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»0 GOTT, WAS IST LOS MIT UNS?«

Von Helmut Sorge
aus DER SPIEGEL 29/1970

Durch das Wasserbassin am Lincoln Memorial in Washington wateten jugendliche Kriegs-Protestanten. Sie brüllten: »One, two, three, four, we don't want your fucking war!« Auf den Stufen davor sangen Patrioten mit Tränen in den Augen: »God bless America.«

Es war am vorletzten Sonnabend, am 4. Juli 1970, 194 Jahre nachdem der Kongreß die von Thomas Jefferson und seinen Freunden formulierte, 1337 Wörter lange Unabhängigkeitserklärung der USA annahm.

Die Demonstranten unter dem Lincoln-Denkmal zeigten, daß Amerika Amerika nicht mehr versteht. Ein kleiner selbstkritischer Teil der Nation sieht am Ende eines dunklen Tunnels noch immer kein Licht. Der andere -- größere -- Teil erstarrt angesichts einer widerwärtigen Welt von Nestbeschmutzern und Defätisten.

Die einen schwenken das Banner des Vietcong, in dessen Feuer täglich US-Soldaten fallen, die anderen halten hoch, was zum irrationalen Fluchtort verstörter, aber doch keineswegs aufgerüttelter US-Patrioten geworden ist: das Fahnentuch mit den Streifen und Sternen, das die Wege der Nation von Alamo bis Okinawa beschützte. »Stars and Stripes« sind zum Allerheiligsten eines bizarren Massenkults geworden. Das Volk der technischen Wundertaten hat sich in einen mystischen Wunderglauben an die Flagge versenkt.

»Laßt uns die Flagge stolz aufziehen«, schrieb der »Readers Digest«, »um zu zeigen, daß wir wissen, welch ein Privileg es ist, Amerikaner zu sein.« Millionen kleben das Sternenbanner in die Heckfenster ihrer Wagen, schmücken die Stoßstangen mit Slogans wie »America -- love lt or leave it«.

Eine Frau Mary Lou Kiesewetter in Munster (US-Staat Indiana) wollte mit Freunden und Nachbarn »Old Glory (die Fahne) vor jedem Haus, jedem Geschäft entlang dem Highway 41 aufziehen, von Michigan bis Miami«. Die Flaggenhersteller verdoppelten im letzten Jahr ihren Umsatz.

Bauarbeiter dekorieren ihre Plastik-Helme mit Stars and Stripes. Polizisten heften das Tuch an die Jackett-Ärmel ihrer Uniformen, Feuerwehrwagen rollen

mit wehenden Fahnen zur Brandstätte, als gelte es, in die Schlacht gegen die Rote Armee zu ziehen.

»Ich glaube«, so der Abgeordnete Herbert Burke aus Florida, »daß diese Demonstrationen die antiamerikanischen Aufrührer wissen lassen, daß der Durchschnittsamerikaner sein Land liebt.« Denn, »nirgends in der Welt«, so der Burke-Kollege Baring aus Nevada« »existiert ein so großes Land« -- ein so großes zerrissenes Land« hätte er sagen müssen.

»Die Nation fällt auseinander«, prophezeite Ex-Gesundheitsminister John Gardner. »In der dunkelsten Zeit ihrer Geschichte« sieht Coretta King, die Witwe des ermordeten Nobelpreisträgers Martin Luther King, die USA.

Der regierungsamtlich verkündete Sieg in Kambodscha -- der in Wahrheit eine Niederlage war -- und der bevorstehende Abzug weiterer US-Truppen aus Vietnam haben dem Land nicht weitergeholfen: Die Ver-

* Am 4. Juli vor dem Washingtoner Lincoln-Memorial.

einigten Staaten von Amerika sind zerrissen zwischen Kriegsgegnern und Friedensfreunden, Schwarz und Weiß, Arbeitern und Intellektuellen, zwischen dem Glauben, »daß Amerika der Erde freiestes, fortschrittlichstes, großmütigstes Land sei, und der niederdrückenden Erkenntnis, daß die Wirklichkeit ganz anders ist.

Die Gettos der Städte sind Festungen der schwarzen Radikalen und Niemandsland für Weiße geworden. Die Preise steigen wie die Polizeistatistiken über unaufgeklärte Verbrechen. Ganze Stadtteile verfallen -- allein in der Hauptstadt Washington hausen Hunderttausende von Ratten in den brüchigen Gemäuern; in New York fielen sie 1969 mindestens 160 Menschen an.

Allmählich wird zur Gewißheit, was schon vor über zwei Jahren eine Untersuchungskommission Präsident Johnsons über die Ursachen der Rassen-Unruhen prophezeite: daß Amerika sich zu zwei Gesellschaften entwickle, »die eine schwarz, die andere weiß, getrennt und ungleich«. Thomas Jarrett, Präsident der Atlanta-Universität, diagnostizierte »ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit« unter den Schwarzen.

Bislang konnten die Nöte der Nation nach Ansicht des republikanischen Senators Charles Percy durch »Amerikas Macht, Amerikas Genius und Amerikas Willen stets überwunden werden«. Heute aber »treiben wir auseinander, in einigen Fällen werden wir auseinandergerissen«.

Zu lange vertraute die Nation auf Gott, Glück und Geld, zu lange verhielt sich das amerikanische Volk »wie ein Student, der stolz darauf ist, etwas überstanden zu haben, ohne ernst zu arbeiten«, wie der Soziologe Philip Slater in seinem Buch »The Pursuit of Loneliness« formulierte.

Amerika sieht sich von Feinden umgeben. In Indochina, wo bis zum Ende des Monats Juni 42 858 US-Soldaten starben, um die Vietnamesen vor den Kommunisten zu schützen, stecken eben diese Vietnamesen amerikanische Jeeps in Brand, verprügeln die Insassen und fordern »Yankee go home«.

In Deutschland, wo 200 000 US-Soldaten notfalls bereit sein sollen, für die Freiheit Deutscher zu kämpfen, werfen eben diese Deutschen Molotow-Cocktails In Amerika-Häuser und Konsulate.

In Stockholm marschiert der schwedische Ministerpräsident mit einer Vietcong-Delegation durch die Straßen, im britischen Parlament protestieren Politiker gegen den Vietnam-Krieg.

»Statt von den traditionellen Alliierten bewundert zu werden«, so Senator Percy, »sind die Amerikaner heute die Bösewichte -- eine neue und schmerzliche Rolle.«

Die Rolle ist schmerzlich, weil Generationen von Amerikanern, die Pioniere mit ihren Büchsen und Bibeln wie die Panzersoldaten in der Normandie glaubten, was Präsident Jackson schon ihren Vorfahren bescheinigt hatte: »Die Vorsehung habe Amerika als einen Wahrer der Freiheit auserwählt, sie zu erhalten zum Wohl der menschlichen Rasse.«

Für Abraham Lincoln war die Nation selbst im Bürgerkrieg noch eine »der letzten, besten Hoffnungen der Erde«, in der Geschichte der Nation spürte der Historiker George Bancroft »die Wunder vollbringende Hand Gottes«.

Jede Invasion, jeder Krieg war für Amerika eine Intervention für die Freiheit. »Selten, wenn überhaupt jemals, ist eine Nation mit so reinen Motiven und derart hohen Idealen in den Krieg gezogen«, glaubte der »Columbus Dispatch« 1898 im spanischamerikanischen Krieg um Kuba.

1945, als Deutschlands Städte zerstört, seine Armeen zerschlagen waren, konnten sich die Amerikaner noch einmal fühlen, als seien sie Sendboten einer besseren Welt.

Als dann in den Dschungeln der US-Städte Amerikaner auf Amerikaner feuerten und das Land in den Dschungeln Vietnams erstmals einen aussichtslosen Krieg führte, waren nur wenige Bürger des Landes darauf vorbereitet, »die Möglichkeit zu erwägen, daß ihr Land nie wieder so leben wird wie bisher«, vermutet der Politologe Andrew Hacker in seinem Buch »The End of the American Era«.

Denn die meisten Amerikaner -- und die meisten der 300 000 Fahnenschwenker des 4. Juli 1970 -- gehören jener heilen, selbstgefälligen« idyllischen Welt des »Middle America« an, deren Mitglieder darauf vertrauen, daß Gott es den Amerikanern schon richten werde.

Middle America -- das sind Millionen weißer »blue collar workers«, die den Aufstieg des schwarzen Proletariats fürchten. Es sind vielfach Einwanderer der ersten oder zweiten Generation, aus Italien, Griechenland, Polen oder Irland. Amerika bot ihnen die Chance einer kleinbürgerlichen Existenz -- schon darum ist ihnen der Zweifel an Amerika unbegreiflich, wenn nicht widerlich.

Middle America -- dazu gehören die kleinen Ladenbesitzer, die sich zwar immer mühsamer gegen Kaufhaus-Konzerne und Supermärkte behaupten, die gleichwohl aber mit den radikalen Kritikern des kapitalistischen Systems nichts gemein haben wollen. Denn in jenen Kritikern sehen sie verkappte »Commies« (Kommunisten).

Middle America -- dazu zählen Hunderttausende städtischer Angestellter, die meisten der etwa 489 000 Polizisten und der rund 150 000 Taxifahrer. Sie fordern lauthals »law and order« gegen langmähnige Gammler und linke Studenten.

Middle America -- dazu rechnen sich Millionen Mittelstands-Provinzler« die den liberalen Großstädtern von der Ost- und Westküste, den Journalisten In den Redaktionen und den Intellektuellen an den Universitäten mißtrauen.

Abends, im Traditions- oder Veteranenverein, trauern diese Amerikaner vergangenen Heldentaten nach oder einfach den »sorglosen Tagen unserer Jugend«, wie die Rednerin Martha Rountree auf einer Tagung der elf Millionen Mitglieder umfassenden »General Federation of Women"s Clubs of America and the World«.

Frau Rountree: »Schaufensterbummel, ein kleiner Spaziergang nach dem Abendessen, diese und viele andere kleine Annehmlichkeiten haben die meisten von uns nicht mehr in diesem Jahr 1970. Wir haben Angst, nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße zu gehen.«

Die Angst der amerikanischen Frauen ist berechtigt: In ihren Häusern und Straßen wurden im vergangenen Jahr nach Schätzungen des FBI 14 600 Bürger ermordet, mehr als das Pentagon in Vietnam Tote zählte (1969: 9414). Im gleichen Jahr wurden weniger GIs in den Dschungeln Indochinas lazarettreif geschossen als Frauen daheim vergewaltigt.

In Großstädten wie etwa Chicago müssen Sondereinheiten der Polizei die Lehrer vor Attacken ihrer Schüler und die Kinder vor Rauschgifthändlern schützen. In New York wachen 3400 Bahn-Polizisten ständig darüber, daß die U-Bahn-Fahrgäste aus den Wagen so gesund wieder aussteigen, wie sie eingestiegen sind. Von der überlasteten Justiz beinahe ungestört, machen organisierte Verbrecher-Syndikate Millionen-Geschäfte mit illegalen Pferdewetten, Geldverleih und Rauschgifthandel.

Verbittert über den Verlust ihrer heilen Welt, identifizieren viele der Patrioten, die am 4. Juli ihre Fahnen schwenkten, Verbrecher und Schwarze. Schon heute wagen kaum noch weiße Bürger, die Gettos ihrer Städte unbewaffnet zu betreten. »Keine Berliner

* Bauarbeiter-Boß Peter Brennan überreicht dem Präsidenten einen Bauarbeiter-Helm.

Mauer und keinen eisernen Vorhang«, entdeckte Schriftsteller Samuel Lubell etwa in Cleveland, »doch für die meisten Weißen und Schwarzen sind die beiden Teile der Stadt zwei separate Länder, die sich über eine Grenze der Furcht beobachten.«

Der weiße Amerikaner »stellt sich vor, er sei allein auf dem Kontinent«, erkannte Soziologie-Professor Slater. »Warum soll ich für einen anderen Mann zahlen?« Das ist die Frage, die sich nach Ansicht des (einzigen) schwarzen US-Senators Edward Brooke die Mehrheit der Weißen heute stellt. »Die Weißen haben nicht verstanden«, so Brooke zum SPIEGEL, »warum viele Schwarze Wohlfahrtsunterstützung beziehen müssen.«

In den Fabriken und auf den Baustellen geraten Schwarz und Weiß immer häufiger aneinander. Schwarze und weiße Arbeiter einer Chrysler-Niederlassung bei Detroit beispielsweise tragen am Fließband Pistolen und Messer. »Die steigende Kriminalität und der zunehmende Einfluß von Rauschgift haben sich mit den Rassenspannungen zu einer explosiven Mischung entwickelt«, schrieb »Newsweek«.

Wohl baute die Nation in weniger als zehn Jahren über 10 000 neue Golfplätze, innerhalb eines Jahres 60 000 private Swimming-pools. Doch elf Blocks vom Washingtoner Fahnen-Festival des vorletzten Sonnabends entfernt, erinnern verkohlte Balken noch immer an vergangene Rassenunruhen -- vor den vernagelten Schaufenstern flatterten keine Sternenbanner.

Vom derzeitigen Präsidenten der USA, so ermittelten Meinungsforscher, erwartet die Mehrheit der Schwarzen keine neuen Impulse in Rassenfragen -- lediglich drei Prozent sind optimistisch.

Auch Amerikas weiße Städter sehen ihre Zukunft oft dunkel. Immer häufiger halten Möbelwagen vor ihren Häusern, um ihr Hab und Gut in die Vororte zu transportieren -- dorthin, wo am vorletzten Sonnabend die meisten Fahnen wehten.

Schon in diesem Jahrzehnt werden etwa ein Dutzend amerikanische Großstädte von Schwarzen kontrolliert sein, Festungen, über denen möglicherweise nicht das rot-weiß-blaue Sternenbanner, sondern die schwarze Fahne des Anarchismus weht.

Im Vorort-Amerika, in den Häusern mit den grünen Rasen, wie im Getto-Amerika, in den Wohn-Kasernen mit den grauen Ratten, greifen immer mehr Amerikaner zur Flasche, ertränken Schwarz und Weiß ihre Angst vor der Zukunft mit Bourbon, Bloody Mary und Martinis -- etwa neun Millionen Bürger der Weltmacht sind bereits Alkoholiker.

20 000 Psychiater sowie 361 000 Geistliche mühen sich, die verwirrten Ami-Seelen von Furcht und Frustrationen des American way of life zu erlösen. »Denn wohin sie sich auch drehen«, so der Sozialhelfer Saul Alinsky, »sehen sie sich einer neuen Krise konfrontiert: eine verdammte Krise nach der anderen.«

Gegen Verbrecher und schwarze Revolutionäre glaubt sich der Amerikaner notfalls verteidigen zu können, wie schon seine Vorfahren in ihren Kämpfen gegen die Indianer: hinter vernagelten Fensterläden, die geladene Schrotflinte schußbereit, das Sternenbanner vor der Pforte.

Gegen die aktuellste der verdammten Krisen hingegen -- die Inflation -- kennt er keine Waffe. Schneller als jemals in den letzten 20 Jahren steigen die Preise. 4,6 Millionen Amerikaner sind heute arbeitslos, fast zwei Millionen mehr als vor der Amtsübernahme durch Richard Nixon. »Millionen Amerikaner«, so Senator Mansfield, »hängen in einem Schraubstock zwischen steigenden Preisen und sinkenden Löhnen.«

1963 noch konnte der Durchschnittsbürger ein Haus für 18 000 Dollar erwerben, heute hingegen kostet dasselbe Bauwerk 9000 Dollar mehr. Steuer- und Preiserhöhungen lassen seinen Traum vom sozialen Aufstieg und sorglosen Lebensabend immer unwirklicher werden.

Diese Durchschnittsbürger, die sich wie abgeschlaffte Hürdenläufer Brust an Brust mit schwarzen und weißen Konkurrenten über die Hindernisse quälen, um Dollars und Beförderung ringen, die fürchten, über Hypotheken und Krankheiten zu straucheln, die sparen, damit ihre Söhne und Töchter ein College absolvieren können, sie müssen nun erkennen, daß die Kinder der Nation diese Ordnung amerikanischer Werte oft nicht schätzen, daß sie sich das hehre Sternenbanner an den Hintern heften oder verbrennen.

Das College war für viele Amerikaner, wie Philosophie-Professor Abraham Kaplan von der Universität von Michigan schrieb, ein Platz mit Bäumen, »wo die Kinder Coca-Cola trinken, Shakespeare lesen und einmal im Frühjahr den Mädchen in die Unterwäsche sehen dürfen«.

Statt dieser Uni-Idylle liefern die Fernsehsender den Vätern heute Südamerikanisches vom Campus: Soldaten im Kampfanzug, das Bajonett aufgepflanzt, Gasmasken griffbereit, davor die Studenten, nicht mit Sternenbanner, sondern geballter Faust.

So erschienen vielen Amerikanern die Universitäten plötzlich mit den Worten des Vize-Präsidenten Spiro Agnew als »Zirkuszelte für überprivilegierte, unterdisziplierte, verantwortungslose Kinder der wohlhabenden, blasierten Verständnisvollen«.

Dann, nach dem US-Einmarsch in Kambodscha, feuerten an der Universität von Kent in Ohio, im sogenannten Bibel-Gürtel der Nation, Nationalgardisten auf Studenten und töteten vier von ihnen -- nicht schwarze Revolutionäre oder Hippies, sondern wohlerzogene Bürger-Kinder.

Nach diesen Schüssen fiel Nixon-Intimus und Massenprediger Billy Graham auf die Knie und betete: »O Gott, was ist los mit uns, daß dies in Amerika passieren kann?«

Doch weder der Schock über den Einmarsch amerikanischer Truppen in das neutrale Kambodscha noch die Toten von Kent erschütterten das Middle America nachhaltig. Nach Ansicht der »Washington Post« wurde der Mord von Kent schließlich für viele Amerikaner einfach ein Beweis dafür, »was mit Menschen passieren kann, die mit Steinen werfen

In einer Meinungsumfrage des »Daily Idahonian« in Moscow (US-Staat Idaho) etwa sprachen sich 72,92 Prozent der Bürger trotz der erschossenen Studenten dafür aus, Nationalgardisten auch künftig mit geladenen Gewehren gegen demonstrierende Studenten marschieren zu lassen.

Denn, so meinte Nixon-Vize Agnew, das seien schließlich »kriminelle Außenseiter, die von unserer Gesellschaft verherrlicht werden, während unsere besten Männer in den Reisfeldern Asiens sterben, um die Freiheit zu erhalten, die diese Außenseiter mißbrauchen«.

In einer Meinungsumfrage der amerikanischen Fernsehgesellschaft CBS erklärten 70 Prozent der verstörten Bürger, daß sie dafür seien, Proteste gegen die Regierung grundsätzlich für ungesetzlich zu erklären.

Proteste gegen die Protestierer hingegen sind erwünscht. In New York verprügelten die gutverdienenden, um ihre Privilegien besorgten Bauarbeiter demonstrierende Studenten »nach der klassischen Art hitlerischer Straßentaktik« ("The Nation"). Als sie anschließend an ihre Baustellen zurückmarschierten, flatterten aus Wolkenkratzern Papierschnitzel -- die Schlägerkolonnen wurden gefeiert wie zurückgekehrte Astronauten.

Nicht die Eierköpfe Amerikas, die den ersten Mann auf den Mond feuerten, sind seither der Stolz der Patrioten: die Dickschädel mit den Plastikhelmen auf den kurzgeschorenen Haaren symbolisieren für sie jetzt Amerika -- die »hardhats«.

Nach der Prügel-Premiere marschierten in New York über 100 000 »hardhats« ein zweites Mal mit Sternenbanner und Pro-Nixon-Plakaten durch die Straßen, sangen die Nationalhymne und griffen Studenten an, die an das Amerika nicht mehr glauben wollen, das diesen Edelarbeitern teuer ist.

»Mit Schraubenschlüsseln kamen die hinter mir her«, erinnert sich ein Student. Selbst die Trinity Church, in die sich im Straßenkampf verletzte Hochschüler vor den patriotischen Prüglern gerettet hatten, geriet in die Kampflinie. »Ich hätte nie gedacht«, so Vikar Donald Woodward, der hinter der Kirchenpforte Deckung gesucht hatte, »daß ich den Tag erleben und daß ich sehen würde, wie meine Kirche gestürmt wird.«

»Wenn dein Herz nicht an Amerika denkt«, wollten die Arbeiter nach Meinung des »New York Review of Books« wohl sagen, »sieh zu, daß du hier verschwindest! Rotes Schwein, brüllender Bastard, halt's Maul, hau ab, verschwinde! Du trägst keine Fahne, ich aber, ich trage eine und du nicht, und wenn du mich fragst: Das bedeutet, daß du ein Feind der Fahne, meiner Nation und meines Gottes bist.«

Das New Yorker Hauptquartier der Bauarbeiter wurde mit Anerkennungs-Botschaften aus dem ganzen Land überschwemmt, wie Peter Brennan, Präsident des 200 000 Mitglieder starken »Building and Construction Trades Council of Greater New York« vermerkte: »Sie hatten genug von den Anti-Kriegsdemonstrationen« genug von solchen, die die Fahne bespucken und verbrennen.«

Richard Nixon« der bei seiner Amtsübernahme versprochen hatte, er werde die gespaltene Nation wieder zusammenführen, bedankte sich im Weißen Haus bei den Repräsentanten der Schläger-Kolonnen für die »enorme Unterstützung für unsere Nation, denn das bedeutet sehr viel für unsere Männer, die für den Frieden in Südostasien kämpfen, und« überflüssig zu sagen, es bedeutet sehr viel für mich«.

Die letzte der verdammten Krisen Amerikas hat noch nicht begonnen. Doch heute schon scheinen viele US-Bürger bereit, jeden zu unterstützen, der (so Soziologe Slater) »wie Hitler« verspricht, Gesetz und Ordnung wiederherzustellen, und der die Massen weiterträumen läßt von Gottes auserwählter Nation.

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