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50000 für die Heilsarmee

aus DER SPIEGEL 29/1949

Was du jetzt sehen wirst, ist keine müßige Geschichte von Menschen, die nie existiert haben oder von Dingen, die unmöglich geschehen konnten. Es ist eine Parabel. Keine Angst, sie wird dich nicht langweilen!«

George Bernard Shaw schrieb diese Vorspannworte zu der Verfilmung seines Stückes »Major Barbara«. Er behielt recht. Das deutsche Premierenpublikum in der »Kino-Lichtburg« in Düsseldorf unterhielt sich gut bei »Major Barbara«.

Shaw gibt einen Vergleich zwischen Heilsarmee und Rüstungsfabrik. Es ist ein Gleichnis um den wahren Sozialismus ohne Doktrin.

Heilsarmee-Majorin Barbara spielt Wendy Hiller, schlagfertig, klug und liebenswürdig. Die Majorin ist die Tochter des Rüstungsindustriellen und Multimillionärs Andrew Undershaft. Sie glaubt, den wahren Sozialismus gebe es nur in der Heilsarmee.

Geschichtsprofessor Cusins, ein Freidenker, schlägt aus hoffnungloser Verliebtheit zu Barbara heftig auf die Trommel der Heilsarmee.

Barbaras Vater, der seit zwanzig Jahren von der Familie getrennt lebt, hält nichts davon. »Man soll den Menschen Arbeit und nicht Almosen geben«, ist seine Devise.

Der Millionär stiftet 50000 Pfund für die Heilsarmee. Barbara begreift nicht, wie die Generalin das Geld annehmen kann, das durch Blut und Krieg verdient wurde. Sie verläßt die Heilsarmee und verlobt sich mit Cusins.

Bei einer Besichtigung der väterlichen Musterfabrik sehen Barbara und Cusins Undershafts Art von Sozialismus: luftige Wohnsiedlungen mit Kinderplätzen und Schwimmbädern.

Cusins übernimmt das Undershaftsche Erbe. Er will mit dem Rüstungswerk den Krieg bekämpfen. Durch Friedensproduktion.

Hinter dem glücklichen Schluß ließ Shaw ein Fragezeichen stehen. Jeder nahm aus dem Film das Seine mit nach Haus: die einen sahen darin einen Sieg der Heilsarmee, die anderen hielten den Film für sozialistisch. Es gab sogar Zuschauer, die einen Triumph des Kapitalismus in dem Film sahen.

Irlands großer Sozialkritiker sei reichlich offenherzig, fand die britische Film-Section, als Hamburgs Lloyd-Film die synchronisierte Fassung zur Genehmigung vorlegte. Bezeichnungen wie »Quatschbude« für das englische Unterhaus gingen der Filmkontrolle zu weit für die junge deutsche Demokratie. Lloyd-Film wußte Rat. Die Gesellschaft schickte den Synchronisierungstext an Shaw persönlich. Der alte Spötter gab sein o. k. Gegen Shaw konnte die Filmkontrolle nichts machen.

Regisseur Gabriel Pascal, der einzige Filmmann, der Shaw verfilmen darf, machte aus dem Film eine Satire bis ins kleinste Requisit, von Undershafts überdimensionaler Musterfabrik bis zum Spinett, auf dem der Kanonenkönig in seiner Freizeit spielt.

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