zeitung "Neues Deutschland" nach Frankfurt am Main, um über den Auschwitzprozess zu berichten. Er kehrte nicht wieder in die DDR zurück. Später betrieb er in West-Berlin zwei Reisebüros. Seit vielen Jahren besucht er Schulen und berichtet als Zeitzeuge aus seinem Leben. In diesem Frühjahr hat Selbiger seine Autobiografie veröffentlicht. Dem Buch stellte er diese Aufforderung voran: "Fragt uns, wir sind die Letzten! Wenn wir nicht mehr sind, ist alles nur noch papierne Geschichte."

Ich war 1938 knapp elf Jahre alt. Damals traf ich meine jüdischen Mitschüler morgens am U-Bahnhof Weinmeisterstraße in Berlin-Mitte. Wir sind nie einzeln zur Schule gegangen, weil wir sonst fürchten mussten, ständig von Hitlerjungen angepöbelt und geschlagen zu werden. Am Hackeschen Markt trafen wir eine zweite Gruppe und sind dann zusammen bis zur Jüdischen Mittelschule in der Großen Hamburger Straße gelaufen. Das war der alltägliche Schulweg.

Am 10. November war alles anders.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 46/2018.
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