Zur Ausgabe
Artikel 36 / 78

SPANIEN / PRESSE 909mal geändert

aus DER SPIEGEL 20/1966

Deutsche Oster-Urlauber und einheimische Interessenten fragten an Spaniens Zeitungskiosken vergebens nach dem SPIEGEL. Madrids Pressezensoren hatten die für Spanien bestimmten 3225 Hefte der Nummer 16/1966 nicht freigegeben.

Grund: eine Geschichte über die tätige Opposition katalonischer Studenten gegen das francistische Zwangs -Regiment an Spaniens Hochschulen.

Sie hatte den amtlichen Presse -Wächtern im Informationsministerium mißfallen, die je drei Exemplare jeder ausländischen Zeitschrift prüfen, bevor diese ausgeliefert werden darf. Francos Vize, Generalkapitän Agustin Munoz Grandes, einst Befehlshaber der »Blauen Division«, die mit der Wehrmacht an der Ostfront focht, ließ sich die SPIEGEL-Geschichte übersetzen.

Eine Woche lang geschah nichts. Dann, am 18. April, gab das Informationsministerium zusammen mit der inzwischen erschienenen Nummer 17 auch die Nummer 16 frei. Die stille Hoffnung der Behörden, daß die Leser jetzt nur das neue Heft kaufen würden, erfüllte sich nicht. Die verzögerte Aus-' lieferung hatte erst recht den Appetit auf die Nummer 16 geweckt.

Zu einem glatten Verbot des importierten Ärgernisses hatte sich die Zensurbehörde nicht entschließen können. Das hätte allzu schnell den jüngsten Versuch des Franco-Regimes unglaubwürdig, gemacht, sein Image durch betuliche Liberalisierungs-Maßnahmen aufzubessern: Am 9. April war in Spanien das in dreijähriger Arbeit nach 909 Änderungsvorschlägen erstellte neue Pressegesetz in Kraft getreten. Es schafft grundsätzlich die Vorzensur ab, die in Spanien 40 Jahre lang galt.

Informationsminister Manuel Fraga Iribarne, 43, der seit seiner Amtsübernahme im Juli 1962 auf eine Reform der Pressezensur gedrängt hatte: »Ein neues Kapitel in der Geschichte Spaniens.«

Pressefreiheit bringt jedoch auch das neue Gesetz, die »Ley de Prensa«, nicht, obwohl »ABC«, Spaniens größte Zeitung (Auflage 192 000), frohlockte: »Heute beginnen wir mit der Freiheit.«

Zwar können Spaniens Redakteure nun nominell selbst entscheiden, was sie schreiben wollen, zwar muß nun nicht mehr jede einzelne Druckfahne im voraus von den Zensoren abgezeichnet werden, aber die beamteten Hüter iberischer Tabus passen weiterhin auf.

Zehn Exemplare jeder Zeitung oder Zeitschrift müssen eine halbe Stunde vor Auslieferung dem Informationsministerium vorgelegt werden.

Für die Lektüre von Büchern brauchen die Zensurbeamten des Caudillo mehr Zeit: 50 Seiten, so bestimmt die Ley de Prensa, können die Lese-Beamten pro Tag bewältigen. Ein Buch von 200 Seiten muß somit vier Werktage vor Erscheinen eingereicht werden.

Die Stolperdrähte auf dem Weg des freien Ermessens sind dicht gezogen. Das Pressegesetz legt den Journalisten auf. »Wahrheit und Moral« zu respektieren, die »öffentliche Ordnung« nicht zu gefährden und den »nötigen Respekt vor Personen und Institutionen« zu wahren.

Vorsichtige Zeitungsleute können die Zensurbehörde weiterhin freiwillig konsultieren, wenn sie nicht sicher sind, ob ein Artikel genehm ist.

Wagemutige Schreiber müssen mit empfindlichen Strafen rechnen, wenn ihre Kühnheit der Obrigkeit zu weit geht: Das Gesetz sieht Berufsverbot für Journalisten und Verbot von Zeitungen zwischen 15 Tagen und sechs Monaten oder Geldstrafen bis zu einer Million Pesetas (67 000 Mark) vor.

Trotz aller Einschränkungen wird sich das Bild der 110 spanischen Tageszeitungen und fast 2500 Zeitschriften wandeln. Sie dürfen sich ihre bisher vom Informationsministerium ernannten Chefredakteure selbst aussuchen.

Erstmals erschienen in. Spaniens Presse, wenn auch ohne Kommentar, Meldungen über die Forderung der Arbeiter nach freien Gewerkschaften wie über die Studenten in Barcelona und Madrid, die für freigewählte Studentenverbände demonstrierten.

Die Grenzen der neuen journalistischen Liberalität werden nicht zuletzt durch die Größe der Lettern auf der Titelseite markiert. Das erfuhr »Tele-Express« in Barcelona: Die Zeitung hatte in einer über die ganze erste Seite laufenden Schlagzeile über Studentenunruhen berichtet und wurde dafür mit 250 000 Pesetas Strafe belegt. Andere Blätter, die auf Innenseiten unter kleinen Überschriften dasselbe gemeldet hatten, gingen straflos aus.

Die katholische Jugendzeitschrift »Juventud Obrera Católica«, die bisher nur der kirchlichen Zensur unterlag, scheiterte schon mit ihrer ersten Ausgabe, die sie den staatlichen Zensoren vorlegen mußte: Die Zeitschrift wurde wegen eines Artikels über den 1. Mai - zu dem geheime Syndikate Demonstrationen für freie Gewerkschaften organisierten - konfisziert.

Francos Generaldirektor für das Pressewesen, Jiménez Quilez, ließ noch in der Druckerei die gesamte Auflage wieder einstampfen, bevor der Verlag die Möglichkeit hatte, gerichtliche Berufung einzulegen.

Solche Erfahrungen veranlassen Spaniens Journalisten, vorsichtig zu sein. Die offiziöse Agentur Cifra rang über eine Woche mit sich, bevor sie am 13. April eine Liste mit Geldstrafen gegen katalonische Oppositionelle veröffentlichte, die man schon am 6. April in der Londoner »Times« lesen konnte, und die einwöchige Zurückhaltung der SPIEGEL-Nummer und deren Barcelona-Artikel wurden in der spanischen Presse mit keinem Wort erwähnt.

In der letzten Woche wurde SPIEGEL Nummer 19/1966 nicht zurückgehalten, sondern beschlagnahmt. Grund: das Titelbild zum Thema »Sex in Deutschland«.

Informationsminister Fraga

Die Freiheit begann ...

Nichtausgelieferter SPIEGEL*

... mit neuer Zensur

* SPIEGEL-Titel 16/1966.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 36 / 78
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.