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Hausmitteilung 2. Dezember 2002 Rudolf Augstein

aus DER SPIEGEL 49/2002

Die »Süddeutsche Zeitung« sah die Spitze des Staates »komplett vertreten«, die »Welt« das ganze »politische Deutschland« versammelt: Fast 2500 Gäste - darunter Bundespräsident, Bundeskanzler und Bundestagspräsident nebst vielen Größen aus Kultur und Medien - fanden sich zum Staatsakt ein, mit dem Hamburg am Montag voriger Woche seinem verstorbenen Ehrenbürger Rudolf Augstein die Reverenz erwies. Dass der CDU-geführte Senat zum Gedenken an den kirchenabtrünnigen Augstein in die Hauptkirche St. Michaelis, Wahrzeichen und gute Stube der Stadt, geladen hatte, irritierte örtliche Freidenkergruppen, nicht aber Helge Adolphsen, 62, den Hauptpastor des »Michel": Kleruskritiker Augstein ("Jesus Menschensohn") habe »der Kirche viel Bedenkenswertes in ihr 2000 Jahre altes Stammbuch geschrieben«. Adolphsen: »Dass Gott sich mit ihm beschäftigt, daran glaube ich. Wie, das ist wahrlich Gottes Sache. Amen.«

Johannes Rau, 71, schilderte in seiner Rede den SPIEGEL-Herausgeber nicht nur als »unbeugsamen Demokraten« und als »unabhängigen und unbestechlichen Analytiker«. Augstein, urteilte der bekennende Protestant im Präsidialamt, habe zwar die »versteinerte Dogmatik« des Kirchenglaubens entlarven wollen, zugleich aber »eine Art Glauben für sich selber zu retten« versucht: »So einer ist kein Zyniker.« Was den »großen Deutschen« und »wahrhaften Patrioten« (Rau) an- und umgetrieben habe, versuchte Professor Joachim Fest, 75, zu ergründen: »Unverlierbar geprägt« sieht der Publizist den SPIEGEL-Gründer durch einen in der »kadavrigen Hitler-Zeit« erwachten Skeptizismus: »Augsteins Argwohn war der Argwohn einer Generation.« Dass Deutschland ohne Augstein »ein anderes Aussehen hätte«, sei, so der Historiker, »das wenigste, was sich über ihn sagen lässt«.

An den Musenfreund Augstein, der »Musikantentum« liebte und der »vor Bildung fast platzte«, erinnerte Jürgen Flimm, 61, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Tochter Franziska Augstein, 38, verneigte sich vor dem »toten Löwen, meinem Vater«. Den SPIEGEL-Titel 46/2002, gewidmet dem am 7. November verstorbenen Herausgeber, nannte sie ein »würdiges Denkmal« - wenngleich die fast 170 Seiten dieser »Glanznummer« ein falsches »Detail« enthielten, wie die Journalistin anmerkte: »Er hieß mit Vornamen nicht Rudolf Karl - wie dort zu lesen ist - , sondern Karl Rudolf.« In der Tat: Als die Sterbeurkunde ausgestellt werden sollte, zog das Standesamt den in Hannover liegenden Geburtsschein hinzu, und darin stand - auch zur Überraschung der Angehörigen - der Name Karl Rudolf. Der Löwe selbst nannte sich indes Rudolf Karl. So hat er geheiratet und notarielle Verträge geschlossen, und so wurde er vom Bundesgerichtshof wegen Verdachts des Landesverrats vorgeladen. Und in einer launigen Jubiläumsrede gab Augstein 1986 zu Protokoll, der seinerzeitige SPIEGEL-Chefredakteur Johannes K. Engel, damals ein Vierteljahrhundert im Amt, heiße eigentlich Johannes Karl Friedrich Engel und dessen vormaliger Kompagnon Günter Gaus in Wahrheit Kurt Willi Günter Gaus - »so wie ich Rudolf Karl Augstein heiße«.

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