Zur Ausgabe
Artikel 25 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Militär Abrüsten mit Sandpapier

Unter internationaler Kontrolle verschrotten die Russen in Deutschland derzeit 2400 Panzerwagen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Die demontierten Panzerrümpfe stapeln sich wie in einem Sarglager. Drei Schichten hoch und endlos lang ist die Phalanx der aufgeschweißten Chassis in Militär-Grün, die auf den Hochofen warten. Der tägliche Anblick der Wracks ohne Räder und Ketten schmerzt den Oberstleutnant Gennadij Bunjajew - »bei soviel Sachverstand und Mühe, die hier mal dringesteckt haben«.

Armeeingenieur Bunjajew leitet im Wünsdorfer Hauptquartier der russischen Truppen die Materialverschrottung. Dort, im einstigen Panzerreparaturwerk, wurden zu DDR-Zeiten an die 12 000 russische Panzer zentral gewartet - damals Rückgrat und Inbegriff der Sowjetmacht jenseits der Elbe.

Doch seit drei Jahren ist die Wünsdorfer Anlage nur noch Demontageort, das Machtsymbol endet unter dem Schneidbrenner. Nach der zwischen Nato und Warschauer Pakt abgeschlossenen Vereinbarung über die Reduzierung der Militärapparate zerlegen die Russen in Wünsdorf 2400 Panzerwagen. Sogenannte Verifikationsteams der Vertragspartner überwachen den Vollzug.

Der Umgangston zwischen den einstigen Gegnern ist routiniert freundlich, teils schon herzlich. Vor zwei Jahren noch, erinnert sich Oberst Bernd Brieber, Leiter der Bundeswehr-Verifikationsstelle, verhängten östliche Befehlshaber ihre Militärtechnik noch mit Tüchern, wenn westliche Beobachter kamen.

Als letzte Woche eine kanadische Inspektorengruppe, begleitet von Spaniern und Deutschen, in Wünsdorf einrückte, hatten die Gastgeber eine neue Etappe in der Panzerschlacht mit dem Schneidbrenner hinter sich. Die Reste von 490 ehemals achträdrigen Kampfwagen des Typs BTR-60 standen frisch zerlegt zur Besichtigung bereit.

Mit ahornroten Wetterjacken und lockerem Habit ("Let's go, guys") federten die Kanadier ans Werk. Stundenlang hakte das Team die Strecke ab: Ein russischer Oberleutnant auf rollbarer Leiter stieg zu jedem einzelnen Trümmerstück hinauf, legte die Seriennummer mit Sandpapier frei und diktierte sie den Inspektoren ins Protokoll. Kleiner Zwischenfall am Panzer Nummer 2876: Major Richard LeBlanc hat entdeckt, daß die Schweißeinschnitte nicht exakt den mit akribischen Zeichnungen versehenen Vertragsbestimmungen entsprechen. Eine Viertelstunde verharrt der Troß in klirrender Kälte und blauen Schwaden, während herbeibeorderte Schweißer ein Stück Stahlplatte aus dem Chassis brennen. »Vorschrift ist Vorschrift«, quittiert Major LeBlanc zufrieden.

Der Bürokratenakt steht für professionelles Mißtrauen, das die Militärs beider Seiten unverändert hegen. Besonders um den russischen Truppenabzug aus Deutschland findet der Argwohn immer wieder Nahrung.

So rechnet die Bundeswehr schon seit Wochen den Russen vor, daß zwischen den deklarierten Munitionsmengen und den nachprüfbaren Beständen große Lücken klaffen. Nach russischen Angaben hat die Truppe Anfang 1991 insgesamt 677 000 Tonnen Munition in Deutschland unterhalten und seither 586 170 davon abtransportiert.

Statt 90 830 Tonnen beträgt der Restbestand aber nur noch knapp 10 000 Tonnen. Es bleibt ein Defizit von rund 81 000 Tonnen, soviel, wie 4000 Eisenbahnwaggons fassen.

Das russische Oberkommando verweigert exakte Auskünfte darüber, ob die Munition »vergraben, versprengt, verschossen« ist, wie die Frankfurter Allgemeine letzte Woche fragte, oder ob womöglich nur Zählfehler die Ursache sind, die sich über Jahre addiert haben, wie das Auswärtige Amt vermutet.

In den Ruch der Schlamperei möchten die Wünsdorfer Panzerknacker nicht geraten. Die beim Verschrotten anfallenden Asbest-Isolierungen (immerhin drei Kilo pro Wagen) sowie Altölreste und selbst Putzlappen lassen die Russen durch deutsche Firmen entsorgen. Ein halbes Dutzend Kontrollgänge von Beauftragten des Potsdamer Umweltministeriums seien, so Ingenieur Bunjajew stolz, ohne Befund verlaufen.

Anders auch als bei den schweren Kampfpanzern, bei deren Demontage gifthaltige Verbundstoffe anfallen und deren Armierungen allenfalls für den Wegebau verwendbar sind, können die leichten Chassis aus Wünsdorf hochofenfertig zerschnitten werden. Die Überreste übernimmt der internationale Schrottmarkt.

Für viele russische Offiziere hat das Gemetzel der Schweißer verheißungsvolle Seiten. Mit der alten Kampftechnik verschwinde »auch die alte Politik«, hofft Stabsoberst Wladimir Strelnikow: »Gut, daß dies Gerät nicht im Krieg endet, sondern hier ganz friedlich zerlegt wird.« Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 25 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.