Die Zahl der Frauen, denen eine Zwangsverheiratung droht, lässt sich nur schätzen: Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, und die jüngste bundesweite Studie ist bereits acht Jahre alt. Mitarbeiter von Fachberatungsstellen sprechen von mehreren Tausend Fällen jährlich. Wie immer während der Sommerzeit suchen in diesen Wochen besonders viele Frauen und Mädchen Hilfe – sie fürchten, während einer Urlaubsreise im Heimatland der Eltern eine Ehe eingehen zu müssen. Oft stammen sie aus türkischen oder arabischen Familien, aber auch aus Afghanistan, Pakistan, Indien, dem Kosovo oder aus afrikanischen Staaten. Beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ist das "Hilfetelefon – Gewalt gegen Frauen" eingerichtet worden, an dem rund um die Uhr Beraterinnen ansprechbar sind. Die Erziehungswissenschaftlerin Lysann Susanne Häusler, 55, ist die zuständige Fachbereichsleiterin für das Thema Zwangsverheiratungen.

SPIEGEL: Frau Häusler, mit welchen Fragen rufen Frauen und Mädchen jetzt in der Ferienzeit bei Ihnen an?

Häusler: Sie haben häufig keine konkreten Fragen, erzählen aber, dass sie sich plötzlich ihrer Freiheiten beraubt fühlen. Mit einem Mal müssen sie mehr im Haushalt helfen oder dürfen ihre Freundinnen seltener treffen. Es ist ein typisches Muster im Vorfeld einer Zwangsverheiratung: Nach und nach verlagern die Eltern den Handlungsspielraum ihrer Töchter von außen nach innen. Die jungen Frauen fühlen sich von dieser neuen Strenge oft sehr verunsichert. Aber nur wenige sagen uns offen, dass sie eine Zwangsheirat fürchten.

SPIEGEL: Warum ist das so?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 28/2019.
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