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14 Milliarden Menschen?

Die Vereinten Nationen schlagen Alarm: Die Schätzungen über die Zunahme der Weltbevölkerung waren lange Zeit zu optimistisch. Wenn sich die Menschheit im gleichen Tempo weiter vermehrt wie bisher, stößt sie spätestens im nächsten Jahrhundert an eine kritische Grenze. Läßt sich der Trend noch wenden?
aus DER SPIEGEL 21/1990

Umweltkatastrophen, Völkerwanderungen, Verteilungskämpfe - die Welt im dritten Jahrtausend wird unwirtlich, wenn die Voraussagen aus dem jüngsten Jahresbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) stimmen.

Dann nämlich hört die Menschheit nicht bei rund 10 Milliarden, sondern erst jenseits von 11 Milliarden auf zu wachsen. Aber auch 14 Milliarden sind möglich. Es wird eng in weiten Teilen der Erde.

Die UNFPA hat die Prognosen über die Zunahme der heute 5,3 Milliarden Menschen auf der Welt deutlich nach oben korrigiert. Die Geburtenraten sind längst nicht im erwarteten Umfang gesunken. Auch in Asien, Afrika und Lateinamerika leben die Menschen dank ständig verbesserter medizinischer Versorgung und Hygiene gesünder und deshalb länger.

Die vorläufige UN-Botschaft: Nur wenn sich die Regierungen und Völker in den nächsten zehn Jahre radikal umorientieren, ist das Schlimmste noch zu verhüten. Die Versorgung mit Lebensmitteln gilt dabei nicht mehr als das drückendste Problem der Menschheit. Die Welt produziert heute ausreichend Nahrung für alle, wenngleich nicht immer da, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

Dank Mechanisierung und verbesserter Anbaumethoden hat sich die Lage stabilisiert. Die Agrar-Nationen im Westen bauen Überkapazitäten ab, das klassische Hungerland Indien exportiert heute im großen Stil Getreide.

Nach einer Uno-Studie zur »Tragfähigkeit der Erde« könnte allein die Ackerfläche der Entwicklungsländer ohne China - theoretisch - 33 Milliarden Menschen ernähren.

Unter großen Hungersnöten leidet derzeit nur noch Afrika. Die Gründe freilich sind nicht wie früher in erster Linie Heuschrecken, Trockenheit und schlechte Ernten, sondern unfähige Bürokraten und - wie in den Bürgerkriegsrepubliken Äthiopien und Sudan - brutale politische Hungerblockaden.

Auch die Rohstoffversorgung ist, trotz steigenden Verbrauchs, fürs erste gesichert. Wo Ressourcen knapp zu werden drohen, haben Industrieländer durch Recycling und Ersatzprodukte Entlastung geschaffen. Bedrohlicher als Hunger und Rohstoffknappheit ist der ökologische Kahlschlag, mit dem die wuchernden Menschenmassen gegen ihre Umwelt sündigen.

Unter Bevölkerungswissenschaftlern gelten Uno-Statistiken wegen der eingebauten politischen Fehlfaktoren zwar als Quellen zweiter Wahl. Doch auf ein paar Prozentpunkte kommt es gar nicht an. Daß die Grenze der Belastbarkeit der Welt auf jeden Fall unterhalb der Schwelle von 14 Milliarden Menschen liegt, ist nicht umstritten.

Die Menschheit hat zwei Millionen Jahre gebraucht, um sich auf eine Milliarde zu vermehren. Heute schafft sie die Milliarde in weniger als zehn Jahren. Sie wächst exponentiell - wie Zins und Zinseszins - der absoluten Unerträglichkeit entgegen.

Der Zeitpunkt ist nicht präzise vorherzusagen, weil es keinen wissenschaftlich definierbaren Grenzwert für die zumutbare Höchstmenge Menschen und Elend gibt, mit welchem der davon betroffene Teil der Erde gerade noch leben kann.

Leichter zu lokalisieren ist der geographische Schwerpunkt des Desasters. Wenn der Trend anhält, müssen die meisten Menschen auf der Südhalbkugel in etwa einem halben Jahrhundert mehrheitlich unter schlimmeren Bedingungen leben als heute die Slum-Bewohner von Kalkutta und Sao Paulo.

Der reiche Norden wird von den übelsten Plagen bis auf weiteres nur am Rande berührt - vorausgesetzt, er schottet sich weiterhin konsequent gegen den Einwanderungsdruck aus dem Süden ab. Doch dem Treibhauseffekt, der weltweit die Temperatur um anderthalb bis zweieinhalb Grad hochtreiben und den Meeresspiegel um einen bis zwei Meter anheben wird, kann der Norden nicht entgehen.

Die volle Wucht auch dieser Katastrophe trifft die Armen in den südlichen Entwicklungsländern. Die Hitze wird Wälder in Savannen und Savannen in Wüsten verwandeln. Niemand kennt die Antwort auf die Frage, wie im Jahr 2025 zum Beispiel fast 95 Millionen Menschen in Ägypten ihren Wasserbedarf decken können, wo heute 54 Millionen die Wasservorräte schon zu 97 Prozent ausschöpfen.

Hauptursache für die bedrohliche Entwicklung ist der ständig zunehmende Ausstoß von Treibhausgasen, auch in den Ländern der Dritten Welt, die sich bemühen, ihren Entwicklungsrückstand aufzuholen. Ihr Energieverbrauch wächst zur Zeit im Durchschnitt zehnmal so schnell wie der in den westlichen Industrieländern - die freilich immer noch die Hälfte der Energie verbrauchen und damit auch einen entsprechend stattlichen Teil der Emissionen verursachen.

Schneller als die Menschen vermehren sich die Automobile. Allein in der Bundesrepublik kamen voriges Jahr 2,8 Millionen Autos zusätzlich auf die Straßen, in Südkorea 600 000. Wenn der Trend anhält, wird sich der gegenwärtige Bestand von weltweit 500 Millionen Kraftfahrzeugen in den nächsten 35 Jahren vervierfachen.

Die Trendwende, so fordert der UNF-PA-Report, muß, wenn sie Erfolg haben will, Anfang der neunziger Jahre eingeleitet werden. In den Industrienationen sollen die Menschen ihren Rohstoffverbrauch wie ihre Müllproduktion einschränken, sparsamere Autos fahren und umweltfreundliche Soja-Koteletts statt energieaufwendig produzierter T-Bone-Steaks essen.

Derlei flankierende Solidarität würde es den Armen in Asien, Lateinamerika und Afrika leichter machen, eine schärfere Geburtenkontrolle zu akzeptieren. Aber nicht viel mehr. Denn mit Konsumverzicht allein ist das Problem nicht zu lösen. Schwerer als die Verschwendung in der Ersten wiegt die Übervölkerung in der Dritten Welt.

Bisher erreichte Fortschritte können sich durchaus sehen lassen: Auch in den meisten Ländern der untersten Entwicklungsstufe beginnt das Vorurteil zu wanken, der Wert einer Frau hänge von der Anzahl der Kinder ab, die sie gebiert. Auch gilt Geburtenkontrolle heute fast nirgendwo mehr als eine besonders infame Form des Imperialismus.

Nichts deutet darauf hin, daß der Papst in Rom sein anachronistisches Pillen-Veto aufhebt und die ihm unterstellten Katholiken in aller Welt von dem Zwang befreit, die Folgelasten der Begattung in Demut zu tragen.

Der Durchbruch wäre damit aber auch nicht erreicht. Denn die Mütter im kommunistischen Vietnam und im islamischen Indonesien gebären ohne den Zwang der Enzyklika »Humanae vitae« kaum weniger Kinder als die Mütter auf den streng katholischen Philippinen.

Einzelne asiatische und lateinamerikanische Länder haben ihr Bevölkerungswachstum durch teilweise rabiate Eingriffe - Massensterilisation in Indien, erzwungene Ein-Kind-Ehe in China - deutlich bremsen können. Die Pekinger Kommunisten drückten die Zahl der Geburten in 20 Jahren von 38 auf 19 pro 1000 Einwohner. Mexiko hat seinen Geburtenüberschuß von 3,2 auf 2 Prozent gesenkt.

Doch bei ihren kürzlich noch recht optimistischen Prognosen haben die Demographen die sinkenden Wachstumsraten zu forsch in die Zukunft fortgeschrieben. Neuerdings werden selbst im geburtenpolitisch radikalen China stagnierende Zahlen geschrieben. In vielen Entwicklungsländern ist es ähnlich. Das bringt, bei rückläufigen Sterberaten, immer größere Menschenmassen.

Die Staaten der Dritten Welt haben - mit gutem Erfolg - enorme Summen in ihre Infrastruktur und den Kampf gegen das Analphabetentum investiert. Doch der wirtschaftliche und soziale Fortschritt wird immer wieder neutralisiert. »So als renne man eine Rolltreppe hinauf, die nach unten läuft«, heißt es im Weltbevölkerungsbericht. Und: »Man muß sehr schnell sein, um sich aufwärts zu bewegen.«

Am schnellsten vermehren sich die Afrikaner. Der Boom hat seinen Kulminationspunkt noch nicht einmal erreicht. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden die Zuwachsraten noch bis etwa zur Jahrhundertwende weiter steigen, bevor sie dann langsam wieder zu sinken beginnen.

Afrika hat in naher Zukunft wenig Aussichten, den Teufelskreis von Armut und Kinderreichtum zu durchbrechen: Mehr Kinder schaffen soziale Sicherheit im Alter. Aber mehr Kinder machen auch jeden kollektiven Fortschritt zunichte.

Der westafrikanische Vielvölkerstaat Nigeria lag 1950 mit einer geschätzten Einwohnerzahl von 41,2 Millionen in der Weltstatistik auf dem 13. Platz. Bis 1987 hatte er sich auf Platz 8 vorgeschoben: mit 108,6 Millionen. Für das Jahr 2050 muß das Land mit 471 Millionen rechnen.

Das wäre Platz 3 auf der Weltrangliste der bevölkerungsreichsten Nationen. Die Bundesrepublik Deutschland, vor 40 Jahren noch die Nummer 9, ist auf der Liste nicht mehr vertreten. Der Anteil der Industrieländer an der Weltbevölkerung wird sich - im Vergleich zum Stand von 1950 - bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts halbiert haben.

Zur Erklärung des ungebremsten Bevölkerungswachstums gilt immer noch die Faustformel: Die Armen sind so arm, weil sie zu viele Kinder haben; sie haben zu viele Kinder, weil sie so arm sind. Familienplanung kann nur Erfolg haben, wenn Alterssicherung nicht mehr ruinösen Kinderreichtum voraussetzt. Die Einzelglieder in der Kette notwendiger Entwicklungsschritte sind untrennbar miteinander verbunden: Ausbildung, Wirtschaftswachstum, Sicherheit, Geburtenrückgang.

Wie sehr wirtschaftliches Wohlergehen und sinkende Kinderzahl voneinander abhängen, zeigen die asiatischen Schwellenländer Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong. Die »vier Tiger« haben neben Japan die niedrigsten Geburtenziffern und die höchsten Wachstumsraten.

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