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LUFTWAFFE Absolut sicher

Britische »Tornado«-Warnungen blieben auf der Hardthöhe unbeachtet. Eine Maschine stürzte ab. *
aus DER SPIEGEL 30/1984

Das Schreiben aus England ging vor sechs Wochen auf der Bonner Hardthöhe ein. Britische Piloten des Kampfflugzeuges Tornado, hieß es darin, müßten Kurzwellensender künftig mit weitem Sicherheitsabstand umfliegen. Zusätzlich würden in den Karten für britische Flugzeugführer alle Radiosender als Gefahrenpunkte markiert.

Der Grund: Die britische Royal Air Force vermutet, daß durch die Abstrahlung der Sender die elektronische Steuerung der Tornados beeinflußt wird.

Das brisante Papier landete nicht beim Führungsstab Luftwaffe, sondern blieb in den Ablagen der Rüstungsabteilung liegen. Möglicherweise deshalb mußten zwei Luftwaffenoffiziere sterben.

Am Morgen des 6. Juli starteten zwei Tornados des Jagdbombergeschwaders 31 vom Flugplatz Nörvenich bei Köln zu einer »ganz normalen Zweiermission« in Richtung Süden. Die Maschinen blieben auf der gesamten Strecke im Tiefflug, automatisch gesteuert von einem aufwendigen elektronischen System.

Die Maschinen flogen mit 800 Stundenkilometern in 750 Fuß (etwa 230 Meter) Höhe, als sie bei Holzkirchen südöstlich von München ihren Umkehrpunkt erreichten: die 91 Meter hohen Sendemasten der amerikanischen Rundfunkanstalten Radio Free Europe, Radio Liberty und Voice of America. Die senden mit acht Kurzwellen- und zwei Mittelwellenfrequenzen und Leistungsstärken zwischen 100 und 300 Kilowatt westliche Propaganda in die Sowjet-Union und andere Ostblockstaaten.

Die Flugzeuge waren fast über dem Senderareal, als sich die vordere Maschine plötzlich zur Seite neigte und dann die Nase nach unten nahm. Sekundenbruchteile später bohrte der Tornado sich in die Erde, weder der Pilot, Major Manfred Wegenast, 38, noch der hinter ihm sitzende Waffensystemoffizier, Oberleutnant Wolfgang Klupp, 33, schafften den Ausstieg mit dem Schleudersitz.

Der dritte Absturz der »absolut sicheren Maschine« (so der Chef der Luftflotte, Generalleutnant Hans-Jörg Kuebart) in diesem Jahr löste in Bonn hektische Aktivitäten aus. Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Eberhard Eimler berief am Dienstag letzter Woche eine Krisensitzung ein, zu der alle für den Flugbetrieb der Tornados Verantwortlichen geladen wurden. Vier Stunden berieten die Flugspezialisten über die Unfallursachen. Eimler schlug eine Erklärung vor, wonach der Absturz »mit hoher Wahrscheinlichkeit« auf eine »Verkettung mehrerer Faktoren« zurückzuführen sei. Dann hieß es wörtlich: »Auch die Einstrahlung elektromagnetischer Wellen von Rundfunksendern wurde als eine Ursache der Störung in Betracht gezogen.«

Doch diese Fassung mußte auf telephonischen Einspruch von Minister Manfred Wörner abgemildert werden. In der offiziellen Verlautbarung wird nur noch gefragt, ob die Wellen der nahen Sender ein »auslösender oder beitragender Faktor« gewesen sein könnten.

Wörners Hoffnung: Da nur eines der Flugzeuge abgestürzt ist, obwohl doch beide den Sendemasten gefährlich nahe gekommen sind, könnte auch ein anderer Fehler schuld an dem Unglück sein.

Ein Absturz infolge starker Kurzwellen würde die Luftwaffe vor unliebsame Probleme stellen. So könnte ein potentieller Gegner seine militärischen Anlagen mit starken Sendern vor möglichen Tornado-Angriffen schützen. Um das hochsensible Fluggerät vor diesem Risiko zu bewahren, müßte die gesamte Bordelektrik neu verkabelt und durch Filter geschützt werden, was den Preis für den 100 Millionen Mark teuren Flieger noch einmal nach oben treiben würde.

Unter Fachleuten ist längst bekannt, welch gravierende Auswirkungen elektromagnetische Störquellen auf Radaranlagen und die Bordelektronik haben. Ein ebenso kurioses wie typisches Beispiel: Das Flugüberwachungsradar des Detroiter Flughafens fiel jedesmal dann aus, wenn ein Gartenfreund in der Nähe seinen Rasenmäher anwarf.

Bei Hagerstown im US-Staat Maryland wurde ein Navigations-Funkfeuer durch ein beschädigtes TV-Kabel so gestört, daß Piloten vom vorgesehenen Kurs abkamen. Kabeldefekte unterbrachen in Michigan den Funksprechverkehr zwischen Bodenleitstelle und Piloten und blockierten in Florida das Instrumentenlandesystem eines Flughafens.

In Großbritannien, so ermittelte die Luftfahrtbehörde, kamen Flugzeuge vom Kurs ab, weil sich Fluggäste die Zeit mit Taschenrechnern, Transistor-Radios und Videospielen vertrieben.

Auch die Bundeswehr hat längst ihre Probleme mit elektromagnetischem Störpotential. 40 für 100 Millionen Mark angeschaffte Anflugradar-Geräte vom Typ PAR-80 stehen derzeit ungenutzt herum, weil bei schlechtem Wetter die Bildschirme total verrauscht und anfliegende Flugzeuge nicht zu erkennen sind (SPIEGEL 22/1984). Wahrscheinliche Ursache: elektrische Leitungen in der Nähe des Aufstellortes.

Daß die Elektronik des Tornados anfällig gegen Störungen von außen ist, haben die Piloten schon vor dem Unglück von Holzkirchen erfahren. Besonders das Bodenfolge-Radar ist durch Sender beeinflußbar. So kann ein auf die richtige Frequenz eingestellter Sender den Tornado aus dem Tiefflug nach oben reißen und dadurch für gegnerische Radarsysteme sichtbar machen.

Wörners Vernebelungstaktik im Fall des Holzkirchener Absturzes hat die Opposition mobil gemacht. Der SPD-Parlamentarier Horst Jungmann forderte bei Wörner Auskunft über »die bisher bekannte Unfallursache«.

Da wird der Minister wohl erklären müssen, warum die Warnung der Briten vor Kurzwellensendern unbeachtet liegenblieb.

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