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»Abtreibungen werden zunehmen«

SPIEGEL-Interview mit dem Ex-Weltbank-Präsidenten Robert S. McNamara über die Bevölkerungsexplosion *
aus DER SPIEGEL 33/1984

SPIEGEL: Mr. McNamara, Sie haben die Weltbevölkerungskonferenz in Mexiko-Stadt eindringlich vor Selbstgefälligkeit gewarnt. Viele Delegierte werden dagegenhalten, daß die Zuwachsrate der Weltbevölkerung in den vergangenen 10 Jahren von 2,0 auf 1,7 Prozent zurückgegangen und daß damit die Zeitbombe der Bevölkerungsexplosion beinahe schon entschärft sei ...

McNAMARA: Wer so argumentiert, liegt falsch. Denn in diesen Zahlen sind auch die Werte für die entwickelten Länder enthalten - in denen keine hohen Zuwachsraten zu verzeichnen sind - und, wichtiger noch, auch die Werte für die Volksrepublik China, wo rund eine Milliarde Menschen leben.

SPIEGEL: Und wo die Zuwachsrate drastisch zurückgegangen ist.

McNAMARA: Richtig. Aber in einigen dieser Länder, zum Beispiel in Afrika südlich der Sahara mit 350 Millionen Menschen, ist überhaupt kein Rückgang zu verzeichnen. Auch in Indien, Bangladesch oder Pakistan ist dieser Rückgang äußerst minimal. Wenn die Zuwachsraten aber nicht dramatisch zurückgehen, dann wird das Ungleichgewicht zwischen Bevölkerungswachstum und dem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt für die Masse der Bevölkerung gegen Ende des Jahrhunderts so groß werden, daß es zwangsläufig zu ernsthaften politischen und gesellschaftlichen Unruhen führen muß.

SPIEGEL: Wohl auch zum Entstehen autoritärer Regime - sofern diese Länder nicht heute schon Diktaturen sind.

McNAMARA: Ja, es ist überaus wahrscheinlich, daß es gegen Ende des Jahrhunderts so aussehen wird: Entwicklung hin zu autoritären Regierungsformen; Einschränkung der persönlichen Freiheiten; staatliche Zwangsmaßnahmen - gewaltsame Sterilisation zum Beispiel - und schließlich das, was ich als brutale Familienpraktiken bezeichnen möchte: Die Familien werden auf die Zwangsmaßnahmen der Regierung brutal reagieren; es wird immer mehr Abtreibungen, besonders von weiblichen Embryos, und immer mehr Morde an weiblichen Säuglingen geben.

All das wird von jenen übersehen, die heute den Kopf in den Sand stecken und erklären, der Rückgang der Zuwachsraten, den die Welt als Ganzes in den vergangenen ein oder zwei Jahrzehnten zu verzeichnen hatte, sei Anlaß, sich zu gratulieren. Das ist nicht der Fall.

SPIEGEL: Vor zehn Jahren, auf der Weltbevölkerungskonferenz in Bukarest, haben viele Vertreter der Entwicklungsländer behauptet, Familienplanung sei nichts anderes als eine kapitalistische Machenschaft zur Unterdrückung der Dritten Welt. Und auch einige Leute im Westen argumentieren, die Bevölkerungsexplosion sei lediglich ein Schreckgespenst der reichen Industrienationen?

McNAMARA: Ich glaube nicht, daß das stimmt. Reden Sie beispielsweise mal mit Präsident Moi von Kenia über die Zuwachsraten in seinem Land. Er wird Ihnen bestätigen, daß das ein sehr ernsthaftes Problem ist.

Und das ist eigentlich typisch für die Haltung der führenden Politiker der Dritten Welt. Das mag vor zehn Jahren in Bukarest nicht so gewesen sein - aber heute sind sie durchaus bereit zuzugeben, daß sie vor einem Problem stehen. Sie wissen keine Lösung oder steuern nicht schnell genug auf eine Lösung zu, wodurch das Problem immer schlimmer wird. Und solange die Welt ihnen nicht mehr als bisher hilft, dieses Problem auf wirksame Weise anzupacken, wird die Krise meines Erachtens gegen Ende dieses Jahrhunderts da sein.

SPIEGEL: Einige Führer der Dritten Welt sind offenbar nicht so pessimistisch. Nehmen Sie Premier Mahathir von Malaysia: »Eine hohe Bevölkerungszahl allein ist noch nicht bedrohlich, solange die Leute produktiv sind.«

McNAMARA: Ich habe große Zweifel daran, daß das für Malaysia zutrifft. Auf jeden Fall gilt es nicht für die meisten Länder der Dritten Welt, nicht für Bangladesch, nicht für Pakistan, nicht für Nigeria, nicht für Ägypten, nicht für Kenia.

Der malaysische Premier hat recht, wenn er glaubt, ein Anstieg der Produktivität sei - bei Aufrechterhaltung der Stabilität im politischen und wirtschaftlichen Umfeld - der Schlüssel zur Absorption zusätzlicher Menschen. Das Problem ist nur: Wie stellt man es an, daß Produktivität und Produktion so schnell wachsen wie die Bevölkerung?

SPIEGEL: Die Reagan-Regierung scheint in gewisser Weise mit dem Premier von Malaysia übereinzustimmen. Sie hat sich den Slogan der Konferenz von 1974 zu eigen gemacht: »Entwicklung ist die beste Verhütung.«

McNAMARA: Das war in der Tat das Thema von 1974. Aber ein solcher Slogan ist einfältig. Man braucht beides, wirtschaftliche Entwicklung und ein gezieltes, scharf umrissenes Programm der Familienplanung. Nur diese Kombination führt zu einem schnellen Rückgang des Bevölkerungswachstums. Und der liegt schließlich in jedermanns Interesse.

SPIEGEL: Aus den US-Richtlinien für Mexiko läßt sich eine etwas andere Philosophie herauslesen: daß nämlich Übervölkerung und Armut nicht so sehr auf ein Versagen der Familienplanung zurückzuführen sind, als vielmehr auf politische Fehlgriffe der Regierungen wie Preiskontrollen, wodurch die wirtschaftliche Entwicklung behindert wird.

McNAMARA: Diese Arbeitspapiere sind in doppelter Hinsicht sehr unglücklich. Seit 1974 verbietet ein amerikanisches Gesetz jeglichen Einsatz von Bundesmitteln zur Förderung der Abtreibung in den Entwicklungsländern. Die Regierung jedoch hat beschlossen, noch weit über das Gesetz hinauszugehen. Sie will auch verbieten, daß nichtstaatliche Organisationen Bundesmittel erhalten, die - mit Hilfe anderer Fonds - direkt oder indirekt die Abtreibung fördern. Das würde die Arbeit einiger sehr wichtiger Organisationen ernsthaft gefährden. Deshalb lehne ich diese Entscheidung nachdrücklich ab.

Zum zweiten sind die Anweisungen ungeschickt, weil sie die allgemeinen Bemühungen um einen Rückgang des Bevölkerungswachstums schwächen. Ich garantiere Ihnen: Wenn nicht wirksamere

Maßnahmen zur Verringerung des Bevölkerungszuwachses ergriffen werden, dann wird die Zahl der Abtreibungen bis zum Ende des Jahrhunderts sehr erheblich steigen. Das ist genau, was die Reagan-Regierung verhindern will. Aber mit ihren Anweisungen, mit ihrer Politik führt sie sie geradezu herbei.

SPIEGEL: Sind diese Arbeitspapiere durch die US-Wahlen im November beeinflußt, bei der das Thema Abtreibung sehr wohl eine Rolle spielen wird?

McNAMARA: O ja. Ich glaube zwar nicht, daß es ein wichtiges Thema werden wird, aber in bestimmten Teilen der amerikanischen Bevölkerung kann es eine Rolle spielen, vor allem bei der äußersten Rechten.

SPIEGEL: Sind die Menschen in der Dritten Welt eigentlich deswegen arm, weil sie so viele Kinder haben? Oder haben sie so viele Kinder, weil sie so arm sind und in den Kindern eine Art Ersatz für das fehlende soziale Netz sehen?

McNAMARA: Weil es kein soziales Netz gibt, also keine Pension im Alter, keine Arbeitslosenversicherung, keine Wohlfahrtsleistungen, mögen einige Familien sehr wohl glauben, daß Kinder eine Art Versicherungsschutz darstellen.

Aber ich kenne viele Studien, die belegen, daß sogar für arme Familien zusätzliche Kinder mit erheblichen wirtschaftlichen Kosten verbunden sind. Insgesamt scheinen diese wirtschaftlichen Kosten die wirtschaftlichen Vorteile zu überwiegen. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß mehr Kinder ein soziales Sicherheitsnetz gewährleisten - auch wenn manche Eltern das glauben.

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