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RAUSCHGIFT Absolut zu

Dealer neuen Typs tricksen die Kripo aus: Touristen aus dem Senegal, die mit winzigen Heroinportionen handeln. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Der schlaksige Farbige hat eine grünbraun gefleckte Tarnmütze auf, wie sie Söldner im afrikanischen Buschkrieg tragen. Seit gut einer Stunde lehnt der auffällige Typ lässig an der Rolltreppe, die am Ende der Kaiserstraße hinab zur B-Ebene des Frankfurter Hauptbahnhofs führt. »Tourist« sei er, sagt er kurz und grinst breit.

Die Kripo weiß, daß der Mann keineswegs so harmlos ist, wie er sich gibt. Er gehört zu der großen Schar junger Senegalesen, die schon seit Monaten den »Kaisersack« bevölkert, den zentralen und wohl umsatzträchtigsten Fixertreff der Bundesrepublik.

Dort versorgen die Afrikaner ständig rund 3000 in Frankfurt registrierte Süchtige, weitere rund 5000 Pendler und zahlreiche Fixer aus der ganzen Republik mit der täglichen Ration Heroin. Da gehen jeweils, sagt der Frankfurter Kriminalrat Klaus Krumb, »höchstens ein paar Grämmelchen rüber«.

Frankfurts Rauschgiftfahnder haben sich zwar beim jahrelangen Einsatz gegen türkische, israelische oder fernöstliche Großimporteure und verdeckt operierende Verteilerringe fit gemacht.

Doch dem »Ameisenhandel« der Schwarzafrikaner, dem Geschäft mit Kleinstportionen Rauschgift, stehen sie weitgehend hilflos gegenüber. »Die Burschen sind flink und resistent«, beschreibt Krumb den neuen Dealertyp.

Schon im vergangenen Jahr schnappte die Polizei fast 200 Senegalesen, rund drei Kilogramm Heroin griffen die Fahnder bei ihnen ab - fast die Hälfte der Menge, die 1986 auf dem Frankfurter Markt insgesamt sichergestellt wurde. Auf Bewährung verurteilte oder abgeschobene Schwarz-Händler tauchen schon bald wieder auf oder werden durch Stammesbrüder ersetzt.

Die jungen Nachrücker steigen nur selten freiwillig in das Geschäft mit der tödlichen Droge ein. Meist werden sie im Senegal vom geistigen Oberhaupt ihrer Sippe, dem Marabut, für den Kleinhandel im fernen Frankfurt bestimmt, so wie andere Afrikaner Sonnenbrillen-Imitationen an der Cote d' Azur oder falschen Elfenbeinschmuck in Schweden verhökern müssen.

Bislang haben sich die senegalesischen Straßenkuriere, so Hans-Georg Fuchs vom Bundeskriminalamt, »nur in der Frankfurter Szene« breitgemacht. Doch Schwarzafrikaner tauchen immer wieder auf bundesdeutschen Märkten auf, um

die Verteilung von Drogen zu übernehmen.

In Frankfurt waren es Farbige aus Gambia und Nigeria, die zunächst in schummrigen Bars US-Soldaten mit Haschisch versorgten und später auch in Parkanlagen geringe Heroinmengen an deutsche Fixer verkauften.

In Hamburg ist das Wohnheim für Asylbewerber in der Wandsbeker Kattunbleiche eine bevorzugte Adresse für die einheimischen Junkies. Überwiegend Ghanaer, so die Erkenntnisse der Polizei, bieten hier Kokain und Heroin an, billiger als anderswo.

Der Stoff, der in der Hamburger Kattunbleiche und im Frankfurter »Kaisersack« gehandelt wird, ist dafür auch von minderer Qualität. Daß die Droge mit Zusatzstoffen wie Strychnin gestreckt wird, ist nach Ansicht von Experten ein Grund für den Anstieg der Zahl der Drogentoten: 158 sind es bereits im ersten Halbjahr 1987, 45 mehr als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Viele Fixer, erläutert Kriminalrat Krumb, »setzen noch Medikamente drauf; die kumulative Wirkung führt dann zum Breakdown«.

Den jungen Senegalesen, die nach Frankfurt geschickt werden, sind die tödlichen Folgen ihres Treibens zunächst oft nicht bewußt. Die Afrikaner mit den Sippennamen »Diop« oder »Mboup« und den Vornamen »Papa« oder »Mama« kommen mit Touristenvisa, die drei Monate gelten, in Frankfurt an. Vorher sind sie meist, stellte der Frankfurter Rechtsanwalt Manfred Hans bei seinen Mandanten fest, »noch nie mit Heroin in Berührung gekommen«.

Daß die Straßenkuriere im Gegensatz zu anderen Dealern, die mit dem grammweisen Verkauf ihre eigene Sucht finanzieren, clean sind, erschwert die Arbeit der Drogenfahnder. Während festgenommene Kleinhändler, im Knast auf Entzug, meist Details über ihre Lieferanten auspacken, sind die erwischten Farbigen, so Krumb, »absolut zu wie Analphabeten«. So könne nur selten der Vertriebsweg ermittelt werden.

Den Fahndern erschließen sich nur vage Spuren über Hintermänner. Größere Portionen, bis zu hundert Gramm, haben Beamte der Rauschgift-Fahndungsgruppe »Argos« hin und wieder in Prostituierten-Wohnungen aufgestöbert, in denen sich einige Senegalesen eingenistet haben. Ausgebootete deutsche Loddel griffen schon einmal zu Baseballschlägern, mit denen sie die Eindringlinge aus dem Frankfurter Revier jagen wollten.

Dirnen sind es auch, dafür haben die Fahnder Anhaltspunkte, die für ihre farbigen Freunde Stoff aus Amsterdam über die Grenze nach Frankfurt schmuggeln. Doch nur wenige der Senegalesen genießen solche Privilegien. Das Gros verrichtet täglich Straßenarbeit, im Teamwork und mit viel Raffinesse.

Am Ablauf eines einzigen Deals sind nach Erkenntnissen der Kripo gleich mehrere Schwarzafrikaner beteiligt: Einer bahnt das Geschäft an, einer verhandelt, zwei decken ab, und ein weiterer lotst den Kunden zum Übergabeort, meist in ein Cafe oder eine Einkaufspassage. Außer Bargeld nehmen die Westafrikaner auch Diebesgut der Fixer wie Autoradios oder Armbanduhren.

Bei der Übergabe sind die Drogenkuriere besonders vorsichtig. Das »Pack« ist weniger als ein Gramm Heroin, gefüllt in den vorderen Teil eines Präservativs, Wert: rund hundert Mark. Die Dealer verstauen die heiße Ware bis zuletzt im Mund; taucht die Polizei auf, schlucken sie das Päckchen runter.

»Dann stehen die Beamten mit leeren Händen da«, so Rauschgiftfahnder Krumb. Sind die Beamten abgezogen, »würgen die gut drauf trainierten Burschen das Pack wieder hoch«. Der Stoff wird erneut feilgeboten.

Zwar will die Frankfurter Polizei die Drogenszene im »Kaisersack« jetzt mit Sondereinsätzen »zerschlagen«. Allein in den letzten zwei Wochen nahmen die Beamten 13 Senegalesen fest, bewirkten aber nur, daß sich die farbigen Dealer häufiger in die Nebenstraßen zurückzogen. Mit aufs Präsidium müssen alle Verdächtigen, bei denen die Rauschgiftkontrolleure während einer Razzia Schluckbewegungen beobachten. Doch auch dann gelingt es der Kripo meist nicht, das Corpus delicti sicherzustellen.

Ärzte weigern sich einerseits, den Verdächtigen den Magen auszupumpen, weil das Gummihäutchen um den hochgiftigen Stoff dabei platzen könnte. Ein Röntgenbild des Magendarmtraktes hält die Staatsanwaltschaft andererseits bei der geringen Heroinmenge für »unverhältnismäßig«. Und Krumb will seinen Beamten nicht ständig zumuten, daß sie beim Abführen »danebensitzen und warten, bis was rauskommt«.

Nur selten sind die Senegalesen so ungeschickt wie ein 31jähriger Landsmann, der sich selbst matt setzte. Bei einer Razzia riß der Farbige den mitgeführten Hundert-Gramm-Heroinbeutel auf und verstreute das Pulver. Ein Teil des Stoffs blieb ihm im Gesicht haften, er inhalierte ihn. Der Delinquent, so protokollierten die Fahnder, »begann infolge der erheblichen Rauschwirkung zu taumeln«.

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