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27. MAI 27. JuIi

aus DER SPIEGEL 23/1959

Am Tage, an dem der Dritte Weltkrieg beginnen sollte, wurde John Foster Dulles im Mahagonisarg zu Grabe getragen. Ein Ehrensalut und drei krachende Gewehrsalven, deren Echo sich zwischen den sanften Rasenhügeln von Washingtons Nationalfriedhof Arlington verfing, waren die einzigen Schüsse, die an diesem Maimorgen die Welt bewegten.

Der 27. Mai, Termin des sogenannten Berlin-Ultimatums der Sowjets, werde »ein ganz gewöhnlicher Tag auf dem Kalender« sein, hatte 24 Stunden zuvor ein Sprecher der Sowjetbotschaft Unter den Linden erklärt. »Der 27. Mai wird ein Tag sein wie jeder andere«, prophezeite gleichzeitig Westberlins Bürgermeister Willy Brandt.

Und in der Tat: Während am rechten Ufer des Potomac ein Stabs-Trompeter der US-Armee einen letzten, wehen Zapfenstreich für den toten Außenminister geblasen hatte, erwarteten am Ufer der Spree Berlins Jazz-Fans ein Trompeten -Solo von Louis ("Satchmo") Armstrong. In Bonn bastelte Königsmacher Krone ehrlich und unverdrossen wie seit Wochen an der ungeklärten Kanzlernachfolge, der Buckingham-Palast dementierte, daß Prinz Philip auf der Blumenschau von Chelsea eine Sprühanlage in Tätigkeit gesetzt und dadurch zwei Bildberichterstatter völlig durchnäßt habe, und der Wetterbericht meldete: »Zwischen dem Hoch westlich der Britischen Inseln und einem Tief über Westrußland strömt weiterhin kältere Luft nach Mitteleuropa ein.«

Bundeswirtschaftsminister Erhard eröffnete an jenem Mittwoch die Handwerksmesse in München ("Wir Deutschen wollen keine Termiten und keine Roboter sein"), das Hilton-Hotel in Berlin seinen Dachgarten »El Panorama«. Im Grunewald ballerten amerikanische Rekruten mit Platzpatronen, in Tirana schwatzte Nikita Chruschtschew mit albanischen Genossen über Raketenbasen und Maisanbau, in Washington stand sein Außenminister Gromyko an der Seite Konrad Adenauers, den zwei Nummern zu großen Homburger in der Hand, befehlsgemäß trauernd an der Bahre des großen Toten.

Von allen sechs Außenministern; die sich zwei Wochen zuvor am Genfer See versammelt hatten, war während der Begräbnispause nur der trotz seiner schwarzen Anzüge noch immer nicht ganz gesellschaftsfähige sowjetzonale Lothar Bolz in Genf geblieben, als müsse er nachsitzen.

Doch so lächerlich sich das vereinsamte Mopsgesicht in der Eidgenossenschaft an diesem Tage auch auf den ersten Blick ausnehmen mochte -: Bolz, den Außenminister seiner mitteldeutschen Militärprovinz, eben dorthin zu bugsieren, war vor einem

halben Jahr unter anderem das erklärte Ziel des Kreml, als er mit dem sogenannten Berlin-Ultimatum die freie Welt in Angst und Schrecken scheuchte.

So hektisch die vierzehn Nato-Alliierten damals rotierten, so beruhigt ließen sie sich inzwischen wieder in ihren Faulbetten nieder. Anfangs, als Chruschtschew seinen Vorschlag von einer »Freien Stadt« Berlin machte, den er selbst ausdrücklich als »kein Ultimatum« bezeichnete, fuhr Macmillan mit Pelzmütze nach Moskau, schmiedeten Adenauer und de Gaulle in Bad Kreuznach eine Achse gegen die Aufweichung, suchte der vom Tode gezeichnete Welt-Außenminister Amerikas vergeblich, auf seinem letzten Flug die Einigkeit der Verbündeten wiederherzustellen.

In Deutschland trieb die Berlin-Psychose groteske Blüten.

»Wir bedauern«, so hieß es damals in einem Schreiben eines Haushaltsgeräte-Produzenten aus dem Ruhrgebiet an einen Westberliner Kunden, »Ihnen mitteilen zu müssen, daß Lieferungen nach Berlin wegen der bekannten Umstände nur noch gegen Vorkasse möglich sind, weshalb wir Sie höflichst um Überweisung des Rechnungsbetrages bitten müssen.«

400 Pressekorrespondenten waren bei Ankündigung des »Ultimatums« nach Berlin gereist und warteten umsonst darauf, daß irgend etwas geschehe. Der Ostmarkkurs erreichte in jenen Tagen den höchsten Stand des Jahres. Seit März wurden Waren im Werte von 1,6 Milliarden Mark in die Stadt geschleust; heute ist die Bevorratung Berlins auf ein Jahr gesichert. Bonn bewilligte 9 Millionen für Berlin -Propaganda - wem immer diese Summe auch zugute kommen mochte.

Drei Jahre, nachdem die rheinischen Karnevalisten den Weltuntergang auf Ende Mai festgesetzt hatten, nahmen sich Westdeutschlands

Zeitungs-Philosophen mit der ihnen eigenen Lust am Untergang dieses Termins an.

Noch Ende Februar orakelte Hans Zehrer in der »Welt": »Am 27. November detonierte das Geschoß des sowjetischen Ultimatums, das bisher in keiner Weise zurückgenommen wurde, obwohl viele im Westen am Werke sind, sich und uns das Gegenteil einzureden.«

Im Gegensatz zu solchen Meditationen blätterten die Russen nonchalant im Kalender. »Ein paar Stunden mehr, ein paar Monate mehr ... hatte Einkäufer Mikojan schon Ende vergangenen Jahres bei seinem Ausflug nach Amerika leichthin gesagt. Und sein Chef, Chruschtschew, ließ bei einem Besuch in Leipzig einfließen, wenn ernsthaft verhandelt würde, könnten die Sowjets auch »den 27. Juni oder den 27. Juli« als Stichtag ins Auge fassen.

Obgleich nun seit Anfang Mai von den Außenministern der Großmächte in Genf ernsthaft verhandelt wird - ohne Kriegsdatum, aber unter sehr viel sichtbarer gewordenen Gefahren -, hat der wohlig gepflegte Mythos vom »27. Mai"* seine Wirkungen auf die Berliner und auf ihre mit ihnen ebenso verbundenen wie verängstigten Brüder im Westen nicht verfehlt.

Seit Anfang Dezember sind über 3000 Familien von Berlin nach Westdeutschland verzogen - fast dreimal soviel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Spareinlagen in der verhinderten Hauptstadt sanken um 32 Millionen Mark von 1,063 auf 1,031 Milliarden Mark. Noch in der vorletzten Woche tagten an der Spree nicht weniger als sieben Kongresse:

- 8. deutscher Kongreß für ärztliche Fortbildung;

- Pharmazeutische und medizinisch-technische Ausstellung;

- 32. deutscher Geographentag;

- 14. deutscher Soziologen-Kongreß;

- Bundesparteitag der FDP;

- Gesamtdeutsche Kirchenmusiker -Tagung;

- Durchreise der Damen-Oberbekleidungs -Industrie.

Doch schon für den Soziologen-Kongreß hatte eine Charter-Maschine zur Abreise bereitgestanden. Und die Durchreise der Damenoberbekleider, offiziell vom 19. Mai bis zum 10. Juni terminiert, wurde eine Woche früher als vorgesehen eröffnet und war praktisch am 26. Mai beendet. Zwei Drittel der westdeutschen Firmen hatten an jenem Tag Einkäufer und Mannequins aus der Frontstadt abgezogen.

Zwar hatte Antony Trerry, Korrespondent der »Sunday Times«, sanft übertrieben, als er von dem »größten Exodus« seit der Blockade und von einem westwärts rollenden, ununterbrochenen Autostrom auf der Autobahn berichtete. Immerhin zeichnete sich der Ultimatums-Einbruch deutlich sichtbar in den Gästebüchern der großen Hotels ab; sie hatten bis zu einem Drittel weniger Umsatz als im gleichen Monat des vergangenen Jahres.

Nur die wackeren Streiter des »Internationalen Presseinstituts« tagten an dem ominösen Datum selbst in Berlin. Schon so hervorragende Einheits-Kämpen wie die Hamburger Groß- und Mittel-Verleger Axel Springer und Gerd ("Buzi") Bucerius hatten sich indes für ihr Auftreten in der Viersektorenstadt Termine gewählt, die unmittelbar vor oder nach dem 27. Mai lagen.

Zwei Tage vor dem Stichtag legte Zeitungszar Axel Springer, das Brandenburger Tor über dem Herzen, mit drei Hammerschlägen (Springer: »Einigkeit und Recht und Freiheit") auf dem alten Scherl -Gelände an der Ostsektorengrenze den Grundstein zu einem neuen »geistigen Zentrum« seiner Verlags-Produktion ("Die Welt": »Nur der Funkturm ist höher") und verriet dabei, daß er sich dem Erbe Gustav Stresemanns verpflichtet fühle. Darauf die dritte Strophe des Deutschland-Liedes, gesungen und geblasen.

Zwei Tage nach dem 27. Mai machten die vereinigten »Stern«- und »Zeit« -Mannschaften des christdemokratischen Bundestagsabgeordneten Buzi Bucerius einen zweitägigen Betriebsausflug an die Spree. Daß ihm für Berlin kein Opfer zu groß scheint, bewies er, indem er den Betriebsausflug trotz Bedenken manch westdeutscher Sekretärin-Mutter über Nacht ausdehnte.

Die Berliner, von der allgemeinen Psychose am wenigsten berührt, rüsteten sich am Wochenende zum Vorrundenspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft ihres Lokalmatadors Tasmania 1900 gegen den HSV. Und »Die Berliner Stimme«, offizielles Wochenblättchen der SPD, kündigte eine sozialistische Großveranstaltung neuen Typs an: »Kabarettisten antworten Chruschtschew: Am 30. Mai ist kein Weltuntergang. Berliner lachen sich frei ... Mit Mona Baptiste, Bully Buhlan u. v. a. ... Schirmherrschaft: Willy Brandt.«

Kaum waren Dulles und das Ultimatum beerdigt, da hatte das freie Deutschland zu seinen wahren Werten und Gewohnheiten zurückgefunden.

* Die Deutschen sind die Erfinder der Todes -Kilometersteine, an denen die Autos, der Lorelei, an der die Schiffer verunglücken, und der Schicksalstragödien, In denen ein bestimmtes Datum ("Der 29. Februar« von Adolf Müllner und »Der 24. Februar« von Zacharias Werner) Tod und Verderben bringt.

Hamburger Echo

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