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ATOMKRIEG 1964

aus DER SPIEGEL 1/1960

Das amerikanische Atom-Unterseeboot »Sawfish« hat sich in Sehrohrtiefe der kalifornischen Küste genähert. Der Kapitän läßt das Periskop ausfahren und drückt sein Gesicht an das Glas. Während einige Männer der Besatzung ihn stumm umstehen, wendet er das Rohr nach rechts und nach links. Dann tritt er zurück: »Wie hoch ist die Radioaktivität, Herr Osborne?« Der angesprochene Atomphysiker betätigt einen Geigerzähler: »Dreißig Punkte über der Normalgrenze, Sir ...«

Das Bild, das der Kapitän durch das Sehrohr erblickt, bot sich kurz vor Weihnachten den Kinogängern in siebzehn Metropolen aller Kontinente* farbig auf der Breitwand dar - das ausgestorbene San Francisco: Der Film »Das letzte Ufer«, den der 46jährige Produzent Stanley Kramer ("Flucht in Ketten") nach dem gleichnamigen Amerika-Bestseller von Nevil Shute drehte, wurde in der »ersten globalen Premiere der Kinohistorie« uraufgeführt. Er spielt im Frühjahr 1964, etwa ein Jahr nach Beendigung eines Atomkriegs, und berichtet »von den letzten Tagen der letzten Menschen«.

Was die amerikanische Verleihfirma United Artists schon lange vor der Uraufführung in ganzseitigen Annoncen als »Das größte Filmereignis!« und »Die größte Story unserer Zeit!« gepriesen hatte - die Vision einer globalen radioaktiven Verseuchung -, wurde am Welt-Premierentag sogar den Sowjetmenschen in Moskau dargeboten. Nachdem sowjetische Filmfunktionäre eine Kopie des Untergangs-Films schon Mitte November in einer Sondervorführung besichtigt hatten, erklärten sie sich bereit, »Das letzte Ufer« mit russischen Untertiteln in der Sowjet-Union herauszubringen. In der Bundesrepublik verlockte das Filmereignis sogar den In-die-Zeit-Blicker des Deutschen Fernsehens, Eugen Kogon, zu einer Mattscheiben-Plauderei.

Während der von Kogon geladene Freiburger Strahlen-Experte Dr. Walter Herbst nach Besichtigung einiger Film-Ausschnitte die kinematographische Apokalypse »mehr nützlich als schädlich« fand und »vertretbar als psychologischen Schock« lobte, hielt der gleichfalls anwesende ehemalige zivile Bundesluftschützer Erich Hampe »eine so totale Verseuchung (wie der Film sie zeigt) nicht für möglich«.

Allerdings: Die zur Uraufführung versammelten Kritiker empfanden die Hollywood-Darstellung vom Ende der Welt keineswegs »als psychologischen Schock«, obgleich Produzent Kramer aus der Filmversion vorsorglich sogar die milden Kaninchenspäße des Romanautors Shute verbannt hatte. »Melbourne ist die letzte große Stadt«, heißt es in der Romanfassung. »Wenn wir erledigt sind, werden die Menschen in Tasmanien ... noch ungefähr vierzehn Tage leben ... Nächstes Jahr werden in Australien noch Kaninchen - das widerstandsfähigste Tier - herumlaufen und alles Futter auffressen ...«

»Kaninchen!« läßt Shute sich einen General empören. »Nachdem wir so viel Zeit und Geld aufgewendet haben, um sie zu bekämpfen, erfährt man jetzt, daß sie zum Schluß gewinnen!«

Überdies unterschlug Produzent Kramer in seinem Film des Autors Vorstellungen von einem nuklearen Weltkonflikt: »Nicht die Großmächte haben diese Geschichte (1962) in Bewegung gebracht, sondern die kleinen Länder, die Verantwortungslosen ... Die verdammten Dinger waren zu billig geworden, zum Schluß kostete eine Uranbombe nur noch 50 000 Pfund. Ein winziges Drecksland wie Albanien konnte sich einen Vorrat davon leisten ...«

Albanien wirft in Shutes Roman auch die erste Bombe (auf Neapel). Die nächste trifft Tel Aviv. Den israelisch-arabischen Krieg weitet der Romanautor zu einem amerikanisch-sowjetischen Bomben-Duell und schließlich zu einem sowjetisch-chinesischen Kobalt-Krieg aus. Insgesamt fielen ungefähr 4700 Bomben.«

Im Film dagegen malt Kramer das Schreckgespenst des »Roten Telephons«. Eine lächerliche Panne führt zum Weltuntergang: »Irgend so ein armes Würstchen sah einen Fleck auf dem Radarschirm ... Es durfte nicht eine tausendstel Sekunde zögern. Es hat auf den Knopf gedrückt, und dann wurde die Welt ein Irrenhaus ...«

Der Film blendet auf, nachdem die Kampfhandlungen längst abgeschlossen sind:Januar 1964. Die nördliche Hemisphäre ist vernichtet - Nordamerika, Europa, Asien und Nordafrika sind total verwüstet. Nun wälzen sich die todbringenden radioaktiven Wolken über Afrika nach Süden. In sechs Monaten werden sie auch Australien überzogen und die letzten Menschen der Erde ausgelöscht haben.

Die australischen Todeskandidaten sehen ihrem Untergang mit erstaunlicher Gelassenheit entgegen. Sie tummeln sich am Badestrand, genießen den letzten Portwein, angeln Forellen, veranstalten mörderische Autorennen, verstricken sich in filmübliche Liebeskonflikte. Und sie stehen zu gegebener Zeit geduldig an, um die Pillen zu empfangen, die von der Regierung zur Verkürzung der Qualen kostenlos verteilt werden. Dann legt sich die Bevölkerung gefaßt zum Sterben nieder - außerhalb des Blickfelds der Kamera.

Fünf dieser letzten Menschen stellt Kramer in den Mittelpunkt der Filmhandlung: einen amerikanischen U-Boot-Kommandanten (Gregory Peck), einen Atomforscher mit ausgeprägtem Faible für Autorennen (Fred Astaire), eine trunksüchtige Lebedame (Ava Gardner) und ein junges Ehepaar. Ausschweifend schildert der Film eine U-Boot-Expedition an die verödete amerikanische Westküste.

Freilich versagte sich Kramer eine realistische Darstellung der Atomkriegsfolgen. Die Städte Kaliforniens, die ein U-Boot -Mann im Schutzanzug erkundet, sind entvölkert, bieten aber keineswegs das Bild grauenvoller Vernichtung, das die Wissenschaftler von einem nuklearen Weltkrieg erwarten. In »Das letzte Ufer« erweist sich das Atombombardement als pietätvolles Geschehen: Der U-Boot-Mann findet keine Spuren von Chaos, keine zerstörten Häuser, keine Leichen, nicht einmal einen toten Hund. So drängte sich in Berlin der »Tagesspiegel«-Kritikerin Karena Niehoff der Eindruck auf: »Die allgemeine Verfassung deutet eher darauf hin, daß eine Influenza -Epidemie im Gange ist.«

Im Gegensatz zu den sowjetischen Film -Journalisten, die den Anti-Atomfilm, wie zu erwarten, nach der Moskauer Premieren-Vorstellung einstimmig begrüßten, zeigten sich westliche Kritiker verärgert über den Weltuntergang auf der Breitwand. »Nur in zwei kurzen Visionen, die in ihrer kalten Leere schaudern lassen«, urteilte der Westberliner Kritiker Friedrich Luft, erreiche der Film sein Ziel. In New York verbitterte nicht nur die unrealistisch grauenfreie Verpackung die Kritiker - auch die mimischen Leistungen der letzten Filmmenschen erregten ihr Mißfallen. »Aber was kann ein Schauspieler schon aus einem Drehbuch machen«, fragte sich das Nachrichtenmagazin »Time«, »das sich das Ende der Welt als eine Szene vorstellt, in der Ava Gardner von Gregory Peck Abschied nimmt?«

* Berlin, Caracas, Chicago, Johannesburg, Lima, London, Los Angeles, Melbourne, Moskau, New York, Paris, Rom, Stockholm, Tokio, Toronto, Washington und Zürich.

Amerikanischer Atomkriegsfilm »Das letzte Ufer": Weltuntergang ohne Leichen?

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