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FRANKREICH 140 Zentner Sauerkraut

Ein deutsches Haus in Paris, das Löwenbräu-Restaurant an den Champs-Elysées, brauchte nie geschützt zu werden: Dort essen und singen fast nur Franzosen.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Unter einer blauen Sternenhimmel-Dekoration stimmen Bayern in Lederhosen das Lied von Lili Marleen an, und Franzosen fordern im Chor: »Mehr, mehr, mehr.«

Wenn Siggi Schreiber und seine »Original Bayerwald-Musikanten« »Mir san vom Woid dahoam« spielen oder »Es gibt kein Bier auf Hawaii«, dann schunkeln die Franzosen, heben die Humpen und greifen zu Blutwurst und Bratwürstln, als seien sie auf der Münchner Wies'n.

Sie sind in der »Brasserie Löwenbräu«. einem bayrischen Restaurant an den Pariser Champs-Elysées. Und während vor den wichtigsten deutschen Vertretungen Polizeiaufgebote wachen, harren, vor allem an Wochenenden, zuweilen Hunderte von Franzosen vor dem bayrischen Etablissement und warten geduldig auf einen Tisch zwischen Forellenbecken, Tannenbaum und Bayern-Kapelle.

Antideutsche Demonstrationen und Publizisten-Kritik, etwa nach der Auslieferung des BM-Anwalts Klaus Croissant, haben den Franzosen nicht den Appetit auf germanische Gerichte verschlagen. Rolf Rath, 46, Chef des Löwenbräu, registrierte »überhaupt nichts von der angeblich antideutschen Welle«.

Der Gastwirt sieht eher die SPIEGEL-Umfrage (SPIEGEL-Titel 48/ 1977) bestätigt, daß die Mehrheit der Franzosen Sympathie für das Nachbarvolk empfindet: »140 Zentner Sauerkraut pro Monat«, das ist für Rath »schon ein schwergewichtiges Indiz für die These: Die Franzosen mögen uns«.

24 000 Eisbeine, 320 Spanferkel werden zudem monatlich im Löwenbräu, das sowohl bayrische Schlachtplatte als auch Kaviar anbietet, verzehrt. In der Jagdsaison kommen noch 80 Wildsäue und 1500 Feldhasen hinzu. Rath, in Stuttgart geboren und seit 27 Jahren Koch und Küchenchef n Paris, über sein Erfolgsrezept im Zentrum der Pariser Luxus-Avenue: »Deutsche Küche mit französischem Pfiff.«

Keiner seiner 24 Köche lernte in Deutschland kochen. Das Sauerkraut wird aus dem Elsaß angeliefert, Schinken und Wurst werden im Küchenkeller an den Champs-Elysées hergestellt. Allein Stimmung und Dekorationen sind urdeutsch: Die Kellner-Trachten werden in München geschneidert, ein deutscher Spruch an der Wand verheißt: »Hopfen und Malz, Gott erhalt's«, und auch die 30 000 Liter Löwenbräu, die monatlich ausgeschenkt werden, sind original bayrisch.

Löwenbräu-Wirt Rath, der zusammen mit französischen Ministern und Generälen 60 Kilometer außerhalb von Paris eine Jagd gepachtet hat und zu seinen Gästen den Sänger Johnny Hallyday, den Generalstaatsanwalt und TV-Stars zählt: »Ich hatte einfach die richtige Nase für die Mischung und weiß, was die Leute wollen.«

»98 Prozent« (Rath) seiner Gäste sind Franzosen, oftmals Bürger aus der Provinz, artig mit Anzug und Krawatte vor den üppigen Sauerkrautplatten, selig vom Bier -- Gemütlichkeit über alles. Zuweilen geraten sie derart aus der Reserve, daß sie vom Orchester nicht nur Pathetisches wie »In unsern Herzen brennt eine Sehnsucht« fordern, sondern »was Schärferes vollen« (Rath). Marschlieder etwa aus alten Zeiten.

Der Chef aber kontrolliert persönlich, was bei ihm gejodelt und getrommelt wird, und da »existieren eben Grenzen des Geschmacks«, Richtig gesellig aber wird es im Löwenbräu, wenn Bayern und Franzosen gemeinsam singen -- und das ist oft »Viva Espana«.

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