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BAYERN A bißl gegensteuern

Eine sozialliberale »Aktion Das andere Bayern« möchte das weißblaue Renommee der CSU stutzen: »Bayern ist anders, als es Franz Josef Strauß repräsentiert«
aus DER SPIEGEL 22/1976

Es gab keine Blasmusik, keinen Schuhplattler und keine Watschentänze. Die Herren kamen nicht in Lederhosen, Wadlstrümpfen und Haferlschuhen. Unter Neonbeleuchtung nahmen sie an Stahlrohrtischen Platz. Es ging ihnen um »das andere Bayern«.

Dabei hatte die »Aktion Das andere Bayern«, nach dem jüngsten Strauß-Aschermittwoch in der Passauer Nibelungenhalle von Professoren, Schriftstellern und Filmschaffenden gegründet, ihre erste öffentliche Veranstaltung mit Bedacht an den Tegernsee gelegt -- weil »hier der Wohnsitz von Franz Josef Strauß ist« und weil sich der hier zuständige CSU-Landrat Wolfgang Gröbl jüngst mit der Formel »Sozi hoassn's, Kommunisten sans« hervorgetan hatte.

In ihrem Gründungs-Memorandum wehrt sich die Aktion dagegen, daß bayrische Städte ("Vilshofen, Sonthofen, Passau ...") ständig mißbraucht würden, »um in Deutschland und der Welt ein Bild des Landes Bayern zu produzieren, das nur eine Karikatur der Wirklichkeit ist«. Die CSU liefere immer wieder »Stichworte für höhnische Abziehbilder« und nähre damit eine »unbegriffene antibayrische Tradition«. Aber, so das »sozialliberale Strömungen« unterstützende Memorandum: »Das Weiß der Berge und das Blau der Seen gehören weder der CSU noch einer Interessengruppe.«

Bayerns SPD-Vize Peter Glotz, erster Gastredner der Aktion, verwarf denn auch am Tegernsee »die abgegriffenen publizistischen Münzen vom Bierdunst bis zu den Zwiebeltürmen, vom Fingerhakeln bis zum bayrischen Föderalismus« als »falsch, fade und töricht« -- auch wenn sie von Sozialdemokraten wie Willy Brandt ("In Bayern gehen die Uhren anders") in Umlauf gebracht würden.

Solche Klischees vom Isar-Freistaat und seiner »debil-sepplhaften Mehrheitspartei« -- von der CSU längst selber in »vorzüglich gemachten Werbeprospekten« (Glotz) verbreitet -- erzeugten nämlich lediglich »bayrische Solidarität« und drängten die SPD in die Statistenrolle einer »machtlosen Filiale einer preußisch-norddeutschen Firma«, die der CSU »immerhin noch ein paar Radikale zur Einschüchterung der eigenen Klientel liefert«.

Um »diesen Teufelskreis zu durchbrechen«, so der Parteivize, könne es für die Sozialdemokraten in Bayern »im nächsten Jahrzehnt nicht darum gehen. alle politischen Schritte nach den Lehrsätzen eines demokratisch-sozialistischen Katechismus zu katalogisieren«.

Der Parteiführer knüpft damit an alte, wenn auch bislang ziemlich erfolglose Strategien bayrischer Sozialdemokraten an. Schon Georg von Vollmar, Bayerns SPD-Chef von 1892 bis 1918, bescheinigte seinen Landsleuten neben »Starrsinn, Stiernackigkeit, wenig Unternehmungsgeist, keiner Spur von Unterwürfigkeit, Genußfreudigkeit und mäßiger Arbeitslust« auch dies: »Die Politik wird wesentlich mit dem Gefühl erfaßt -- für Theorien fehlt fast der Sinn.«

Auch dem SPD-Methusalem Wilhelm Hoegner, 88, der 1933 gegen Hitler die Monarchie wiederbeleben wollte (und sich damit den Titel »königlichbayerischer Sozialdemokrat« einhandelte), war die bayrische Mentalität stets geläufig. Sein Leibwächter während der Ministerpräsidentenzeit, der Kriminalpolizist Ludwig Max Lahmger, der seine Umgebung stets mit »Erzählungen über verhauene Preußen« (Hoegner) zu erheitern versuchte, gründete 1947 die »Bayernpartei«.

Diese Neugründung konnte lange Jahre mit großem Wahlerfolg das »tribunale Agitationsbedürfnis der altbairischen Regionen« und den »amorphen Antiklerikalismus der bäuerlichen Breiten« abdecken -- so der Mitunterzeichner der »Aktion Das andere Bayern« und Schriftstellerverbandsvorsitzende Carl Amery. (Gespräche zwischen Bonner Sozialdemokraten und dem niederbayrischen »Bayernpartei«-Abkömmling Ludwig Volkholz mit dem Ziel, der CSU durch eine bajuwarische Konkurrenzpartei Stimmen abspenstig zu machen, sind übrigens vor einigen Wochen gescheitert.)

Auch der »rote Baron« Waldemar von Knoeringen versuchte noch in den sechziger Jahren in einer »Aktion Bayern«, den »bayrischen Akzent harmonisch mit der nationalen Politik« abzustimmen. Unter seinen Nachfolgern als Parteivorsitzende, dem aus Dreihunken bei Teplitz-Schönau stammenden Eisendreher Volkmar Gabert und dem Göttinger Bürgersohn Hanslochen Vogel, sind diese Versuche freilich »alle wieder eingeschlafen«, so der SPD-Sprecher Emil Werner.

Schlimmer noch: Die Sozialdemokraten unter Vogel nähren geradezu das erfolgreiche Bayern-Image der CSU, wenn sie, wie unlängst, dem Ministerpräsidenten Alfons Goppel auf bürokratische Weise »Textverfälschungen« in der Bayernhymne »Gott mit dir, du Land der Bayern« vorhalten. Goppel hatte in einer Bekanntmachung »Deutsche Erde« in »Heimaterde« verwandelt und auch ganze Sätze umgeschrieben. Statt. »Daß mit Deutschlands Bruderstämmen einig uns ein jeder schau« singen Bayerns Schulkinder seither »Daß vom Alpenland zum Maine jeder Stamm sich fest vertrau«.

Ob die »Aktion Das andere Bayern« die weißblaue Variante der Sozialdemokratie wiederbeleben kann, steht dahin. Zunächst mal stammen die Verfasser des Gründungsaufrufs alle nicht aus Bayern, sondern aus der ehemals preußischen Provinz Sachsen (Martin Gregor-Dellin), aus Hessen (Volker Schlöndorff) oder allenfalls aus Baden-Württemberg wie der Zeitungswissenschaftler Professor Wolfgang Langenbucher. der immerhin auf seine »rein niederbayrische Ehefrau verweisen kann«.

Das macht aber nix, denn Bayern verdankt ja »auf höchst vertrackte Weise« (Amery) sogar seinen Namen »Freistaat« einem Berliner -- dem Sozialisten Kurt Eisner, der die Monarchie in Bayern stürzte und danach sogar Ministerpräsident wurde.

Für ein Buchprojekt mit dem Titel »Das andere Bayern«, das nächsten Monat in München erscheinen soll und mit dem die Aktionisten ebenso wie mit der angelaufenen Versammlungswelle »a bißl gegensteuern« (Langenbucher) wollen, haben sich immerhin auch reinrassige Eingeborene gefunden wie der Münchner TV-Chefreporter Dagobert Lindlau, der -- obschon parteipolitisch ungebunden -- einfach seinen »bayrischen Grant« ablassen wollte.

An dem Tegernseer Abend meldete sich am Ende auch noch ein Versammlungsteilnehmer in kurzen Lederhosen und genagelten Schuhen zu Wort. Er freilich gehörte nicht zu den anderen Bayern, sondern zu den einen: Toni Staudacher, Kreisvorsitzender der Jungen Union.

Und ihn interessierte ein beinahe bayrisch anmutendes Wort aus dem Mund eines Bonner Sozialdemokraten: Wen Wehner wohl gemeint haben könnte, wollte der bärtige Jungpolitiker wissen, als er von einem »freischwebenden weißblauen Arschloch« sprach.

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