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»20 000 Rubelchen im Notstandskoffer«

aus DER SPIEGEL 5/1979

Er Christian Klar, 1,82 Meter groß, steht »immer schief, so nach links, und hat den Mund offen wie ein Fisch« -- Typ schlaksiger Intellektueller, Mitte Zwanzig, der im Gespräch gelegentlich den rechten Daumen in den Hosenbund steckt. Der Schattenriß seiner Figur erinnert die Zielfahnder im Bundeskriminalamt (BKA) an »den Kohlenklau aus dem letzten Krieg«.

Sie, Monika Helbing, 1,70 Meter groß, hat O-Beine, klobiges Schuhwerk am Fuß und »läuft immer so rum, als ob sie die Hosen voll hätte«. Typ: Fräulein vom Jugendamt. Lebensgroße Scherenschnitte der beiden Gestalten schmücken als Poster die Flurwand bei den Terroristenfahndern im BKA. Damit »wir hier«, so ein Beamter, »täglich an denen vorbei müssen und uns ihr Bild einprägen«.

Die Klobige und der Kohlenklau« mal beim Kauf von Comic-Heften am Bahnhofskiosk, mal in der Post beim Geldüberweisen gesichtet, zählen zu den top ten der westdeutschen Terroristen und gelten als die höchst zuverlässigen Kämmerer der Szene: Gelder zum gegenwärtigen Lebensunterhalt der Buback-, Ponto- und Schleyer-Mörder fließen, wie Fahnder meinen, aus dunklen Kassen, die von Klar und Helbing verwaltet werden.

Ihre Tricks als Zahlmeister, die verschlungenen Finanzwege zwischen den Kadern und die Bewirtschaftung heißer Bankraub- und Erpressermillionen zählen zu den bestgehüteten Geheimnissen der Stadtguerilla. Weder Terrorismus-Experten vom Verfassungsschutz noch Logistik-Spezialisten im BKA gelang es bisher, das Finanzgeflecht zu entwirren.

Nur wenn »Interpol« mal, wie im letzten Juni, am Sonnenstrand von Bulgarien 18 registrierte Tausender aus dem Stiefel der verhafteten Gudrun Stürmer schüttelt; nur wenn eine »Alvara Arellano« (in Wahrheit: Juliane Plambeck, derzeit auf der Flucht) in einem Wiener Photogeschäft eine »American-Express«-Karte zückt oder wenn Willy Peter Stoll (inzwischen erschossen) Geldpäckchen lässig in der Plastiktüte zum Mercedes-Händler trägt, blitzt mal etwas auf vom Geschäftsgebaren eines solventen Unternehmens: der »Roten Armee Fraktion« (RAF) mit ihren Ablegern »Bewegung 2. Juni« und »Revolutionäre Zellen« (RZ).

Ihre Ausgaben, geschätzt:

* Gut 30 konspirative Wohnungen (Kripo-Kürzel: KWs) im In- und Ausland kosten Mieten von monatlich rund 25 000 Mark -- ohne Telephon-, Heiz- und Nebenkosten;

* etwa 40 Autos -- gekauft oder gemietet -- sind zu unterhalten, der Fuhrpark erfordert an die 400 000 Mark im Jahr;

* Flugtickets, Hotelkosten und »Spesen« machen einen jährlichen Reise-Etat von gut 300 000 Mark; > Logistik-Geräte -- so rund 20 Schreibmaschinen, drei Photokopierer, Möbel, Video-Kameras, Photoausrüstungen, Funk- und Abhöranlagen -- gab es nur gegen Barzahlung;

* um 1000 Mark kostet die Neuanschaffung einer Maschinenpistole »Heckler & Koch«, 800 Mark eine Pistole, 2500 Mark ein neuer falscher Paß;

* und 20 bis 30 Kader erwarten schließlich von ihrer Zentrale jeden Monat Gehalt.

Wenn sich Analytiker in der »Terro("TE") des BKA

ans Zusammenrechnen begeben, wenn sie die »täglichen Kleinbewegungen« im Inland und über Grenzen bewerten, die Treffs der Kuriere, den Aufwand der Werber, die Honorare der Mittelsmänner, Materialbeschaffer und Unterstützer berücksichtigen, dann kommen sie auf »mehr als eine Million Kosten« im Jahr. Allein für die Mord-Operationen Buback, Ponto und Schleyer hat die RAF nach einer Rechnung von BKA-Präsident Horst Herold »mindestens 2,2 Millionen Mark« ausgeben müssen.

Wo die »eigentliche Kriegskasse« (Fahnder-Slang) steckt, konnten die BKA-Rechercheure und ihre »Interpol«-Kollegen bislang nur vermuten. Wiener Ermittler hegen den Verdacht, »gewisse Gelder« seien »auf einer Mafia-Bank in Italien«, westliche Kollegen tippen auf Nummernkonten in der Schweiz, eher aber noch auf geheime Konten bei österreichischen Banken. Andere Insider wollen schließlich auch etwas von einem Gelddepot in oder hei Straßburg wissen.

Unklar blieb auch, ob sich RAF, »2. Juni« und RZ aus einem gemeinsamen Topf nähren oder ob die Gruppen als »finanzielle Selbstversorger« operieren. Analysen der Nummern-Serien auf Geldscheinen, die bei Verhafteten gefunden wurden, sprechen für getrennte Kassen; personelle Verknüpfungen zwischen den Einzelbanden stützen indessen die Theorie vom »gemeinsamen Pool«. Zumindest gebe es, glaubt beispielsweise Herold, »eine zentrale Geldverwaltung«.

»Ein Mädchen, das ganz normal und legal die Kasse vom Reiterverein oder so führt, macht vielleicht«, meint ein

Sparkasse am Berliner Südwestcorso nach einem Überfall am 14.2.1977.

Godesberger BKA-Mann, »nebenher über ein zweites Konto noch die Terroristenschecks fertig.« Ein bayrischer Kripo-Kollege glaubt, es gebe »da im System dieser Leute irgendwie Meldestellen wie bei einer Rallye« wo man aufkreuzt, wenn man die Orientierung verloren hat, und wieder auftankt und Fourage faßt«. Eindeutiger ist da die Aussage des ehemaligen RAF-Helfers Volker Speitel: »Von Kurieren wird bei Treffs Geld überbracht.«

18 000 Mark -- 6000 Mark pro Kopf -- hatte die Kurierin Gudrun Stürmer zum Beispiel dabei, als sie, aus Mailand kommend, dem Ausbrecher-Trio Till Meyer, Gabriele Rollnik und Angelika Goder in Bulgarien weiterhelfen wollte (und statt dessen mit ihnen verhaftet wurde). Diese Panne am Schwarzen Meer und tödliche Schießereien in Nordrhein-Westfalen führten, wie das BKA ermittelte, zu einer radikalen Änderung der terroristischen Lebensweise.

Statt wie früher in Kommune-Gemeinschaften zu Hause, tarnen sich die RAF-Leute seit dem Spätherbst als Singles, zurückgezogen in kleinen Appartements. Dort werden nur noch die Freundin, der Freund empfangen -- aber nicht mehr der Dritte, der auffallen könnte.

Kuriere überbringen Geldpäckchen nicht mehr direkt, sondern deponieren die Scheine, gegen Sicht abgeschirmt, in toten Briefkästen -- zum Beispiel in »Treppenhäusern, Telephonzellen, Scheißhäusern"« wie es eine schriftliche RAF-Regel verlangt. Eine farbige Reißzwecke in Augenhöhe signalisiert dem Geld-Empfänger, daß er nach einem »Blech- oder Glasröhrchen« hinter der Heizung oder nach einem »Kästchen am Geländer« zu schauen hat. Die Konspiration läuft wie unter berufsmäßigen Agenten.

Man kleidet sich nicht mehr schlampig, sondern bringt teure Garderobe zur chemischen Reinigung. Die Damen haben, wie Adelheid Schulz (Afrolook, blond) und Silke Maier-Witt (nach innen eingelegte Nackenwelle) ihre festen Termine beim Top-Friseur, und Arztrechnungen zahlt das RAF-Mitglied als Privatpatient. »Weniger als 500 Mark« in der Börse zu haben, so heißt es in einer Terroristen-Fibel, »ist Scheiße«.

Vor allem alte badische Freunde von Christian Klar und Monika Helbing sowie die Berliner Cliquen vom »2. Juni« scheinen mit »Kohle« stets gut versorgt. Sie haben allzeit bereit zur Flucht -- »10 000 bis 20 000 Rubelchen in zwei oder drei verschiedenen Valuta ... im Notstandskoffer« (Untergrundschrift). Oder sie tragen, wie der in einem Düsseldorfer China-Lokal erschossene Stoll, ein doppeltes Direktorengehalt im Jackenfutter.

Kuriere, als »Soldaten« besoldet mit monatlich um die 1000 Mark, überwintern indessen bescheidener als die RAF-Leute in Offiziersfunktionen. Randfiguren der Stadtguerilla, so etwa die Amateur-Bombenbastler aus den »Revolutionären Zellen«, leben vom »BAföG«. Wenn nicht, geht es ihnen bisweilen so dreckig wie jenem Pärchen im Fränkischen, das unlängst »wochenlang gehungert« hatte (Tagebuch-Notiz). Um die Zimmermiete zu sparen, beschlossen diese Jung-Guerilleros, sich eine Erdhöhle im Wald zu suchen.

Bescheiden, mit weitaus kleinerem Etat als heute, hatte es damals auch mit den Spitzen der Terror-Szene angefangen, als Gudrun Ensslin noch an Ulrike Meinhof kassiberte: »10 000 Mark bei Marlies deponiert, erst dann Am 7. 4. 1977 in Karlsruhe.

die vom Dorf aufbrauchen, zuletzt die vom Onkel holen. Die liegen da gut.« Vergessen sind inzwischen die alten »halblegalen« Geldbeschaffungsmethoden: Ein Professoren-Sohn räumte Goldbarren aus Papas Safe aus, ein Ex-Anwalt schoß sein Vermögen ein.

In Berlin ging für RAF-Waffenkäufe die Hälfte eines 120 000-Mark-Fonds drauf, den Apo-Studenten ursprünglich für Notleidende in Vietnam und Genossen in Griechenland erbettelt hatten. Wie selbstverständlich stellte die Anarcho-Organisation »Schwarze Hilfe« eine Zeitlang in Berliner Kneipen (Flugblatt-Erläuterung: »Ihr erhebt den Anspruch, als linke, progressive Pinte anerkannt zu werden") Sammelbüchsen »der Illegalen« auf; die Gastronomen hatten »ein Prozent ihres Umsatzes« einzuwerfen.

Schon bald nachdem Gudrun Ensslin und Andreas Baader ("wir müssen jetzt endlich die Bettelbriefe an die liberalen Scheißer schreiben") in Frankfurt ihre erste Bande gegründet hatten, war im BKA von »Profiten der Terroristen aus Raubdrucken« die Rede. Rote Buchläden und Links-Außen-Verlage, Anwälte und Schriftsteller gerieten als mutmaßliche Finanziers ins Gerede; sogar ein Fußballer, Paul Breitner, hatte sieh unbewiesener Verdächtigungen zu erwehren.

Aber: Als mancher in der Diskussion um »Baader/Meinhof« noch fein unterschieden wissen wollte zwischen den Termini »Bande« und »Gruppe«, hatte sieh der revolutionäre Anspruch der Terroristen längst auf die kriminelle Enteignung von Banken und Supermärkten reduziert. »Manche sagen«, so Ulrike Meinhof 1971, »Bankraub ist nicht politisch. Aber seit wann ist die Frage der Finanzierung einer politischen Organisation keine politische Frage?«

Seit 1970, so resümierte der frühere Cheffahnder der BKA-Abteilung »Terrorismus«, Gerhard Boeden, seien »mit Sicherheit« bei 47 Banküberfällen 10 134 000 Mark von Terroristen erbeutet worden; bei 44 weiteren Hold-ups mit RAF-Handschrift gehe es noch keinen eindeutigen Beweis.

Fritz Teufel und Gabriele Rollnik ("2. Juni") hatten zum Beispiel 31 000 Mark und ausländische Valuten aus einem Berliner Bankraub in der Tasche, als sie 1975 gefaßt wurden. Ex-Anwalt Siegfried Haag hatte Geldscheine aus Überfällen auf die Commerzbank in Köln (Beute: 140 997 Mark) und die Vereins- und Westbank in Hamburg (Beute: 58 000 Mark) im Auto verstaut.

Terroristen, so wissen die Kriminalisten, haben für ihre Überfälle spezifische Verhaltensmuster entwickelt. ihr Modus operandi gilt als perfekt. Eine Analyse des Düsseldorfer Landeskriminalamts von 233 »normalen« Banküberfällen in Nordrhein-Westfalen 1976 und im ersten Halbjahr 1977 sowie zehn Terroristen-Überfällen im gesamten Bundesgebiet während des gleichen Zeitraums ergab: Polit-Gangster gehen am liebsten montags zur Bank (bevorzugt: City-Filialen mit großen Geldbeständen) während sieh Normal-Ganoven meistens die Donnerstage und Freitage aussuchen und häufig kleine Geldinstitute in Klein- und Mittelstädten wählen.

»2. Juni«- und RAF-Räuber rekrutieren sich zu einem Drittel aus Bankladies, während sich unter den übrigen Kassenraum-Spezialisten höchst selten eine Frau befindet. Vor allem aber: Terroristen planen den Ablauf ihrer Raubüberfälle stets exakt, auf die Sekunde, und unterlaufen mit Blick auf die Uhr und Zuruf ("Die Zeit ist um, los, raus") stets das Alarmsystem.

Präventiv-Maßnahmen in den Banken (so die Verringerung der griffbereiten Bargeldbestände an den Kassenschaltern und die Installation optischer Überwachungsanlagen) halfen nicht viel: Die allgemeine Raubkriminalität verlagerte sich mehr auf die Straße. Zwar nahmen die Banküberfälle im ersten Halbjahr 1975 deutlich ab, aber ebenso eindeutig nahmen die Überfälle auf Geld- und Werttransporte zu.

Gleichwohl scheint für den Top-Terroristen die Geldbeschaffung alten Stils inzwischen zu mühselig zu sein. BKA-Experten glauben, daß RAF und »2. Juni« seit einem Überfall auf das Bremer Bankhaus Neelmeyer im September 1977 (Beute: 500 000 Mark, 1000 US-Dollar, 700 000 Lire) die westdeutschen Banken generell gemieden haben. Statt dessen lief das andere große Geschäft an: Kidnapping.

Vier Spitzenleute der Nach-Meinhof-Generation bis dahin inhaftiert, in Ausbildung in Nahost oder nur Randfigur -- entwickelten 1977 kriminelles Organisationstalent, wie es die Fahnder nicht für möglich gehalten hatten:

* die ehemalige Historik-Studentin Brigitte Mohnhaupt, 29; sie hatte zu-

* Schleyer-Versteck in Erftstadt-Liblar.

sammen mit der Ensslin und der Meinhof »im siebten Stock« von Stuttgart-Stammheim eingesessen und erschien nach ihrer Entlassung im Februar bei den Restkadern im Untergrund mit dem »Befehl«, nun endlich Andreas Baader und Genossen zu befreien;

* die einstige Soziologie-Studentin Gabriele Kröcher-Tiedemann. 27; sie hatte schon beim Opec-Überfall in Wien mitgeschossen (Erdöl Minister Jamani: »Sie sagte lachend zu ihrem Boß: »Ich habe zwei umgebracht"") und setzte nun plötzlich alles dran, ihre im Südjemen erworbene Guerilla-Erfahrung bei neuen Coups finanziell zu nutzen; > die Ex-Kindergärtnerin Inge Viett, 35; sie war mehrmals aus Berliner Haft entflohen und bei Polizisten als die »schießwütigste »2. Juni'-Frau« gefürchtet und bandelte jetzt in der Wiener Szene mit Nachwuchs-Eleven an und schärfte deren Sinne fürs große Geld; > der Kaufmann Rolf Clemens Wagner, 34, neun Semester Volkswirtschaft und Jura ohne Abschluß; er ging, wie sein Jugendfreund Klaus Hessler formulierte, auf die »Suche nach irgendeiner Person oder Institution«, die er »dafür bestrafen konnte«, daß er sich »in dieser Gesellschaft trotz seiner Intelligenz und hohen Ansprüchen kläglich scheitern sah«.

Wagner und Gabriele Kröcher-Tiedemann führten nach Ansicht von Staatsschützern von Anfang an die Regie, als im Sommer 1977 in Wien die Entführung des Wiener Kommerzialrats Walter Michael Palmers ("der Strumpfkönig") geplant wurde. Am 9. November gegen 20.30 Uhr zerrten Inge Viett, die Kröcher-Tiedemann« zwei weitere Terroristinnen und der Österreicher Thomas Gratt den Unternehmer vor seiner Villa in ein Auto, an dessen Steuer der als Bankräuber verdächtigte Christian Möller saß.

Vier Tage später, nach einer Odyssee durch Wiener Cafés, stieg Palmers-Sohn Christian mit einem 34 Kilo schweren »Samsonite«-Koffer voller Lösegeld in der Wiener Domgasse in ein bereitstehendes Taxi. Es war der nun zur Droschke umgerüstete Entführungswagen, der abermals von Müller gesteuert wurde. Ein zweiter Mann im Auto überreichte Christian Palmers einen Brief:

Sprechen Sie den Fahrer nicht an. Legen Sie den Geldkoffer auf den Beifahrersitz ... Wenn das Taxi am Hilton hält, steigen Sie mit dem Duplikat Ihres Koffers, welches sich hinter dem Fahrersitz befindet ... aus. Sie gehen direkt in das Hotel und nehmen sich dort ein Zimmer. Erwarten Sie dort unter dem Namen »Schilling« den Zeitpunkt der Freilassung Ihres Vaters.

Palmers senior kam noch in der gleichen Nacht frei. Wenige Tage später nahm die Schweizer Polizei bei Chiasso Thomas Gratt und einen Begleiter fest; sie hatten 131 000 Schweizer Franken, 69 800 US-Dollar und 500 österreichische Schilling im Auto -- lauter registrierte Geldscheine aus dem Palmers-Kapital. Ein anderer Teil der 4,5-Millionen-Mark-Beute wurde gefunden, als Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller kurz vor Weihnachten 1977 bei Delémont in der Schweiz gefaßt wurden. Peinlich genau hatte die Bandenchefin in einem Notizbuch registriert, wer alles welchen Anteil kassiert hatte.

Zwei andere spektakuläre Lösegelderpressungen wurden 1977 durch polizeiliche Störmanöver vereitelt. Im Frühjahr richtete eine »2. Juni«-Gruppe um Norbert Kröcher, einstiger Ehemann der Gabriele Kröcher-Tiedemann, in Stockholm eine Holzkiste her, in der die schwedische Ex-Ministerin Anna-Greta Leijon gefangengehalten werden sollte. In Kröchers konzipiertem Ultimatum, das bei seiner Verhaftung gefunden wurde, hieß es: »Acht Gefangene, Zeit: vier Tage, plus eine Million in US-Dollar ... eine Hercules abflugbereit.«

Und als im Herbst nach der Schleyer-Entführung Wagner und Brigitte Mohnhaupt 15 Millionen Dollar forderten, um -- so Herold -- »ihre arabischen Mietlinge da in Mogadischu zu bezahlen«, ließ der Bonner Krisenstab den Deal platzen: eine lancierte Agentur-Meldung über die bevorstehende Geldübergabe im Frankfurter »Interconti«-Hotel lockte an die hundert Journalisten sowie zwei Fernsehteams in die Hotelhalle; vor gleißendem Licht und diesen Massen ließen sich Wagners Leute nicht blicken, obschon für den Geldempfang schon allerlei vorbereitet war.

Ein »Herr Risch« (heute steht fest, daß es Wagner war) hatte am Mittag des 13. Oktober am Lufthansa-Schalter in Paris-Orly einen Flug für die Strecke Frankfurt-Paris--Algier---Damaskus-Karatschi gebucht. Das Ticket wurde mit 6075 Francs bar bezahlt und bei der Lufthansa in Frankfurt für Schleyer-Sohn Hanns Eberhard auf den Namen »Schlier« hinterlegt.

Als Schleyer junior vom Hotel aus mit den Kidnappern telephonierte und wissen wollte, wie er denn eigentlich die 130 Kilo schweren Geldkoffer zum Flughafen transportieren solle, riet ihm Wagner ("Ach wissen Sie, um Sie herum stehen doch so viele BKA-Leute"), sich ganz einfach von der Polizei helfen zu lassen: »Den weiteren Transport übernimmt dann dort die Fluggesellschaft.«

Wagner hatte, wie später BKA-Ermittlungen ergaben, einen komplizierten Apparat über Kontinente aufgezogen, um die Polizei seinerseits auszutricksen. Die Zahlenschlösser der drei »Samsonite«-Koffer, so die Forderung der Entführer, sollten auf »000« stehen. Frühzeitig, so nimmt das BKA an, hätte dann ein unter Passagiere oder Fracht-Personal geschmuggelter Terroristen-Helfer die Koffer öffnen und feststellen sollen, ob tatsächlich Geld und nicht etwa Papierschnitzel in den Behältnissen seien.

Ein Dialog eines Unbekannten mit Fluggast Schleyer (vereinbarter Erkennungs-Kode: »Let us save your father«

»We shall save my father") hätte dabei womöglich nur ablenken sollen, um derweil die Zahlenschlösser der Koffer auf Nummern einstellen zu können -- die als Kode wiederum nur einem anderen Terroristen-Helfer, beispielsweise in einem Frachtraum in Karatschi« bekannt gewesen wären. Eine simple Zahl wäre der Schlüssel gewesen, den Koffern irgendwo in Fernost das Geld zu entnehmen.

Wer bei dem Coup eine Hauptrolle spielen sollte, wurde den Ermittlern erst Monate später klar, als sie nach der Verhaftung des Berliner Terroristen Till Meyer und seiner Begleiterinnen in Bulgarien eine Lufthansa-Bordkarte jenes Fluges fanden, zu dem auch für »Herrn Schlier« (Schleyer junior) ein Platz gebucht war. Gesichert wurden auf der Karte die Fingerabdrücke Brigitte Mohnhaupts.

Nicht auszuschließen: Schon als Mitte Dezember 1976 unbekannte Kidnapper in Bayern den Millionärssohn Richard Oetker in eine Kiste pferchten, mit Strom schockten und schließlich gegen 21 Millionen Mark freiließen, war die Stadtguerilla mit im Geschäft.

Mit dem Losegeld von Hotel zu Hotel dirigiert, mußte August Oetker« der Bruder des Gekidnappten, damals die Tausendmark-Noten in einer Kabine der Münchner Bahnhofstoilette in einen leeren Aluminiumkoffer umfüllen. Nach einer Order, die er in einem Schließfach fand, hatte sich der Geldbote dann im Untergeschoß des Stachus neben der Metro-Apotheke zu postieren. Und ehe Bote und seine Polizei-Observanten es sich versahen, öffnete sich hinter August Oetker eine Falle: Eine Hand zog den Alu-Koffer hinter eine graugrüne Metalltür mit Schnappschloß.

Soviel Cleverness mochten manche Fahnder von Anfang an schon nur solchen Terroristen zutrauen, die beispielsweise bereits bei der Berliner Lorenz-Entführung ihr kriminelles Format gezeigt hatten. Und während sich eine »Sonderkommission Oetker« der Münchner Polizei monatelang an dem Fall versuchte, ohne eine ernsthafte Spur zu finden; während später auch eine zweite Ermittler-Gruppe des bayrischen Landeskriminalamts ("Wir fangen noch einmal bei Null an") ohne Ergebnis blieb, stießen BKA-Experten im Fall Oetker inzwischen auf einen merkwürdigen Tatbestand:

Gabriele Kröcher-Tiedemann -- einst durch das Lorenz-Kidnapping mit vier Komplizen aus einem Essener Gefängnis befreit, heute in der Schweiz in Haft -- hatte Anfang der siebziger Jahre eine Zeitlang in Bielefeld gewohnt, der Oetker-Residenz. Sie lebte damals im Nachbarhaus des Oetker-Generalbevollmächtigten Guido Sandler. Andere Parallelen in den vier Entführungsfällen:

Das Behältnis, in dem Oetker junior zwei Tage lang gefangengehalten wurde, wies gleiche Maße und Konstruktionsmerkmale auf wie jene Kiste, in der Norbert Kröcher die Schwedin Leijon einsperren wollte;

* bei der Verhaftung der Terroristinnen Verena Becker und Gudrun Stürmer fand sich in deren Papieren der handschriftliche Vermerk »Oetker«;

* und »einander doch sehr ähnlich« erscheinen Wiesbadener Terroristen-Experten die drei Koffertricks -- mal mit der Stahltür, mal im Taxi, mal auf Karatschi-Flug.

Die Rolle, die Taxifahrer Möller bei der Palmers-Entführung in Wien und auch vorher im Hessischen gespielt hatte, offenbarte den Ermittlern zudem noch andere Zusammenhänge. Nach zwei Banküherfällen in Kassel war Möller am 22. April 1977 zusammen mit der RZ-Nachwuchskraft Ingrid Barabaß in Wetzlar festgenommen worden. Damals, als noch eindeutige Beweise gegen die beiden fehlten, ahnte niemand, daß sich das Paar bald darauf in Wien beim· Palmers-Coup durch Fingerabdrücke in einer konspirativen Wohnung verewigen würde. In Kassel hatten die Täter zuvor Waffen jenes Typs benutzt, die die Bewegung »2. Juni« im September 1974 bei einem Überfall auf das Berliner Waffengeschäft Triebel erbeutet hatte.

Ein Teil dieser Waffen war in einem Depot in Berlin im Tegeler Forst versteckt worden. Als die Polizei im Mai 1977 dort, nahe dem Versteck, den mutmaßlichen Terroristen-Helfer Harry Stürmer festnahm, fand sich auch in dessen Notizbuch der Name »Oetker«, versehen mit einem »M«. BKA-Ermittler sehen darin einen Hinweis auf die Zielperson Richard Oetker, der bei München ("M") lebte.

Eine Million der 21 Millionen Mark Oetker-Lösegeld war nicht registriert; bei den restlichen Valuten im Wert von 20 Millionen sind der Polizei die Geldscheinnummern bekannt. Als nach und nach 17 jener registrierten Scheine in Österreich auftauchten (weitere acht inzwischen in Bayern), stellten Wiesbadens Fahndungsexperten bald auch Überlegungen über jene Systeme der »Geldwäsche« an, die speziell unter Terroristen gebräuchlich sind.

* Bei einer Demonstration der schwedischen Polizei.

»Interpol«-Experten vermuten, daß registrierte »Oetker«-Tausender in Schillinge umgewechselt wurden und daß das Geld seither auf Wiener oder Vorarlberger Banken liegt. Denn Einheimische und Ausländer können an österreichischen Bankschaltern (bei 4,5 Prozent Verzinsung) unter jedem beliebigen Kode-Wort Geld deponieren -- weitaus diskreter als etwa auf Nummernkonten in der Schweiz, wo der Kunde zumindest gegenüber der Direktion seine Identität offenbaren muß.

Eine andere Methode, registriertes Geld zu waschen, praktizierte Kassenwartin Monika Helbing in den Tagen vor der Schleyer-Entführung. Als »Brigitte Ewers« und »Frau Behringer« überwies sie telegraphisch von Hannover aus dreimal je 3000 Mark Reisespesen an einen »Axel Egelsberger« im Hotel »De l'Arbalete« in Genf. Es war in Wahrheit Terrorist Knut Folkerts« der am Tattag, nach Erhalt des Geldes, in aller Frühe per Bahn von Genf nach Köln reiste. Folkerts gilt als Fahrer des VW-Busses, in dem Schleyer verschleppt wurde.

Terroristen tauschen Tausender, von denen sie nicht wissen, ob es Registriergeld ist oder nicht, gerne an den Zentralkassen von Kaufhäusern ein. Ein anderer Trick, so ein Fachmann: »Man überweist heißes Geld per Post an sich selber -- schon ist es gewaschen.«

Nicht registriert waren jene 9360 Francs, 2400 holländische Gulden, 16 Millionen alte jugoslawische Dinar und 17 000 Mark, die Wagner und Komplizen mitnahmen, als Belgrad sie letztes Jahr wieder laufen ließ: Das Geheimnis um jene Gelder ist noch nicht gelüftet. Nicht registriert auch waren zum Beispiel die 3100 Mark in Zehn- und Fünfmarkscheinen fortlaufender Serien, die Angelika Speitel Ende September nach einer Schießerei bei Dortmund in der Tasche trug. Weil die Bundesbank bis dahin noch nicht Buch darüber führte. welche Serien neuen Geldes sie an welche Banken liefert, konnte das BKA die Herkunft der Scheine nicht einmal mehr annähernd zurückverfolgen.

Wo Klar und Monika Helbing, die zuletzt in einer konspirativen Wohnung in Düsseldorf-Oberbilk Fingerspuren hinterließ, ihre große Quelle haben, ist den Ermittlern so und so ein Rätsel. Staatsschützer in Wiesbaden zweifeln daran, ob, wie Ex-Terrorist Hans-Joachim Klein in einem SPIEGEL-Gespräch enthüllt hatte, heute immer noch ein monatlicher 3000-Dollar-Zuschuß der radikalen Palästinenser-Organisation »PFLP« an die westdeutschen RZ-Gruppen fließt. Eher halten BKA-Experten, die das Geflecht aus Geld und Gewalt observieren, den Klein-Hinweis auf eine »Hütte von den RZ in den italienischen Bergen« für eine Spur: »Ist da auch die Kasse vergraben?«

Geldbotin Gudrun Stürmer kam aus Norditalien an den Sonnenstrand. und die Tausender in ihrer Tasche -- eigenartigerweise ungewaschen -- stammten aus dem Palmers-Coup. Irritierend für die Polizei blieb bis heute auch, warum Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller vor ihrer Verhaftung mit Palmers-Geld im Gepäck mehrfach die französisch-schweizerische Grenze passierten

In Dijon und Lyon stiegen die beiden in Hotels ab und mieteten Autos. Dann wieder wurden sie in Zürich gesichtet, auch im Jura.

Ein Fahnder wundert sich immer noch: »Wieso sind sie das heiße Geld denn nicht losgeworden?«

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