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ILSE BERGBAU Abrechnung vertagt

aus DER SPIEGEL 10/1963

Der namhafte Düsseldorfer Wirtschaftsprüfer Dr. Wilhelm Elmendorff hatte einen vernichtenden Spruch gefällt: Dem Kölner Unternehmen Ilse Bergbau-Actiengesellschaft sei durch den amerikanischen Großaktionär Charles I. Petschek erheblicher Schaden zugefügt worden.

Statt eines möglichen - Gewinns von jährlich 4,4 Millionen Mark, so gutachtete Elmendorff als Sonderprüfer im Auftrag des Kölner Amtsgerichts, sei der Gesellschaft dank Petscheks Verhalten ein Verlust von 1,1 Millionen Mark entstanden.

Elmendorffs Bericht erhärtete Vorwürfe, die bereits auf der Hauptversammlung des vergangenen Jahres von empörten Kleinaktionären der Ilse AG erhoben worden waren. Ob die Kleinen freilich auch die Früchte ihres Sieges, nämlich Regreßzahlungen von Petschek, werden ernten können, steht noch keineswegs fest.

Für den 28jährigen Amerikaner Petschek bedeutet sein Ilse-Paket - er hält 50,3 Prozent des stimmberechtigten Kapitals von 2,6 Millionen Mark - nur den kümmerlichen Rest eines großen mitteleuropäischen Industrievermögens, das seine einst in der Tschechoslowakei beheimatete Familie während des Krieges eingebüßt hat. Die Ilse AG, satzungsgemäß zum »Erwerb und Betrieb von Bergwerken und gewerblichen Unternehmen jeglicher Art« verpflichtet, ist heute eine reine Holdinggesellschaft.

Ihr Hauptaktivum besteht in einem Aktienpaket des bedeutendsten westdeutschen Stromerzeugers, der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG (RWE), im Nominalwert von 17,9. Millionen Mark. Es präsentiert derzeit einen Kurswert von über 100 Millionen Mark, und die RWE-Dividenden (1962: 16,5 Prozent) hatten der Ilse AG als einzige nennenswerte Einnahme jahrelang zu angemessenen Erträgen verholfen.

Dann aber wurde dieser Dukatenesel dem Unternehmen zur Last: Der steigende RWE-Börsenkurs trieb die Steuerkurswerte derart in die Höhe, daß die Zahlungen an den Fiskus den Ertrag aus der RWE-Dividende weit überschritten (SPIEGEL 6/1962). Im Jahre 1960 zahlte die Ilse AG noch fünf Prozent Dividende, die jedoch bereits aus Substanzverkäufen stammte, dann entfiel die Dividende vollends.

Charles Petschek kann es sich freilich leisten, auf Ilse-Dividenden für eine Weile zu verzichten. Ihm liegt daran, die stattliche Beteiligung am RWE solange zu erhalten, bis dieses Unternehmen eines Tages die von Petschek zuversichtlich erwarteten Superdividenden zahlen wird. Dann könnten auch die Einnahmen der Ilse AG wieder höher sein als die dafür zu entrichtenden Steuern.

Die Kleinaktionäre hingegen sahen keinen Anlaß, Petschek auf diesem verschlungenen Pfad zu folgen. Rechtsanwalt Ruppert Siemon von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz verwahrte sich: »Man kann seine Geschäftspolitik nicht nur auf ein spekulatives Bein stellen, zumal wenn es satzungswidrig ist.«

Der gleichen Ansicht war auch der Alleinvorstand der Ilse AG, Dr. Konrad Platscheck. Er gab sich redlich Mühe, dem Unternehmen den verlustbringenden RWE-Besitz vom Halse zu schaffen. Zwar kam dafür ein Verkauf des Aktienpakets nicht in Frage, da 57 Prozent des Erlöses oder mehr als 60 Millionen Mark dem Finanzamt zufallen würden. Jedoch könnten die RWE-Aktien in ein sogenanntes Ersatzwirtschaftsgut

umgetauscht werden, ohne daß darauf Steuern zu zahlen wären.

Die nordrhein-westfälischen Finanzbehörden waren bereit, als steuerneutrales Tauschobjekt die Mehrheitsbeteiligung an einem Kohlenbergwerk oder Elektrizitätswerk anzuerkennen. Ende 1960 hatte Ilse-Chef Konrad Piatscheck ein solches Objekt zur Hand: Sein Unternehmen hätte die Aktienmehrheit der Niederrheinischen Bergwerks AG, die ungeachtet der Kohlenkrise 20 Prozent Dividende ausschüttet, erwerben können.

Doch Charles 1. Petschek pfiff Konrad Piatscheck zurück: »Wir sind gegen Kohle, und unser Nein ist Nein.« Obwohl die Mehrheitsbeteiligung, da steuerlich günstiger als das Minderheits-Paket RWE-Aktien, der Ilse AG Dividenden von 30 Prozent ermöglicht hätte, fand Petschek den Preis angesichts des zu erwartenden Ertrages zu hoch.

Unverdrossen ging Konrad Platscheck wieder auf die Suche nach einem Tauschobjekt. 1962 stieß er auf das Zechenunternehmen Gewerkschaft Sophia-Jacoba in Hückelhoven, das für die Ilse eine ähnlich lukrative Einnahmequelle werden konnte wie die Niederrheinische Bergwerks AG.

Wider Erwarten ermächtigte der neunköpfige Aufsichtsrat, dem Charles Petschek selbst und vier weitere Vertreter der Petschek-Interessen angehören, im Herbst letzten Jahres den Chef der Ilse AG, die Verhandlungen über den Erwerb der Sophia-Jacoba zum Abschluß zu bringen. Freudig kündigte daraufhin Konrad Piatscheck im Dezember 1962 den Aktionären für 1963 bessere Zeiten an.

Indes, Piatschecks amerikanischer Boß besann sich rasch eines Schlechteren, bekräftigte von neuem seine These, daß »ein Verzicht auf Dividende im Interesse aller Aktionäre liegt«, und hieß Piatscheck die Verhandlungen abbrechen. Verbittert trat der Ilse-Manager zehn Tage vor der Hauptversammlung am 8. Februar dieses Jahres von seinem Posten zurück.

Auf der Hauptversammlung im großen Sitzungssaal der Deutschen Bank in Köln präsentierte die Schutzvereinigung das Urteil des Sonderprüfers Elmendorff: Der Gesellschaft sei durch das von Petschek herbeigeführte Scheitern des Erwerbs der Niederrheinischen Bergwerks AG ein Verlust von 1,1 Millionen Mark entstanden, wo sie jährlich 4,4 Millionen Mark Gewinn hätte erzielen können.

Die Stunde der großen Abrechnung schlug jedoch noch nicht. Charles Petschek war der Hauptversammlung ferngeblieben, und es versagte sich den Kleinaktionären auch ein Bundesgenosse, der ihnen ein Jahr zuvor zur Seite gestanden hatte.

Damals waren die zur Einsetzung eines Sonderprüfers erforderlichen zehn Prozent der Stimmen mit Hilfe der bundeseigenen Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG (Viag), die 31 Prozent des Ilse-Kapitals hält, zusammengekommen. Damit nunmehr Regreßansprüche gegen Petschek geltend gemacht werden konnten, mußten sich fünf Prozent zusammenfinden. Sie waren ohne Hilfe der Viag auf der Hauptversammlung nicht aufzutreiben, und der Viag-Vertreter im Aufsichtsrat, Dr. Karl Röhrs, versagte die Unterstützung: »Wir halten die Regreßansprüche nicht für ausreichend begründet.«

So konnte die Schutzvereinigung lediglich einen Zeitgewinn erstreiten: Sie setzte durch, daß Diskussion und Abstimmung über den Bericht des Sonderprüfers einer weiteren Hauptversammlung im Mai dieses Jahres vorbehalten blieben.

Bis dahin hoffen die rebellischen Kleinaktionäre, die noch fehlenden Stimmen in Höhe von rund 40 000 Mark des Aktienkapitals auch ohne die Hilfe der Viag beisammen zu haben und Charles I. Petschek regreßpflichtig machen zu können.

Wertpapier-Schützer Siemon

Entschädigung vom Großaktionär?

Ausgeschiedener Ilse-Chef Piatscheck

Aus Amerika ein Veto

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