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PRESSEFREIHEIT »62 Journalisten umgebracht«

Der tadschikische Herausgeber und Redakteur Dododschon Atowullojew über seine Verhaftung in Moskau und die verschärfte Jagd auf Journalisten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion
aus DER SPIEGEL 29/2001

Atowullojew, 45, gründete 1991 »Tscharogi Rus« (Tageslicht), die erste private Zeitung in Tadschikistan. Er floh später ins Moskauer Exil und ist seit Mai Stipendiat der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Während einer Reise zu seiner Mutter nach Usbekistan wurde er in Moskau verhaftet. Internationale Proteste führten Mittwoch voriger Woche zu seiner Freilassung. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Herr Atowullojew, in Moskau in Haft zu sitzen, vor der Tür ein Kommando des tadschikischen Geheimdienstes, das Sie wegen »Beleidigung des Präsidenten« nach Duschanbe bringen will, und doch noch den Sprung zurück nach Deutschland zu schaffen - das grenzt an ein Wunder.

Atowullojew: Es war leichtsinnig. Ich wusste, dass Präsident Rachmonow nach mir fahnden lässt. Aber ich war überzeugt, dass Russland mich nicht antasten würde. Ich fürchtete eher, die tadschikischen Machthaber würden mich »inoffiziell«, also mit Hilfe von Banditen, aus dem Weg räumen.

SPIEGEL: Eine weit verbreitete Methode in den Staaten der Ex-Sowjetunion.

Atowullojew: Wahrhaftig. Drei Tage vor meiner Festnahme war der Bürgermeister von Duschanbe in Moskau und hat Druck gemacht - ein enger Freund des Präsidenten, mit Hausarmee, viel Geld und gewaltiger Macht, der die Rauschgiftkanäle in Tadschikistan kontrolliert und alle wichtigen Posten besetzt.

SPIEGEL: Sie waren ohne Probleme über Moskaus internationalen Flughafen eingereist und wurden erst vor dem Weiterflug verhaftet. Eigenartig.

Atowullojew: Es war anders geplant. Die Tadschiken selbst sollten mich festnehmen, hatten mich aber zu anderer Zeit erwartet. So fiel ich der russischen Polizei in die Hände, die mich auf der landesweiten Fahndungsliste fand: Männer mit Maschinenpistolen, die mir kräftig in den Magen traten und Handschellen anlegten.

SPIEGEL: Wie kamen Sie nach sechs Tagen wieder frei?

Atowullojew: Ein Vertreter der russischen Generalstaatsanwaltschaft erschien - mit einer neuen tadschikischen Anklage. Die stempelte mich zum Terroristen: Ich hätte in Duschanbe bei Sprengstoffattentaten und Morden mitgewirkt. Das ist das Ende, dachte ich. »Ein ernster Fall«, sagte der Beamte, verkündete dann aber feierlich, ich würde »dank unseres Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin« freigelassen. Man stopfte mich in die nächste Maschine Richtung Deutschland, sie ging nach Düsseldorf.

SPIEGEL: Sie waren bereits im Hungerstreik. Was wäre passiert, hätte man Sie nach Tadschikistan gebracht?

Atowullojew: Die hätten mich lange gepeinigt und dann wohl bei einem Fluchtversuch erschossen. Der Chef des tadschikischen KGB hat vor Zeugen von seinem Traum gesprochen, »Dododschon mit eigenen Händen zu erwürgen«.

SPIEGEL: So viel Hass auf einen Journalisten?

Atowullojew: Seit 1992, als der Sowchos-Direktor Rachmonow an die Macht kam, wurden 62 Journalisten umgebracht. Die Führung hat blutige Säuberungen vorgenommen. Mir nahm man Haus, Büro, Archiv und Bibliothek, ich flüchtete mit leeren Händen nach Moskau.

SPIEGEL: Sie prangern mit Ihrer Zeitung die »völlige Afghanisierung Tadschikistans« an. Dabei herrscht nach dem Bürgerkrieg offiziell Frieden in Ihrem Land.

Atowullojew: Radio und Fernsehen fordern gar den Friedensnobelpreis für Rachmonow. Aber dies ist inzwischen ein kriminelles Land. Angeblich kämpft die Führung gegen islamische Fundamentalisten, hat sich jedoch mit ihnen die Macht geteilt. Gemeinsam rauben sie das bitterarme Land aus, teilen sich ausländische Kredite, Hilfsgüter und Erlöse aus dem Rauschgifthandel.

SPIEGEL: Wie können Sie unter solchen Bedingungen Ihr Blatt verbreiten?

Atowullojew: Wir drucken jetzt im Baltikum. Die Zeitung wird privat verteilt, kopiert, in Moscheen gelesen. Alle anderen Medien sind gleichgeschaltet, ich habe aber Exklusivinformationen aus dem engsten Zirkel der Macht.

SPIEGEL: Offiziell wurden Sie vom »Komitee zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität« der GUS gesucht. Bahnt sich da eine Allianz ehemaliger Sowjetrepubliken an, die Journalisten kriminalisieren will, um sie mundtot zu machen?

Atowullojew: Natürlich. Putins Angriff auf den Moskauer Fernsehsender NTW war ein Signal für andere Machthaber, gegen freie Medien vorzugehen und kritische Journalisten zu »Staatsfeinden« zu erklären. Die »Schnelle Eingreiftruppe«, die Russland und zentralasiatische Staaten wie Tadschikistan jetzt zum Kampf gegen Terroristen gegründet haben, ist gleichzeitig ein Mittel, Oppositionelle auszuschalten.

SPIEGEL: Putin, immerhin, hat Ihre Freilassung erwirkt ...

Atowullojew: Ja, aber doch nur, weil er als guter Demokrat dastehen wollte und unter dem gewaltigen Druck der öffentlichen Meinung, der OSZE und solcher Politiker wie Außenminister Joschka Fischer. Das war endlich ein klares Signal für Potentaten wie Rachmonow.

SPIEGEL: Sie vermissen größeres Engagement des Westens?

Atowullojew: Wir brauchen mehr Rückhalt. Die OSZE hat die letzte Wahlfarce in Tadschikistan akzeptiert, warum? Das Regime überlebt nur durch ausländische Kredite und kämpft verzweifelt um ein besseres Image. Es reagiert sehr schnell auf Druck, das sollte der Westen nutzen.

INTERVIEW: CHRISTIAN NEEF

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