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DESERTEURE Abschiebung in den Knast

aus DER SPIEGEL 8/1997

Zahlreiche Deserteure der ehemaligen sowjetischen Armee sollen in Kürze aus Deutschland abgeschoben werden. Ihre Asylanträge waren 1996 abgelehnt worden, jetzt laufen die Aufenthaltsfristen ab. Die Fahnenflüchtigen müssen in ihren Heimatländern, den heutigen GUS-Staaten, mit hohen Strafen rechnen. Sie hatten zwischen 1990 und 1994 die in der ehemaligen DDR stationierte »Westgruppe der Truppen« verlassen und um Asyl gebeten.

Etliche der etwa 600 Deserteure waren daraufhin von westlichen Geheimdiensten über militärische Einzelheiten ausgefragt worden. »Man riet mir, alles zu sagen, was ich weiß, dann würde ich Asyl bekommen«, sagt der Ex-Chef einer Raketeneinheit, Gennadij Suprun, 26. Er sollte bereits in der vergangenen Woche Deutschland in Richtung Moldawien verlassen. In letzter Minute wurde der Termin um 14 Tage verschoben.

Suprun war im Frühjahr 1992 desertiert. Sein Asylantrag wurde zwei Jahre später abgelehnt, auch eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Ansbach blieb ohne Erfolg. Die Richter mochten nicht glauben, daß er »asylrechtsrelevante Maßnahmen bei Rückkehr in seine Heimat zu gegenwärtigen hätte«. In Moldawien fahndet allerdings schon die Militärstaatsanwaltschaft mit einem Haftbefehl nach Suprun. Ihm drohen bis zu 20 Jahre Haft wegen »Heimatverrats« und Spionage.

»Das Ende ihrer Haftzeit werden einige der Deserteure angesichts der Haftbedingungen in Rußland und anderen GUS-Staaten wahrscheinlich nicht mehr erleben«, vermutet Wanda Wahnsiedler von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte.

Da die meisten Deserteure nach Auflösung der UdSSR staatenlos sind, wollen die deutschen Behörden die Betroffenen in ihr Geburtsland schicken - auch wenn dabei Familien getrennt werden. So soll noch diese Woche ein Offizier in die Ukraine ausreisen, seine Ehefrau nach Rußland. Sonst droht die Abschiebung. Auch die seit drei Jahren in Rinteln lebenden Ex-Militärangehörigen Alexej und Lilija Perlow erwarten beide Haftstrafen, wenn sie, wie vorgesehen, Anfang März abgeschoben werden. Ihr achtjähriger Sohn Alexander und die 16 Monate alte Tochter Violetta müßten ins Heim.

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