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»Abgeworfen von einem fremden Planeten«

aus DER SPIEGEL 16/1975

Immer nur hatten die Amerikaner reingeschafft nach Vietnam: Dollars, Gis und Antikommunismus, Bomben und Granaten. Diesmal schafften sie raus: Kinder.

»Wir haben, nach vietnamesischen Maßstäben, sicherlich die Creme des Waisenbestandes abgeschöpft«, meldete Alex Stalcup, Ordinarius für Kinderheilkunde an der Universität von Kalifornien in San Francisco, nach einer ersten Untersuchung der 313 Waisen, die am 5. April mit einem von der Regierung gecharterten Pan-Am-Jumbo auf San Fanciscos Flughafen gelandet waren.

Auch der Nation gefiel, was da ankam, als die Kommunisten vor Saigon rückten·. »Sie sahen wirklich überraschend westlich aus«, freute sich die »Washington Post«, »in ihren amerikanischen Kleidern. Einige trugen sogar Baseball-Mützen mit eingesticktem Namen.«

Ratlos, was man über dieses Vietnam noch denken oder sagen solle, konzentrierten Amerikaner wie Nichtamerikaner ihre Humanität auf Opfer, mit denen am leichtesten Mitleid zu haben ist: kleine elternlose Kinder. Britische, kanadische und australische Kinderfreunde rüsteten zum Empfang von Vietnam-Waisen. In Großbritannien hatte das Massenblatt »Daily Mail« eine Maschine für den Transport von 105 Waisen gechartert. Militärflugzeuge flogen Hunderte von Kindern nach Australien und Kanada.

Zum Empfang der kleinen Vietnamesen erschien auch der Präsident der USA auf dem Flughafen von San Francisco und trug mit feuchten Augen zwei Kinder auf amerikanischen Boden. »Die Mission der Barmherzigkeit«, verkündete Gerald Ford, »wird weitergehen.«

Die Aktion »Baby-.Lift« ging weiter, mit Flugzeugen der Air Force und mit Charter-Maschinen privater Hilfsorganisationen. Selbst »Playboy«-Chef Hugh Hefner stellte seinen Privat-Jet für die Luftbrücke ab: Die DC-9 »Big Bunny« beförderte 41 Kinder von San Francisco nach New York. Einige der jungen Passagiere durften sogar das luxuriöse Rundbett des Chef-Playboys benutzen, eine Lagerstatt, auf der sich sonst die »Häschen« räkeln.

Reklame war indes auch bei Politikern im Spiel. Von politischen Schuldgefühlen gegenüber dem verbündeten Südvietnam ebenso geplagt wie vom Trauma der eigenen militärischen Niederlage, sah Washington in der Baby-Luftbrücke die Chance, eine neue Stimmung der Hilfsbereitschaft für das beinahe schon verlorene Saigon zu schaffen.

Am 2. April verbreiteten in Saigon 14 Gegner des Thieu-Regimes die Photokopie eines Briefes. den Südvietnams stellvertretender Regierungschef Phan Quang Dan an Premier Tran Thien Khiem geschrieben hatte. In dem Schreiben heißt es, daß die Massenversendung von Waisen »in der ganzen Welt, besonders in den USA, tiefe Emotionen aufrühren und ein für Südvietnam günstiges politisches Klima schaffen« werde. Amerikas Saigon-Botschafter Graham Martin habe erklärt, wenn die Waisen in Amerika landeten, werde »die Wirkung ungeheuer sein

Unselig wie Amerikas Krieg war, unglücklich wie Kissingers »Friede in Ehren«, der Amerika weder Frieden noch Ehre brachte, fiel auch die Aktion Mitleid aus: Amerikanische Familien wollten Kindern helfen, aber Amerika stand wie ein Kindesräuber da.

Weltweit wuchs die Kritik an der Verfrachtung. Diese Aktion, klagte die »New York Times«, »hat nur die Aufmerksamkeit von den Problemen der Millionen von Hilfsbedürftigen aller Altersstufen abgelenkt«. Londons »Guardian« mahnte, britische Familien sollten sich fragen, ob sie »anstelle eines mandeläugigen vietnamesischen Kindes auch einen südvietnamesischen Major« bei sich aufnähmen.

Ken McLeod, australischer Generalsekretär einer Vereinigung für Internationale Zusammenarbeit und Abrüstung, hält die Luftbrücke für »eine zynische Propaganda-Aktion«. In Stockholm kam es zu Demonstrationen vor der US-Botschaft. Und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz wies darauf hin, daß Hilfe vor Ort jeder Luftbrücke vorzuziehen sei.

Dies ist auch die Meinung vieler Südvietnamesen, vor allem seit bekannt wurde, mit welch rüden Methoden die Baby-Lifter ihre Kinderfrachten außer Landes schafften.

Da ist etwa der World-Airways-Präsident Edward Daly. der schon 1956 nach dem Ungarn-Aufstand zehntausend Flüchtlinge nach New York transportierte und jetzt das Startsignal gab. Daly, Ex-Boxer, der nie ohne umgeschnallte Pistole geht, holte auf eigene Rechnung 56 Waisenkinder zusammen, die schon für die Adoption freigegeben waren.

Nach eigenen Aussagen kabelte er dann, am 27. März, an Ford und Kissinger, um die Genehmigung für den Transport einer größeren Anzahl von Kindern zu bekommen. Er erhielt keine Antwort. Darauf lud Daly die 56 Kinder in eine DC-8, die weder mit Sauerstoffmasken, noch mit Sitzen ausgestattet war. Obwohl ihm der Tower des Saigoner Flughafens ausdrücklich die Startgenehmigung versagte, ließ Daly Gas geben und flog ab. »Für so eine Startgenehmigung«, meinte der Airline-Boß, »küsse ich doch keinem den Hintern.« Wenige Tage später startete eine Galaxy-Transportmaschine der US-Luftwaffe mit 243 Kindern an Bord vom Saigoner Flughafen und stürzte kurz nach dem Start ab. 150 Kinder starben.

Verbittert meinte ein vietnamesischer Leutnant nach dem Absturz: »Ihr Amerikaner nehmt immer Souvenirs aus unserem Land mit -- Porzellan-Elefanten und Waisen. Zu schade, daß einige von ihnen heute zu Bruch gingen -aber wir haben ja noch mehr davon.«

In der Tat, denn viele Kinder zu haben gilt unter Vietnamesen seit altersher als Segen -- und die Stellung des Kindes in der vietnamesischen Kultur erklärt, weshalb Amerikas Baby-Lift gerade in diesem Land als ungeheuerlicher Affront empfunden werden mußte.

In der halbfeudalen Agrargesellschaft der vorkolonialen Zeit hatten die annamitischen Bauern den Großgrundbesitzern den Pachtzins nur erbringen können, wenn der Boden möglichst extensiv bearbeitet wurde -- bei primitiven Reiskulturen somit eine Frage der verfügbaren Arbeitskräfte. Die hohe Kindersterblichkeit (über 50 Prozent) und die geringe Lebenserwartung der Eltern (durchschnittlich 30 Jahre) machten Kinderreichtum zudem zur einzigen Gewähr dafür, daß der Familie genügend Ernährer erhalten blieben.

Schließlich haben die Annamiten viel aus dem chinesischen Konfuzianismus übernommen, und Meister Konfuzius nennt das Kinderkriegen den wahren und einzigen Grund der Ehe. Kinderlosigkeit gilt als Unglück und ist nur durch außereheliche Beziehungen zu heilen. Deshalb genießt die unverheiratete Mutter den vollen Schutz der Gesellschaft und ist in den Clan der vietnamesischen Großfamilie integriert. Für Waisen gibt es in Vietnam kein Wort.

Elternlos gewordene Kinder werden von Verwandten in der gewohnten Umgebung, dem Familien-Clan großgezogen. Für Waisen gibt es in der annamitischen Kultur weder ein Wort noch eine Institution; Waisenhäuser nennen die Vietnamesen »Co Nhi Vien«, was in deutscher Übersetzung ebensogut »Haus für isolierte Kinder« heißen kann, wie sinnvoller »Haus, das Kinder isoliert«.

Dieses sinnvolle, jahrtausendealte Netz von Familien-Gesellschaft und Dorfgemeinschaft, durch Glauben und soziales Schicksal an den Ort der Ahnen gebunden, wurde bereits durch die französische Kolonialherrschaft nachhaltig erschüttert.

Den fremden Ideen aus Frankreich folgten im vietnamesischen Norden die fremden Ideen der Kommunisten. Statt die Bauern, wie vom Vietminh versprochen, endlich zu Landbesitzern zu machen, zwang die kommunistische Machtübernahme sie ins Kollektiv. Zehntausende, die sich dem Befehl widersetzten, kamen in den ersten Jahren der Sozialisierung um.

Erst später, als die Kommunisten im Bürgerkrieg gegen den Süden die Loyalität und Arbeitskraft der Bauern dringend brauchten, milderte Hanoi sein Programm: Das Organisationsnetz der uralten Familien-Clans kam wieder zu Ehren.

Auch in der Familienfürsorge verläßt sich das rote Hanoi heute lieber auf Traditionen: Von den -- geschätzt

rund eine Million Kriegswaisen in Nordvietnam, die im Bombenhagel der Amerikaner oder an der Dschungelfront ihre Eltern verloren, ist kein einziges Kind in einem Waisenhaus untergebracht. Der Staat hat die Kinder bei Verwandten, noch häufiger bei Nachbarn im gleichen Dorf in Pflege gegeben und zahlt eine bescheidene Rente dafür.

Im Süden Vietnams war es die Kriegsstrategie Amerikas, die das auf Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe gegründete Sozialsystem zerschlug. Durch immer neue Umsiedlungs- und Urbanisierungs-Programme für freies Schußfeld auf den Feind wurden in der Zeit von 1965 bis 1974, so haben amerikanische Statistiker errechnet, auf Befehl Saigons 10,9 Millionen Menschen heimatlos.

Bei Pater Olivier starben über die Hälfte der Heimkinder.

In schnell installierten Lagern degenerierte der vietnamesische Familiensinn zum Wolfsinstinkt: Diebstahl, Betteln und Prostitution wurden legale Mittel zum Überleben.

Vietnams Sozialstruktur kam gänzlich durcheinander. Galt bislang die über Jahrhunderte gewachsene Berufshierarchie, die den Gebildeten den Platz vor den Bauern, Handwerkern und zuletzt den Kaufleuten einräumte, so war die neue Saigoner Rangordnung so: »Generäle, Prostituierte, falsche Bonzen und Taxifahrer« -- schreibt der in Paris lebende Vietnamese L Chau in seinem Buch: »Bauernrevolution in Süd-Vietnam«.

Die Hauptleidtragenden in dieser Welt sich auflösender Ordnungen waren und sind die Kinder. Kinder, die ihre Väter an der Front, ihre Mütter im Napalm-Regen der US-Angriffe verloren, Kinder, von mittellosen Müttern vor dem Verhungern ausgesetzt, Kinder, die ihren längst wurzellos gewordenen Eltern beim Geldverdienen lästig wurden -- Kinder im Krieg.

Die Zahl dieser »Kinder ohne Familienanschluß« schätzen Saigoner Behörden »auf 800 000 bis eine Million«, genaue Unterlagen gibt es nicht. Elternlose Waisen im europäischen Sinne sind nur etwa 40 Prozent. die anderen aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen ausgesetzt.

Unfähig, mit dieser zusätzlichen Sozialaufgabe fertig zu werden, überließ Saigon die Betreuung der Kinder privaten, zumeist ausländischen Organisationen. Die versuchten jede auf ihre Art das Problem zu lösen -- Vietnam war in den letzten zehn Jahren ein riesiges Experimentierfeld für humanitäre und sozialpädagogische Ideen. Nur selten zum Besten der Kinder.

Die rund 20 000 Südvietnam-Waisen, die heute in den 133 anerkannten Waisenhäusern untergebracht sind, waren vor allem Vorwand, einen Spendenboom ohne Beispiel anzukurbeln -- oft in erbitterter Konkurrenz der karitativen Verbände.

Organisation und Einrichtungen verschlangen von den Spenden-Milliarden meist mehr als die unmittelbare Hilfe -- wenn nicht gar, vor allem in kirchlichen Waisenheimen, den Trägern ganz andere Ziele wichtig erschienen.

Die Staatssekretärin im Saigoner Sozialministerium, Truong-Thi Bach, im Mai 1974: »Die Waisenhäuser dienen als Einnahmequelle für die Unterhaltung von Schulen, Kindergärten und selbstverständlich auch für den Bau von Kirchcn.«

Viele katholische Heime wie das des kanadischen Missionars Pater Olivier im Saigoner Vorort Gia Dinh waren vor allem daran interessiert, die »Heidenkinder« zu taufen -- ihre Zukunft war nicht geplant. Im Gegenteil: Sterbeziffern von über 50 Prozent (60 Kinder durchschnittlich im Monat) brachten dem Heim den Ruf einer Euthanasie-Anstalt ein. In einem halben Jahr war das Haus einmal völlig ausgestorben -- und wieder frisch gefüllt. Um die Heime rentabel zu halten -- der Staat zahlt für jedes Kind täglich 12 bis 15 Pfennig Unterhalt -, sind die Waisenhäuser ständig überbelegt. In Gruppen zu etwa 30 sind selbst Kleinkinder auf nackten Fliesenböden in Sälen ohne jedes Möbelstück untergebracht, aus Gründen der Sicherheit in Bambuskäfige gesperrt, ohne Spielzeug. ohne Beschäftigung oder Ansprache.

Sieben Dollar pro Monat für Negermischlinge.

Die meisten Kinder zeigen schon nach kurzer Zeit im Heim schwere Symptome von Hospitalismus:,. Dreijährige Kinder können noch nicht gehen, fünfjährige kaum ein Wort reden. Die emotionalen Störungen sind manchmal so schwer, daß ein Kind überhaupt keine Gefühlsregung mehr zeigt und nicht einmal mehr weinen, geschweige denn lachen kann«, so die Eindrücke des deutschen Sozialhelfers Christoph Kunz, der in der Aktion Sühnezeichen in Saigoner Waisenhäusern gearbeitet hat.

Für die Ausreise von Kindern erteilen die vietnamesischen Behörden nur ungern und nach langer Prozedur die Genehmigung. 1971 für 86 Kinder, 1972 für 397 Kinder, alle für die USA bestimmt.

Was sich die Amerikaner holten, waren vor allem »Kinder der Liebe« oder besser des Krieges. 200 000 Kinder haben die amerikanischen Militärs nach Schätzungen des Publizisten Donald Luce in Vietnam zurückgelassen -- die Saigoner wie die US-Behörden wollen freilich nur von 5000 bis 15 000 wissen, etwa die Hälfte hat Neger zu Vätern. Diese Mischlingskinder im Westen adoptieren zu lassen (in Amerika leben bislang erst einige hundert) scheint vielen Kritikern des Baby-Lifts vorrangiger, als reinrassige Vietnamesen nach Amerika zu schaffen.

Der gemischtrassigen US-Hinterlassenschaft hat sich schon Ende der sechziger Jahre die amerikanische Erfolgsschriftstellerin und Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck angenommen: Ihre Stiftung brachte es zuwege, die in Vietnam zurückgelassenen Mütter von Neger-Mischlingen mit sieben Dollar im Monat zu unterstützen. Denn die Neger-Mischlinge stehen wie in den Staaten am Ende der sozialen Stufenleiter.

Was freilich im Chaos des Zusammenbruchs von Südvietnam gegen das Ausfliegen selbst der wenig angesehenen schwarz-gelben Babys spricht, sind nicht nur die unverhältnismäßig hohen Kosten. Mit Summen, wie die 150 000 Dollar, die monatlich allein der Vermittlungsapparat der Adoptionshändlerin Rosemary Taylor verschlingt, wären -- sinnvoll eingesetzt -- Tausende von Flüchtlingen und Versprengten vor dem nackten Elend zu retten.

Gerade die Waisenkinder, gleichgültig, ob es die Mischlinge des Krieges sind oder die von ihren Müttern ausgesetzten oder sonst alleingelassenen Vietnamesen, sind wohl die einzige Gruppe in der Gesellschaft Südvietnams, die vom Sieger aus dem Norden nur Vorteile zu erwarten hätten. Sie hätten ausgeflogen werden müssen, als Thieus Herrschaft noch gesichert war, sie hätten bleiben müssen, da Thieus Herrschaft zu Ende geht.

Ein erster Kontakt zum näherrückenden Vietcong wurde von einer Gruppe privater Sozialhelfer in Saigon schon Ende 1972, wenige Wochen vor dem Waffenstillstand, aufgenommen. Auf die Frage, wie die Provisorische Revolutionäre Regierung das Problem der Waisenkinder zu lösen gedenke, berief sich der Vietcong auf das Hanoier Vorbild. Es würde den Kindern gewiß besser bekommen als die Humanität, die sie nun in den USA erwartet.

Das in den USA spontan aufgebrochene Bedürfnis, sich der jüngsten Opfer des verlorenen US-Krieges in Vietnam anzunehmen, erklärte Vernon Lyon vom State Department mit schierem Erbarmen: »Sie wollen einfach helfen.« Psychologen vermuten mehr dahinter: »Man will sein Schuldgefühl abbauen«, glaubt Edith E. Lord von der University of Miami. denn »Schuld tut weh«.

120 000 Waisenkinder, Schwarze, Puertorikaner, Indianer, geistig oder körperlich Behinderte sowie ältere Kinder haben in Amerika keine Chance, ein Elternhaus zu finden. Weiß sollen die Babys sein, blond, kerngesund und am besten just geboren, wenn die Pflegeeltern sie in den Schoß der Familie aufnehmen. Doch solche Baby-Elite ist knapp, dank Pille, Liberalisierung der Abtreibung und schwindenden Stigmas unehelicher Geburt. So entstanden auf dem amerikanischen Adoptionsmarkt groteske Auswüchse.

Die staatlichen Adoptionsämter haben fast nur noch Kinder anzubieten, die »hard to place«. schwer unterzubringen sind. Die gefragteren Kinder werden längst auf dem grauen Markt von Privatbüros und Anwälten gehandelt, denn mit ihnen ist viel Geld zu machen. »10 000 Dollar pro Kind«. sagt Joseph H. Reid, Direktor der Child Welfare League of America, »sind allmählich üblich.«

Schon wegen der ausgeprägten Präferenzen adoptionswilliger Eltern haben Psychologen, Soziologen, Politiker und Sozialarbeiter vor den Folgen der Operation Baby-Lift gewarnt. Bange wird vielerorts die Frage gestellt. wie die jetzt geküßten und gestreichelten Kriegsopfer wohl in fünf, zehn, zwanzig Jahren in den weißen Gemeinschaften der USA, Englands, Kanadas oder Australiens behandelt werden.

Wohl war ein Teil der Waisen seit Monaten vermittelt, waren die Eltern sorgfältig vorbereitet und ausgesucht worden, aber für viele Adoptiveltern kamen die Kinder überraschend schnell, dazu hatten auch Neubewerber noch Erfolg. Längst nicht alle Eltern. warnte in England die Kinderpsychologin Lindy Burton, hätten sich klargemacht, daß »Adoption fürs ganze Leben« sei.

Die Kinder des Baby-Lifts, glaubt die amerikanische Psychologin Maria Piers, müßten sich fühlen wie »abgeworfen von einem fremden Planeten«. Um die schlimmsten Kommunikationsschwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, laufen in San Francisco bereits Intensivkurse in englischer Sprache -- wenigstens die älteren Kinder sollen sich baldmöglichst verständlich machen können.

Erfahrungen mit vietnamesischen Waisen in England haben gezeigt, daß es Monate, zuweilen Jahre der Geduld bedarf, bis die Kinder den Menschen ihrer neuen Umgebung Vertrauen. »Keine der Waisen«, so Lindy Burton. »glaubt, daß man sie liebt. Man muß darauf vorbereitet sein, ihnen die Hand zu reichen und wieder und wieder gebissen zu werden.«

Ein Familienvater in Surrey mit drei eigenen und drei adoptierten Kindern berichtete zur Problematik seiner Vietnam-Waise Daniel, die er vor drei Jahren aufnahm: »Er hatte das Vertrauen in die Menschheit verloren.« Ewigkeiten seien verstrichen, bevor das Kind die ersten Worte -- »Bye-bye« -- an seine neuen Eltern richtete.

Während sich vergangene Woche Tausende von Elternpaaren für die Waisenpflege rüsteten, fürchteten einige von ihnen schon wieder, die Kinder irgendwann wieder hergeben zu müssen: Es ist keinesfalls geklärt, ob alle tatsächlich Waisen sind: Jane Barton, 30, die jahrelang in einem Quäker-Sozialzentrum in der Provinz Hué gearbeitet hat, unterhielt sich vorige Woche mit zahlreichen vietnamesischen Neuankömmlingen. Vier von ihnen waren Nichten eines Obersten der südvietnamesischen Armee, der die durchaus nicht elternlosen Mädchen aus Sicherheitsgründen in einem Waisenhaus untergebracht hatte.

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