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WOHNHEIME Acht Mark pro Nacht und Nase

aus DER SPIEGEL 23/1959

Mit begreiflichem Interesse erwartet die Zunft jener Wirte, die ihre Etablissements an Damen des allerleichtesten Schlages vermieten und aus solchen Einkünften ihren Lebensunterhalt bestreiten, ein Urteil des Bayrischen Obersten Landesgerichts in München.

Der zweite Strafsenat dieses hohen Gerichts wird sich nämlich mit der Frage zu befassen haben, wieviel Miete der Eigentümer eines Dirnenwohnheims kassieren darf, ohne den Tatbestand der Kuppelei* zu erfüllen. Dem Senat ist das Thema durchaus vertraut, denn ihm oblag bereits vor Jahresfrist, es zu prüfen. Als Angeklagte fungierten damals derselbe Georg Klebes aus Nürnberg nebst Ehefrau Gunda, deren Kuppelei-Akten, mittlerweile um einiges angeschwollen, jetzt wieder den Oberstlandesgerichtsräten zum Studium vorgelegt wurden.

Die einheimischen Nürnberger Gerichte hatten sich des Klebes und seines Falles mit erstaunlicher Gründlichkeit angenommen. Sie scheuten selbst umfangreiche und schwierige arithmetische Berechnungen nicht, als es galt, das Verhalten der Eheleute Klebes richtig zu bewerten.

Die fünfte Große Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth füllte zum Beispiel mehrere Urteilsseiten mit Kolonnen von Posten, die zu addieren waren. Rund 20 weitere Seiten wurden für Rentabilitätsberechnungen beansprucht, wie sie kein Steuerberater erschöpfender verfertigen könnte. Das mathematische Ergebnis: Georg und Gunda Klebes haben gekuppelt.

Das war am 17. September 1958. Zwei Jahre zuvor, am 11. September 1956, hatte die vierte

Große Strafkammer des gleichen Gerichts das Ehepaar nicht für schuldig befunden und damit die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen ein freisprechendes Urteil des lokalen Amtsgerichts verworfen. Entschied die Kammer: Wohl sei der Kuppelei-Tatbestand in objektiver Hinsicht erfüllt worden, die Angeklagten hätten jedoch geglaubt, daß ihr Tun erlaubt sei, weshalb sie aus subjektiven Gründen freizusprechen seien.

Dieses Tun der Eheleute Klebes fand und findet statt im Gebäude Frauentormauer 98 zu Nürnberg. Die beiden, ursprünglich im Gastwirtsgewerbe aktiv, hatten im Laufe der Jahre über 30 000 Mark zurückgelegt und beschlossen, ihre Ersparnisse nutzbringend anzulegen. Zu diesem Zweck erwarben sie das bombenverwüstete Grundstück Frauentormauer 98 und errichteten ein schmuckes Dirnenwohnheim.

Klebes hielt sein Projekt keineswegs geheim. Er unterrichtete die zuständigen Behörden: Die Baupolizei genehmigte, das Gesundheitsamt bezeichnete die Errichtung des Hauses wegen der Kontrollmöglichkeiten sogar als wünschenswert, und die Anmeldung beim Gewerbeamt schließlich führte dazu, daß Klebes Gewerbesteuer zahlen mußte.

Meinungsumfragen bei den präsumtiven Mieterinnen hatten nicht nur dazu beigetragen, die Eheleute Klebes in ihrem Vorhaben zu bestärken, sondern auch ein erfreuliches Ergebnis gezeitigt: Die Dirnen waren bereit, pro Zimmer und Tag acht Mark zu zahlen. In dieser Preislage, fand Georg Klebes heraus, bewegten sich auch die Räumlichkeiten anderer Dirnenwohnheime, an denen in der Frauentormauer kein Mangel ist.

Klebes beauftragte einen Architekten, die Zimmer etwa zehn Quadratmeter groß zu halten; später stellten die Gerichte fest, die Räume seien von ihm komplett eingerichtet worden - »jedoch kein Teppich« -; die Wände waren schalldicht, es fehlte weder Warmwasseranschluß für jedwede Mieterin noch ein gemeinsames Badezimmer. Solcher Komfort macht es verständlich, daß des Klebes Kemenaten fast stets belegt waren; Mietausfälle gab es kaum zu beklagen.

Die 240 Mark Monatsmiete pro Dame von Gunda Klebes allmorgendlich achtmarkweise eingetrieben - schlugen sich in den Einkommensteuer-Erklärungen der Hausbesitzer Klebes fruchtbar nieder: Nach eigenen Angaben verdienten Georg und Gunda Klebes abzüglich sämtlicher Steuern monatlich 800 Mark, ein Umstand, den die Staatsanwaltschaft mißbilligte. 1956, zwei Jahre nach dem erfolgreichen Start, wurde gegen das Ehepaar Anklage wegen eines Vergehens der gemeinschaftlich begangenen Kuppelei erhoben.

Nach dem glatten Freispruch des Amtsgerichts entschied die vierte Große Strafkammer des Landgerichts - bei dem die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte - ebenso, doch gab das Bayrische ObersteLandesgericht der prompt nachfolgenden staatsanwaltschaftlichen Revision statt; es hob das Urteil auf und verwies die Sache zur neuerlichen Verhandlung und Entscheidung ans Landgericht zurück. Dort geriet nun die Akte an eine andere Kammer, die fünfte, und deren Ansichten über Kuppelei bereiten dem Ehepaar Klebes einige Sorgen.

Nach umständlichen Kosten- und Rentabilitätsberechnungen legte diese Kammer dar, daß pro Zimmer und Tag eine Miete in Höhe von sechs Mark »zulässig und angemessen« sei. Darin inbegriffen sind auch von der Kammer bewilligte Zuschläge für Unbequemlichkeit und für Bereitstellung von Inventar, nicht aber beispielsweise Unkosten wie »Bürolasten«. Klebes hatte nämlich erklärt, er benötige ein Zimmer seiner Wohnung, um dort die Buchführung des Freudenhauses zu bewältigen.

Die Kammer meinte ferner, ins Dirnenwohnheim könne Klebes zu Fuß gehen und strich ihm »Kraftfahrzeugkosten«. Als ebenso überflüssig erachtete das Gericht den Brauch des Klebes, die Rechtsanwaltkosten des anhängigen Strafverfahrens unter den »Sonderausgaben« zu verbuchen, die er auf seine Mieterinnen abzuwälzen beliebte.

Damit nicht genug-die Kammer machte dem Klebes noch eine zweite Berechnung auf, mit den ortsüblichen Mieten »für ein kleines, bescheiden eingerichtetes, in unschöner Lage befindliches möbliertes Zimmer« als Grundlage. Mit Heizungskosten und einem Unbequemlichkeitszuschlag von 50 Prozent »käme bei dieser groben Überschlagsrechnung ein monatlicher Mietzins von 180 Mark für ein ähnlich eingerichtetes Dirnenzimmer in Frage«, just derselbe Betrag, den die Kosten- und Rentabilitätsberechnungen mit sechs Mark täglich ergeben hatten.

Abgesehen von diesen arithmetischen Übungen konstatierte das Gericht - im Gegensatz zu allen Vorrichtern -, der Tatbestand ausbeuterischer Kuppelei sei auch in subjektiver Hinsicht erfüllt worden: Klebes und seine Frau verdienten zur Zeit mindestens ebensoviel, wie sie früher, als Gastwirte, »bei schwer und lang andauernder Arbeit« herausbekommen hätten, jetzt aber »ohne wesentliche Arbeitsbelastung«. Das »mußte ihnen auffallen und fiel ihnen auch auf ...«

Schloß die Kammer: »Auch dann, wenn die Konkurrenten der Angeklagten dieselben oder vielleicht auch höhere Mietpreise verlangten, waren die Angeklagten verpflichtet, sich zu überzeugen, ob der von ihnen eingenommene, offensichtlich unangemessene Verdienst tatsächlich zu verantworten war. Dies taten sie nicht, sie unterließen jede Anspannung ihres Gewissens, sondern begrüßten die erfreuliche Geldquelle und nützten sie nach Kräften aus.«

Gegen dies grundsätzliche Urteil hat nun der Klebes-Anwalt beim Obersten Landesgericht Revision eingelegt, obwohl das Nürnberger Gericht nur eine relativ geringe Strafe - 450 Mark je Klebes-Kopf ausgesprochen hatte, weil andernfalls »die Existenz der Angeklagten ernstlich gefährdet, wahrscheinlich vernichtet worden wäre«.

Das Ehepaar Klebes betrachtet jedoch schon die Reduzierung der Tages-Miete von acht auf sechs Mark als eine unverdiente Existenzschmälerung und will deshalb von den obersten bayrischen Richtern noch einmal nachrechnen lassen, bei welchem Betrag je Tag und Dame die Grenze zwischen Recht und Unrecht liegt.

* § 180 StGB: Wer gewohnheitsmäßig oder aus Eigennutz ... durch Gewährung oder Verschaffung von Gelegenheit der Unzucht Vorschub leistet, wird wegen Kuppelei mit Gefängnis nicht unter einem Monate bestraft; ... Als Kuppelei gilt insbesondere die Unterhaltung eines Bordells oder eines bordellartigen Betriebes ... Wer einer Person, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat, Wohnung gewährt, wird ... nur dann bestraft, wenn damit ein Ausbeuten der Person ... verbunden ist.

Mädchen-Absteige Frauentormauer 98: Zwei Mark zuviel

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