Dieser Text gehört zur Reihe "Bestseller von SPIEGEL+", er ist zuerst erschienen im SPIEGEL 33/2010.


Adolf Hitler und Winston Churchill sind sich nie begegnet, und wer weiß, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts verlaufen wäre, wenn sich der Nazi anders entschieden hätte, damals, im Frühjahr 1932.

Er stand ja schon in der Lobby des Grand Hotel Continental in der Max-Joseph-Straße in München, unrasiert, erschöpft vom Wahlkampf, in einem schäbigen Trenchcoat. Und hinten, in einem Nebenraum, dinierte Churchill mit Familie und Begleitern und wartete auf ihn.

Der kleine, beleibte Brite war bereits eine Berühmtheit; Spross einer der bedeutendsten Familien Englands, erfolgreicher Journalist und Bestseller-Autor, zudem schon vor dem Ersten Weltkrieg Handels- und Innenminister, dann Erster Lord der Admiralität (Marinechef), im Krieg Munitionsminister, danach Kriegs- und Luftfahrtminister, Kolonialminister, zuletzt Finanzminister. Eine solche Karriere hatte es auf der britischen Insel seit langem nicht mehr gegeben.

Zu jener Zeit zählte Churchill freilich zur Opposition. Er war nach München gereist, weil er für ein neues Buch recherchierte, und einmal vor Ort, wollte er die Gelegenheit nutzen, den berüchtigten Hitler kennenzulernen, dessen Anhänger gerade die Weimarer Republik zerstörten. Churchills Sohn und Hitlers Auslandspressesprecher Ernst "Putzi" Hanfstaengl vereinbarten ein Essen im Continental, wobei Hanfstaengl allerdings den Churchills verschwieg, dass der Führer wenig Interesse gezeigt und es offengelassen hatte, ob er erscheinen werde.

Und so schritt der Abend voran, ohne dass Hitler kam. Nach dem Dessert entschuldigte sich Hanfstaengl bei Tisch und eilte zur Telefonkabine des Hotels, um den Führer anzurufen und zu fragen, ob noch mit ihm zu rechnen sei. Da sah er Hitler auf einmal in der Lobby vor sich - der Nazi hatte zufällig im Continental mit einem Gönner konferiert.

Hanfstaengl zog den Parteichef zur Seite; es sei ein Affront, wenn Churchill ihn sehe. Und dann drängte er: "Herr Hitler, kommen Sie, es ist wirklich wichtig." Aber der Parteiführer blieb stur: "Hanfstaengl, Sie wissen genau, dass ich zurzeit viel zu tun habe und dass wir morgen sehr früh starten wollen. Also - gute Nacht."

Churchill machte gute Miene zu der Absage; später setzte sich Hanfstaengl an das Klavier im Musikzimmer des Hotels, und gemeinsam sangen sie schottische Lieder. Doch noch in Churchills Erinnerungen klingt das Bedauern durch, dass Hitler "die einzige Gelegenheit verpasste, mich kennenzulernen".

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 33/2010.
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