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70 Prozent nach rechts

aus DER SPIEGEL 47/1949

Als Oberleutnant Müllers Unteroffiziere am 11. Mai 45 von der ersten Ortsstreife durch Mariapfarr zurückkamen, meldeten sie: »Wir haben Schoetz wieder, Herr Oberleutnant«. Obergefreiter Schoetz, der Tage vorher in Russenpanik das letzte Krad der Batterie gestohlen und sich, der Rückzugstruppe voran, ins englisch besetzte Land Salzburg davongemacht hatte, steckte ausgerechnet in Mariapfarr. In demselben Mariapfarr rückte die fünfte Batterie der 128. Ari unter Oberleutnant Müller auf englischen Befehl mit Karabiner auf dem Kreuz und unter militärischer Disziplin ins Internierungsquartier ein.

Oberleutnant Müller machte seinem Abteilungskommandeur Hauptmann Alois Zorell Meldung. Zorell rannte zur Division. Divisionsrichter Dr. Bornemann lehnte es ab, ein Verfahren zu eröffnen: nach der Kapitulation betrachte er sich als a. D. Mit dieser Nachricht kam Hauptmann Zorell zu Oberleutnant Müller zurück.

Darauf wurde die Batterie vom U. v. D. herausgepfiffen. Chef Müller ließ »mal herhören«, und erklärte, daß die Division nicht gegen den fahnenflüchtigen Obergefreiten Schoetz verhandeln wolle. Trotzdem gebühre ihm der Tod, »rechts raus, wer dafür ist«. Batterieleutnant Dorn stürzte an den rechten Flügel. Die Unteroffiziere folgten, 70 Prozent der Mannschaft mitreißend.

Am Abend krachte die Salve des von Leutnant Dorn befehligten Pelotons, während Batteriechef Müller an Pfarrer Alfred Schoetz die Mitteilung aufsetzte, sein Sohn, der Obergefreite Alfred Schoetz, sei bei dem Versuch, den Russen zu entkommen, von Angehörigen der Bewegung »Freies Oesterreich« erschossen worden.

»Möchte gern Ihnen in Ihrem schweren Leid beistehen«, schloß die Meldung, ohne Ortsangabe und Absender. Datum 16. März 1945, am 17. Dezember 45 in Zwickau aufgegeben, rechtzeitig zu Weihnachten in den Händen des Vaters.

Dann bekam Pfarrer Schoetz die Mitteilung einer Dienststelle für die Benachrichtigung Angehöriger von Gefallenen. Und auch der österreichische Ortsgeistliche und der Gendarmerieposten bestätigten: Der Obergefreite Schoetz war von eigenen Kameraden erschossen worden.

Bis zum 14. August 1947 traf außerdem ein offizieller Bericht des Oesterreichischen Bundes-Innenministeriums unter laufender Nummer 10 in der Berliner Parterrewohnung von Pfarrer Schoetz ein.

Am 6. Juli 48 registrierte die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern eine Strafanzeige des Pfarrers Alfred Schoetz gegen Batteriechef Hans Müller. Kaiserslautern reichte an die Freiburger Kollegen weiter. Dort war ja jetzt Müller Gastreferendar bei der Staatsanwaltschaft.

Erzberger-Rächer und Generalstaatsanwalt Dr. Bader mußte gegen seinen Mitarbeiter Referendar Müller das Verfahren wegen Mordes und Verbrechens gegen die Menschlichkeit eröffnen.

Oberstaatsanwalt Röderer sichtete das Protokoll der Vernehmung Müllers, in dem zu lesen stand, daß die Tat nicht von Müller, sondern von einem Leutnant Dorn »unversehens« begangen worden sei.

Das Verfahren wurde eingestellt. Pfarrer Schoetz bekam Nachricht. Was Dorn betreffe, stand in der staatsanwältlichen Mitteilung, so könne dessen Anschrift trotz Suchfunks nicht ermittelt werden.

Pfarrer Schoetz inserierte in der »Stuttgarter Zeitung« und wußte nach Tagen schon den Aufenthalt des von Amts wegen Unaufgefundenen. Er machte Meldung nach Freiburg, ohne daß sich die Staatsanwaltschaft nun willens fand, den einmal geschlossenen Akt wieder aufzuschlagen. Gastreferendar Müller, gab sie zu verstehen, sei ein untadeliger Mensch.

Als Freiburg unanfechtbar schwieg, ging unter dem 17. März 1949 ein Strafantrag an den Gendarmerieposten Mariapfarr, Land Salzburg. Da hielt es Generalankläger Dr. Bader denn doch für geraten, den Oberstaatsanwalt Müller-Hill in Freiburg zu beauftragen, der Krähe ein Auge auszuhacken. Anklage wurde erhoben:

»Es hat sich kein Anhaltspunkt ergeben, daß Müller den Schoetz als politischen Gegner erledigen wollte. Die Tat entsprang einer übersteigerten Vorstellung über die Bedeutung der militärischen Disziplin. Es liegt auch kein niedriger Beweggrund im Sinne des § 211 vor. Die spätere Irreführung des Vaters ändert hieran nichts.

»Die Anklage nimmt bei Müller Totschlag in mittelbarer Täterschaft an. Dagegen nimmt die Anklage kein in Tateinheit begangenes Verbrechen gegen die Menschlichkeit an.«

Ehe das zweite Verfahren eröffnet war, hatte Referendar Müller ein Offizierstreffen der 5. Batterie 128. Ari veranstaltet. Dorn übernahm es bei der Gelegenheit, über Beziehungen zum evangelischen Oberkirchenrat Sauer in Stuttgart Pfarrer Schoetz den Strafantrag wieder abzuhandeln. Doch Vater Schoetz blieb hart.

Die Hauptverhandlung mußte eröffnet werden. Mit wohlgezieltem Ueberraschungseffekt wies der Angeklagte Müller die Verantwortung, die er bis dahin unter Vorbehalt getragen hatte, zurück Er gab an, im Auftrage des Abteilungskommandeurs gehandelt zu haben.

Kommandeur Zorell stritt ab. Oberstaatsanwalt Müller-Hill erklärte daraufhin den als Zeugen erschienenen Alois Zorell für vorläufig festgenommen. Unter dem Vorbehalt, daß er das Verfahren auf ihn als den eigentlichen Haupttäter ausdehnen werde.

Das nennt Pfarrer Schoetz einen Coup: Er selbst habe bislang vergeblich die Freiburger Ankläger ersucht, Zorell zu Müller und Dorn auf die Anklagebank zu setzen. »Die Tatsache, daß es erst in der Verhandlung geschah, ist der Versuch einer psychologischen Entlastung Müllers. Die Geschworenen müssen nun in Müller den Helden sehen, der für Monate alles auf sich genommen hat, um seinen Kameraden zu decken.« Das war denn auch die erste Erklärung, zu der sich Referendar Müller in der Anklagebank bequemte.

Pfarrer Schoetz will nun den Hinweis auf ein unpolitisches Tatmotiv dadurch entkräftet wissen, daß Müller HJ-Führer und Pg. war.

Müller-Hills Strafantrag gegen Müller: 5 Jahre Gefängnis. Während der Urteilsberatung ging der Oberstaatsanwalt auf den Korridor und redete Vater Schoetz ins Gewissen, sich doch mit einer milden Bestrafung zufriedenzugeben. Der Freiburger Gefängnisgeistliche war der zweite Bittsteller. Vater Schoetz: »Ich hätte es getan. Die Staatsanwaltschaft ist schuld, daß sie mit ihrem ständigen Begünstigen des Müller mir eine derartige Einstellung unmöglich gemacht hat«.

Vor dem Urteil fuhr Schoetz ab. Der Interzonenbus in Frankfurt wartete nicht. Das Urteil: 3 Jahre 6 Monate Gefängnis für Müller, 1 Jahr 8 Monate für Dorn, wegen Totschlags in mittelbarer Täterschaft bzw. Beihilfe zum Totschlag. Referendar Müller ist aus seinem Referendarzimmer in eine Zelle vis-à-vis umgezogen.

Zeuge Dr. Bornemann, der Divisionsrichter, der damals ablehnte, gegen Schoetz vorzugehen, konnte die Behauptung nicht entkräften, dabei gesagt zu haben: »Ich kann nichts tun. Nach der Kapitulation kann ich ein Verfahren wegen Fahnenflucht nicht mehr durchführen. Wenn der Kerl aber morgen noch leben sollte, dann bringt ihn eben mal her.« Mit hörbarem Aufatmen ging Zeuge Dr. Bornemann aus dem Freiburger Gerichtssaal zurück nach Frankfurt.

Er ist dort Landgerichtsrat.

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