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BUNDESWEHR MAD 007 statt Spisazer

aus DER SPIEGEL 19/1967

Der Feind steht links und heißt Spisazer. Das mickrige Männchen treibt sich in der Nähe von Bundeswehrkasernen herum und sinnt auf Verrat. Helfer assistieren ihm: »Soldatenfreund«, »Spionen-Lilly« und »Moneten-Emil«.

Spisazer ist ein Enkel des großdeutschen »Groschengrab«, der im Weltkrieg II an Wänden klebte und vor Verschwendung warnte. In Knittelversen werden Bonns Soldaten vom Schwarzen Brett herunter vor ihm gewarnt:

Kennst Du den Spi-sa-zer schon? Zersetzer, Saboteur, Spion? Spi-sa-zer ist ein böser Mann, er bringt Zersetzungsschaden an. Auch sabotieren kann er gut, drum sei hier sehr auf Deiner Hut Er möchte auch gern spionieren, das darfst Du niemals ignorieren.

Figur nebst Dichtwerk entstammen einer Vers-Schmiede, der ein General vorsteht: dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr. Er ist neben dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz der dritte Geheimdienst in der Bundesrepublik.

Dem MAD ist die Sicherheit der Bundeswehr und ihr Schutz vor feindlichen Unterwanderungs- und Zersetzungsversuchen anvertraut. Er überprüft sogleich alle Bundeswehrbewerber und die Geheimnisträger auf ihre Unbedenklichkeit.

Der Abschirmdienst gliedert sich in je eine MAD-Gruppe für jeden der sechs Wehrbereiche und für das Bonner Verteidigungsministerium. Daneben arbeiten MAD-Stellen in allen größeren Bundeswehr-Standorten.

Seit Mitte April hat das Amt für Sicherheit der Bundeswehr in Köln, dem der MAD unterstellt ist, einen neuen Chef: Brigadegeneral Armin Eck, 52. General Eck gilt als hervorragender Abwehrfachmann. Er entstammt jener Schule, die das Gros aller MAD-Spitzenleute absolviert hat: dem Bundesnachrichtendienst des Ex-Generalmajors Reinhard Gehlen.

Eck leitete bis zu seiner Ernennung die Schule für Nachrichtenwesen der Bundeswehr in Bad Ems, wo alle Abschirmmänner und G2-Offiziere (Offiziere im Generalstabsdienst, denen die Feindlage-Beurteilung obliegt) ausgebildet werden.

Der Oberforstmeisters-Sohn, 1914 in der Oberpfalz geboren, weist alle Attribute eines gestandenen Bayern auf: Er ist von rauhbeinigem Gehabe, läuft gut Ski und gilt als der gerissenste Doppelkopfspieler der Armee.

Als MAD-Chef findet General Eck jetzt eine Feindlage vor, die mit den Bildern von Spisazer nicht mehr viel gemein hat.

Im Gegensatz zu früheren Jahren hat sich die aus dem Osten, vornehmlich der DDR, gegen die Bundeswehr vorgetriebene Aufklärung von der Quantität zur Qualität verlagert.

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die Verwaltung für Koordinierung (VfK) des Ministeriums für Nationale Verteidigung in Ost-Berlin setzen gegenwärtig, nach Schätzungen des MAD, rund 5000 Personen zu jedem beliebigen Zeitpunkt gegen die Bundeswehr an: Neben den eigentlichen Agenten arbeiten deren Führer sowie Instrukteure und Wissenschaftler auf dem Territorium der DDR an der Aufklärung und Zersetzung der Bundeswehr.

Galt bisher vorwiegend die Taktik, Westdeutschlands bewaffnete Macht im Massenangriff vieler gekaufter, erpreßter oder geängstigter Agenten zu unterwandern oder auszuforschen, so ist Ost-Berlin nunmehr dazu übergegangen, gezielte Spezial-Aktionen einzuleiten. Ulbrichts Subversionsstrategen visieren zwei Zielgruppen an: > junge Westdeutsche mit verwandtschaftlichen Bindungen in die DDR, die -- zur Mitarbeit gewonnen -- eine Offizierslaufbahn in der Bundeswehr einschlagen sollen; > junge DDR-Bürger, die bereit sind, sich nach vorhergegangener Ausbildung in die Bundesrepublik einschleusen zu lassen, um dort naturwissenschaftliche Fächer zu studieren und sich so über eine lange Zeit für nachrichtendienstlich interessante Positionen aufzubauen. In den Direktiven von Generalmajor Hans Fruck, des Operativ-Stellvertreters in der Hauptverwaltung Aufklärung des Ost-Berliner Staatssicherheitsministeriums, ist genau beschrieben, wie der Idealtyp des Agenten beschaffen sein sollte.

Der Agent neuen Typs ist das genaue Gegenteil von Spisazer, der noch immer in den Unterkünften der Bundeswehr von der Wand grinst: nicht älter als 30 Jahre, intelligent, fleißig und mit proletarischer Großmutter versehen. Er sollte, durch die »Arbeiter-und-Bauern-Macht« zum Studium gelangt, clever und so charmant sein, daß er auch auf vom westlichen Wohlstand verwöhnte Frauen wirkt -- kurzum, ein proletarischer Biedermann, der mit James-Bond-Allüren in das äußere und geistige Gewand eines westlichen Bonvivants schlüpfen kann.

Das Ziel hat der Ost-Berliner General den proletarischen Agenten dort gesetzt, wo Fans des 007-Erfinders Ian Fleming es bereits vermuten: Bundeswehr-Sekretärinnen, die über interne Vorgänge meist besser Bescheid wissen als ihre häufig von Stelle zu Stelle wechselnden Chefs. Das weibliche Dienstpersonal der Bundeswehr zählt deshalb zu den begehrtesten Objekten östlicher Agentenwerber.

Entgegen althergebrachter Mata-Hari-Romantik sind somit nicht die Offiziere potentielle Opfer verführerischer Agentinnen, sondern Stenotypistinnen, die dem Charme raffiniert vorgehender Osttwens erliegen sollen. Zur Abschreckung vor den Ost-Beaus ließ der MAD ein spezielles Warnplakat für die zivilen Damen in der Bundeswehr an die Schwarzen Bretter und Bürogänge nageln.

Bei der Verfolgung subversiver Täter stößt der MAD allerdings rasch an die Grenze seiner Zuständigkeit: Solange sich die Aktion der Feind-Agenten noch im Vorfeld der Streitkräfte abspielt, ist nicht der MAD, sondern der zivile Verfassungsschutz zuständig. Das Jagdgebiet des MAD beginnt praktisch erst am Kasernentor.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Denn daß die Grenzen als fließend angesehen werden, ergab sich nicht zuletzt aus der SPIEGEL-Affäre im Herbst 1962, als der damalige Staatssekretär im Verteidigungsministerium Volkmar Hopf nicht uneigennützig der Bundesanwaltschaft die Observationshilfe des Militärischen Abschirmdienstes andiente.

Seit Bestehen der Bundeswehr haben die MAD-Männer etwa 600 männliche und weibliche Agenten aufgespürt, die anschließend wegen Landesverrats oder landesverräterischer Beziehungen rechtskräftig verurteilt wurden. Saboteure waren ebensowenig darunter wie Zersetzer.

Gleichwohl ist die vom MAD geschürte Spisazer-Furcht nicht ohne Wirkung auf die Bundeswehr und deren Bedienstete geblieben. Den 600 Verurteilten stehen doppelt so viele Fälle gegenüber, in denen Soldaten oder Zivilangestellte der Streitkräfte von übervorsichtigen Kollegen grundlos beim MAD verdächtigt wurden: Sie gingen völlig rehabilitiert aus den MAD-Recherchen hervor.

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