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CSU A Handvoll Guate

Der Landtagsabgeordnete Hans Wallner soll sich auf Staatskosten beim Telefonsex amüsiert haben. Die Ermittler halten ihn für überführt.
Von Georg Mascolo
aus DER SPIEGEL 2/1998

Die Zeugin mit Namen »Steffi« geriet ins Schwärmen über ihren Plauschpartner. Ein »sehr interessanter Anrufer« sei »Jonny« gewesen, »menschlich sehr nett« und »angenehm«. Wie ein richtiger »Charmeur« habe er ihr Komplimente gemacht, ihre »faszinierende Stimme« gepriesen und beteuert, er würde »gerne mit mir reden«.

Die intimen Plaudereien mit Steffi und etlichen ihrer Kolleginnen aus der Flirt- und Telefonsexbranche bringen Jonny nun vor Gericht. Denn der ist, da ist sich die Staatsanwaltschaft München sicher, identisch mit dem CSU-Landtagsabgeordneten Hans Wallner, 47, aus dem niederbayerischen Deggendorf.

Der gelernte Konditor und Kaufmann hat nach Überzeugung der Ermittler im Frühjahr vergangenen Jahres binnen drei Monaten für mehr als 25 000 Mark von seinem Dienstapparat im Münchner Maximilianeum aus »professionelle Vermittler von Damenkontakten« angeläutet und sich dann, teils nächtelang, eine Hand am Hörer, mit den Telefonhostessen amüsiert.

In seiner letzten Sitzung vor der Weihnachtspause hob der Bayerische Landtag mit den Stimmen der CSU Wallners Immunität auf. Die Staatsanwaltschaft will gegen ihn in Kürze wegen Betrugs einen Strafbefehl über 25 000 Mark beantragen.

Monatelang hing die Affäre in der Luft und glich eher einem Rätselspiel. »Hat er, oder hat er nicht?« fragte nicht nur die »Stuttgarter Zeitung«. Kollegen aller Fraktionen tuschelten hinter vorgehaltener Hand, zutrauen würde man es dem Hallodri aus Niederbayern ja. Wallner aber bestritt beharrlich: »Ich war's nicht. Ich hab' nicht telefoniert.«

Doch die Ermittler haben inzwischen erdrückendes Beweismaterial zusammengetragen und dieses kurz vor Weihnachten in vertraulicher Sitzung auch einer Gruppe bayerischer Parlamentarier offenbart. Gezwungen sah sich die Staatsanwaltschaft hierzu, weil kurioserweise ausgerechnet der SPD-Abgeordnete Klaus Hahnzog, Vorsitzender des für Immunitätsfragen zuständigen Rechtsausschusses, sich Ende Oktober geweigert hatte, die Aufhebung der Immunität des CSU-Kollegen überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen. Der SPD-Mann befand den von der Justiz vorgelegten Antrag für »schlampig« und »völlig unzureichend begründet« und stellte sich deshalb »aus grundsätzlichen Erwägungen« vor den Verdächtigten.

Aufgrund der hochnotpeinlichen Ermittlungsergebnisse dürfte nun jedoch sogar die CSU auf Distanz gehen. Demnach haben mindestens drei Gesprächspartnerinnen von Telefonsex-Hotlines, darunter Steffi, die Stimme eines Anrufers namens Jonny als die von Wallner identifiziert. Die Zeuginnen gaben dabei Details aus dessen persönlichem Umfeld zu Protokoll, die nach Ansicht der Ermittler der Öffentlichkeit nicht bekannt sind.

Einer der Telefondamen nannte Jonny nach deren Angaben sogar seinen richtigen Namen: Hans Wallner. Jonny habe sich ihr, so die Frau bei einer Vernehmung durch die Kripo, als CSU-Mitglied mit »Politik als Nebenjob« vorgestellt. Er sei kein Mitläufer, habe Jonny ihr anvertraut, sondern vertrete andere Ansichten als Kollegen innerhalb der Partei.

Bayerischen Abgeordneten kommen solche Sprüche bekannt vor. Gern rühmt sich der affärenerprobte CSU-Mann, der dem Parlament seit elf Jahren angehört und schon mal wegen Meineids verurteilt wurde, er sei eben kein Anpassertyp und habe »nicht den cw-Wert eines Politikers heutigen Stils«. Am Stammtisch läßt sich Wallner gern einen »Sauhund« nennen - Kompliment unter niederbayerischen Machos für den Prototyp des gerissenen Volksvertreters, der sein Maul auch mal zu weit aufreißt.

Ins Blickfeld der Landtagsverwaltung geriet Wallner im Februar vorigen Jahres. Nachdem dort für ein vom Landtag angemietetes Appartementhaus, in dem Wallner und mehr als zwei Dutzend weitere Abgeordnete untergebracht sind, die Telefonrechnung eingegangen war, wurde das Landtagsamt bei der Telekom vorstellig: Die ungewöhnlich hohen Kosten für Verbindungen zum Service 0190 müßten auf einem Abrechnungsfehler beruhen.

Eine akribische Recherche begann. Wenige Wochen später stand fest: Die Häufung der 0190er Nummern auf den Telefonrechnungen des Parlaments beruhte nicht wie vermutet auf einem Fehler der Telekom, sondern darauf, daß diese vom Apparat des CSU-Abgeordneten Wallner zum Teil stundenlang, auch nachts, angewählt worden waren.

In der ersten April-Hälfte explodierten die Kosten auf dem Wallner-Apparat derart, daß die Beamten in ihrer Not zunächst den Landtagsdirektor, dann Landtagspräsident Johann Böhm (CSU) persönlich einschalteten. Nachdem binnen acht Tagen mehr als 6300 Mark Gebühren für Telefonsex-Nummern aufgelaufen waren - mal für die »Dating line«, mal für den »Fanny Hill Club« -, zitierte Böhm seinen Parteifreund Mitte April aufgebracht zu sich.

Ausweislich einer Notiz des Landtagsamtes hielt Böhm Wallner die »Auffälligkeiten an seiner Telefonnebenstelle« vor, insbesondere, daß zwischen Januar und März 1997 von dort für rund 22 000 Mark Verbindungen zum Service 0190 angefallen seien. Wallner beteuerte, er könne sich den hohen Gebührenanfall nicht erklären. Vermutlich seien »Hacker« am Werk, die ihm Böses wollten. Noch am selben Tag schaltete der Präsident die Polizei ein.

Die ermittelte zunächst gegen Unbekannt. Schon bald aber richtete sich der Verdacht gegen Wallner selbst, der sogleich »Rufmord« und ein »bayerisches Watergate« witterte.

Stutzig machte die Ermittler zuallererst, daß von dem Moment an, in dem Wallner vom Landtagspräsidenten ins Gebet genommen war, die Sextelefonate schlagartig aufhörten. Noch am Tag vor der Ladung bei Böhm liefen den Ermittlungen zufolge auf Wallners Nebenstelle 1624,92 Mark Gebühren für Sexgespräche auf.

Auch die Zeiten, zu denen die Telefonate geführt wurden, sprechen nicht unbedingt für die Hackertheorie. Nach den Listen, welche die Staatsanwaltschaft ausgewertet hat, erfolgte ein Großteil der Anrufe zwischen Dienstag und Freitag, also an Sitzungstagen des Landtags. Zu Zeiten, in denen keine Sitzungen stattfanden, wurde nicht telefoniert.

Besondere Häme seiner Kollegen dürfte dem CSU-Mann dafür sicher sein, daß sich eine der Zeuginnen nach Aktenlage bei einem privaten Telefongespräch Jonnys Handy-Nummer notierte und ihn einmal unter dieser anrief. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich dabei um die Nummer von Wallners Mobiltelefon.

Bei einer Durchsuchung des Abgeordneten-Appartements, der Deggendorfer Wohnung und des Autos von Wallner beschlagnahmten die Ermittler von diesem gefertigte handschriftliche Notizen mit Telefonsex-Nummern sowie Tonbandmitschnitte von Briefkastennachrichten, die der Politiker und die Zeuginnen untereinander ausgetauscht hatten. Unter anderem hinterläßt darauf eine »sehr weibliche, dunkle, attraktive Mittvierzigerin« bei Jonny den Wunsch nach »Streicheleinheiten für Körper und Seele«. Für die von Wallner behaupteten »Manipulationen« an der Telefonanlage des Landtags durch Hacker fand die Staatsanwaltschaft hingegen keine konkreten Hinweise.

Trotz der erdrückenden Beweislast ist Wallners Anwalt Sascha Prosotowitz nicht ohne Hoffnung. Der Spezialist für Telefon-Hacking und Computerbetrug will vor Gericht belegen, daß auch bei der ISDN-Anlage des Landtags »Zugriffe von außen«, beispielsweise durch Wählautomaten, möglich seien. Gegen einen Strafbefehl will Prosotowitz Einspruch einlegen und es auf eine Hauptverhandlung ankommen lassen.

Für den CSU-Abgeordneten, den die Parteibasis vor wenigen Wochen zur Landtagswahl im Herbst nicht mehr nominierte, spricht nach Ansicht seines Anwalts auch, daß die Verbindungen zu den Stöhn-Nummern teilweise bis zu elf Stunden gedauert hätten. Das sei selbst bei bester Kondition nicht zu schaffen. Prosotowitz hält es deshalb für »höchste Zeit, daß sich endlich ein Gericht mit den Vorwürfen gegen Herrn Wallner befaßt und nicht mehr nur Staatsanwälte und Politiker«.

Was die »Unschuld vom Landtag«, wie die heimische »Deggendorfer Zeitung« Wallner schon mal ironisch nannte, von Bayerns Richtern hält, hat dieser vor Jahren im Wahlkampf kundgetan. Nur »a Handvoll guate« gebe es da. »Der Rest«, so der CSU-Mann damals, »is' G'sindel.«

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