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FRANKREICH / CHINA 2 x Deutschland?

aus DER SPIEGEL 6/1964

Einen Tag und vierzig Minuten währte die China-Hausse in der französischen Hauptstadt. Dann sanken die gelben Kurse. De Gaulle mußte erkennen, daß Papiere aus Peking gefährlich sind.

Am Montag letzter Woche, um zwölf Uhr Pariser Zeit, hatten Frankreich und Rotchina in gleichlautenden Kommuniques die Aufnahme diplomatischer Beziehungen verkündet.

Alles schien gutzugehen: Die Stunden nach der Anerkennung zeigten, daß es der französischen Regierung gelungen war, zwei von de Gaulles Diplomatenstreich betroffene Staaten zu besänftigen:

- Nationalchina, dessen Position in der Uno durch Frankreichs Politik bedroht ist (siehe Graphik Seite 14), protestierte nur, ohne mit Paris zu brechen;

- die Bundesrepublik, deren Kampf gegen die diplomatische Anerkennung der DDR durch die Pariser Zwei-China-Praxis erschwert wird, schwieg.

Die Franzosen konnten sich einen Montag lang über den vermeintlichen Realismus ihres Generals freuen: Das Gewicht von 700 Millionen Rotchinesen, die de Gaulle aus der von Amerika verhängten Quarantäne aufs diplomatische Parkett führte, würde Frankreich größere Bewegungsfreiheit zwischen den Machtblöcken in Ost und West bescheren.

Den durch seine Strategie desavouierten nationalchinesischen Marschall Tschiang Kai-schek suchte de Gaulle durch eine Geste zu besänftigen:

Er sandte den General Zinovi Pechkoff, einen ehrwürdigen Krieger aus Frankreichs Kolonial-Geschichte, an den Hof des einstigen Waffengefährten Tschiang.

Der heute 79jährige, einarmige Pechkoff, ein von dem russischen Dichter Maxim Gorki adoptiertes Findelkind, hatte sich an allen Kriegs- und Friedensfronten für Frankreich geschlagen: in China, Japan, der Mandschurei und in Sibirien, im Kaukasus, in Marokko und der Levante. Und er war bereits 1940 Gaullist geworden.

Anfang Januar unterzog sich der seit 15 Jahren abgerüstete Kriegsheld, der 1943 Frankreichs Delegierter in China war, seiner wahrscheinlich letzten Mission: dem drei Jahre jüngeren Freund Tschiang die neueste Schwenkung der französischen Politik begreiflich zu machen.

Drei Stunden lang feierten die alten Kameraden Tschiang und Pechkoff Wiedersehen. Der Franzose hatte lediglich Instruktion, dem Chinesen die Motive de Gaulles darzulegen; Formosa von einem Bruch mit Frankreich abzuhalten, schien nicht nötig. Tschiang selber möchte einen Konflikt vermeiden.

Er würde damit nicht nur seine Insel noch stärker isolieren, sondern auch ein sorgfältig aufgebautes, militärisch bedeutsames Werk gefährden: einen von Frankreich gelieferten und von französischen Spezialisten installierten Atomreaktor in der Nähe der Formosa -Hauptstadt Taipeh.

In der Gewißheit, daß von Nationalchina keine Schwierigkeiten mehr zu erwarten seien, suchte Paris deutsche Bedenken zu beschwichtigen.

De Gaulles wichtigstes Argument für die Anerkennung Rotchinas war: Der Staat Maos sei nun einmal vorhanden und könne daher nicht einfach ignoriert werden. Schrieb »Le Monde": »Die Realität ist, daß es zwei China gibt, wie es zwei Korea, zwei Vietnam, zwei Deutschland gibt.«

Echote Walter Ulbricht: »Auch die DDR ist eine Realität.«

Paris beeilte sich jedoch am Montag, die Unterschiede zwischen dein Staat Ulbrichts und dem Maos zu rubrizieren:

- Die DDR sei durch äußere Abtrennung, Rotchina durch innere Auseinandersetzung entstanden;

- Peking habe die Macht fest in Händen, Ulbricht halte sich nur mit Hilfe der Sowjettruppen;

- die Rotchinesen bejahten ihren Staat, die Mitteldeutschen lehnten ihn ab;

- die Existenz Rotchinas werde auch

außerhalb des Ostblocks anerkannt,

die Existenz der DDR hingegen nicht.

So völlig verschieden die Proportionen zwischen den beiden chinesischen und den beiden deutschen Staaten sind - rein völkerrechtlich relevant ist, wie Bonner Rechts-Experten sogleich feststellten, keiner dieser Unterschiede.

Denn das Völkerrecht kennt nur den Grundsatz der »Effektivität": Ein Staat muß, um ein Völkerrechtssubjekt zu sein, seine Macht effektiv ausüben; dabei ist gleichgültig, ob dies mit Hilfe eigener oder fremder Bataillone geschieht. Es kommt hinzu, daß diese von französischen Diplomaten verbreiteten vier Punkte die Frage, ob Paris die DDR als einen Staat ansieht oder nicht, im Grunde gar nicht berührt.

Sie erklären nur, warum Frankreich zu Rotchina, aber nicht zur DDR diplomatische Beziehungen aufgenommen hat.: Und was heute für Rotchina gilt, könnte später für die DDR gelten.

So weit kam es nicht. Doch als Frankreich die China-Partie bereits gewonnen glaubte, zeigte sich, daß zwar nicht die blessierten Partner, wohl aber der neue Freund Schwierigkeiten machte:

Nur 24 Stunden und 40 Minuten waren seit der Bekanntgabe der Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Peking vergangen, da traf am letzten Dienstagmittag jene Nachricht aus Peking ein, die jede Zwei-China-Theorie ins Wanken brachte: Rotchina erklärte sich zum einzigen legalen Vertreter aller Chinesen und verlautbarte, Peking könne unmöglich neben der nach Formosa verjagten Tschiang-Regierung in internationalen Organisationen sitzen. »In diesem Geiste« sei die Vereinbarung mit Frankreich geschlossen worden, weshalb Paris mit Tschiang brechen müsse.

De Gaulle ließ verlautbaren, Paris sei keine solche Verpflichtung eingegangen, doch ließ man im Elysee-Palast durchblicken, daß Tschiang notfalls geopfert werden würde.

Le Canard Enchaine

Mao: »Da kommt er, Deus ex ma China« Generals-Bote Pechkoff

Atomreaktor für den Marschall

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