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»1000 Tonnen Fleisch mehr«

aus DER SPIEGEL 19/1992

Keschrim Bostajew, von 1987 bis 1991 Gebietsparteichef von Semipalatinsk, hatte Zugang zu der geheimen Stadt, in der Andrej Sacharow die Wasserstoffbombe entwickelte, und zu den Archiven des Testgeländes. In seinem demnächst erscheinenden Buch »Semipalatinsker Polygon« schreibt Bostajew, selbst nicht ohne Schuld, über das Ausmaß der Verseuchung in den verstrahlten Gebieten Nord-Kasachstans. Auszüge:

In Kurtschatow, der Basisstadt des Testgeländes, in der heute 20 000 Menschen leben, konzentriert sich eine riesige Wissenschafts- und Forschungsbasis des Verteidigungsministeriums, des Ministeriums für Atomenergie, von Bohr- und Bergbauspezialisten, Geologen und Monteuren.

Hier stehen den Forschern Freigehege für Versuchsaffen, -hunde und -ratten zur Verfügung, es gibt Vivarien mit einer Klinik, ein einzigartiges EDV-Zentrum, einen Flugplatz und eine Eisenbahnstation.

Unter den vielen Forschungsstätten ist »Balapan« nach Umfang und Bedeutung der Aufgaben eine der wichtigsten. Sie ist hauptsächlich für Atomwaffenversuche mit einer maximalen Kapazität von 150 Kilotonnen zuständig.

Die Forschungsstätte »I« ("Degelen") wurde für Atomversuche mittlerer und geringer Stärke genutzt. Im Unterschied zu »Balapan«, das auf einer Hochebene liegt, befindet sich die Forschungsstätte »I« in den Bergen. Die Atomsprengladungen wurden in horizontalen Stollen montiert, so konnten die Begleituntersuchungen, die die Wirkung ionisierender Strahlung zum Gegenstand hatten, erweitert werden. Hier wurden umfangreiche Kenntnisse auf dem Gebiet der Grundlagenphysik und der angewandten Kernphysik gesammelt.

Auf dem Testgelände arbeiten 31 Forschungs- und Konstruktionsinstitute des militär-industriellen Komplexes und 29 Institute aus anderen Wissenschafts- und Wirtschaftszweigen.

Im März 1957 wurde das Dispensarium Nr. 4 gegründet. Seine Aufgaben: die Untersuchung des Gesundheitszustands der Menschen, die am Testgelände leben, und die Überwachung der strahlenmedizinischen Situation in der Semipalatinsker Region.

In den ersten 14 Betriebsjahren des Testgeländes - das sind die Jahre der überirdischen Versuche - wurden keine Untersuchungen und Behandlungen der Bevölkerung durchgeführt.

Das Dispensarium Nr. 4 unternahm den Versuch, die strahlenmedizinische Situation in den Jahren von 1949 bis 1963 zu rekonstruieren. Seine Mitarbeiter erhielten jedoch nur sehr dürftige Informationen. Das Testgelände durften sie nicht betreten, die benötigten Informationen wurden ihnen nicht zur Verfügung gestellt.

Wir setzten alle Hoffnungen auf die Unterlagen des radiologischen Dispensariums von Semipalatinsk. Nach wiederholtem Schriftwechsel mit dem militär-industriellen Komplex und dem Ministerium für Gesundheitswesen der UdSSR gelang es schließlich, die Geheimhaltung aufzuheben. Das war im Juli 1990, aber es geschah erst, nachdem 20 Prozent der Unterlagen, offensichtlich die wesentlichsten, die die Gesundheit der Menschen und die Strahlenlage betrafen, heimlich weggeschafft worden waren.

In den Jahren 1963/64 wurde von der Dienststelle für Strahlensicherheit des Testgeländes eine Karte erstellt, auf der alle radioaktiven Spuren der überirdischen Atomsprengungen verzeichnet waren. Ungeachtet wiederholter Bitten wurde die Karte den Medizinern nicht zur Verfügung gestellt. Der Hauptgrund für die Geheimhaltung der Karte bestand darin, daß innerhalb von 14 Jahren mehrmals jährlich radioaktive Niederschläge im Umkreis von 500 bis 600 Kilometern niedergegangen waren. Dies wird durch Archivunterlagen und Dokumente des radiologischen Dispensariums belegt.

Nimmt man diese Materialien sowie die Daten der oberirdischen Sprengungen zur Grundlage, kann man die Bevölkerung entsprechend der Strahlendosen in drei Gruppen einteilen:

Die erste Gruppe umfaßt die Bevölkerung der Kreise und Siedlungen, die 100 bis 150 Kilometer vom Zentrum der Sprengungen entfernt liegen. Dazu gehört auch die Stadt Semipalatinsk. Die Strahlendosis der Bevölkerung dieser Gebiete betrug während all der Jahre der Versuche 100 bis 200 rem.

(Anmerkung: In Tschernobyl wurden die Anwohner mit bis zu 25 rem verstrahlt. Eine einmalige Dosis von 1000 rem ist tödlich.)

Die zweite Gruppe umfaßt die Bevölkerung der Gebiete, die 150 bis 300 Kilometer vom Zentrum der Sprengungen entfernt liegen. Die Strahlendosis der Bevölkerung betrug hier bis zu 50 rem.

Die dritte Gruppe umfaßt die Bevölkerung der Gebiete, die 300 Kilometer und mehr vom Zentrum der Sprengungen entfernt liegen. Die Strahlendosis betrug hier in diesen Jahren 5 bis 10 rem.

60 Prozent der Kinder von Semipalatinsk sind behandlungsbedürftig. Die Erkrankungshäufigkeit bei Kindern ist in Semipalatinsk dreimal so hoch wie in der gesamten Republik, die geistige Unterentwicklung von Kindern in diesem Gebiet übersteigt die Daten der Republik um das Dreifache.

Bei 70 Prozent der Frauen wurden Pathologien festgestellt, die Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt hervorriefen.

Aufgrund von Verlaufsbeobachtungen machten die Ärzte eine beunruhigende Feststellung: Menschen, die einer Strahlung ausgesetzt gewesen sind, altern schneller, die natürlichen Alterungsstufen treten um zehn Jahre früher ein.

Im Jahre 1988 wurden 18 Sprengungen in einer Stärke von 20 bis 150 Kilotonnen durchgeführt. An der Vibration meines Arbeitszimmers konnte ich die Stärke der jeweiligen Sprengung fast genau bestimmen. Ein Versuch traf uns während einer Sitzung des Arbeiterkomitees. Ich sagte: »Stärke 30 bis 40 Kilotonnen.« Und irrte mich nicht.

Bald darauf kam es zu einem Ereignis, das den Kampf um die Schließung des Testgeländes auslöste. Es war der 12. Februar 1989. An diesem Tag grollte auf dem Testgelände eine routinemäßige unterirdische Atomexplosion in einer Stärke von mehr als 70 Kilotonnen, für die Wissenschaftler und die Techniker eine ganz gewöhnliche.

Die Moskauer Nachrichtensendung »Wremja« meldete wie üblich: »Auf dem Testgelände bei Semipalatinsk wurde eine unterirdische Atomsprengung in einer Stärke von 20 bis 150 Kilotonnen durchgeführt, die radioaktive Strahlung ist normal.« Aber zwischen 20 und 150 Kilotonnen besteht ein riesiger Unterschied, und nur jene, welche die Versuche vorbereiten, wissen um die Differenz. Möglicherweise wäre dies eine ebenso gewöhnliche Sprengung gewesen wie eine Reihe anderer auch, wäre nicht etwas Unvorhergesehenes eingetreten.

An der Erdoberfläche, verformt durch langjährige unterirdische Versuche, bildeten sich große Risse, aus denen zwei Tage lang radioaktive Gase austraten.

Bei der Vorbereitung zu den Versuchen hatten die Forscher, wie gewöhnlich, einen Zeitpunkt gewählt, zu dem der Wind in Richtung auf die ländlichen Gegenden stand, wo es außer der Kontrolle auf dem Testgelände selbst keine andere Überwachung gab. Dies ist eine der hinterlistigen Taktiken der geheimen Anlage. Innerhalb von zwei Tagen drehte der Wind jedoch, und die Gase zogen über die vom Testgelände unabhängige militärische Truppe, die in der Siedlung Tschagan stationiert war, 120 Kilometer vom Zentrum des Versuchs entfernt.

Dies teilte mir auf offiziellem Wege der Kommandeur der Truppe von Tschagan mit, Generalmajor Bredichin. Ungeachtet der objektiven Meßwerte der Geräte leugnete die Leitung des Testgeländes jedoch kategorisch ein Austreten radioaktiver Gase.

Gleichwohl stellte sich heraus, daß die Streifen radioaktiver Verseuchung ein Gebiet bedeckten, in dem über 30 000 Menschen lebten.

Mich interessierte natürlich, wie meine Vorgänger zum Testgelände gestanden hatten. Ich durchsuchte die Archive der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre, entdeckte aber nur ein Dokument: Ende der fünfziger Jahre hatte sich das Semipalatinsker Gebietsparteikomitee mit einem Schreiben an Chruschtschow gewandt, in dem man auf die Strahlenlage hinwies und eine zusätzliche Fleischzuteilung beantragte. Es gibt ein Dokument, aus dem hervorgeht, daß für das Gebiet damals Fertigwohnhäuser für 5000 Quadratmeter sowie 1000 Tonnen Fleisch bereitgestellt wurden.

Am 21. April 1989 detonierte auf dem Testgelände eine Bombe mit einer Stärke von 50 Kilotonnen. Das war die Antwort des militär-industriellen Komplexes auf den stärker werdenden Kampf für die Einstellung der Versuche und die Schließung des Testgeländes. Mit dieser Sprengung wurde die feste Absicht unterstrichen, die Versuche fortzusetzen. Das allmächtige Amt schleuderte uns gewissermaßen eine Herausforderung entgegen: Paßt auf, seid vorsichtig.

(Anmerkung: 1989 hatte sich in Kasachstan eine Protestbewegung gegen die Atomversuche formiert.)

Erneut bekräftigten die Militärs ihre Position, die Versuche bis 1993 fortzusetzen. Noch war nicht eine einzige Explosion aus einer Serie von neun für 1990 geplanten detoniert, als bereits für 1991 weitere neun Versuche geplant wurden. Im Sommer 1990 kam der Hauptkonstrukteur der modernen sowjetischen Atomwaffe, Boris Wassiljewitsch L., nach Semipalatinsk. Wir sprachen über eine Stunde lang unter vier Augen. Er erzählte ausführlich, wie in den Vereinigten Staaten die Kernwaffen der neuen Generation verbessert würden. Wir, betonte der Hauptkonstrukteur, sind den USA gegenüber im Rückstand. Er sprach von der Notwendigkeit, drei Sprengungen durchzuführen - zwei zu 20 Kilotonnen und eine von 50 Kilotonnen. Diese Explosionen, unterstrich der Hauptkonstrukteur, seien für die Entwicklung einer Atomwaffe der heutigen Generation notwendig. Danach könne man die Atomversuche auf dem Semipalatinsker Testgelände ganz einstellen.

Die Ereignisse vom 19. bis 21. August 1991 in Moskau spielten die Rolle eines gewaltigen Zünders und rückten einige Dinge auf ihren Platz. Es nahte der 29. August - der Jahrestag der ersten Atomexplosion auf dem Semipalatinsker Testgelände, durchgeführt vor 42 Jahren. Genau an diesem Tage unterzeichnete der kasachische Präsident Nasarbajew den Erlaß über die Schließung des Semipalatinsker Atomtestgeländes.

[Grafiktext]

_180b Kasachstan: Atomtestgelände

[GrafiktextEnde]

Keschrim Bostajew
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