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Martin Morlock A GUAT'S G'SCHÄFT

aus DER SPIEGEL 38/1966

Obwohl das Werksgelände schmückender Girlanden oder Fahnentücher ermangelt, knistert Festtagsstimmung in der Spätsommerluft. Wie im Niederbayrischen nicht selten, gilt es gleichzeitig zwei Begebnissen feierlich ins Auge zu blicken, zwischen denen, ginge es auf der Welt immer schicklich zu, etliche Monate Abstand klaffen sollten: einer Verlobung und einer Geburt.

Die Anverlobte stammt aus Dingolfing, und heißt »Hans Glas GmbH«, der Bräutigam, im Münchner Vorort Milbertshofen ansässig, zeichnet mit den Initialen BMW.

Geboren aber wurde - ohne Zutun des Freiers - der tugendsamen Dingolfingerin 22. Kind; zugleich ihr schönstes und kräftigstes: das Glas 2600 V 8 Coupé.

Als ich, ungeladener Festgast, den Fabrikhof betrete, sehe ich den Säugling in wenigen Exemplaren zur Schau stehen; frisch vom Fließband, die eckigen Chromaugen kokett auf mich gerichtet, mit sanft geschwungener Nase schnüffelnd, ob ich wohl jenem gehobenen Mittelstand angehöre, der für 150 Pferdestärken 19 400 Mark anzulegen willens ist.

Doch nicht dem Neugeborenen, das als Prototyp auf der letzten Frankfurter Automobilausstellung den Beinamen »Glaserati« erhielt, gilt mein Besuch, sondern Andreas ("Anderl") Glas, 43, dem Juniorchef.

Da Herr Glas, für kurze Zeit seinen In- und Auslandsvertretern sowie einem Fernsehteam des Saarländischen Rundfunks entronnen, sich nicht für geneigt erklärt, über seine bräutlichen Gefühle für die Bayerischen Motoren Werke noch über andere Intimitäten der Gegenwart zu plaudern, erörtern wir Vergangenes.

Aus der Historie des Glas-Hauses stechen zwei Eigentumlichkeiten hervor: sicheres Gespür für die Marktlage und ein unbeirrbarer Familiensinn.

Kurz nach dem Krieg, als auch im fruchtbaren Niederbayern das leibliche Wohl eine Transportfrage war, baute die Sämaschinenfabrik Glas Handkarren. 1950, als das Bundesvolk gewillt schien, der Fortbewegung seiner Physis bescheidenen Tribut zu leisten, bauten Vater Hans und Sohn Andreas den ersten deutschen Motorroller. »Dös war a guat's G'schäft bis 1954. Dann haben die anderen ang'fangt und mir ham aufg'hört.«

Schon bei der Namensgebung dieses Fahrzeugs wurde der Fabrikanten Sippen-Sensus offenbar: Mochten andere ihre Produkte nach Insekten (Vespa), Landschaften (Taunus) oder Marinedienstgraden (Kapitän) benennen, - Anderl Glas taufte seinen Roller auf den Kosenamen, den ein rheinisches Dienstmädchen für seinen zweitältesten Sohn Andreas erfunden hat: »Goggo«.

Auch der Zweitakt-Bestseller »Goggomobil« (verkauft insgesamt 300 000 Stück) erwuchs nicht aus kaltrechnender Marktforschung, vielmehr aus bajuwarischer Stammesverbundenheit. Vom Münchner Oktoberfest heimkehrend, hatte Vater Hans auf der Strecke nach Dingolfing mehr regendurchnäßte Zweiradfahrer gesichtet als sein Patriotenherz ertragen konnte, und Sohn Anderl hatte die Überlegung angestellt: ein Motorrad mit Beiwagen plus Spezialbekleidung für drei Personen koste an die 3000 Mark; für diesen Betrag könne man auch ein überdachtes Bewegungsmittel produzieren.

Als es die Käuferschaft nach mehr »Spitze« gelüstete, wurden Viertaktmotoren gebaut; als es gesteigerter Augenlust Vorschub zu leisten galt, wurde der Turiner Karosserie-Modist Pietro Frua dienstverpflichtet. Nun, als vorläufig letzter Anpassungsakt, die »Verlobung« (Anderl Glas besteht auf diesem Terminus) mit BMW. Deutsches Wunder in niederbayrischer Nußschale.

»Werden Sie«, frage ich, »Ihr Goggomobil weiterproduzieren?«

Andreas Glas zeichnet auf seinen Notizblock eine Bleistiftlinie, die ich mir als Rentabilitätsgrenze vorzustellen habe. »Hier (sein Stift sticht einen Millimeter oberhalb der Linie ins Papier) bau' ma's noch weiter, hier (Stift auf der Linie) bau' ma's a no weiter, hier (Stift einen Millimeter unterm Strich) bau' ma's nimmer weiter.«

Daß kein Grund besteht, an der Werkszukunft zu verzagen, sollen mir die Berufsziele der drei Glas-Söhne demonstrieren ("Nach'm dritten hammar aufg'hört, sonst wär's a Fußballmannschaft word'n"): Hans, 23, besucht die Ingenieurschule, Andreas, 18, ist zum Volkswirt bestimmt; nur der 14jährige Toni will und soll Arzt werden.

Ein Wirtschaftspessimist, der Toni? - Nein, erfahre ich, »es soll wenigstens einer von unserer Familie an anständigen Beruf ergreifen«.

Glas

Martin Morlock
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