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DIOXIN 0,000 000 000 000 01

Eine Chemikalie wird zum nationalen Thema. Nach der Dioxin-Firma Boehringer soll nun auch ein Werk des Flick-Konzerns schließen. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Als der Chemie-Professor und ehemalige Wissenschaftssenator der Hansestadt Hamburg, Hansjörg Sinn, am Donnerstag vergangener Woche vor den Dioxin-Untersuchungsausschuß des Parlaments trat, meldete sich der Ausschußvorsitzende Wulf Damkowski (SPD) ab. Er überließ den Vorsitz dem »Kollegen von der CDU«, um dem Vorwurf der Befangenheit vorzubeugen.

Damkowski hatte den parteilosen Ex-Senator Sinn, von 1978 bis 1984 Mitglied der Hamburger Regierung, tags zuvor beschuldigt, er habe dem Senat Fachwissen über das Supergift Dioxin vorenthalten - ein Eklat, der deutlich macht, daß das Supergift längst auch die Polit-Sphäre der Hansestadt vergiftet hat.

Seit Monaten streiten Parlament, Parteien und ein Untersuchungsausschuß der Bürgerschaft darüber, wer die Verantwortung für die Dioxin-Belastung der größten westdeutschen Industriestadt trägt, wie hoch die Gefährdung der Bürger ist und wie die milliardenteure Sanierung von Giftmüllkippen und des stillgelegten Boehringer-Werks finanziert werden können.

Doch ein Hamburger Spezifikum ist das Thema Dioxin längst nicht mehr. »Tagesschau«- und »heute«-Sprechern gehen die chemischen Bezeichnungen »Tetrachlordibenzodioxin« (TCDD) und Fachausdrücke wie »Halogenierte Kohlenwasserstoffe« schon glatt von der Zunge, TCDD ist ein gängiges Medien-Kürzel geworden. Das allgegenwärtige Dioxin-Dilemma und die Frage, wie man der Gefahren durch die »tödlichste Substanz« ("Newsweek") Herr werden kann, beschäftigte letzte Woche Bund und Länder: *___Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) wies ____seine Beamten an, Grenzwerte für Dioxin in der Luft ____festzulegen, die sicherstellen sollen, daß der Krebs ____und Mißbildungen auslösende Stoff, der kontinuierlich ____aus Chemiefabriken und Kraftwerken, ____Müllverbrennungsanlagen und Auto-Auspuffen entweicht, ____die Bundesbürger nicht krank macht. *___Die Bundestagsfraktion der Grünen erstattete ____Strafanzeige gegen den amtierenden saarländischen ____Wirtschaftsminister Horst Rehberger (FDP) und zwei ____ehemalige Regierungsmitglieder, weil sie »aktive ____Beihilfe zum Transport und zur Verbrennung von ____Sonderabfällen« geleistet haben sollen. Dabei war in ____einer inzwischen stillgelegten Altölverbrennungsanlage ____der Firma Geva im saarländischen Schiffweiler Dioxin ____entstanden. *___Der baden-württembergische Umweltminister Gerhard ____Weiser (CDU) zitierte Manager der Flick-Firma Dynamit ____Nobel, die in ihrem Werk in Rheinfelden den ____Holzschutzmittel-Wirkstoff Pentachlorphenol (PCP) ____herstellt, an den Verhandlungstisch. Weil im ____Dynamit-Abfall wie in Nobel-Produkten jährlich ____tonnenweise Dioxine anfallen, will Weiser, daß die ____Firma »freiwillig auf die Produktion von PCP ____verzichtet. Wenn nicht, dann wird ein Verbotsantrag ins ____Auge gefaßt«.

Umweltschützer und Grüne fordern die Stillegung der 48 westdeutschen

Müllverbrennungsanlagen, weil bei nicht hinreichend hohen Temperaturen Dioxine entstehen und mit dem Abgas entweichen; in Darmstadt wurde deshalb die Verbrennungsanlage bereits geschlossen. Hamburgs Entsorgungssenator Jörg Kuhbier (SPD) verlangt ein »generelles Verbot« von Plastikverpackungen aus PVC, weil aus dem Kunststoff bei Erhitzung besonders viel Dioxin entweicht.

Wo immer das Dioxin-Problem Bürger und Politiker beschäftigt - fast immer fällt der Name Boehringer. Als erste westdeutsche Chemiefabrik mußte die Firma aus Umweltschutz-Gründen im Juni ihr Hamburger Werk schließen, in dem jahrzehntelang Dioxine und andere hochgiftige Chemikalien angefallen waren.

Tausende Tonnen von Boehringer-Abfällen, in denen nach Berechnungen des Hamburger Untersuchungsausschusses mindestens 30 Kilogramm allein des 2,3,7,8-Dioxins enthalten sind, liegen in der Bundesrepublik herum.

Boehringer-Dioxine wurden, das ergibt sich aus beschlagnahmten Firmen-Dokumenten, im niedersächsischen Hoheneggelsen wie im rheinland-pfälzischen Gerolsheim verscharrt, sie liegen im baden-württembergischen Malsch bei Heidelberg, wurden ins Saarland gekarrt oder im Atlantik versenkt. Allein die Hamburger Kippen Georgswerder und Müggenburger Straße bergen rund 15 Kilogramm TCDD.

Boehringer-Müll wurde im Saarland verbrannt und durch den Geva-Schornstein in die Umwelt gejagt; der Vorfall beschäftigt mittlerweile einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß. Und dioxinhaltige Abfallprodukte von Boehringer waren es auch, die bei Dynamit Nobel zur Holzschutzmittel-Produktion verwendet wurden und dem baden-württembergischen Umweltminister nun so gefährlich erscheinen, daß er dieses Flick-Werk notfalls von Amts wegen schließen will.

Weiser, dessen Ministerium die Rheinfelder Firma jahrelang gewähren ließ und Umwelt-Risiken geleugnet hatte, könnte damit einer Bedrängnis entgehen, in die Hamburger Politiker zunehmend geraten. Sie hatten, das erschließt sich nun auch dem Untersuchungsausschuß, Boehringer kaum kontrolliert, wissenschaftliche Erkenntnisse über das Gefährdungspotential von Dioxin ignoriert und immer neue Giftfunde verharmlost.

Innenminister Zimmermann will aus dem Hamburger Debakel Konsequenzen ziehen, da internationale Experten auf einem Symposium Höchstwerte empfohlen haben (die auch das Produktionsende für Boehringer bedeuteten). Für Menschen gerade noch akzeptabel wären danach 0,000 000 000 000 01 Gramm Dioxin pro Kubikmeter Luft - ein Höchstwert, der nun in die »Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft« geschrieben werden müßte und weitreichende Folgen für Chemieindustrie und Kraftwerksbetreiber hätte. _(Aktion der Umweltschutzgruppe »Robin ) _(Wood« vor dem Dynamit-Nobel-Werk am 4. ) _(Juli 1984. )

Aktion der Umweltschutzgruppe »Robin Wood« vor demDynamit-Nobel-Werk am 4. Juli 1984.

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