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1960 - BRANDT REGIERT DIE STUNDE

aus DER SPIEGEL 1/1960

Das Verlagshaus Axel Springer hat der interessierten Öffentlichkeit an der Jahreswende ein politisches Horoskop für das Jahr 1960 präsentiert. Die Engagements des Verlagshauses reichen von der Tageszeitung mit absolutem Anspruch »Die Welt« (Werbeslogan »Es stand in der Welt") bis zu der Wochenendpostille »Das Neue Blatt« (Zeitschriftendienst der Arbeitsstelle für Zeitschriftenberatung »Nur noch den dumpfsten Instinkten gewidmet") Als Vehikel für das »Horoskop 1960«, gestellt vom Hausastrologen des Verlags, Hans Genuit, dient die um gehobenes Unterhaltungsniveau bemühte Springer -Illustrierte »Kristall« mit ihrer Druckauflage von knapp 500 000 Exemplaren Astrologe Genuit schließt sich der Wiedervereinigungs-Evangelisation und Ulbricht-Beschwörung an, der sich die Leitartikler des Hauses hingeben, und prognostiziert für das Jahr 1960:

1960 wird ein Marsjahr sein. Bei Mars denkt man unwillkürlich an Krieg. Im Marsjahr 1939 brach der letzte große Weltkrieg aus. Der Koreakrieg begann 1950 bei äußerst starken Marseinflüssen. Aber im Erdhoroskop für 1960 steht der Planet Mars an so unwesentlicher Stelle, daß seine Einflüsse kein größeres kriegerisches Geschehen auslösen können. Der Kriegsplanet Mars löst einseitige Bindungen auf und hilft neue, vernünftige schaffen. Der Unsinn des Krieges wird mehr und mehr erkannt ...

Der Friedensplanet Jupiter beherrscht das ganze Jahr und wird sich bis Ende Juni 1960 auswirken ... Ab 23. September 1960 werden im Hinblick auf das harmonische Zusammenleben der Völker bemerkenswerte und zum Teil völlig neue Resultate erzielt. 1960 wird im Zeichen des Jupiter ein Jahr der Friedensverhandlungen mit durchaus positiven Vorzeichen ...

In der Berlin-Frage kommt es zu keiner negativen Entwicklung, aber auch noch nicht zu einer endgültigen Lösung. Rußland wird bestrebt sein, die Berlin-Frage zu lösen, sobald die russische Angst vor einem westlichen Angriffskrieg verschwindet, und dafür besteht berechtigte Hoffnung.

Das Horoskop Berlins und das seines Regierenden Bürgermeisters Brandt haben sehr gute Einflüsse, die eine ernsthafte Bedrohung ausschließen. Brandt wird im politischen Leben mehr und mehr eine führende Rolle spielen.

Das Problem der Wiedervereinigung wird 1960 vorangetrieben. Die Einflüsse für eine Regelung sind günstig. Ob sie entsprechend genutzt werden oder nochmals im Sande verlaufen, ist eindeutig nicht feststellbar. Aufgrund meiner Berechnungen habe ich schon seit Jahren die These vertreten, daß Rußland an dem Staatsgebilde der Sowjetzone gar nicht interessiert ist. Es ist nur daran interessiert, zwischen sich und dem Westen eine Sicherheitszone zu haben. Viele Einflüsse deuten darauf hin, daß eine urplötzliche Lösung dieses ganzen Problems in der Luft liegt.

Die sogenannte DDR - ein Horoskop mit stärksten Spannungen. Es wird zu finanziellen und wirtschaftlichen Krisen kommen. Todesfälle führender Persönlichkeiten werden die Politik verändern und wichtige Geschehnisse die Weltöffentlichkeit beschäftigen. Rücksichtslos wird oft ein harter Kurs verfolgt, aber die Bevölkerung wird sich dem Druck nicht beugen und sich noch mehr als in den letzten Jahren zu Gesamtdeutschland bekennen. Die Kluft zwischen Zonenregierung und Volk wird stark zunehmen. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird die Auflösung dieses Staates bis Frühjahr 1961 deutlich erkennbar sein. Diese Entwicklung wird durch die Beseitigung weltpolitischer Probleme zwischen Amerika und Rußland hervorgerufen.

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