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Artikel 44 / 77

»Abends kommt der Klassenfeind«

aus DER SPIEGEL 37/1977

In der dritten Oktoberwoche hörte ich aus Hamburg, daß NDR-Intendant Martin Neuffer kurzfristig vom DDR-Außenministerium zu einem »beiderseits interessierenden Meinungsaustausch« nach Ost-Berlin eingeladen worden sei.

Die Information überraschte mich, denn die Einladung war nicht, wie üblich, über das Ost-Berliner ARD-Studio gelaufen. Als ich mich in der Abteilung »Journalistische Beziehungen« des Außenministeriums nach Einzelheiten erkundigte, gab man sich unwissend.

Auch Neuffer ahnte nicht, worüber Hauptabteilungsleiter Wolfgang Meyer mit ihm sprechen wollte, als er am frühen Morgen des 27. Oktober 1976 in unserem Ost-Berliner Studio eintraf. Gemeinsam fuhren wir in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik und überlegten zusammen mit Günter Gaus und seinen Mitarbeitern, was die Genossen wohl planten.

Intendant Neuffer fuhr dann, begleitet von seinem persönlichen Referenten Nienhaus, zu dem angesetzten Gesprächstermin ins Außenministerium. Ich ging unterdessen wegen einer Visa-Angelegenheit in die polnische Botschaft, die in der Nähe des ARD-Studios liegt.

Es mochte eine knappe halbe Stunde vergangen sein, da stürzte meine Sekretärin herbei und richtete mir aus, ich solle sofort ins Studio kommen, der Intendant sei bereits wieder aus dem Außenministerium zurück.

Als ich ihn sah, war mir klar, daß etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein mußte. Martin Neuffer war sehr ernst. Er zog mich mit sich fort und sagte: »Es ist schlimmer, als wir angenommen haben, das Außenministerium hat Ihre sofortige Abberufung verlangt.« Wir stiegen in den vor dem Haus wartenden Wagen und fuhren sofort zu Gaus.

In der »Laube«, dem für abhörsicher gehaltenen Raum der Mission, berichtete Neuffer über das Gespräch. Gaus hatte seinen Stellvertreter, Ministerialrat Dr. Hans-Otto Bräutigam, hinzugezogen. Als der NDR-Intendant erwähnte, man habe meine sofortige Abberufung verlangt, schüttelte Bräutigam bestürzt den Kopf und sagte: »Das ist ein Schlag in das Gesicht des Bundeskanzlers.«

Meyer hatte mündlich einen langen Katalog von Verfehlungen vorgetragen, die ich oder unter meiner Leitung

* Volkspolizisten versperren den Teams von ARD und ZDF am 27. November 1976 den zugang zum Haus des DDR-Kritikers Havemann in Grunheide.

das ARD-Team begangen haben sollte. Ich hätte

* auf der Leipziger Herbstmesse 1976 vor dem Kino Capitol eine staatsfeindliche Demonstration zu organisieren versucht,

* DDR-Bürger an ihrer Pflichterfüllung gehindert und sie beleidigt,

* vor Volkspolizisten verächtlich ausgespuckt,

* einen Kontrolleur auf dem Leipziger Messegelände einen »kleinen deutschen Wachtposten« genannt,

* ohne Genehmigung in Grenz- oder Sperrgebieten mit dem ARD-Team gefilmt, so am 17. April 1975 im Grenzkontrollpunkt Drewitz und am 9. Juli 1975 bei der Ostseewoche in Rostock,

* in Riesa DDR-Bürger aufgefordert, mir im Zusammenhang mit laufenden Verfahren Informationen zu geben und damit diese Bürger zu einschlägigen Straftaten angestiftet. Angesichts der Schwere meiner Verfehlungen, so forderte Meyer, müsse die DDR-Regierung meine sofortige Abberufung verlangen. Die ARD habe jedoch die Möglichkeit, sogleich einen Nachfolger für mich zu benennen; auch mit Übergangslösungen sei man einverstanden.

Eine schriftliche Fixierung der Vorwürfe lehnte Meyer ab. Der Intendant des NDR wies auf die politischen Konsequenzen für die deutsch-deutschen Beziehungen hin und erklärte, der ARD-Korrespondent Loewe werde nicht abberufen.

Es ist unnötig zu sagen, daß die Vorwürfe Meyers völlig aus der Luft gegriffen waren. Was etwa das angebliche Filmen im Grenz- und Sperrgebiet anlangte, so konnte ich anhand meiner Unterlagen später genau rekonstruieren, daß wir an dem fraglichen Tag nicht in Drewitz, sondern auf der Autobahn Berlin-Marienborn gefilmt hatten. Auch in Sperrgebieten des Bezirkes Rostock hatten wir nicht gefilmt.

Gaus und Bräutigam zweifelten keinen Augenblick daran, daß die Vorwürfe Meyers haltlos waren. Und doch zeigten sie sich höchst alarmiert. Die mögliche Ausweisung eines ARD-Korrespondenten mußte alle Bemühungen der sozial-liberalen Regierungskoalition, nach der Bundestagswahl vom 3. Oktober in der Entwicklung der deutsch-deutschen Beziehungen Fortschritte zu erzielen, entscheidend stören.

Gaus erkannte klar, daß schnell gehandelt werden mußte, um möglichen Schaden abzuwenden. Durch seine Sekretärin ließ er sofort beim stellvertretenden Außenminister Kurt Nier um einen Termin bitten. Der DDR-Diplomat war innerhalb von 30 Minuten sprechbereit. Es war offensichtlich, daß er auf den Anruf von Gaus schon gewartet hatte. Bevor er ins DDR-Außenministerium fuhr, kabelte Gaus noch ein Blitztelegramm an das Bundeskanzleramt.

Nier wiederholte fast mit denselben Worten, was Meyer erklärt und gefordert hatte: sofortige Zurückziehung des ARD-Fernsehkorrespondenten. Gaus« Bitte, ihm dies schriftlich zu geben, wies Nier ebenso wie Meyer ab: Die Beweise seien stichhaltig, die DDR sei zudem ein souveräner Staat, der es nicht nötig habe, seine Feststellungen durch einen anderen Staat überprüfen zu lassen.

Dann wurde der hohe DDR-Funktionär inoffiziell. Er verstehe gar nicht die Aufregung, lächelte Nier milde, die Regierung der DDR biete doch eine »recht elegante Lösung« an: Die ARD zieht Loewe nach außen hin aus eigenem Antrieb zurück und gibt ihm einen Korrespondentenposten außerhalb der DDR, sie ernennt einen neuen Korrespondenten für die DDR, der selbstverständlich sofort akkreditiert wird keiner verliere dabei sein Gesicht. und die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten würden dadurch nicht belastet.

* Am 28. Oktober 1976 in Ost-Berlin. Links: ARD-Hörfunkkorrespondent Armin Beth

Gaus fragte zum Schluß, was die DDR zu tun beabsichtige, wenn Loewe, worüber kein Zweifel bestünde, auf seinem Posten bliebe. Nier ließ diese Frage offen, betonte aber, falls die ganze Angelegenheit in irgendeiner Form in der westlichen Presse behandelt würde, wäre die DDR gezwungen, unverzüglich »Maßnahmen einzuleiten«.

Was für Maßnahmen? Nier war nicht bereit, diese Maßnahmen näher zu spezifizieren.

Uns blieb nichts anderes übrig als abzuwarten. Neuffer erteilte mir die Weisung, die Berichterstattung fortzusetzen und so weiterzuarbeiten, als sei nichts geschehen -- ein schwieriger Auftrag für mich und meine Mitarbeiter.

Wir hatten keine Ahnung, was die DDR-Führung in den nächsten Tagen und Wochen tun würde, wir wußten auch nicht, ob und wie lange die westlichen Zeitungen und Nachrichtenagenturen schweigen würden. Trotz aller Bemühungen, Stillschweigen zu bewahren, wuchs von Tag zu Tag der Kreis der Kollegen, die etwas von dieser Angelegenheit wußten.

Heftige Auseinandersetzungen hinter den Kulissen der DDR.

Allmorgendlich schlugen Gaus und ich besorgt die Zeitungen auf. Schon eine kleine Meldung in irgendeinem Blatt konnte den Ausweisungsbefehl auslösen. Aber zu unserer Beruhigung verhielten sich die journalistischen Kollegen solidarisch und verzichteten auf Veröffentlichungen.

In der Zwischenzeit ließen die DDR-Behörden jedoch keine Zweifel daran, daß sie den »Fall Loewe« nicht auf sich beruhen lassen wollten. Die Aufenthaltsgenehmigungen für meine Familie und mich wurden nur bis zum Jahresende verlängert, und selbst kooperative Funktionäre ließen vorsichtig durchblicken, daß das Schlimmste noch nicht überstanden war.

Die DDR-Diplomaten ließen keine Gelegenheit vergehen, Gaus an den Fall Loewe zu erinnern. Auch die Russen schalteten sich ein, Pressesekretär Dejew von der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin zu einem bundesdeutschen Diplomaten: »Wann verschwindet eigentlich der Herr Loewe, ich sehe, daß der noch immer auf dem Fernsehschirm herumgeistert.«

Am Vormittag des 27. Oktober hatte die DDR meine Abberufung verlangt, am Nachmittag stand ich bereits wieder vor der Kamera und berichtete über die Verhandlungen, die Staatssekretär Gaus mit dem stellvertretenden DDR-Finanzminister Schmieder über den nichtkommerziellen Zahlungsverkehr begonnen hatte.

Das nächste brisante Thema ergab sich zwei Tage später, am 29. Oktober: Völlig überraschend kam die Meldung, daß der SED-Chef Honecker nunmehr auch Vorsitzender des Staatsrates und damit Staatsoberhaupt der DDR geworden war. Willi Stoph wurde wieder Ministerpräsident, der bisherige Regierungschef Horst Sindermann, bei dem ich einige Sympathien genoß, wurde auf den unbedeutenden Posten des Volkskammerpräsidenten heruntergestuft.

Die Machtverschiebung innerhalb der DDR-Führungsspitze war der sichtbare Beweis dafür, daß es hinter den Kulissen heftige Auseinandersetzungen gab, über das Verhältnis zur Bundesrepublik, über die Wirtschaftslage und über die innere Situation der DDR. Dabei dürfte auch die westliche Fernsehberichterstattung aus der DDR eine Rolle gespielt haben. Ich kam mir vor wie ein Bauer auf dem Schachbrett, der stets damit rechnen mußte, aus dem Feld geschlagen zu werden.

»Wir waren Seelsorger,

Beichtväter und Rechtsberater.«

Wie heftig die Kontroverse über die einzuschlagende Politik gegenüber der Bundesrepublik war, zeigte die Volkskammersitzung am 1. November. Der neue DDR-Ministerpräsident Willi Stoph erklärte:

Die Deutsche Demokratische Republik ist an keiner Verschärfung der Situation interessiert, denn dadurch würde nicht nur das Verhältnis zwischen der DDR und der BRD, sondern die internationare Lage ins. gesamt belastet werden. Alle Schritte seitens der Bundesrepublik Deutschland, die vom Streben nach Frieden und einem realistischen Verhalten gegenüber der DDR getragen sind, werden bei uns ein positives Echo finden.

Weitaus schärfere Töne schlug in derselben Sitzung der SED-Sicherheitschef Paul Verner an. Was er vor der Volkskammer erklärte, schien die Worte von Stoph wieder aufzuheben:

Unschwer ist zu verstehen, daß solche groben und anmaßenden Einmischungsversuche in die inneren Angelegenheiten der Deutschen Demokratischen Republik, wie sie von der Bundesrepublik Deutschland aus in den zurückliegenden Monaten betrieben wurden, die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der BRD ernsthaft belasten museen. Es steht außer Frage: Die gesteigerte Hetz- und Verleumdungskampagne gegen die Deutsche Demokratische Republik, die Sowjet-Union und andere sozialistische Staaten vergiftet die Atmosphäre und schädigt jenes Klima, das für normale Beziehungen und ihre Entwicklungen unerläßlich ist.

In jenen Herbsttagen schwoll in der Ständigen Vertretung der Strom der Besucher an, die in der Ausreisefrage Rat suchten. Hundert DDR-Besucher täglich waren keine Seltenheit. Und auch vor unserem Studio und vor den Büros meiner Kollegen warteten manchmal schon ganze Familien, wenn wir morgens die Tür aufschlossen. Gleichwohl mußten wir den Ratsuchenden immer wieder nahelegen, die DDR-Gesetze nicht zu verletzen. Wir waren Seelsorger, Beichtväter und Rechtsberater in einer Person.

Anfang November hatten wir über den Besuch des DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter bei Harry Tisch, dem Chef der DDR-Einheitsgewerkschaft FDGB, in Ost-Berlin zu berichten. Am Schluß hielten die Gewerkschaftschefs gemeinsam eine Pressekonferenz ab. Dabei stellte ich folgende Frage: »Sehen Sie die Möglichkeit, daß die DDR in Kürze weitere Reiseerleichterungen schaffen kann und daß Arbeiter der DDR einzeln, nicht nur in Delegationen, in die Bundesrepublik reisen können, um mit ihren Kollegen dort gemeinsame Erfahrungen auszutauschen?«

Im Saal des Gewerkschaftshauses in Berlin-Schmöckwitz herrschte Totenstille. Harry Tisch fixierte mich und begann:

»Ich bin darüber informiert, diese Frage ist Herrn Loewe schon hundertmal beantwortet worden, aber ich will es trotzdem noch einmal tun, weil er ja permanent diese Frage immer wieder stellt. Im Jahresbericht der Uno von 1975 wird erklärt, daß die Deutsche Demokratische Republik der zweitgrößte Touristenstaat der Welt ist. Aber ich will nicht von der allgemeinen Touristik sprechen, sondern jetzt von dem Reiseverkehr zwischen der BRD und der DDR.

»Seit dem Abschluß des Grundlagenvertrages bis zur Gegenwart haben ungefähr 30 Millionen Bürger der BRD die DDR besucht und ca. 10 Millionen Bürger der DDR die BRD. Nun frage ich: Wenn Sie davon ausgehen, daß in der BRD 60 Millionen Bürger leben und bei uns 17, was soll dann ständig diese Fragestellung, was will man dann noch? Bei uns ist die Möglichkeit gegeben, daß die Bürger nach den Gesetzen die Reisen vollziehen können, die Bürger von der BRD zur DDR kommen, darunter sind Arbeiter, darunter sind Angestellte, alle Schichten der Bevölkerung betrifft das.«

Noch hoffte ich, daß die hochschlagenden Wellen innerhalb der DDR-Führung, die meine Position bedrohten, sich wieder glätten würden, da verdunkelte ein ganz anderer Eklat die deutsch-deutschen Beziehungen.

Am 16. November bürgerte die DDR-Regierung den kommunistischen Liedermacher Wolf Biermann aus. Begründung: Er habe auf einer Konzerttournee in Westdeutschland »feindseliges Auftreten« gegenüber der DDR gezeigt und sich damit »selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen«.

Biermann hatte in der Tat die Verhältnisse in der DDR kritisiert, nicht erstaunlich für einen vom Regime mundtot gemachten Sänger. Bei einem viereinhalbstündigen Auftritt vor 7000 Zuhörern in der Kölner Sporthalle sang er: »Die DDR, auf Dauer/Braucht weder Knast noch Mauer.«

Doch zugleich nutzte der Protestsander jede Chance, sich zur DDR als dem »besseren Staat« zu bekennen, den man nicht im Stich lassen dürfe. Wie ein Ikarus mit schmerzenden Armen kam er sich vor, wie der schwingenstarke Preußenadler auf der Weidendammer Brücke hinter dem Bahnhof Friedrichstraße in Ost-Berlin: Er fliegt nicht weg -- er stürzt nicht ab, Macht keinen Wind -- und macht nicht schlapp am Geländer über der Spree.

Der Schlag gegen Biermann, vermutlich lange Zeit vorbereitet, erregte die Menschen in der DDR wie kein anderes Ereignis des Jahres. Künstler, Schauspieler und Schriftsteller sammelten sich zum Protest gegen den Ausbürgerungsakt, drei Tage später hatten bereits 92 DDR-Intellektuelle Biermann-Resolutionen unterschrieben.

Im ARD-Büro gingen laufend Meldungen ein, die zeigten, daß alle Gegenden der Republik von der Pro-Biermann-Welle erfaßt wurden.

Aus Weißenfels wurden regimekritische Pflasteraufschriften gemeldet, ähnliche Parolen soll es an Bauzäunen am Ost-Berliner Stadtrand gegeben haben. Zum erstenmal wagten DDR-Bürger offenen Protest gegen eine administrative Maßnahme der Staatsmacht. Die politische Atmosphäre war so gespannt, daß spontane Streiks in den Betrieben nicht ausgeschlossen werden konnten.

Auch Staatssekretär Gaus und seine Mitarbeiter schätzten den inneren Zustand der DDR als äußerst labil und konfliktträchtig ein. Günter Gaus und ich rückten damals enger aneinander, zumal wir in der Analyse der Lage und ihrer Gefahren übereinstimmten. Wir fürchteten, daß eine plötzliche Solidarisierung der Intellektuellen und der Arbeiter innerhalb der DDR eine explosive Lage entstehen lassen könnte.

Gaus und ich waren nie ein leichtes Gespann gewesen. Wir waren allzu verschiedene Temperamente, wir vertraten auch verschiedene Interessen: Er, der Diplomat, in erster Linie an einem reihungslosen Verlauf der offiziellen Beziehungen zwischen Bonn und Ost-Berlin interessiert, pflegte eine Geheimniskrämerei, die uns Korrespondenten manchmal auf die Nerven ging.

Er mußte im Interesse des Staates Informationen zurückhalten, ich war bemüht, ein Maximum an Informationen zu beschaffen und sie unseren Zuschauern zu vermitteln. Konflikte ließen sich nicht vermeiden, obwohl wir in der Sache, wenn es um die deutschdeutschen Beziehungen ging, meist prinzipiell übereinstimmten.

Wen will es wundern, daß der frühere Journalist Gaus versuchte, auf unsere journalistische Arbeit Einfluß zu nehmen, sobald er von ihr eine »Störung« seiner diplomatischen Bemühungen befürchtete? Er sah es verständlicherweise nicht gerne, wenn wir »brisante Themen« behandelten.

Rätselhafter Einbruch in Loewes Wohnung.

Dabei ist jeder Journalist, der im Ostblock arbeitet, gleichsam ex officio, ein Anhänger der Entspannungspolitik; sie ist ihm Glaubensbekenntnis und Existenzgrundlage zugleich. Aber das darf nicht zu jener weichen Berichterstattung führen, die -- sei es aus ideologischer Voreingenommenheit, sei es aus handwerklichem Opportunismus -- die Denkschablonen der östlichen Regime übernimmt oder sich ihnen weitgehend anpaßt.

Fast alle meine Kollegen in Ost-Berlin und ich sind diesen Weg nie gegangen, und der Ex-Kollege Gaus hat dies stets respektiert. Wenn es hart auf hart ging, hat sich Gaus in Ost-Berlin immer für die Belange der Journalisten geschlagen.

Die Biermann-Affäre und ähnliche Schicksale nonkonformistischer DDR-Bürger hatten Gaus innerlich tief betroffen gemacht. Unvergeßlich der Nachmittag im November, als der Staatssekretär plötzlich wortlos das Büro verließ, unter den Augen von zahlreichen Sicherheitsbeamten die Hannoversche Straße überquerte und spontan zu Biermanns Frau Tine ging, um ihr seine persönliche Hilfe und die Hilfe seiner Frau anzubieten.

Diese Betroffenheit und Erschütterung verband uns beide, und es erschien uns ganz natürlich, nach Möglichkeit alles zu tun, daß die Empörung über Biermanns Rausschmiß nicht ins Irrationale umschlug.

Die Leitung der ARD hatte beschlossen, am 19. November im Abendprogramm des Deutschen Fernsehens das Kölner Biermann-Konzert in voller Länge auszustrahlen. Die Sendung wurde auf 22.25 Uhr angesetzt, eine Zeit, zu der in der DDR bundesdeutsche Fernsehprogramme selbst in entlegenen Gegenden besonders gut empfangen werden können.

Gaus und ich hofften nur, daß die Gestaltung dieses Programms der DDR-Führung keinen Vorwand liefern würde, gegen den gefährdeten Korrespondenten oder sogar gegen das ganze Studio vorzugehen. Beide leiteten wir entsprechende Hinweise der ARD zu.

Die Lage in Ost-Berlin hatte sich wieder zugespitzt. Am 17. November hatte ich berichtet: »Diplomaten, Schriftsteller und Intellektuelle hier in Ost-Berlin befürchten, daß eine sehr frostige Periode heraufzieht.«

In der Nacht zum 19. November hatten Unbekannte an mindestens zwei Stellen Ost-Berlins, am Hackeschen Markt und in Friedrichshain, Solidaritätsschriften an die Häuserwände gepinselt. Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym hatte eine Dichterlesung in West-Berlin abgesagt, weil er befürchtete, die DDR-Methode der Ausbürgerung würde womöglich auch in seinem Fall praktiziert.

Mit gemischten Gefühlen schaltete ich am späten Abend des 19. November im ARD-Büro den Fernsehapparat ein. Dann fielen die Sätze der Ansage: »So soll die Ausstrahlung dieser dokumentarischen Aufzeichnung der Bevölkerung der DDR die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil über die Begründung des Vorgehens ihrer Regierung (gegen Biermann) zu bilden.«

Das war eine Formulierung, die nichts voll der gespannten Lage in der DDR ahnen ließ. Wie leicht würde es jetzt DDR-Demagogen fallen, die ganze ARD der Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihres Staates zu bezichtigen.

Mir blieb nicht lange Zeit zu solchen Gedanken, denn plötzlich um 23.30 Uhr klingelte das Telephon. Ein Mitarbeiter von Gaus informierte mich, in meine Wohnung im Haus Leipziger Straße 66 sei eingebrochen worden. In der Wohnung war zu diesem Zeitpunkt niemand, meine Familie hielt sich in unserer West-Berliner Wohnung auf.

Mit meinem Kameramann Volker Mach fuhr ich sofort in die Leipziger Straße. Vor der aufgebrochenen Wohnungstür standen zwei Kriminalbeamte, die sich weigerten, aktiv zu werden -- mit einer seltsamen Begründung: Sie dürften die Wohnung nicht betreten, da sie exterritoriales Gebiet darstelle -- was unsinnig war, weil Korrespondenten keine diplomatische Immunität genießen.

So mußte ich allein mit meinem Kollegen die Wohnung untersuchen, offenbar war nichts gestohlen worden, es herrschte nicht einmal Unordnung. Nur im Korridor hatte der Dieb meine Lederjacke vom Kleiderhaken gerissen und auf den Fußboden geworfen. Über die Motive des Einbruchs konnte ich nur rätseln -- war es Zufall oder Provokation? Immerhin wurde der von Diplomaten bewohnte Wohnblock in der Leipziger Straße Tag und Nacht von Volkspolizisten bewacht.

In der gleichen Nacht waren Unbekannte auch bei dem über mir wohnenden finnischen Fernseh-Kollegen eingebrochen und im Nachbarhaus angeblich bei einem tschechoslowakischen Bürger.

Auch der Kriminalpolizei-Hauptmann Götze, der eine Stunde später am Tatort eintraf und nun endlich mit den Ermittlungen begann, konnte mich nicht aufklären. Er und seine beiden Kollegen führten zwar ihre Untersuchung mit einer Gründlichkeit, als gelte es, einen Doppelmord aufzuklären, doch außer einigen Fingerabdrücken fanden sie nichts.

Götze und die beiden anderen Kripo-Beamten ("Herr Loewe, berichten Sie doch wieder mal was Nettes über uns") zogen ab und kehrten nie wieder zurück. Später erfuhr ich, der 18jährige DDR-Bürger Torsten K. sei der Einbrecher gewesen und inzwischen verhaftet worden. Meine im Außenministerium vorgetragene Bitte, Einzelheiten darüber zu erfahren, blieb unbeantwortet.

Noch spekulierte ich über den seltsamen Einbruch, da stand schon die nächste Aufregung bevor. Es war Totensonntag, der 21. November 1976. Meine Frau und ich wollten südlich von Berlin einen ausgedehnten Waldspaziergang unternehmen. Wir waren noch einmal im Büro vorbeigefahren. Mein ZDF-Kollege Hans-Jürgen Wiessner meldete sich: »Den Spaziergang durch den märkischen Wald kannst du abblasen, die DDR-Regierung will dein Studio schließen.«

Um 11.46 Uhr hatte die Nachrichtenagentur ADN gemeldet:

Wie aus führenden Kreisen in der Hauptstadt der DDR inoffiziell zu erfahren ist, wird im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten gegenwärtig geprüft, welche Reaktionen seitens der DDR auf die Einmischung der ARD vom Freitagabend angemessen ist. Dabei wird eine Schließung des ARD-Büros nicht ausgeschlossen.

Mit der »Einmischung von Freitagabend« war die ARD-Übertragung des Konzerts von Wolf Biermann gemeint. Ich konnte nicht länger daran zweifeln, daß ein Schlag gegen unser Büro drohte, ja selbst eine Aktion des Staatssicherheitsdienstes hielt ich für möglich.

Innerhalb kurzer Zeit waren vor dem Haus in der Schadowstraße, in dem sich unser Studio befindet, verstärkte Streifen der Volkspolizei und Stasi-Beamte mit Funkwagen aufgezogen, die Personalausweise von Passanten kontrollierten. Begründung: »Fahndungskontrolle«.

Ich rief sofort das Bundeskanzleramt in Bonn an und ließ die Staatssekretäre Schüler und Böllmg alarmieren. Dann versuchte ich, Gaus und seinen Vertreter Bräutigam zu erreichen. Ich benachrichtigte meine ARD-Hörfunk-Kollegen Wolfgang Nette und Armin Beth, die Sekretärinnen und die Mitglieder beider Kamerateams. Eine Stunde später, um 13 Uhr, waren alle Kollegen im ARD-Studio versammelt.

»Entschlossen, nur der Gewalt zu weichen.«

Ich schilderte die Lage, wir alle waren einer Meinung: Stellung halten, nicht einschüchtern lassen. Kurz darauf trafen Ministerialrat Bräutigam und Johannes Rieger, der Pressechef der Vertretung, im Studio ein. Aus dem Bonner Kanzleramt rief Staatssekretär Schüler an und gab Bräutigam die Anweisung, sofort im DDR-Außenministerium für sich oder für Gaus um einen Termin zu bitten.

Kurz darauf erschien Gaus im Studio. Er hatte das Mittagessen stehenlassen. Sein Kommentar zur Lage: »Nun wollen wir mal sehen, ob wir die Kuh vom Eis ziehen können.«

Gaus mußte freilich noch bis zum Abend warten, ehe er im Außenministerium vorgelassen wurde. Ihn empfing der Sektorenleiter Reichel von der Abteilung Journalistische Beziehungen, den Gaus vor den schwerwiegenden Konsequenzen einer Zwangsschließung des ARD-Büros warnte. Reichel nahm die Gaus-Demarche kommentarlos zur Kenntnis.

Die Lage war so bedrohlich, daß ich beschloß, Ost-Berlin nicht mehr zu verlassen und im Studio eine Nachtwache einzurichten. In Übereinstimmung mit der Leitung der ARD wurde jede Berichterstattung vorübergehend eingestellt. Wir waren entschlossen. nur der Gewalt zu weichen.

Die Stunden verrannen, ohne daß etwas geschah. Der Montag verlief absolut ruhig. Kein Indiz verriet, was in der DDR-Führung vorging. Am Dienstag, dem 23. November, hatten die DDR-Medien plötzlich jede Berichterstattung über den Fall Biermann eingestellt

ein deutliches Zeichen, daß eine Entscheidung bevorstand. Wir wußten, daß das SED-Politbüro tagte.

Da rief auf einmal am Nachmittag des 24. November Gaus an und gab uns »Entwarnung«. Er hatte in den letzten zwei Tagen Geheimgespräche mit einem hohen Mitglied des Parteiapparates geführt. Der SED-Funktionär hatte eine verblüffende Erklärung zur Hand: Die ADN-Meldung über eine drohende Schließung des ARD-Büros sei nur »Ausdruck der Pressefreiheit in der DDR« gewesen.

Schließlich gebe es, so sagte er, in Washington oder Bonn jeden Tag spekulative Agenturmeldungen; das ARD-Studio werde nicht geschlossen, die DDR werde gegen keinen ARD-Mitarbeiter »Maßnahmen einleiten«, ja selbst die am 27. Oktober gegen mich erhobenen Vorwürfe seien als erledigt zu betrachten.

Wir waren noch einmal davongekommen, und doch rissen uns die Ereignisse, ob ich wollte oder nicht immer heftiger in den Strudel der DDRinternen Auseinandersetzungen um den Fall Biermann.

Das ARD-Studio und die Büros einiger Kollegen waren unversehens zu einem Auffangbecken all der Hoffnungen, Utopien und Erwartungen geworden, die die Protestbewegung gegen den Biermann-Ausschluß in der Bevölkerung geweckt hatte. Wir wurden mit Hinweisen und Anrufen fast überschwemmt, viele, allzu viele erhofften sich von uns Unterstützung ihrer Bestrebungen.

Havemann: »Vielleicht sprechen wir zum letzten Mal.«

Am Vormittag des 25. November stand plötzlich der Schriftsteller Reiner Kunze, kurz zuvor aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, in unserem Studio. Er wirkte müde, abgehetzt und war voller Sorge um seine Tochter, die mancherlei Drangsalierungen durch die DDR-Behörden im heimatlichen Greiz ausgesetzt war. Es war mit unserer Kulturredaktion vereinbart, daß er in einem unserer Programme erscheinen sollte.

Neues Deutschland. 26. November 1976.

Mein Gott, dachte ich, etwas Ruhe in der Berichterstattung würde uns nach der gerade überstandenen Krise guttun. Aber hätte ich Kunze, den Gefährdeten und Gezeichneten, abweisen sollen, ihn vertrösten auf bessere Zeiten? Ich tat es nicht und erlebte eine unvergeßliche Lesung aus Kunzes Buch Die wunderbaren Jahre«.

Auch Professor Robert Havemann, der mutige Kritiker des Regimes und Freund Biermanns, hatte mich gebeten, ihn vor Kamera und Mikrophon zu nehmen. Havemann: »Ich muß befürchten, daß ich vielleicht morgen dazu nicht mehr in der Lage bin. Wir sprechen vielleicht zum letzten Mal miteinander.«

Abermals: Hätte ich Havemann zurückweisen sollen -- mit dem Hinweis, ein Interview sei zu gefährlich, ich müßte an meine Position und an das Studio denken? Als Journalist riskierte ich allenfalls die Ausweisung, für Robert Havemann stand die persönliche Freiheit auf dem Spiel. Ich ließ die Kamera aufbauen, wir nahmen das Interview auf und daraus wurde ein bewegendes Zeit-Dokument.

Ich wollte von Havemann wissen: »Sind Sie selbst behelligt worden in den letzten Tagen durch staatliche Organe?« Seine Antwort: »Nein, nur dadurch, daß ich immer von einer ganzen Gruppe von Autos der Staatssicherheit verfolgt wurde ... vier bis acht Wagen mit dreifacher Besetzung.«

Kurz nach der Ausstrahlung dieses Interviews sollte es für Havemann noch ärger kommen. Er wurde unter Hausarrest gestellt, Volkspolizisten besetzten die Umgebung seines Hauses in Grünheide bei Erkner. Sein Telephon war schon früher abgeschaltet worden.

Die Informationen über Havemanns Isolierung wurden so besorgniserregend, daß Wiessner und ich beschlossen, mit unserem Kamerateam nach Grünheide zu fahren. Am Nachmittag des 27. November fuhren wir los -- mitten hinein in eine der dramatischsten Konfrontationen unserer journalistischen Laufbahn.

Konfrontation in Grünheide erregt weltweites Aufsehen.

Die Burgwallstraße, in der Havemanns Haus liegt, war durch zwei Lastwagen und einen Zug Volkspolizisten gesperrt. Als Wiessner und ich aus unseren Wagen gestiegen waren und die Straße betreten wollten, stellte sich uns ein Vopo-Leutnant entgegen: »Sie dürfen hier nicht rein, hier ist gesperrtes Gebiet der Volkspolizei! Wir bitten Sie also, die Weisungen der Volkspolizei zu berücksichtigen und sich dementsprechend zu verhalten.«

Ich fragte: »Was heißt dementsprechend zu verhalten?

Der Leutnant: »Den Weisungen nachzukommen.«

Wiessner schaltete sich ein: »Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie uns auch nicht zu Fuß hier in diese Straße hineinlassen?«

Der Leutnant: »Ich habe eben gesagt, das Gebiet ist gesperrt, und da darf kein DDR-Bürger und auch kein Bürger der BRD herein.«

Wiessner: »Können Sie das begründen?«

Der Leutnant: »Das ist nicht notwendig.«

Ich: »Wir dürfen keinen Bewohner dieser Straße hier besuchen?«

Der Leutnant: »Dies Gebiet ist nicht zu betreten. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, und danach richten Sie sich bitte.«

Ich: »Das heißt auch, wir dürfen mit Professor Havemann nicht sprechen?«

Der Leutnant: »Nein!«

Ich: »Und wir dürfen ihn nicht aufsuchen?«

Der Leutnant: »Nein!«

Der Dialog mit dem Vopo-Offizier wurde so erregt, daß ein anderer Volkspolizist auf unseren filmenden Kameramann zuging und ihm die Kamera entreißen wollte. »Rühren Sie nicht den Kameramann an!«, rief ich. Auch der Leutnant, der sah, daß die ZDF-Kamera die Szene aufnahm, reagierte schnell: »Keine Gewalt. Lassen Sie das!«

Wir gingen wieder zu unseren Wagen zurück. Als ich mich noch einmal umdrehte, sah ich, wie der Leutnant starr dastand und uns mit traurigen Augen nachsah. Ich hatte ein komisches Gefühl. Was konnte der Mann eigentlich dafür, daß er solche Befehle ausführen mußte? Am Abend würde er auf allen westdeutschen Fernsehscheiben zu sehen sein -- wer weiß, wie seine Vorgesetzten reagieren würden.

Ich ging noch einmal zu ihm zurück. »Genosse Leutnant«, sagte ich, »Sie sind vielleicht nicht begeistert über Ihre hiesige Tätigkeit, und ich könnte mir vorstellen, daß Sie angenehmere Aufgaben erfüllen würden als hier abzusperren. Ich möchte Ihnen nur sagen, ich hätte auch gerne einen schöner en Bericht, einen, der ein bißchen fröhlicher ist als das hier.«

Er sah mich sekundenlang an, ohne sich zu rühren. Dann sagte er: »Ich nehme das zur Kenntnis.«

Der Film über die Konfrontation in der Burgwallstraße erregte weltweites Aufsehen -- Grund genug für die Funktionäre der Abteilung Journalistische Beziehungen, die westdeutschen Korrespondenten am 30. November ins Außenministerium zu rufen und vor weiteren »Übergriffen« zu warnen. Auch ich bekam wieder ihre ganze Abneigung zu spüren.

Dr. Claus warf mir in einer Zehn-Minuten-Schelte vor, ich hätte erneut gegen die Rechtsordnung der DDR verstoßen und »polizeiliche Machtorgane« ohne Genehmigung und widerrechtlich gefilmt. Ich wies das zurück: Der Leutnant in Grünheide habe zu keinem Zeitpunkt verlangt, Kameras und Tonbandgeräte abzustellen.

Von nun an gehörte ich wieder zu den bevorzugten Angriffszielen der Pressefunktionäre. An die Schar der »Genossen von der Sicherheit«, die uns beschatteten, hatte ich mich gewöhnt.

In unserem Ost-Berliner Büro erschien ein Besucher, der uns berichtete, ein Funktionär in Dresden habe ihm gesagt: »Zu dem Loewe von der ARD brauchen Sie gar nicht mehr zu gehen, der ist schon abgelöst.«

Inmitten solcher Hektik fiel mir zunächst gar nicht auf, daß ein für mich entscheidender Stichtag vorbeiging: der 16. Dezember 1976, der Tag, an dem Helmut Schmidt seine Regierungserklärung im Bundestag verlas. Sie enthielt keinerlei großzügige Konzessionen an die DDR.

Die DDR-Führung reagierte fünf Tage später. Eine Flut heftiger Kritik an der Bundesrepublik ergoß sich aus allen Quellen der DDR-Massenmedien. Die deutsch-deutschen Beziehungen näherten sich wieder dem Nullpunkt, während sich das innenpolitische Klima in der DDR weiterhin verschlechterte: Eine Welle von Verhaftungen und Verhören traf das Häuflein der Biermann-Sympathisanten.

Unsere Bewacher begleiteten uns sogar auf dem kurzen Weg vom Studio zur Ständigen Vertretung. Einmal machte mich Fahrer Gerd Duchstein auf dem Weg zur Bonner Mission darauf aufmerksam, daß uns fünf Wagen folgten.

Wir wollten sichergehen, ob sie tatsächlich zu unseren Schatten gehörten. Wir fuhren einmal um den Häuserblock, die Wagen folgten uns. Wir drehten auf der Friedrichstraße um 180 Grad in die Gegenfahrbahn, die Verfolger drehten mit. Wir hielten vor der Ständigen Vertretung, sie stoppten ebenfalls.

Ich zeigte Gaus am Fenster seines Dienstzimmers meine Eskorte. Gaus fragte ungläubig: »Und die gehören alle zu Ihnen?«. Ich bejahte. Darauf Gaus: »Na, Prost Mahlzeit.«

Am 21. Dezember -- ich arbeitete gerade an einem Bericht, den ich um 15.15 Uhr aufsagen sollte -- erreichte mich am frühen Nachmittag die Nachricht, daß meine Frau in der Stadt einen Autounfall gehabt habe. Sie war von einem Ost-Berliner Lastwagen angefahren und mit ihrem VW-Golf gegen einen anderen Wagen gedrückt worden, der eine CD-Nummer trug.

Sofort fuhr ich zur Unfallstelle und ließ mir von meiner Frau erzählen, wie es zu dem Unfall gekommen war. Merkwürdig schien, daß wenige Sekunden nach dem Zusammenprall ein Zivilist aufgetaucht war, der sich nicht auswies, aber meiner Frau die Fahrzeugpapiere abnahm und den erschienenen Volkspolizisten Weisungen erteilte.

Der Mann war noch da, als ich hinzukam. Ein Straßenpassant flüsterte mir zu: »Seien Sie vorsichtig, der ist Waffenträger.« Ich hatte immer schon Stasi-gelenkte Autounfälle befürchtet -- sollte hier einer inszeniert worden sein?

Der Mann weigerte sich standhaft, sich auszuweisen. Die Fahrzeugpapiere gab er nicht heraus. Die Verkehrspolizisten behaupteten, er sei ein »freiwilliger Helfer der Volkspolizei«, der es ablehne, seine Identität preiszugeben. In diesem Augenblick wurde mir deutlicher als je zuvor bewußt, daß wir hier schutzlos polizeilicher Willkür ausgeliefert waren.

In dieser Nachmittagsstunde war ich verbittert, zornig und erschöpft. Die Zeit drängte, das Licht wurde schlechter, mein Kameramann mahnte zur Eile, ich entschloß mich, am Unfallort, an der Ecke Leipziger Straße/Otto-Grotewohl-Straße meinen Bericht zu sprechen. Für einen Augenblick kam mir der Gedanke, die Redaktion anzurufen und den Bericht doch noch abzusagen. Aber dann lief die Kamera.

Ich sprach meinen Bericht hastig, sicher auch etwas erregt. Dann kamen die entscheidenden Sätze:

Die Menschen in der DDR verspüren die politische Kursverschärfung ganz deutlich. Die Zahl der Verhaftungen aus politischen Gründen nimmt im ganzen Land zu. Ausreiseanträge von DDR-Bürgern werden immer häufiger in drohender Form abgelehnt. Hier in der DDR weiß jedes Kind, daß die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen.

Das war, was wohl als der »Hasen-Kommentar« in die Mediengeschichte eingehen wird. Ich gestehe, daß ich den Satz geschickter und präziser hätte formulieren können. Aber die Mauer vor Augen, an der Grenzpolizisten erst kurz zuvor auf einen Ost-Berliner Jungen geschossen hatten, den mysteriösen Autounfall, die ständige Konfrontation mit Stasi-Männern und Volkspolizisten -- war es ein Wunder, daß ich plötzlich für ein paar Sekunden die Fassung und die ruhige Überlegung verlor?

Die Pressefunktionäre aber nutzten diesen Augenblick der Schwäche und schlugen zu. Einen Tag später, ich schrieb gerade Weihnachtsgrüße, rief mich Wehmann an und fragte mich, ob ich gegen 16 Uhr »einmal im Außenministerium vorbeikommen« könne. Das Gesprächsthema wollte er nicht nennen.

Ich schlug vor, das Gespräch auf den 23. Dezember zu verschieben, doch Wehmann bestand auf seinem Termin. In diesem Augenblick war mir klar, worum es ging. Ich sagte: »Das bedeutet also, daß Sie mich offiziell vorladen.« Wehmann: »Das ist Ihre Interpretation.«

So stand ich schließlich, wo ein Jahr zuvor auch der SPIEGEL-Kollege Mettke gestanden hatte. Pünktlich um 16 Uhr führte mich Sektorenleiter Claus in einen fensterlosen Raum im Erdgeschoß des Außenministeriums.

Sekunden später trat Wolfgang Meyer grußlos in den Raum. Er sprach nur wenige Worte: »Im Namen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik« eröffnete er mir, daß mir ab sofort meine Akkreditierung als Korrespondent in der DDR entzogen sei und ich binnen 48 Stunden das Territorium der DDR zu verlassen habe.

Ich wollte protestieren und eine Begründung meiner Ausweisung verlangen, doch Meyer schnitt mir das Wort ab. ·oSie haben hier nichts mehr zu erklären, die Unterredung ist beendet«, sagte er. Grußlos gingen wir auseinander.

Was in den nächsten 48 Stunden folgte, werde ich nie vergessen. Völlig unbekannte DDR-Bürger riefen mich an und bekundeten mir ihre Sympathie. Ein Mann aus Halle erklärte am Telephon: »Wir sind hier eine Gruppe von Genossen, mit Ihrer Berichterstattung waren wir nicht immer einverstanden, aber daß Sie jetzt rausgeschmissen werden, ist eine Sauerei. Wir als Sozialisten meinen, daß Sie das Recht haben müssen, so zu berichten, wie Sie es für richtig halten.«

Am Mittag des 24. Dezember, wenige Stunden bevor die Ausweisungsfrist ablief, saß ich allein vor meinem leeren Schreibtisch. Plötzlich trat Ministerialrat Dr. Bräutigam ins Zimmer und fragte mich, ob er noch irgend etwas für mich tun könne.

Wir tranken ein großes Glas Wodka. Mich verband mit dem stets hilfsbereiten Diplomaten ein besonderes Vertrauensverhältnis. Beide hatten wir die Entwicklung der deutsch-deutschen Beziehungen von Anfang an miterlebt. Bräutigams politisches Urteil und seine Analysen hatten mir viele Anregungen für meine Berichterstattung geliefert. Es war ein gutes, beruhigendes Gefühl, ihn in dieser Stunde in der Nähe zu haben.

Weihnachtsgrüße für die Stasi-Schatten.

Draußen rieselte der Schnee, ich wollte noch einmal um den Block gehen. Als ich die Straße betrat, setzten sich Autos und Fußgänger in Bewegung und folgten mir. Auch auf meinem letzten Gang in der DDR blieben mir die Stasi-Schatten treu.

Ich überlegte mir den Text meines letzten Berichtes, den ich bei der Ankunft in West-Berlin sprechen würde. Was war das Fazit? Es war trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge eine schöne, eine wichtige Zeit gewesen. Ich hatte vielleicht dazu beigetragen, das Fenster zu einem Teil Deutschlands zu öffnen, der so vielen Bundesrepublikanern fremd geworden schien.

Meine Gedanken brachen ab, einer meiner Beschatter war mir allzu nahe gekommen. Ich drehte mich um, ging auf ihn zu und sagte, er könne unbesorgt sein, ich würde fristgemäß um 16 Uhr die DDR verlassen, seine Kollegen würden sicher jetzt auch lieber den Weihnachtsbaum daheim schmücken, ich wünschte ihnen trotz allem frohe Weihnachten.

Der Mann war sprachlos und starrte mich an. Dann sagte er leise: »Vielen Dank, ich werde es ausrichten«, und stieg ins Auto.

Vor dem ARD-Büro fuhr Pressechef Rieger vor. In seinem Wagen mit dem CD-Kennzeichen fuhren wir langsam durch die menschenleeren Straßen Ost-Berlins, gefolgt wiederum von fünf Limousinen des Staatssicherheitsdienstes. Es war meine letzte Fahrt zur Grenze. Ende

Lothar Loewe
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