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MINISTER Ab nach Nairobi

Klaus Töpfer plant eine neue Karriere bei den Vereinten Nationen - noch will ihn niemand zurückhalten.
Von Hartmut Palmer
aus DER SPIEGEL 43/1997

Gutgelaunt strich Klaus Töpfer einen Spielgewinn ein. Wieder einmal hatte der CDU-Minister am vorvergangenen Sonntag in Leipzig - mit etwas Glück und viel Geschick - ein riskantes Blatt gewonnen und seine Mitspieler beim Skat abgezockt.

»Machst du eigentlich den neuen Job«, fragte ihn plötzlich einer aus der Runde, »gehst du nach Nairobi?« Helmut Kohls Bauminister teilte neue Karten aus und nickte heftig. »Ist doch nichts Ehrenrühriges, oder?«

Konkreter mag Töpfer einstweilen nicht werden. Der Kanzler sei eingeweiht, verriet er immerhin.

Uno-Generalsekretär Kofi Annan möchte Töpfer zum Chef einer internationalen Behörde machen, die - mit mehr Kompetenzen ausgestattet als das bisherige Sekretariat des Uno-Umweltprogramms (Unep) - vom afrikanischen Nairobi aus den weltweiten Kampf gegen die Umweltverschmutzung führen soll. Die bisherige Unep-Direktorin, die Kanadierin Elizabeth Dowdeswell, hört zum Jahresende auf.

Annans Plan ist Teil des von ihm angekündigten Programms zur Reorganisation der Uno-Strukturen; die formelle Entscheidung darüber steht allerdings noch aus, und möglicherweise bewirbt sich auch noch ein Konkurrent. Im Kanzleramt und in der Koalition wurde Töpfers Abgang letzte Woche dennoch so behandelt, als sei er bereits beschlossene Sache, die ersten Nachfolgekandidaten kamen schon ins Gerede: CSU-Landesgruppenchef Michael Glos und die Wohnungsbauexpertin der Fraktion, Dagmar Wöhrl.

Die Uno-Offerte paßt allen Beteiligten nur zu gut ins Konzept: Kanzler Kohl könnte wieder einen Ministerposten vergeben, die CSU für das verlorene Amt des Postministers Wolfgang Bötsch entschädigt und das im Sommertheater ramponierte Renommée des CSU-Vorsitzenden Theo Waigel aufgebessert werden. Ansonsten aber bliebe alles beim alten.

Unter diesen Vorzeichen halten es Töpfers Skatfreunde nicht einmal für ausgeschlossen, daß ihr Mitspieler noch ein wenig pokert. Will Töpfer mit dem Angebot aus New York womöglich nur seinen Marktwert bei Kohl ausloten? Andererseits hätte er viele gute Gründe, Bonn und Berlin gerade jetzt den Rücken zu kehren.

Seine Mission als Beauftragter für den Regierungsumzug ist weitgehend erfüllt. Er hat die von Kohl gewünschte Rolle des Berlin-Promotors so erfolgreich gespielt, daß er entbehrlich wurde. »Der Umzugsprozeß«, sagt Volker Kähne, Chef der Berliner Senatskanzlei, »hat dank Töpfer so viel Eigendynamik entwickelt, daß er nicht mehr aufzuhalten ist.«

Trotzdem würden die Berliner Parteifreunde nicht gerade halbmast flaggen, wenn Töpfer die Stadt verließe. Weil der Minister sich lieber auf Baustellen herumtrieb, als im Ministerium Akten zu wälzen, wurde er richtig populär. Zwischen Reichstag und Spreebogen machte er so viel Wirbel, daß er zum Liebling der Medien aufstieg. Dem neuen Star wurde sogar schon zugetraut, den Dauer-Regierenden Eberhard Diepgen verdrängen zu können - was die Kooperation mit dem Roten Rathaus nicht unbedingt erleichterte.

Doch die Zeiten, da man Töpfer mit glanzvollen Bau- und Zukunftsplänen identifizieren konnte, gehen zu Ende. Je näher der geplante Umzugstermin rückt, desto größer wird für den Umzugsbeauftragten die Gefahr, für Pannen und Pfusch verantwortlich gemacht zu werden. Dem harmoniebedürftigen Töpfer ist die Vorstellung ein Graus, im Umzugsjahr 1999 von wütenden Abgeordneten umringt zu werden, die den Reichstag nur in Gummistiefeln betreten können, weil die Bautermine nicht eingehalten wurden.

Töpfer ist, so stellte er kürzlich bei der Feier seines zehnjährigen Minister-Jubiläums fast erschrocken fest, nach Norbert Blüm Kohls dienstältester Minister. Vor Jahren sogar schon als Kohl-Nachfolgekandidat gehandelt, gilt er nun eher als Auslaufmodell. Die Aussicht, bis zur Pension in der Bonn-Berliner Tretmühle bleiben zu müssen, erheitert ihn nicht gerade. Im kommenden Jahr wird er 60 Jahre alt - höchste Zeit also, noch etwas Neues zu wagen.

Das Parkett, auf das er sich begeben will, ist ihm seit seinen Zeiten als Bonner Umweltminister vertraut. Wenn Töpfer mit besorgtem Tremolo das Waldsterben beklagte, wenn er - wie 1992 auf dem Umweltgipfel in Rio - anklagend die Emissionen der Industrieländer geißelte und Besserung im eigenen Land gelobte, war ihm der Beifall der Fachleute sicher. Kein anderer konnte so gelehrt über die Zerstörung der Erdatmosphäre daherreden. Daß die Umsetzung seiner edlen Vorsätze in der Bonner Regierung fast immer am Widerstand der Lobbyisten scheiterte, tat seinem Ansehen kaum Abbruch.

Leicht gemacht wird ihm der Abschied auch durch den Ärger mit seiner eigenen Behörde. Bonner Staatsanwälte ermitteln derzeit in Töpfers Bundesbaudirektion. Ihr Verdacht: Bei der Vergabe von Millionenaufträgen soll Schmiergeld geflossen sein. »Sie glauben gar nicht«, klagte der Minister jüngst, »wie verfilzt, verknotet und verfeindet dort alles ist.« Noch nie habe ein Bauminister sein Amt »so blauäugig betreten« wie er.

Nach jahrelangem Hin und Her droht zudem das peinliche gerichtliche Nachspiel um den 1993 im Rheinhochwasser abgesoffenen Schürmannbau. Und dabei kann kein Bauminister eine gute Figur machen.

Den Vorwurf, er trete angesichts seiner Malaise die »Flucht in die Uno« an (SPD-MdB Otto Reschke) und verlasse, ein Jahr vor der Bundestagswahl, die angeschlagene Koalition, wischt Töpfer beiseite. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen könne »seine Entscheidungen nicht davon abhängig machen, ob bei uns in zwölf Monaten eine Wahl stattfindet«.

Bis Dienstag dieser Woche wird er wieder in Nairobi sein. Denn es gebe »vor Ort noch ein paar Fragen zu klären«.

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