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82 von 100: »Freundschaft ohne Vorbehalt«

aus DER SPIEGEL 48/1977

Auf jedem Flughafen in Frankreich darf sich Mogadischu wiederholen, wenn in einer »Lufthansa«-Maschine Geiseln in Gefahr sind: 70 von 100 Franzosen sind dann mit einer Befreiungsaktion durch eine deutsche Spezialeinheit einverstanden.

Das ergab eine Umfrage, die von dem Pariser Meinungsforschungs-Institut Brulé Ville Associés (BVA) im Auftrag des SPIEGEL durchgeführt wurde.

Keine französische Zeitung hat je die Frage aufgeworfen, ob Premierminister Raymond Barre gegebenenfalls einem Kommando der deutschen GSG 9 grünes Licht geben sollte, wie es sein schwarzer Namensvetter in Somalia getan hatte. Und verlangt hat es erst recht niemand. Vielen französischen Publizisten ging schon die deutsche Aktion im afrikanischen Mogadischu zu weit.

Trotzdem ist die Mehrheit der Franzosen frei von Bedenken gegen einen deutschen Handstreich auf französischem Boden.

Warum dürften deutsche Truppen auf dem Pariser Flughafen Orly landen und eingreifen, ohne daß die Franzosen sich empörten, wenn doch jüngst die gekaperte »Landshut« in Rom nicht mal aufgehalten wurde und im Scheichtum Dubai nicht gestürmt werden durfte?

Die Mehrheit für eine Lösung à la Mogadischu ist nicht die einzige Überraschung der SPIEGEL-Umfrage. Wichtige weitere:

62 Prozent der Franzosen halten es für richtig, daß der Terroristen-Anwalt Klaus Croissant in Paris »auf Antrag der deutschen Regierung verhaftet« wurde (für falsch: 19 Prozent).

Ebenfalls 62 Prozent sprachen sich bei der Umfrage, die vom 28. Oktober bis 4. November lief, »für eine Auslieferung Croissants nach Westdeutschland« aus (dagegen: 20 Prozent).

Selten hat es in einem demokratischen Land einen so großen Kontrast zwischen öffentlicher Meinung und Volksmeinung gegeben wie derzeit in Frankreich. Seit Croissant im Juli über die Grenze ging, wurde in weitaus den meisten französischen Medien verlangt, ihm politisches Asyl zu gewähren.

Die BVA-Umfrage förderte nicht nur zutage, daß es in Frankreich eine schweigende Mehrheit gegen Asyl und für Auslieferung gibt, ganz gegen die Tradition des Landes und gegen die öffentliche Meinung.

Sie lieferte auch die Erklärung: Die Einstellung der Franzosen zu Deutschland und den Deutschen, zum Staat der Nachbarn und zu dessen Feinden ist anders als hüben und drüben bislang vermutet wurde.

Der SPIEGEL ließ die Ansichten der Franzosen gründlicher untersuchen, als es in den Jahrzehnten seit Kriegsende je geschehen ist. 2000 Männern und Frauen, repräsentativ für alle Franzosen ab 15 Jahren, wurden 36 Fragen gestellt. Ausgearbeitet wurden sie gemeinsam von SPIEGEL, BVA und dem deutschen Institut Infratest (München).

Nach den Kenntnissen der deutschen Sprache und nach Reisen in die Bundesrepublik wurde ebenso gefragt wie nach den Eigenschaften des Bonner Kanzlers und nach den Motiven des Terroristen-Anwalts Croissant.

Während in Frankreich diese Umfrage lief, ließ der SPIEGEL das Bielefelder Emnid-Institut die Kernfragen -- wortgleich oder entsprechend -- auch in Deutschland stellen.

Eindeutiges Ergebnis in Frankreich und in der Bundesrepublik: Von Feindschaft gegenüber dem Nachbarn kann, was die Mehrheit angeht, nicht mehr die Rede sein.

Sympathie überwiegt. In beiden Ländern wurde den Befragten eine Skala mit Werten von + 5 bis -5 vorgelegt. Die Anweisung:

+5 bedeutet, daß Ihnen die Deutschen (in der Bundesrepublik: die Franzosen) sehr sympathisch sind. -5 bedeutet, daß sie Ihnen überhaupt nicht sympathisch sind. Die Werte dazwischen dienen der Abstufung Ihrer Meinung.

Nur 25 Prozent der Franzosen und 19 Prozent der Deutschen entschieden sich für einen Minus-Wert. Mehrheiten von 78 Prozent (der Deutschen) und 74 Prozent (der Franzosen) empfinden Sympathie für das Nachbarvolk.

Zufrieden zeigten sich die von BVA oder Emnid befragten Männer und Frauen, als sie die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Frankreich mit Schulnoten bewerten sollten. Die meisten Deutschen wählten »gut« oder »befriedigend«. Das Urteil der Franzosen fiel ähnlich aus*.

Dabei sind die Kriege und die Schuld der Deutschen keineswegs vergessen. Der erste Gedanke etwa jedes dritten Franzosen gilt, wenn er das Wort »Deutschland« hört, dem Krieg. Die meisten haben allerdings ganz andere Assoziationen, von »Disziplin« und »wirtschaftlicher Macht« bis hin zu »Heidelberg«, »Bier« und »Sauerkraut« (siehe Seite 152).

Aber auch von den Franzosen mit stets wacher Kriegserinnerung äußerten sich viele etwa so wie ein Veteran: »Ich glaube trotz allem, was geschehen ist, daß man für die Zukunft »die Seite umblättern« muß.«

Daß 1870, 1914 und 1940 deutsche Truppen in Frankreich einmarschiert sind, beeinflußt die Einstellung zu den Bundesbürgern noch, aber diese Vergangenheit bestimmt sie nicht mehr. 82 von 100 Befragten sind der Meinung:

* Im Text und in den Graphiken sind Befragte, die keine oder eine »sonstige« Antwort gaben, meistens nicht gesondert ausgewiesen. Die Antworten summieren sich deshalb zum Teil auf weniger als 100 Prozent

»Zur vorbehaltlosen Freundschaft muß man 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bereit sein.«

Nur 18 Prozent entschieden sich für die Gegenmeinung »Freundschaft zwischen den beiden Ländern kann es nach den beiden Weltkriegen trotz aller notwendigen wirtschaftlichen und politischen Kontakte nicht geben.«

Nicht so recht zu der positiven Einstellung zu den Deutschen passen die Antworten auf eine andere Frage. 49 von 100 Franzosen erklärten es für möglich, daß »ein Mann wie Hitler in der Bundesrepublik wieder an die Macht kommen könnte«.

Je weiter links die Franzosen stehen, desto häufiger vertreten sie diese Ansicht. Von den KP-Wählern ist es sogar die Mehrheit.

Gar zu groß scheint der Schatten, den hier die Vergangenheit wirft. In Deutschland wurde diese Frage in den vergangenen Jahren immer nur von einer Minderheit bejaht (zuletzt 1975 laut Allensbach von 18 Prozent).

Daß halb Frankreich so denkt, erklärt Yola Laupheimer, Auslands-Expertin bei Infratest und dort für die SPIEGEL-Umfrage verantwortlich, so: »Man ist bereit zur Freundschaft mit dem starken Nachbarn, ist dabei aber nicht ganz frei von Furcht.«

Die Haltung der Franzosen zu den Deutschen hat sich -- so scheint es gewandelt, aber sie ist nicht von Grund auf anders geworden. Es gibt weder überschwengliche Gefühle noch blindes Vertrauen. Und keineswegs ist es so, daß sich die Franzosen mit dem Erbfeind von gestern heute so verbunden fühlten wie mit niemandem sonst.

Das wurde deutlich, als anhand einer Liste gefragt wurde, »welches Volk Ihnen am sympathischsten« ist.

Am häufigsten wurden die Engländer genannt, und erst nach den Schweizern. Belgiern und Amerikanern gelangten die Westdeutschen auf Platz fünf -- vor den Spaniern, Polen, Russen und Ostdeutschen.

Umgekehrt bietet sich ein ähnliches Bild. In der Sympathie der Bundesbürger stehen die Schweizer, Amerikaner und Engländer ebenfalls höher als die Franzosen.

Gleichermaßen gering sind hüben und drüben die Kenntnisse von der Politik und von den Politikern des anderen Landes. 93 von 100 Franzosen ist Deutschlands Außenminister Hans-Dietrich Genscher nicht mal dem Namen nach bekannt. Von Helmut Kohl haben 87, von Walter Scheel 60 Prozent noch nichts gehört. Und Franz Josef Strauß ist für 76 von 100 Franzosen eine unbekannte Größe.

Die meisten kennen nur Willy Brandt und Helmut Schmidt. Und für beide SPD-Politiker überwiegt die sehr gute oder gute Meinung.

Wird nach den Ämtern deutscher Politiker gefragt, so klaffen noch größere Wissenslücken. Für den Oppositionschef in Bonn halten 10 Prozent Helmut Kohl, 15 Prozent Strauß, der Rest ist Schweigen. Als Präsidenten wußten nur 32 Prozent Walter Scheel zu nennen. Lediglich Schmidt als Kanzler ist den meisten ein Begriff (62 Prozent).

Die Gegenprobe in der Bundesrepublik offenbarte eine etwa gleich große Unkenntnis über Frankreichs politische Spitzen. Obwohl zum Beispiel in einer Liste mit fünf Namen auch Georges Marchais stand, nannten 75 von 100 Befragten einen falschen oder gar keinen Namen, als nach dem KP-Chef gefragt wurde.

Wie den meisten Franzosen nur Brandt und Schmidt, so sind den meisten Deutschen nur Giscard d"Estaing und Mitterrand bekannt.

Auf Schmidt und Giscard war eine Frage an die Franzosen nach zehn Eigenschaften beschränkt. Ergebnis: Der fremde Kanzler schnitt besser ab als der eigene Präsident.

Schmidt ist nach Ansicht der Franzosen weit energischer, entschiedener und effizienter als sein Freund Valery, und sie halten ihn überdies für ein wenig bescheidener, verantwortungsfreudiger und staatsmännischer. Nur in zwei Punkten ist Giscard ihm nach französischer Volksmeinung überlegen: Er ist sympathischer und gebildeter.

Frankreichs Präsident konnte allerdings auch deshalb weniger Pluspunkte sammeln, weil sein Bild wegen der Parteien Gunst und Haß schwankt. Wähler der Linksparteien sehen in ihm mehr den Mann der anderen Couleur und weniger das Oberhaupt aller Franzosen.

Der deutsche Kanzler hingegen kann französische Zustimmung von links und rechts ernten. Und überdies hat er seit Mogadischu ein Hoch an Zustimmung und Sympathie erreicht, das sich im Lauf der Zeit abschwächen wird: Wenn die Erinnerung an die Geiselbefreiung verblaßt, wird er im Ausland an Popularität verlieren.

Stabiler sind die Ansichten über Eigenschaften des Nachbarvolkes. Vorgelegt wurde eine Skala mit sieben Stufen, an deren Enden zwei gegensätzliche Eigenschaften -- etwa »fleißig« und »faul« -- standen. Die Bitte: Hier ist eine Reihe von Eigenschaften die mehr oder minder stark auf Völker zutreffen können. Bitte kreuzen Sie an, wie sehr jede Eigenschaft Ihrer Ansicht nach auf die Deutschen zutrifft. Je mehr Sie Ihr Kreuz nach rechts setzen, desto mehr trifft die rechte Eigenschaft zu. Je mehr Sie Ihr Kreuz nach links setzen, desto mehr trifft die linke Eigenschaft zu.

Hatten sie über die Eigenschaften der Deutschen entschieden, so wurden die Franzosen gebeten, auf die gleiche Weise auch ihr eigenes Volk zu beurteilen.

Entsprechend schätzten bei der Parallel-Umfrage die Deutschen die Eigenschaften erst der Franzosen und dann ihrer Landsleute ein.

Die Deutschen sind nach dem Urteil der Franzosen etwa in gleichem Maße bescheiden, zuverlässig, friedlich und demokratisch wie sie selbst. Hingegen halten die Franzosen sich für wesentlich beweglicher, phantasievoller, geistreicher und warmherziger als die Leute von der anderen Seite des Rheins.

Umgekehrt glauben sie, daß die Deutschen sehr viel fleißiger und wesentlich mutiger sind als sie selbst.

Uralte Ansichten und aktuelle Eindrücke mischen sich hier. Fleiß gilt weltweit seit jeher als typische Eigenschaft der Deutschen. Ihr Mut hingegen, früher berüchtigt, ist wohl erst seit Mogadischu berühmt.

Daß die Franzosen die Deutschen nicht für anmaßend halten, ist womöglich ein freundliches Fehlurteil. Jedenfalls sind die Bundesbürger nicht gerade bescheiden. Sie glauben, daß von 14 guten Eigenschaften nicht weniger als 13 bei ihnen stärker ausgeprägt sind als bei den welschen Freunden. Unter anderem meinen sie, beweglicher, großzügiger, geistreicher, friedlicher und demokratischer zu sein.

Die gute Meinung über die Deutschen verträgt sich in französischen Köpfen mit der Überzeugung, daß die Bundesbürger in Europa keineswegs Gleiche unter Gleichen sind oder sein wollen.

Zwischen drei Antworten sollten die Franzosen wählen, als danach gefragt wurde. »ob Westdeutschland die Vorherrschaft in Westeuropa besitzt oder anstrebt«. Das Ergebnis ist eindeutig: > 49 von 100 glauben, daß die Bundesrepublik diese Vorherrschaft schon besitzt,

* 42 von 100 sind überzeugt, daß sie von den Westdeutschen angestrebt wird, und

* nur sieben von 100 meinen, daß Bonn sie weder besitzt noch besitzen will.

Abgefunden haben sich die Franzosen offenbar auch damit, daß die Bundesrepublik in einigen Punkten besser dasteht als ihr eigenes Land.

Daß der Lebensstandard in Deutschland höher ist, sagten die meisten (63 Prozent). Daß in der Bundesrepublik auch das politische System stabiler ist, meint fast jeder zweite (48 Prozent, Gegenmeinung: 19 Prozent).

In anderer Hinsicht allerdings glauben die Franzosen sich überlegen: Die Freiheit der Bürger ist nach Ansicht weitaus der meisten in ihrem Lande größer als im Bonner Staat. 73 Prozent sind davon überzeugt, lediglich sechs Prozent sehen es umgekehrt.

Auf diesen Freiheitssinn der Franzosen hatte Croissant gesetzt, als er sich als politischer Flüchtling präsentierte. Aber auch die Volksmeinung schätzte er falsch ein.

Mit seinem Fall sind 71 Prozent der Franzosen vertraut, allerdings konnten ihn viele nicht einordnen. 31 von 100 Befragten wußten keine Antwort, als sie darum gebeten wurden. Im übrigen waren die Ansichten geteilt:

34 Prozent erklärten ihn zum »Komplizen der Terroristen«,

* 35 Prozent hielten ihn für einen »Mann der politischen Opposition«. Auf den ersten Blick mutet es wie ein Widerspruch an, daß nur ein Drittel der Franzosen den Ex-Anwalt für einen Komplizen von Verbrechern hält, daß aber eine Zweidrittelmehrheit die Auslieferung bejaht.

Laut BVA-Chef Michel Brulé wäre es aber nur dann ein Widerspruch. »wenn es um die Auslieferung Croissants an einen faschistischen Staat gegangen wäre. Das behauptet Croissant zwar, aber das glaubt ihm die Mehrheit der Franzosen nicht. Sie hat Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat.«

Die Mehrheit gegen Croissant erklärt sich auch aus der Einstellung der Franzosen zum Terrorismus, die in der SPIEGEL-Untersuchung mit mehreren Fragen erforscht wurde.

Insgesamt viermal wurden die 2000 Männer und Frauen der SPIEGEL-Untersuchung sozusagen um eine Entscheidung gebeten:

Zweimal in Sachen Croissant (über dessen Verhaftung und Auslieferung), im fiktiven Fall einer gekaperten Lufthansa-Maschine auf französischem Boden (über die Erlaubnis für einen GSG-Einsatz) und schließlich zu den beiden Entführungsfällen, die sich kurz zuvor tatsächlich ereignet hatten. Der Sachverhalt, wie er von den Interviewern verlesen wurde:

»In jüngster Zeit haben Terroristen ein japanisches und ein deutsches Flugzeug entführt. Beide Gruppen wollten die Freilassung von inhaftierten Terroristen erzwingen. Die japanische Regierung hat die Forderung erfüllt und die Gefangenen freigelassen. Die deutsche Regierung dagegen nahm das Risiko eines Opfers von Menschenleben in Kauf, um dem Terrorismus Einhalt zu gebieten.«

Gefragt wurde, ob die japanische oder ob die deutsche Regierung richtig gehandelt habe.

So verschieden die vier Fragen auch waren -- jedesmal sprach sich eine etwa gleich große Mehrheit für eine harte Entscheidung aus. Es bejahten > 62 Prozent der Franzosen die Verhaftung und die Auslieferung Croissants,

* 70 Prozent das Eingreifen eines deutschen Kommandos in Frankreich,

* 57 Prozent beim Vergleich der beiden Entführungs-Fälle die harte deutsche Haltung.

Weitere 28 Prozent meinten, beide Regierungen hätten richtig gehandelt, für Nachgeben nach japanischem Vorbild in allen Fällen plädierten nur 13 Prozent.

Im Zweifel für Härte gegen Terroristen -- das dürfte die feste Überzeugung der meisten Franzosen sein. Es ist jene Härte, die sie an den Deutschen bewundern.

Einig sind sich beide Völker auch über die Todesstrafe, obwohl sie in Frankreich verhängt und vollstreckt wird und in Deutschland vom Grundgesetz verboten ist.

Wie in Frankreich das BVA-Institut, so ermittelte in der Bundesrepublik das Hamburger Sample-Institut ebenfalls im Auftrag des SPIEGEL die neuesten Zahlen.

Ende Oktober/Anfang November sprachen sich in Frankreich 75, in der Bundesrepublik 63 Prozent der Bürger für die Todesstrafe aus.

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