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68er an die Macht

Joschka Fischer und Gerhard Schröder, Straßenkämpfer und Altjusos auf dem Marsch in die Berliner Republik. Von Reinhard Mohr
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 11/1998

Einer hüllte sich tagelang in Schweigen, obwohl er der zweite große Sieger der Niedersachsen-Wahl war: Joschka Fischer, der designierte Vizekanzler einer rot-grünen Bundesregierung - die Erfüllung eines Lebenstraums auch für ihn. Mag sein, daß er, wie einst Franz Beckenbauer nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1990, erst einmal ganz allein und still den Triumph genießen wollte, um sich des einzigartigen Augenblicks zu vergewissern. Demnächst also: Schröder/Fischer statt Kohl/Kinkel. Wächst auch da zusammen, was zusammengehört?

Wenn es bei der Bundestagswahl am 27. September tatsächlich zum Ernstfall kommen sollte, dann übernimmt, pünktlich zum 30jährigen Dienstjubiläum der Revolte von 1968, die Generation von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, von Apo und Woodstock die politische Macht an Rhein und Spree, dann vertreibt Uschi Obermaier Juliane Weber aus dem Kanzleramt.

Bleibt die Frage: Handelt es sich dabei um einen ganz normalen Generationswechsel an der Spitze des Staates - auch Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl zogen gut 50jährig ins höchste Regierungsamt ein - oder um die verspätete Rache der 68er für die Demütigung durch die schier endlose Ära Kohl? Kommen die Ex-Straßenkämpfer, Alt-Jusos und sitzkissenerprobten Friedensaktivisten also, wie die »Berliner Zeitung« mutmaßte, als anachronistische Wiedergänger, als Untote und Zombies einer spätestens 1989 schmählich untergegangenen Epoche an die Macht, nur um ihre eigene spießige »Kohl-Welt« von links zu etablieren, diesmal rot-grün getüncht statt schwarz-gelb: »Emanzipations-Nippes« statt Vaterlands-Rhetorik?

Tatsächlich hat die sozialdemokratische Enkel-Generation - weder Schröder noch Lafontaine kämpften ''68 auf den Barrikaden und sind doch kulturell geprägt von dieser aufregenden, revolutionären Epoche - jetzt die letzte Chance, in die Bundesministerien und ins Kanzleramt zu gelangen. Und natürlich geht es auch um die machtstrategische Vollendung eines Generationsprojekts namens »Kohl muß weg«.

Weder in Frankreich noch in England würde dem Generationen-Aspekt eines mit Spannung erwarteten Regierungswechsels derart große Beachtung geschenkt. Doch in Deutschland ist »1968« zu einem quasinationalen Gründungsmythos geworden und mit ihm die Generation, die die offene Straßenschlacht wiederentdeckte, die freie Liebe und das intensive Beziehungsgespräch in der Wohngemeinschaft.

So werden in Deutschland die runden 68er-Jahrestage begangen wie anderswo siegreiche Feldzüge oder die Abschaffung der Monarchie. Inzwischen ist fast jeder »irgendwo« ein alter 68er, und längst sind sie überall in der Gesellschaft an den Schaltstellen angelangt - in der Werbung

* Als Darsteller im Film »Va Banque«.

und in den Medien, in Politik und Kultur, an den Universitäten sowieso und auch in der Wirtschaft, wo sie sich beim »Follow-up-Coaching« das allerneueste Konzept des »Business Reframing« anhören. Sie pflegen das Andenken der großen alten Zeit und vollenden ihre Karriere. In der SPD haben sie nun allein das Sagen. Die 78er, die gut 40jährigen, haben hier nichts zu melden.

Schlägt das Imperium der Mick-Jagger-Fans jetzt zurück? Tatsächlich hat die Toskana-Fraktion der angeblich hedonistischen Brandt-Enkel von Lafontaine bis Engholm ungezählte Chiantis herunterspülen müssen, bis sich das Blatt zu wenden begann. Eigentlich waren sie alle zusammen längst als notorische Gurken- und Verlierertruppe gebrandmarkt: als Westentaschen-Egomanen, passionierte Weintrinker und hochehrgeizige Juso-Häuptlinge außer Diensten, denen seit den »antikapitalistischen Strukturreformen« der siebziger Jahre nichts wirklich Originelles mehr eingefallen war.

Gewiß, mit ihrer zur Schau gestellten postmateriellen Nachdenklichkeit, mit Betroffenheitsrhetorik und ausgefeilter »Streitkultur« prägten sie das gesellschaftliche Klima der späten achtziger Jahre durchaus mit.

Auf dem Hintergrund von Öko- und »Dritte Welt«-Läden, von Frauen- und Friedensbewegung profilierte sich ein vergleichsweise sanfter Überredungsdiskurs, den Björn Engholm geradezu kongenial verkörperte. Stets war er »ein Stück weit« irritiert, aber auch bewegt von den Dingen, die man »irgendwie« zusammenbringen mußte, damit sich niemand »ausgegrenzt« fühlte - bis es ihn selber traf.

Es war die Zeit der Katastrophenszenarien von Atomkrieg bis zum Ozonloch, aber auch der ästhetischen Postmoderne - eine Phase relativ unbedrängten Wohlstands, in der die Angst vor Umweltzerstörung größer war als die vor Arbeitslosigkeit.

Während die sozialdemokratischen 68er die vermeintlich weichen Zukunftsthemen besetzten, beherrschte Kohl die harte Gegenwart. Alle Häme über das »pfälzische Gesamtkunstwerk« (Fischer), alle systemkritischen Parteisymposien, Fachtagungen, Strategiepapiere, Grundsatzprogramme und Zukunftsfolgenabschätzungskommissionen der SPD änderten nichts an dieser Aufgabenverteilung, auch wenn die Enkel Schritt für Schritt die Staatskanzleien der SPD-regierten Bundesländer eroberten.

Doch allmählich schälte sich eine merkwürdige Dialektik heraus: Die von Kohl angekündigte »geistig-moralische Wende« zerstäubte im Alltag der pluralistischen Gesellschaft, und die Juso-Utopien einer Alternative zum »staatsmonopolistischen Kapitalismus« vergilbten im Licht der sozialökonomischen Tatsachen.

Die Wirklichkeit, die in Deutschland traditionell einen schweren Stand hat gegen all die schönen Ideen und großen Wahrheiten, setzte linken wie rechten Ideologien nachhaltig zu. Der Realitätsschock kam in kleinen, homöopathischen Dosen, doch er wirkte: hier als Liberalisierung, ja »Amerikanisierung« der Sitten und Gebräuche (auch ein Erbe der antiautoritären Impulse von ''68), dort in Form eines wachsenden Pragmatismus, der ohne transzendenten Sinn der Geschichte auskommt, sogar ohne den »Orientierungsrahmen ''90« der SPD.

Unter Kohls Regentschaft wurden viele aus der 68er-Generation zu Verrätern an ihren alten Idealen und konnten doch immer wieder mit dem deutschen Polit-Kabarett über den tumben Kanzler aus Oggersheim herzhaft lachen. Denn sie wußten ja, wie schrecklich falsch er alles machte.

Der Fall der Mauer aber, die plötzlich eingetretene Zukunft, mit der niemand gerechnet hatte, machte die meisten stumm, selbst wenn sie unentwegt redeten - über ein drohendes »Großdeutschland« etwa, die Rückkehr des Nationalismus, über D-Mark-Imperialismus und die Kosten der Wiedervereinigung.

Die Geschichte hatte sie einfach auf dem falschen Fuß erwischt. Jetzt zeigte sich, wie viele Ressentiments und linkstraditionalistische Spießerweisheiten sich im postmodernen Jahrzehnt gehalten hatten, als die ausufernden Straßenfeste ganz Deutschland in eine einzige multikulturelle Scampi- und Frascati-Zone zu verwandeln schien.

Lafontaines Niederlage gegen Kohl 1990 war so vorhersehbar wie das Scheitern der westdeutschen Grünen an der Fünfprozenthürde. Der Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks vollendete das Werk von Desillusionierung und Realitätsanerkennung, das auch unter den grünen, lange Zeit in »Fundis« und »Realos« gespaltenen Generationsfratres zu quälenden Lernprozessen und schmerzhaften Eingeständnissen von Irrtümern geführt hatte.

In seinem 1992 erschienenen Buch »Die Linke nach dem Sozialismus« resümierte Joschka Fischer, den Schriftsteller und kommunistischen Renegaten Manès Sperber zitierend: »Man mag zweifeln, ob sich die Linke ohne eschatologische Hoffnung halten kann, doch steht fest, daß sie nicht weiterleben wird, ohne gegen jede Mystifizierung zu kämpfen, die sie auf ihrem Wege antrifft.«

Was diese entmystifizierte, realistische Linke sei, ist im Laufe der neunziger Jahre kaum klarer geworden. Anstatt intellektuelle Debatten über ein neues Verhältnis zur komplizierten Wirklichkeit anzuzetteln, verfiel auch die Generation von Teach-in und Open-end-Diskussion, sofern sie nicht zu Amt und Mandat gelangte, mehrheitlich der Entpolitisierung - einer Mischung aus zynischer Abgeklärtheit, Resignation und akutem Selbstschutz vor enttäuschten Erwartungen.

Fast schien es, als hätte sich die 68er-Generation im Status quo der Bundesrepublik, zwischen Frankfurt-Bockenheim und Valle Gran Rey auf Gomera, häuslich eingerichtet, als fürchtete sie gar jede größere Veränderung der schönen neuen Gemütlichkeit, die von der globalisierten Weltgesellschaft ausgehen könnte. Hier traf sie sich wieder mit dem strukturkonservativen Mainstream der Bevölkerung, die immer nur die Risiken statt der Chancen sieht und doch am liebsten Norbert Blüm glaubt: »Die Renten sind sicher.«

Gerhard Schröders plebiszitär errungene Kanzlerkandidatur könnte daran etwas ändern. Vielleicht gerade deshalb, weil die Chance auf den Wechsel in Deutschland so lange auf sich warten ließ - und weil sie eher gegen die SPD, die Traditionspartei des programmatischen Fortschritts, als mit ihr erkämpft wurde. Das ist ein Zeichen für den allgemeinen Wunsch nach einer neuen gesellschaftlichen Dynamik. Und die Zeit scheint reif dafür.

Schon deshalb wird es kein Polit-Revival der siebziger Jahre geben, etwa mit den gefürchteten Thesenpapieren von Johano Strasser, mit Heidemarie Wieczorek-Zeul als Bundesfamilienministerin und »Rock gegen Rechts« vorm Kanzleramt, mit Stamokap-Debatte bis in den frühen Morgen und Konstantin Wecker am Klavier beim Bundespresseball: »Gestern homs den Willy derschlogn!«

Die geistig-moralischen Flokatis sind längst eingemottet und die blauen Bände der Marx-Engels-Werke in unerreichbare Höhen der Ikea-Regale entschwunden. All die nostalgischen Biographien der 68er ( »Wie alles anfing«, »Was wir wollten, was wir wurden") sind sicher zwischen ungezählten Buchdeckeln verstaut. Ein 68er-»Milieu«, das sich rächen wollte, existiert nicht mehr. Vermufftspießiger, als der Vorsitzende der Jungen Union, Klaus Escher, vergangene Woche im ZDF gegenüber Joschka Fischer auftrat, kann sich auch der letzte verbitterte Alt-68er im SPD-Ortsverein Köln-Nippes nicht gebärden.

»All das ist Schnee von gestern. Der Traum von einer Xganz anderen Politik'' wird nur noch in einigen Ecken der SPD geträumt«, formulierte die »Frankfurter Allgemeine« zu Recht. Wenn im Herbst 1998, nach all dem Vergangenen, die Vertreter der ehemaligen Anti-Parteien-Partei in Koalitionsverhandlungen auf den Anti-Partei-Menschen aus Hannover treffen sollten, dann versammelt sich die geballte Lebenserfahrung von mehr als drei Jahrzehnten abenteuerlicher Achterbahn-Fahrt zwischen »revolutionärem Kampf« und »neuer Mitte«, zwischen ganz unten und ganz oben.

Es könnte die Ironie der Geschichte sein, daß dieselbe Generation, die den »Modernisierungsschub« von 1968 eingeleitet hat, nun, 30 Jahre später, nach unzähligen Irrungen und Wirrungen, eine zweite Raketenstufe gesellschaftlicher Modernisierung zündet - auch wenn noch der praktische Bausatz fehlt. Und wieder wird niemand vorhersagen können, wo die Einzelteile dereinst landen werden.

* Als Darsteller im Film »Va Banque«.

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