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Rolf Becker 47 AUCH NOCH 74

Von Rolf Becker
aus DER SPIEGEL 20/1966

Die Gruppe 47, so meldete Joachim Kaiser von der Tagung in Princeton, gehöre »zu den Institutionen, auf deren Ende man sich vorbereiten soll«.

Es wäre zu schön. Aber wir mögen der frohen Botschaft noch nicht trauen, zu oft schon haben sich solche Verheißungen dann doch als leer erwiesen.

Warum auch sollte es mit der Gruppe zu Ende gehen? Weil sie »in Untergruppen auseinanderzufallen beginnt, weil die Arrivierten sich nicht mehr aussetzen, weil die Trennung zwischen Kommerzialität und Arbeitstagung nicht mehr gegeben scheint« (so Kaiser in der »Süddeutschen")?

Weil die Gruppe »immer mehr von einem lockeren ... Man-weiß-nicht was zu einer Organisation« wird, weil »ihre ursprüngliche Aufgabe - daß sich ein paar Schriftsteller in einer Null-Situation ... der äußersten Unsicherheit gegenseitig helfen, zu sich selber zu finden - längst überholt ist« (so Dieter E. Zimmer in der »Zeit")?

Weil »die Tagungsriten versteinert« sind, weil die Kritik zur »Selbstfeier« geworden ist - »dreiviertel Stunden Seminarjargon auf einen dünnen Text« - oder weil »an schonenden Kritiken für gewisse Arrivierte die Cliquenwirtschaft zu spüren« ist (so Sabina Lietzmann in der »FAZ")?

Gewiß, da sind schon ernst zu nehmende Einwände. (Man muß die Gruppe ja nicht gleich, wie jetzt Robert Neumann in »Konkret«, für einen »literarischen Klüngel« von »überjährten Wunderkindern mit ergrauenden Schläfen«, »Würstchen«, »Manipulanten« und »Spezis« halten, die »mit schwindendem Rückhalt im Inland beginnen, Auslands-Geschäftsreisen zu organisieren« - das geht etwas zu weit.)

Aber auch der Vorwurf von Alfred Andersch, kürzlich im »Merkur«, die Gruppe 47 habe sich »mittlerweile von der Regierung eines fremden Landes (Schweden, 1964) einen offiziellen Empfang geben lassen und damit der Regierung des unseren deutlich zu verstehen gegeben, was sie wünscht: Offiziosität, nicht Opposition« - auch diese Unterstellung eines Mitgründers der Gruppe wird die Gruppe überstehen.

Im Gegenteil: »Der Gruppe 47 tut das Ausland gut. Sie wächst in die Rolle einer deutschen Repräsentanz hinein« (so Erich Kuby im SPIEGEL).

Und wie sie Deutschland repräsentiert! Sie wird, mit allen Füßen und Fingern fest im Establishment, immer mehr zu einer Organisation, sie hält an »Tagungsriten« fest wie Bonn an der Hallstein-Doktrin, und ihre Amerikafahrt zeigt schon Züge eines echten Betriebsausflugs: »mit Damen«. Ohne die, so wurde den amerikanischen Einladern mannhaft bedeutet, geht die Chose nicht.

Die Gruppe hat es weit gebracht. Sie beherrscht die Technik, unter sich zu sein und doch alle Welt davon wissen zu lassen. Sie läßt sich nur von Familienmitgliedern (Frau Richter, Frau Höllerer) photographieren und am liebsten von gruppeneigenen Journalisten beschreiben: Die »FAZ«-Korrespondentin Sabina Lietzmann, so hört man, wurde von Richter zur Princeton-Tagung erst auf Intervention von Günter Graß zugelassen.

Nein, ein Verein, der derart bereits einer ostdeutschen Landsmännschaft zu ähneln beginnt, kann einfach nicht untergehen. Da mag er noch so veralten, den Speck der Macht ansetzen, hinter den individuellen Leistungen seiner besseren Mitglieder allzuweit zurückbleiben.

Sein größter Zampano, Günter

Graß, hätte ihn ja nicht nötig, und dem Professor Walter Höllerer, »Schnittlauch auf allen literarischen Suppen« (Robert Neumann), blieben wohl, würde die Gruppe 47 geschlossen, noch etliche Literarische Colloquien zur Hand. Zwar, die Jungen müßten ohne publizistische Vorgabe ("hat schon bei der Gruppe 47 gelesen") starten. Doch so wie die Dinge heute liegen, könnten sie's.

Aber was würde aus den älteren Gruppenangestellten, die nicht mehr so recht hinten hoch können? Wo sollten die Gruppenkritiker ihre »Bravourarien« (Lietzmann) absingen? Wer würde dem Professor Walter Jens lauschen, wenn er wieder mal beweisen will, daß er auch dichten kann? Und was sagen überhaupt die Damen unserer Dichter dazu - die würden ihr jährliches geselliges Beisammensein schön vermissen!

Schließlich jedoch und vor allem: Was sollte wohl ohne die Gruppe 47 aus Hans Werner Richter werden? Noch ist er »von den Schriftstellern, die nicht schreiben; der bekannteste« (so Gerhard Zwerenz in »Pardon").

Nein nein, da beißt die Maus keinen Faden ab: Die Gruppe 47 wird auch noch 74 leben. Sie wird, wie Jack Kramers Tenniszirkus, mit ihren Riten um die Welt reisen, von immer anderen Ausländern bestaunt wie das deutsche Subventions-Theater.

Richter wird, wenn auch zunehmend zittriger, weiterhin das Glöckchen läuten, nächstes Jahr in Moskau, übernächstes vielleicht in Peking - wie stets natürlich in strenger Klausur, aber doch mit größtmöglicher Publizität.

Und am Ende wird sich immer noch mindestens sagen lassen, was Dieter E. Zimmer über die 47er in Princeton schrieb: »Am Ende hatte sich der Ausflug sogar noch als nicht völlig absurd erwiesen ...«

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