Zur Ausgabe
Artikel 6 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Hausmitteilung 26. März 1984 SPIEGEL Moskau

aus DER SPIEGEL 13/1984

Frühling in Moskau: Für Freitag, den 23. März, 11 Uhr, war SPIEGEL-Korrespondent Andreas Lorenz, 31, in die Presseabteilung des Moskauer Außenministeriums am Subowskij-Boulevard bestellt, ein Übersetzer war mitzubringen. Anwesende: AA-Sektionsleiter Wiktor Semjonowitsch Butjaew, sein Mitarbeiter Pjotr Menschikow sowie ein Herr Wagin. Grund der Einladung: Diktat einer Beschwerde. Lorenz und sein Übersetzer hatten zu notieren:

»Uns wurde die Tatsache bekannt, daß Sie die Normen des Benehmens eines ausländischen Korrespondenten in der UdSSR grob verletzt haben, indem Sie am 6. Februar dieses Jahres die Wohnung einer Privatperson besucht haben mit dem Ziel, ein Interview zu bekommen. Solch ein Benehmen kann man nicht anders auslegen als einen taktlosen Ausfall, der an eine Provokation grenzt, als eine Handlung, die die Ehre eines Sowjetmenschen beleidigt, als Versuch, dessen Recht auf Unantastbarkeit der Wohnung zu verletzen, das in der Verfassung der UdSSR verbrieft ist.« Eine Wiederholung sei »unzulässig«, strenge Verwarnung. Punkt.

Die »Privatperson«, die Lorenz am 6. Februar aufgesucht hatte, ist ein Pensionär: Dmitrij Trofimowitsch Schepilow, 78, von 1956 bis 1957 Außenminister der UdSSR, Mitglied der Fraktion, die 1957 gegen Chruschtschow revoltierte.

Für einen geplanten Bericht über alte Kämpen der KP wie Molotow, Malenkow und Kaganowitsch, die alle noch in Moskau leben, hatte Lorenz den Veteran aufgesucht - ohne Anmeldung, denn ein ehemaliger Außenminister hat in Moskau nicht unbedingt Telephon. Die Adresse, Stepan-Suprun-Straße 4/10, Wohnung 173, ist gleichwohl in jedem Auskunftsbüro Moskaus erhältlich.

Lorenz: »Ich stellte mich als 'Korrespondent des SPIEGEL' vor. Schepilow bat mich in den Flur. Er kenne den SPIEGEL, 'eine sehr angesehene Zeitung'. Meine Bitte um eine Unterhaltung lehnte er ab. Wir verabschiedeten uns freundlich.«

Reporter-Arbeit wie im Westen üblich - in Moskau eine »Provokation«? Auf die Frage von Lorenz an die Sowjetbeamten, wen er denn ohne Genehmigung besuchen könne, lautete die Antwort: »Uns tut sehr leid, daß wir erklären müssen, was sittlich ist im Benehmen eines ausländischen Korrespondenten und was nicht.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 6 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel