Dieser Text erschien zuerst in SPIEGEL 17/2017.


Ein kalter Wind bläst über die grünen Felder von Ibiza. Peter Lindbergh trägt ein T-Shirt und hat einen Schnupfen. Gestern Abend, sagt er, habe er zu lange draußen gesessen. Es hatte neun Grad, aber zu einer Jacke konnte man Lindbergh nicht überreden.

Es ist so eine Sache mit Ibiza. Die Insel lockt mit dem süßen Leben. Aber das süße Leben ist auch Stress.

Das süße Leben auf Ibiza, das bekannt ist für seine Strände und das blaue Wasser, noch mehr aber für seine Nächte, symbo-lisieren vor allem jene zwei Kirschen, die für das Pacha stehen. Seit Jahrzehnten ist es der berühmteste Klub der Insel, eine fein geschliffene Nachtlebenmaschine. Tausende Gäste sehnen sich dort weg von den normalen Tanzflächen. Hin zu jenem vermeintlich magischen Bereich, wo die wirklich Auserwählten feiern. Die Berühmten. Die NaomiCampbellsKateMoss-PuffDaddys dieser Welt. 2500 Euro mindestens für einen Tisch – um ein paar Minuten den Stars nahe zu sein.

Peter Lindbergh kennt sie alle.

Er fährt mit seinem klapprigen alten Range Rover an einer Plakatwand vorbei, die für den Klub wirbt. "Hömma, ich war da vor 35 Jahren zum letzten Mal drin", sagt Lindbergh.

Hömma. Lindbergh wuchs auf in den grauen Straßen von Duisburg. Er mag einer der bekanntesten Fotografen der Welt sein. Aber er klingt wie Schimanski.

Fällt ein Laden wie das Pacha nicht gewissermaßen in seinen Zuständigkeitsbereich? Schließlich hat Lindberg mit seinen Bildern und Images den weltweiten Aufstieg von NaomiLindaKate und wie sie alle heißen mitzuverantworten.

"Nö", sagt Lindbergh. Ihm grause vor solchen Orten. Auch auf einer Modenschau sei er seit 20 Jahren nicht mehr gewesen.

Das erste »Vogue«-Cover von Peter Lindbergh, erschienen im November 1988. Dazu bemerkt Anna Wintour, die damalige Chefredakteurin: »Dieses Bild brach alle Regeln. Michaela schaute dich nicht an, schlimmer noch, ihre Augen waren fast geschlossen. Das Haar wehte ihr ins Gesicht. Das Ganze wirkte locker, ungezwungen, wie ein Schnappschuss von der Straße, was es ja auch war, und genau das war der Punkt.« (Michaela Bercu, Paris 1988)
PETER LINDBERGH
Das erste »Vogue«-Cover von Peter Lindbergh, erschienen im November 1988. Dazu bemerkt Anna Wintour, die damalige Chefredakteurin: »Dieses Bild brach alle Regeln. Michaela schaute dich nicht an, schlimmer noch, ihre Augen waren fast geschlossen. Das Haar wehte ihr ins Gesicht. Das Ganze wirkte locker, ungezwungen, wie ein Schnappschuss von der Straße, was es ja auch war, und genau das war der Punkt.« (Michaela Bercu, Paris 1988)
Karl Lagerfeld, der 1996 über Peter Lindbergh schrieb, dass »seine Vision von Frauen immer up to date, aber zugleich zeitlos« sei, war einer der Ersten, die Lindbergh nach dessen Ankunft in der Seine-Metropole unterstützten. (Karl Lagerfeld mit Model, Paris 1978 für den »Stern")
PETER LINDBERGH
Karl Lagerfeld, der 1996 über Peter Lindbergh schrieb, dass »seine Vision von Frauen immer up to date, aber zugleich zeitlos« sei, war einer der Ersten, die Lindbergh nach dessen Ankunft in der Seine-Metropole unterstützten. (Karl Lagerfeld mit Model, Paris 1978 für den »Stern")
Die gebürtige Kanadierin Evangelista schockierte 1988 die Modewelt, als sie sich auf Anraten Lindberghs von dem französischen Haarstylisten Julien d'Ys eine Kurzhaarfrisur schneiden ließ. Nach anfänglichem Sträuben willigte sie ein, da der Fotograf meinte, er habe sie seit Beginn ihrer Modelkarriere Mitte der 1980er Jahre auf jede erdenkliche Art fotografiert. Noch im gleichen Jahr erschien sie zeitgleich auf den Titelseiten der italienischen, französischen und amerikanischen »Vogue«, was sie zu einem der bekanntesten Gesichter ihrer Zeit machte. (Kirsten Owen und Linda Evangelista, Deauville 1988 für »Six Magazine")
PETER LINDBERGH
Die gebürtige Kanadierin Evangelista schockierte 1988 die Modewelt, als sie sich auf Anraten Lindberghs von dem französischen Haarstylisten Julien d'Ys eine Kurzhaarfrisur schneiden ließ. Nach anfänglichem Sträuben willigte sie ein, da der Fotograf meinte, er habe sie seit Beginn ihrer Modelkarriere Mitte der 1980er Jahre auf jede erdenkliche Art fotografiert. Noch im gleichen Jahr erschien sie zeitgleich auf den Titelseiten der italienischen, französischen und amerikanischen »Vogue«, was sie zu einem der bekanntesten Gesichter ihrer Zeit machte. (Kirsten Owen und Linda Evangelista, Deauville 1988 für »Six Magazine")
Lindbergh war der Erste, der für eine Modemagazinstrecke die unkonventionelle Form einer Erzählung wählte, und gab damit den Anstoß zu einer neuen Darstellungsform, die Kunst und Modefotografie vermischte und der Fantasie des Betrachters stets Freiraum ließ. (Fred Ward und Guinevere Van Seemus, El Mirage Kalifornien 2000 für »Vogue Italia")
PETER LINDBERGH
Lindbergh war der Erste, der für eine Modemagazinstrecke die unkonventionelle Form einer Erzählung wählte, und gab damit den Anstoß zu einer neuen Darstellungsform, die Kunst und Modefotografie vermischte und der Fantasie des Betrachters stets Freiraum ließ. (Fred Ward und Guinevere Van Seemus, El Mirage Kalifornien 2000 für »Vogue Italia")
Milla Jovovich, die ukrainische Muse von Peter Lindbergh über viele Jahre, meint: »Peter war schon immer der Typ, der so fotografiert, wie er einen Film dreht: Es geht ohne Pause, die Kamera ist ununterbrochen in Aktion, und das gibt ihm die Möglichkeit, alles zu erwischen und auch alles dazwischen. Das macht den Zauber von Peters Bildern aus.« (Milla Jovovich, Los Angeles 2000 für »Vogue Italia")
PETER LINDBERGH
Milla Jovovich, die ukrainische Muse von Peter Lindbergh über viele Jahre, meint: »Peter war schon immer der Typ, der so fotografiert, wie er einen Film dreht: Es geht ohne Pause, die Kamera ist ununterbrochen in Aktion, und das gibt ihm die Möglichkeit, alles zu erwischen und auch alles dazwischen. Das macht den Zauber von Peters Bildern aus.« (Milla Jovovich, Los Angeles 2000 für »Vogue Italia")
Über die Engländerin Kate Moss sagt Peter Lindbergh: »Sie ist einfach die coolste Person der Welt. Sie ist weder groß noch umwerfend schön, gemessen am Mainstream-Ideal, aber wozu auch? Sie scheint das alles nicht zu kümmern.« (Kate Mosss, Rom 1994 für »Harper's Bazaar")
PETER LINDBERGH
Über die Engländerin Kate Moss sagt Peter Lindbergh: »Sie ist einfach die coolste Person der Welt. Sie ist weder groß noch umwerfend schön, gemessen am Mainstream-Ideal, aber wozu auch? Sie scheint das alles nicht zu kümmern.« (Kate Mosss, Rom 1994 für »Harper's Bazaar")
Peter Lindbergh über seine Fotografie: »Ich glaube, dass jeder sich selbst näher ist, wenn er mit einem Gefühl der Melancholie konfrontiert wird; es tritt etwas Poetischeres zutage, wenn man seine Selbstkontrolle aufgibt und dem Mann mit der Kamera, der vor einem steht, tiefere Gefühle und Emotionen preisgibt.« (Amber Valletta, Camargue 1998 für »Vogue Italia")
PETER LINDBERGH
Peter Lindbergh über seine Fotografie: »Ich glaube, dass jeder sich selbst näher ist, wenn er mit einem Gefühl der Melancholie konfrontiert wird; es tritt etwas Poetischeres zutage, wenn man seine Selbstkontrolle aufgibt und dem Mann mit der Kamera, der vor einem steht, tiefere Gefühle und Emotionen preisgibt.« (Amber Valletta, Camargue 1998 für »Vogue Italia")
Franca Sozzani, Chefredakteurin der italienischen »Vogue«, die seit ihrer Zeit bei Lei Anfang der 1980er-Jahre mit Lindbergh zusammenarbeitet, erklärt: »Peter ist ein Fotograf, der Fotogeschichte schreiben wird, weil er nicht an Trends gebunden ist. Er hat seine eigene Identität: Er ist kein Modefotograf. Er benutzt Mode, um Frauen anzusprechen und über Frauen zu sprechen, das ist etwas völlig anderes.« (Fred Ward und Guinevere Van Seemus, El Mirage Kalifornien 2000 für »Vogue Italia")
PETER LINDBERGH
Franca Sozzani, Chefredakteurin der italienischen »Vogue«, die seit ihrer Zeit bei Lei Anfang der 1980er-Jahre mit Lindbergh zusammenarbeitet, erklärt: »Peter ist ein Fotograf, der Fotogeschichte schreiben wird, weil er nicht an Trends gebunden ist. Er hat seine eigene Identität: Er ist kein Modefotograf. Er benutzt Mode, um Frauen anzusprechen und über Frauen zu sprechen, das ist etwas völlig anderes.« (Fred Ward und Guinevere Van Seemus, El Mirage Kalifornien 2000 für »Vogue Italia")
Zu diesem Bild meint Lindbergh: »Gnadenlose Retusche sollte nicht das Werkzeug der Wahl sein, um Frauen zu Beginn dieses Jahrhunderts zu zeigen. Vieles an Nachbearbeitung ist ohnehin nur nötig, wenn jemand nichts von Licht versteht oder Wörter wie authentisch, interessant, inspirierend und viele andere noch nie gehört hat. Wenn man dem Gedanken folgen kann, dass es keine Schönheit ohne Wahrheit geben kann, ist die Antwort klar. Wie verrückt und weltfremd ist denn die Idee, aus dem eigenen Gesicht alles an Erfahrungen zu löschen?« (Linda Spierings und Tatjana Patitz, Le Touquet 1986)
PETER LINDBERGH
Zu diesem Bild meint Lindbergh: »Gnadenlose Retusche sollte nicht das Werkzeug der Wahl sein, um Frauen zu Beginn dieses Jahrhunderts zu zeigen. Vieles an Nachbearbeitung ist ohnehin nur nötig, wenn jemand nichts von Licht versteht oder Wörter wie authentisch, interessant, inspirierend und viele andere noch nie gehört hat. Wenn man dem Gedanken folgen kann, dass es keine Schönheit ohne Wahrheit geben kann, ist die Antwort klar. Wie verrückt und weltfremd ist denn die Idee, aus dem eigenen Gesicht alles an Erfahrungen zu löschen?« (Linda Spierings und Tatjana Patitz, Le Touquet 1986)
Peter Lindbergh über seine Fotografie: »Ich mochte Schwarz-Weiß lieber, weil es eine Interpretation der Wirklichkeit darstellte, eine verglichen mit Farbe erhabenere Wahrheit. Ich sah mir die Fotografen der Amerikaner aus der Zeit der Großen Depression an, als Amerika dramatische Probleme hatte und die Regierung Fotografen losschickte, um Dinge wie Kinderarbeit, Kriminalität, Armut, alles an sozialen Missständen zu dokumentieren, und diese Fotografien waren grundsätzlich schwarz-weiß.« (Kirsten Owen, Stella Tennant, Karen Elson, Esther Canadas, Shalom Harlow, Natalia Semanova, Naomi Campbell und Shirley Mallmann, Paris 1997 für »Vogue Italia")
PETER LINDBERGH
Peter Lindbergh über seine Fotografie: »Ich mochte Schwarz-Weiß lieber, weil es eine Interpretation der Wirklichkeit darstellte, eine verglichen mit Farbe erhabenere Wahrheit. Ich sah mir die Fotografen der Amerikaner aus der Zeit der Großen Depression an, als Amerika dramatische Probleme hatte und die Regierung Fotografen losschickte, um Dinge wie Kinderarbeit, Kriminalität, Armut, alles an sozialen Missständen zu dokumentieren, und diese Fotografien waren grundsätzlich schwarz-weiß.« (Kirsten Owen, Stella Tennant, Karen Elson, Esther Canadas, Shalom Harlow, Natalia Semanova, Naomi Campbell und Shirley Mallmann, Paris 1997 für »Vogue Italia")
Nicht die Details der Kleider, sondern die Vielschichtigkeit des Models herauszuarbeiten, ist für Lindbergh das Wichtigste. »Wenn wir einander begegnen, ist es wahrscheinlicher, dass ich mich an Ihren Blick, Ihre Augen und die Bewegungen Ihres Körpers erinnere als an die Farbe Ihres Pullovers«, so Lindbergh (beim »British Vogue«-Covershooting, New York 1989, fotografiert von Jim Rakete: Christy Turlington, Tatjana Patitz, Naomi Campbell, Peter Lindbergh, Cindy Crawford und Linda Evangelista)
JIM RAKETE / PHOTO-SELECTION
Nicht die Details der Kleider, sondern die Vielschichtigkeit des Models herauszuarbeiten, ist für Lindbergh das Wichtigste. »Wenn wir einander begegnen, ist es wahrscheinlicher, dass ich mich an Ihren Blick, Ihre Augen und die Bewegungen Ihres Körpers erinnere als an die Farbe Ihres Pullovers«, so Lindbergh (beim »British Vogue«-Covershooting, New York 1989, fotografiert von Jim Rakete: Christy Turlington, Tatjana Patitz, Naomi Campbell, Peter Lindbergh, Cindy Crawford und Linda Evangelista)

Eine Anzeigentafel wirbt für den DJ Sven Väth, der die Saison über auf Ibiza Exzesse feiert und sich dann, wenn der Herbst kommt, zurückzieht und in Asien die Gifte aus dem Körper massieren lässt.

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 17/2017.
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!