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HAITI Abschied auf Raten

Zermürbt von wochenlangem Aufruhr, floh Jean-Claude Duvalier, Präsident von Haiti, aus seinem Inselstaat. Doch niemand will ihn aufnehmen. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

»Allmächtiger Gott«, rief der Priester Gerard Jean-Juste ins Megaphon. Der Vorsitzende der Haiti-Flüchtlingsorganisation im amerikanischen Miami frohlockte: »Herr, du hast uns diesen glorreichen Tag erblicken lassen.« Das Häuflein der Gläubigen jubilierte, und der Priester betete: »Danke, Allmächtiger, daß wir dem Teufel entronnen sind.«

In Miami, im US-Bundesstaat Florida, wo fast 100000 Exil-Haitianer ihr Viertel »Klein-Haiti« gegründet haben, feierte die Menge auf den Straßen.

In Port-au-Prince, der Millionen-Hauptstadt des Karibik-Staates Haiti, kündeten 21 Salutschüsse vom Beginn einer neuen Ära. Jean-Claude Duvalier, 34, »Baby Doc« genannt, offiziell »Präsident auf Lebenszeit«, Diktator der Karibik-Inselrepublik Haiti seit 15 Jahren, hatte sein Land verlassen - endlich.

Der Stabschef der Streitkräfte, General Nenphy, ist neuer starker Mann auf der Karibik-Insel; doch seine Regierungs-Junta umfaßt nicht nur Obristen - geachtetes Mitglied ist auch Gerard Gourgue, Chef der haitianischen Menschenrechtsorganisation.

Die Bevölkerung Haitis, 29 Jahre lang unter dem Duvalier-Clan zum ärmsten Land des amerikanischen Doppelkontinents heruntergekommen, hatte Anlaß zur Freude Baby - Doc war weg -, wenn auch in einem Abschied auf Raten.

Schon am Freitag vorletzter Woche war Larry Speakes, Sprecher des Weißen Hauses in Washington, mit der sensationellen Enthüllung vor die Presse getreten, Präsident Duvalier habe seinem Land den Rücken gekehrt. Zwei Monate Aufruhr und Demonstrationen, eine Hunger-Revolte der am Rande des Existenzminimums dahinkümmernden Bevölkerung Haitis - 70 Menschen kamen dabei ums Leben - hatten offensichtlich den Tyrannen zermürbt. Vorher hatte Duvalier freilich das Land zermürbt: Sein Privatvermögen wird auf 95 Millionen Dollar geschätzt; die überwältigende Mehrheit seiner Landsleute muß dagegen mit 130 Dollar im Jahr auskommen.

Die amerikanische Regierung, früher selbst Kolonialmacht auf Haiti, schien froh zu sein, daß der Diktator aufgab: Washington hatte gedroht, 26 Millionen der zugesagten 51 Millionen Dollar US-Wirtschaftshilfe für 1986 einzufrieren, wenn Haitis Regierung sich nicht endlich zur Wahrung der Menschenrechte bekannte. Das aber war unter Duvalier, den sein Vater, Vorgänger als Staatschef, noch 1971 durch Verfassungsänderung zum »Präsidenten auf Lebenszeit« ernannt hatte, nicht zu erwarten.

Wenige Stunden nach der Ankündigung aus Washington jedoch dementierte Jean-Claude Duvalier selbst die freudige Botschaft: In einem Mercedes-Geländewagen ließ er sich durch seine Hauptstadt Port-au-Prince chauffieren und winkte huldvoll seinem murrenden Volk zu.

Nur eine Woche später war seine Lebens- und Amtszeit auf Haiti vorüber. Am Freitagmorgen, 3.45 Uhr, hob eine C-141 der US-Luftwaffe vom »Francois-Duvalier-Airport« ab: Ziel Frankreich. An Bord befanden sich Baby Doc und 23 Familienmitglieder.

Jean-Claude Duvalier erklärte in dem von ihm kontrollierten Staatsfernsehen Haitis: »Ich habe mich entschlossen, das Schicksal der Nation in die Hände des Militärs zu legen, damit meinem Volk ein Blutbad erspart bleibt.«

Die Regierung in Paris hatte sich bereit erklärt, dem Entmachteten vorübergehend Aufenthalt zu bieten: nicht länger als acht Tage. Anderen gestürzten Staatsbesuchern war von Frankreich indes Asyl gewährt worden: so dem iranischen Ministerpräsidenten Banisadr oder Bokassa, dem selbsternannten Kaiser von Zentralafrika. Am Freitagabend um 21.55 Uhr landete die Duvalier-Maschine auf dem Flugplatz von Grenoble.

Nur: am Wochenende war noch völlig ungewiß, wohin Duvalier sich schließlich wenden würde. Griechenland hatte ein Asylgesuch abgelehnt; Marokko ließ durch einen Regierungssprecher erklären, es sei »absolut ausgeschlossen, daß der gefallene Diktator im Königreich ansässig werden könne. Und Gabun schließlich, ebenfalls als Asylland im Gespräch, zeigte sich tief beleidigt, daß einem kleinen afrikanischen Land zugemutet werde, »jedesmal wenn ein Staatsoberhaupt gestürzt wird, Gabun als mögliches Exil ins Gespräch gebracht wird«.

Baby Doc hat zwar vor zwei Jahren in der Nähe von Paris ein geräumiges Anwesen erworben. Doch die französische Links-Regierung hat keinen Zweifel daran gelassen, daß sie den Diktator, der von seiner Mutter, seiner Frau und vier Kindern samt Entourage begleitet wird, nicht auf Dauer zu beherbergen wünscht. Auch Washington lehnte ab, obgleich in den USA so manch entmachteter Tyrann eine neue Heimat gefunden hat.

Die USA müssen Rücksicht auf die Gefühle der mehreren hunderttausend Haitianer nehmen, die während der vergangenen zwei Jahrzehnte der Terrorherrschaft des Duvalier-Clans entkommen und in die USA geflüchtet waren. Plötzlich, über Nacht, wächst nun der Wunsch der Flüchtlinge, in ihre Heimat zurückzukehren.

Dort plünderte die Bevölkerung Stunden nach der Flucht des Diktators Supermärkte und demontierte Jean-Claude Duvaliers Überreste: Sein und seines Vaters Denkmal in Port-au-Prince wurden zu Boden gerissen. Die Marmorbrocken gelten nun als kostbare Souvenirs. _(Am Montag voriger Woche in ) _(Port-au-Prince. )

Am Montag voriger Woche in Port-au-Prince.

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