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SERIE - TEIL 14 HITLERS UNTERNEHMER »ABGLEITEN IN DIE BARBAREI«

Der Historiker
Von Stephan Burgdorff und Hans Michael Kloth
aus DER SPIEGEL 32/2001

HANS MOMMSEN über die Haltung der deutschen Unternehmer zu Hitlers Programm, zur Kriegswirtschaft und zur Zwangsarbeit

SPIEGEL: Herr Professor Mommsen, warum hat es unter den Wirtschaftsführern so wenig Widerstand gegen Hitler gegeben?

Mommsen: In der Tat tauchen bestimmte Berufsgruppen im Widerstand überhaupt nicht auf, darunter Repräsentanten der Wirtschaft. Von den Industrieführern haben nur wenige wie Robert Bosch und Paul Reusch, der Vorstandsvorsitzende der Gutehoffnungshütte, eindeutig Stellung gegen Hitler bezogen. Die Wirtschaftsführer waren offensichtlich zu sehr in die tägliche Arbeit eingespannt, um Abstand zum Regime zu gewinnen.

SPIEGEL: Die NS-Ideologie stand im Widerspruch zum liberalen Kapitalismus. Kein Grund, gegen Hitler zu sein?

Mommsen: Die deutschen Unternehmer hatten seit langem auf Staatshilfe ge- setzt, und in der Weltwirtschaftskrise verlangten sie indirekte Hilfe durch Kreditgarantien. Mit Persönlichkeiten wie Hjalmar Schacht und Reichswirtschaftsminister Kurt Schmitt verbanden sie die Hoffnung, dass das kapitalistische System erhalten blieb. Und in der Tat wurde die nationalsozialistische Linke ausgeschaltet, die von Verstaatlichung geträumt hatte.

SPIEGEL: Aber es gab in der NDSAP auch Aversionen gegen die Großbanken.

Mommsen: Vor allem gegen die Dresdner und die Deutsche Bank. Das hing offenbar mit antisemitischen Vorurteilen wie dem vom »raffenden Kapital« zusammen. Die Kooperationsbereitschaft beider Großbanken mit dem Regime verstärkte das allerdings noch, während andere Teile der NSDAP eher mit den Sparkassen sympathisierten.

SPIEGEL: Waren die Unternehmer Spielball oder Steigbügelhalter des Systems?

Mommsen: Einen maßgeblichen Einfluss auf politische Entscheidungen, wie es früher die marxistisch-leninistische Interpretation behauptete, besaß das Unternehmertum nicht. Die Spitzenverbände haben sich ohne großen Widerstand gleichschalten lassen. Die Unternehmer passten sich dem Regime an, gaben dem Arisierungsdruck nach, der teilweise auch von den Belegschaften in den Betrieben ausging, und unterstützten die Aufrüstung und Expansion Hitlers ohne größere Vorbehalte. Stets aber standen Erhalt und Weiterführung der Unternehmen im Vordergrund.

SPIEGEL: Was erwarteten die Unternehmer vom Nationalsozialismus?

Mommsen: Zunächst begrüßten sie die Ausschaltung der Gewerkschaften und der bisherigen Tarifpolitik. Mit Hilfe Schachts wurden Versuche der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Einfluss auf die Tarifentscheidungen zu nehmen, abgewehrt. Allerdings befolgten die vom Reichsarbeitsministerium instruierten Treuhänder der Arbeit nicht notwendig die Unternehmerinteressen. Nur einzelne Wirtschaftsführer wie Paul Reusch erkannten, dass die früheren Gewerkschaften und Betriebsräte gegenüber den von der DAF gesteuerten Vertrauensräten auch gewisse Vorzüge besessen hatten.

SPIEGEL: Erwarteten die Unternehmer von den Nazis auch eine Modernisierung der Wirtschaft?

Mommsen: Sie erwarteten die Fortsetzung der Modernisierungsimpulse der Weimarer Zeit, und in einigen Fällen wie etwa bei den I. G. Farben hohe staatliche Subventionen für die Buna-Erzeugung und die Benzinsynthese. Auch der Ausbau der Energiewirtschaft sowie die Vereinheitlichung des Elektrizitätssystems gingen auf Initiativen des Regimes zurück.

SPIEGEL: Welche Nazi-Größen haben die Wirtschaftsführer besonders geschätzt?

Mommsen: Wenn man den Außenseiter Hjalmar Schacht ausnimmt, gab es innerhalb der engeren NS-Riege eigentlich niemanden, der sich beim Unternehmertum besonderer Wertschätzung erfreute.

SPIEGEL: Wie war es mit Albert Speer?

Mommsen: Später sicher. Aber Speer galt nicht - übrigens zu Unrecht - als ausgeprägter Nationalsozialist.

SPIEGEL: Trifft die von Ian Kershaw stammende These, wonach »dem Führer entgegenarbeiten« zentrales Handlungsmotiv der Eliten des Dritten Reichs war, auch auf die Unternehmer zu?

Mommsen: Ich glaube nicht. Die Großindustrie hielt sich in den dreißiger Jahren mit Investitionen eher zurück. Das spricht nicht gerade für vorauseilenden Gehorsam, wie ihn Kershaw im Sinn hat.

SPIEGEL: Hatte die Investitionszurückhaltung denn mit Vorbehalten gegen die Nazis zu tun?

Mommsen: Nicht primär. Sie beruhte auf der Überlegung, dass Investitionen in die Rüstungsproduktion sich langfristig nicht rentieren würden. Die Unternehmen waren daher bestrebt, zwar am Rüstungsboom zu partizipieren, aber die Konsumgüterproduktion und den Export aufrechtzuerhalten. Selbst die Firma Krupp war darum bemüht, nicht zum reinen Rüstungsbetrieb zu werden. Die Subventionen für Rüstungsgüter wurden zwar gern eingestrichen, aber man hielt sich selbst mit eigenen Investitionen eher zurück, so dass der Konjunktureffekt der staatlich finanzierten Aufrüstung begrenzt war.

SPIEGEL: So viel Zurückhaltung übte etwa der Autohersteller Daimler-Benz nicht. Das Unternehmen stieg in die Lizenzproduktion eines Lastkraftwagens für die Wehrmacht ein.

Mommsen: Das war erst 1943 der Fall und entsprang dem Motiv, dass Daimler-Benz nach dem Ende des Krieges in der Lkw-Produktion präsent bleiben wollte. Auch die Aluminiumfabrik für das Volkswagenwerk in Wolfsburg wurde nur gebaut, um in Friedenszeiten Motorgehäuse aus Aluminium für den Käfer herstellen zu können.

SPIEGEL: Hatten die Unternehmen denn so viel Handlungsspielraum, dass sie für Friedenszeiten statt für den Krieg investieren konnten?

Mommsen: Das kam darauf an, um welche Betriebe es sich handelte. In der Klein- und Mittelindustrie gingen die Eingriffe des Regimes ziemlich weit. Die Großindustrie hingegen besaß größere Spielräume. Allerdings gab es auch scharfe Konflikte wie etwa in der Flugzeugindustrie. Hugo Junkers musste aus seinem Unternehmen ausscheiden, Willy Messerschmitt wurde zum Entwicklungsdirektor herabgestuft, Ernst Heinkel aufs Altenteil gesetzt, und es fehlte auch sonst nicht an Pressionen gegen einzelne Unternehmer.

SPIEGEL: Gehörten nicht auch viele Unternehmen zu den Kriegsgewinnlern?

Mommsen: Insbesondere die Großbanken profitierten von Hitlers Expansionspolitik, allen voran die Dresdner Bank. Auch die I. G. Farben gehörte zu den Kriegsgewinnlern. Die Schwerindustrie im Ruhrgebiet hingegen litt eher unter fehlenden Neuinvestitionen und einer ausgeprägten Raubbauwirtschaft. Im Ganzen überwog bei den Konzernen weniger das Gewinnmotiv als vielmehr das Interesse, im Geschäft zu bleiben und möglichst die eigenen Produktionskapazitäten auszuweiten.

SPIEGEL: Wie hielten es die Unternehmen mit der Zwangsarbeit: Forderten sie Arbeitskräfte an oder wurden die zugeteilt?

Mommsen: In der Regel forderten Unternehmen zusätzliche Arbeitskräfte, die sie für bestimmte Produktionen benötigten, bei der jeweils zuständigen Arbeitsverwaltung an. Deren Zuweisungen mussten sie gemeinhin akzeptieren. Angesichts des extremen Mangels an deutschen Facharbeitern befanden sich in den Kontingenten zunehmend ausländische Arbeitskräfte unterschiedlicher Kategorien: italienische Vertragsarbeiter beispielsweise und später Militärinternierte, französische und später sowjetische Kriegsgefangene, Ostarbeiter. Dazu kamen KZ-Häftlinge, die der Regie der SS unterstanden.

SPIEGEL: Hatten die Unternehmen keine Möglichkeit, sich gegen den Einsatz von Zwangsarbeitern zu wehren?

Mommsen: Für die einzelnen Unternehmen stellte es ein Risiko dar, sich diesem System zu entziehen, da sie sonst mit verringerten Rohstoffquoten und schlimmstenfalls mit Betriebsstilllegungen zu rechnen hatten. Nach anfänglichem Zögern zeigten sie daher in der Regel keine Hemmungen, Zwangsarbeiter einzusetzen, wenn deutsches Personal nicht verfügbar war. Und sie ließen sich schließlich darauf ein, KZ-Häftlinge zu beschäftigen, wenn auch nur ausnahmsweise in der laufenden Produktion.

SPIEGEL: Die Mehrzahl der Manager hatte kein Unrechtsbewusstsein?

Mommsen: Das ist richtig, und man sollte dabei bedenken, dass sie schrittweise in das System der Zwangsarbeiterbeschäftigung gelangten. Es begann mit dienstverpflichteten Arbeitskräften aus den Benelux- und den skandinavischen Ländern sowie aus Polen. Kritisch war sicherlich die Beschäftigung von KZ-Häftlingen, die unter der Aufsicht der SS denkbar schlechte Existenzbedingungen hatten. Letztlich aber haben die meisten Konzerne diesen Weg gewählt, häufig um die Verlagerung der Betriebe unter Tage zu ermöglichen. Vielfach spielte dabei das Motiv mit, die Produktionsanlagen, vor allem wertvolle Maschinen, für die Friedensproduktion zu retten.

Selbst Wilhelm Haspel, der mit einer Halbjüdin verheiratete Konzernchef von Daimler-Benz, stimmte 1944 dem Einsatz von KZ-Häftlingen in der Untertageproduktion zu. Als wir die Rolle der Zwangsarbeit beim Volkswagenwerk untersuchten, interessierten wir uns vor allem für die Einstellung der Unternehmensleitung und der Führungskräfte zu diesem Komplex.

SPIEGEL: Wie lautete das Ergebnis?

Mommsen: Die zentrale Überlegung der Volkswagen-Manager bestand darin, die Kapazität um jeden Preis auszunutzen, und wenn dies auch nur durch die Hereinnahme einer Panzerfaust- und Tellerminenproduktion geschah, für die ungarische Jüdinnen aus Auschwitz beschäftigt wurden. Nennenswerte Gewinne waren damit nicht zu erzielen. Die vorherrschende Mentalität des Managements, das den Vorzug der U. K.-Stellung genoss, war von dem Bewusstsein geprägt, an der Heimatfront alles Erdenkliche zu tun, um die Waffenproduktion zu sichern.

SPIEGEL: Gab es da auch so etwas wie Durchhaltementalität?

Mommsen: Gewiss. Noch Ende April 1945, als das Hauptwerk bereits von den Amerikanern eingenommen war, schickte die VW-Betriebsleitung einen Güterzug mit Ingenieuren, Meistern, Zwangsarbeitern und Maschinen vom Verlagerungsbetrieb in Neudeck (Böhmen) zu den Messehallen in Prag, um dort eine neue Produktionslinie für die Me 262 aufzubauen. Es gab nicht nur bei den Belegschaften, sondern auch bei den Managern eine Art Flucht in die Betriebe, um sich nicht die Sinnlosigkeit oder gar Amoralität des eigenen Tuns eingestehen zu müssen.

SPIEGEL: Es gab allerdings auch jene Unternehmer, die Himmlers »Freundeskreis Reichsführer SS« angehörten.

Mommsen: Die bloße Mitgliedschaft im Freundeskreis besagt wenig und diente vielfach der Rückversicherung der vertretenen Großunternehmen. So konnte auch Hans Walz, ein enger Mitarbeiter Robert Boschs und Regimegegner, dazu gehören. Aber die Masse der Wirtschaftsführer und Unternehmer stand dem Regime bis zuletzt loyal gegenüber.

SPIEGEL: Und nach dem Kriegsende 1945 - setzte da Selbstkritik ein?

Mommsen: Nein, die Unternehmer verhielten sich da nicht anders als die anderen deutschen Eliten. Bei Ferdinand Porsche etwa war nach dem Krieg nicht die geringste Spur von Unrechtsbewusstsein zu erkennen; er fühlte sich bei den Vernehmungen durch die U. S. Army ungerecht behandelt. Heinrich Nordhoff, den die britische Besatzungsmacht 1948 zum Generaldirektor berief, obwohl ihm die Amerikaner wegen seiner Tätigkeit bei Opel Berufsverbot erteilt hatten, repräsentierte die ungebrochene Kontinuität einer in vieler Hinsicht autoritären Unternehmensführung im Volkswagenwerk.

SPIEGEL: Wurden die Wurzeln für das Wirtschaftswunder nach dem Krieg schon im Dritten Reich gelegt?

Mommsen: Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die sich bereits unter den Nazis für die Zeit danach eine günstige Ausgangsposition verschaffen konnten: Bertelsmann mit seiner Erbauungsliteratur für die Wehrmacht oder die Dresdner Bank mit ihren Gewinnen aus der Arisierung jüdischen Eigentums. Aber das lässt sich nicht generalisieren. Die Gesamtwirtschaft hat weniger vom Rüstungsboom und auch nicht von der Ausraubung des besetzten Ostmitteleuropa profitiert.

SPIEGEL: In den Nürnberger Prozessen sind die Unternehmer relativ glimpflich davongekommen. Hätte es einer gründlicheren juristischen Aufarbeitung bedurft?

Mommsen: Man wusste damals noch zu wenig, hatte beispielsweise keine Kenntnis vom Umfang der Zwangsarbeit. Im Übrigen hat die Amnestiepolitik der westlichen Besatzungsmächte weitere strafrechtliche Verfolgungen obsolet gemacht. Die direkte und indirekte Mitverantwortung der Unternehmensführungen für Verbrechen des NS-Regimes entzieht sich in der Regel juristischen Kategorien, wie selbst der Fall des Bunawerks in Auschwitz-Monowitz zeigt. Die politischmoralische Mitverantwortung der Manager für die Rüstungs- und Ausbeutungspolitik des NS-Systems und ihr »Abgleiten in die Barbarei«, wie es mein Kollege Neil Gregor bezeichnete, sind hingegen unbestreitbar.

SPIEGEL: Einzelne Unternehmen weigerten sich, ihre Archive zu öffnen, so dass ihr Verhalten lange im Dunkeln lag.

Mommsen: Schlimmer noch war, dass Akten aus der damaligen Zeit in den fünfziger Jahren zum Teil gezielt vernichtet wurden, so wie etwa bei der Volkswagen AG.

SPIEGEL: Nicht nur VW, auch andere Großunternehmen wie Daimler-Benz, Deutsche Bank oder Allianz haben in den vergangenen Jahren ihre Vergangenheit von unabhängigen Historikern erforschen lassen.

Mommsen: Die jüngeren Manager, die heute das Sagen haben und völlig unbelastet sind, sind sich ihrer historischen Verantwortung durchaus bewusst. Es gibt heute eine ganze Garde junger Historiker, die sich mit diesen Themen beschäftigt. Insofern wird der Mangel an Aufklärung vermutlich bald behoben sein.

SPIEGEL: Professor Mommsen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

»Insbesondere die Großbanken profitierten von Hitlers Expansionspolitik, allen voran die Dresdner Bank.«

»Die Masse der Wirtschaftsführer und Unternehmer stand dem Regime bis zuletzt loyal gegenüber.«

HANS MOMMSEN lehrte bis 1996 als Professor für Neuere Geschichte an der Ruhruniversität Bochum. Der Urenkel des Historikers Theodor Mommsen veröffentlichte zusammen mit Manfred Grieger die Studie »Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich«. 1998 erhielt Mommsen, 70, den Carl-von-Ossietzky-Preis.

* Bei der Grundsteinlegung zum Neubau der Reichsbank in Berlin1934.* Häftlinge des Lagers Mittelbau-Dora bei derV2-Raketenproduktion. Das Gespräch führten die Redakteure StephanBurgdorff und Hans-Michael Kloth.Im nächsten Heft lesen Sie: Teil 15DER UNGESCHRIEBENE BEFEHLEine formale Anordnung Hitlers zur Ermordung der Juden gab esnicht. Doch Krieg und Genozid bildeten eine Einheit. Was wusstendie Deutschen vom Holocaust?

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