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WALDSTERBEN 0,003 Pfennig

Umweltminister Zimmermann ist nicht nur mit seinen Katalysator-Plänen gescheitert. Auch die Entgiftung der Stickoxid-Abgase von Kraftwerken läßt auf sich warten. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Im Frühjahr letzten Jahres, in einer Umweltdebatte des Bundestages, gab sich Innenminister Friedrich Zimmermann noch ungehemmt optimistisch: »Gefragt ist das umweltfreundliche, saubere Auto. Ihm gehört die Zukunft - bei uns und in Europa.«

Jetzt sind solche Töne kaum mehr zu vernehmen: Allzu offenkundig ist, daß der Minister im Juni dieses Jahres bei den Luxemburger Katalysator-Verhandlungen mit seinen Plänen zur raschen Entgiftung der Autoabgase gescheitert ist.

Nicht minder versagt hat Bonns Umweltminister - doch das ist bislang kaum ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen - in einem anderen Bereich seiner Luftreinhaltepolitik: dem Versuch, die Kraftwerke der Republik zügig und umfassend zu entgiften.

Auf zweierlei Weise wollte der Minister den Auswurf von Wald- und Menschengiften in die Atmosphäre drosseln lassen: *___Mit Entschwefelungsmaßnahmen kann der Ausstoß von ____giftigem Schwefeldioxid (SO 2) gebremst werden, dessen ____Umsetzungsprodukte - Schwefelsäure und Schweflige Säure ____- die Schleimhäute reizen, Pflanzen schädigen und ____Gebäude zerbröseln lassen; *___mit Entstickungsmaßnahmen können die Stickoxide ____(chemische Sammelbezeichnung: NO x) reduziert werden, ____deren Folgeprodukte - Salpetersäure und Photosmog - ____laut Umweltbundesamt zur »Häufung von ____Atemwegserkrankungen« und zu »Schadwirkungen auf ____Pflanzen« führen.

Einen Teilerfolg hat die Bonner Regierung bei der Entschwefelung erzielt. Die Energieversorger, resümiert Zimmermann, hätten sich inzwischen auf die einschlägigen Passagen der Großfeuerungsanlagen-Verordnung »eingestellt": Rund 80 Prozent aller Stein- und Braunkohlekraftwerke würden, erwartet das Ministerium, in den nächsten Jahren mit Entschwefelungsanlagen »nachgerüstet«, die übrigen stillgelegt.

Doch nachdem die Stromerzeuger unter »Ächzen und Stöhnen« (Zimmermann) die Entschwefelung der Abgase akzeptiert haben, versucht manches Unternehmen nun, sich möglichst lange vor der von Bonn gewünschten, nicht minder wichtigen Entstickung zu drücken.

Die Bereitschaft der Elektrizitätsbranche, Geld für den Umweltschutz auszugeben, sei »stark abgekühlt bis eingefroren«, registrierte schon im vergangenen Jahr Hermann Krämer, Vorstandssprecher der Nordwestdeutschen Kraftwerke (NWK). Krämer warnte die Bundesregierung, nach der Entschwefelung nicht auch noch »überstürzte Forderungen« nach Entstickungsvorkehrungen durchzusetzen.

Daß dem NO x aus Kraftwerksschloten bislang weniger Aufmerksamkeit gewidmet wurde als den SO 2-Emissionen, ist, wie eine bislang unveröffentlichte Untersuchung westdeutscher Umweltforscher nachweist, ein fatales Versäumnis.

Die Arbeitsgruppe Energie und Umwelt der Freien Universität (FU) Berlin ist darin zu einem verblüffenden Ergebnis gekommen: Mit vergleichsweise billigen Entstickungsmaßnahmen in den Kraftwerken, fanden die Forscher heraus, ließe sich innerhalb weniger Monate der NO x-Anfall drastischer senken, als es durch die Ausstattung aller Neuwagen mit Katalysatoren im Laufe vieler Jahre möglich wäre.

Weil sich die Umweltpolitiker in letzter Zeit »vor allem auf den Autoverkehr eingeschossen« hätten, sei weithin »übersehen« worden, daß Kraftwerke und Fernheizwerke (jährliche NO x-Emission: 0,86 Millionen Tonnen) »die Umwelt kaum weniger als die Personenkraftwagen belasten« (jährliche NO x-Emission: rund eine Million Tonnen).

Die FU-Forscher errechneten, um wieviel sich der Stickoxid-Ausstoß der Autos verringern würde, wenn in den nächsten zwanzig Jahren alle Neuwagen in der Bundesrepublik mit Katalysatoren ausgestattet werden: Die jährliche NO x-Gesamtemission der Personenwagen würde bis zum Jahre 2005 um etwa 0,8 Millionen auf 0,2 Millionen Tonnen sinken.

In den Kraftwerken dagegen ließe sich durch simple Umstellungen ("bereits durch eine veränderte Brenneranordnung") der jährliche NO x-Ausstoß schon kurzfristig um die Hälfte verringern, auf 0,43 Millionen Tonnen. Eine weitere Reduzierung, um 0,26 Millionen Tonnen, ist laut Arbeitsgruppe durch zusätzliche Nutzung von Verfahren zur »Einbindung der Stickoxide aus den Rauchgasen« möglich.

Gemessen an den Milliardenkosten, die auf die Autofahrer mit dem Katalysator zukommen, wäre die Umstellung der Brenner in den Stromfabriken ein Klacks. Die einschlägigen Umbauten etwa in einem 700-Megawatt-Kohlekraftwerksblock sind, so die Autoren der Studie, innerhalb von acht Wochen möglich und kosten rund drei Millionen Mark.

Ein entsprechender Umbau aller fossilen Kraftwerke in der Bundesrepublik käme der Untersuchung zufolge auf weniger als 500 Millionen Mark - die Kilowattstunde würde sich, errechneten die TU-Wissenschaftler, gerade um 0,003 Pfennig verteuern.

Zwar verlangt die Bonner Großfeuerungsanlagen-Verordnung von den Betreibern schon heute, den Schadstoffausstoß ihrer Dreckschleudern zum »frühestmöglichen Zeitpunkt« zu verringern. Doch die Strom-Konzerne, meint FU-Forscher Lutz Mez, spielten trotz rapide zunehmender Waldschäden noch immer »um Zeitgewinn«.

In den Geschäftsberichten der Unternehmen entdeckten die Umweltforscher in den meisten Fällen nur mehr oder weniger vage Hinweise auf geplante Entstickung. Das Betreiberargument, für die - in Japan seit langem angewandten - Entstickungsanlagen gebe es noch »keine gesicherte Technologie« (NWK-Krämer) und einige der fernöstlichen Methoden seien nicht auf deutsche Verhältnisse übertragbar, werten die FU-Wissenschaftler als »Ausrede«. »Die Schnelle-Brüter-Technologie«, sagt Mez-Kollege Manfred Rebentisch, »ist viel, viel komplizierter - und, seltsam, da sehen die Energieversorger keine Probleme.«

Abhilfe, meinen die Autoren, sei nur zu erwarten, wenn der politische Druck auf die Unternehmen wachse. Damit »Roß und Reiter« bekanntwerden, ermittelte die Arbeitsgruppe das »dreckige Dutzend« jener Energieunternehmen, die 1983, im Jahr des Inkrafttretens der Großfeuerungsanlagen-Verordnung, am meisten zur Stickoxid-Belastung der Luft beigetragen haben (siehe Schaubild).

Mit einem komplizierten Rechenverfahren versuchten die Forscher, den vielfältigen Verflechtungen und Verschachtelungen innerhalb der Branche Rechnung zu tragen. Heraus kamen Zahlen, die nach Ansicht der Autoren als Schlüssel zugrunde gelegt werden könnten, wenn eines Tages in der Bundesrepublik nach japanischem Vorbild eine Schadstoffabgabe für Luftverschmutzer eingeführt werden sollte.

Als Spitzenreiter des Dreck-Dutzends erwies sich, kaum überraschend, Westdeutschlands größter Energieerzeuger, die von Städten und Gemeinden beherrschte Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG.

Naturschützer haben den Konzern seit langem schon im Visier. Das Unternehmenskürzel wird auf Flugblättern und Transparenten von Umweltschützern gewöhnlich mit einem Schimpfwort erklärt: »RWE = Rest-Wald-Erlediger«.

[Grafiktext]

DAS DRECKIGE DUTZEND Die zwölf größten Einzelemittenten von Stickoxiden in der Bundesrepublik; Ausstoß 1983 in tausend Tonnen Badenwerk Berliner Kraft- und Licht AG Saar - berg - werke Energieversor - gung Schwaben AG Bayernwerk Nordwestdeutsche Kraftwerke AG Steag Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG Veba Kraftwerke Ruhr AG Preussische Elektrizitäts-AG Veba Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG Anteile an der gesamten Emission von Stickoxiden in der Bundesrepublik in Prozent Verkehr davon Pkw-Verkehr übrige Kraft- und Fernheizwerke Quelle: Arbeitsgruppe Energie und Umwelt

[GrafiktextEnde]

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