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JULI 1999 Adieu, du Lust am Rhein

Seit dem Umzug der Politik vom Rhein an die Spree gibt es im wiedervereinten Deutschland nicht nur Ostalgie, sondern auch Westalgie. Wo zum Beispiel finden die Abgeordneten in der sterilen Berliner Neubaupracht eine Kneipe wie die »Rheinlust«, wo bei Korn und Bier parlamentarische Kompromisse ausgehandelt wurden? Wer, wenn nicht die flotte Ria vom »Maternus«, singt weinseligen Volksvertretern das Lied vom aufgegangenen Mond? Bonn mit seinen Kungelnischen war so heimelig und vertraut, Berlin dagegen bedeutet für viele Schulden, Abenteuer und gesellschaftliche Fallstricke.
Von Erich Böhme
aus SPIEGEL Chronik 54/1999

Kehraus in Bonn

Ein sarkastisch-nostalgischer Rückblick auf deutsche Politik in Zeiten rheinischer Gemütlichkeit / Von Talkmaster und Ex-Spiegel-Chef ERICH BÖHME

Ein hochsommerwarmer Samstagnachmittag vor dem Bahnhof Zoo in Berlin. Der dösende Taxifahrer wird aufgeschreckt von einem Ehepaar nebst Tochter aus Bonn, unglücklichen Übersiedlern aus der rheinischen Tiefebene. In der Hand eine Checkliste möglicher Wohnobjekte am neuen Dienstsitz des beamteten Familienvaters. Der wegen des lukrativen Transportauftrags glückliche Taxifahrer
macht sich samt Fahrgästen auf nach Niederschönhausen, Friedrich-Engels-Straße.

»Nein, dat jeht nicht, der war doch Kommunist.«

Nächste Station Majakowskiring. Der Taxler ist vorlaut und lobt die Umgebung: »Hier wohnt auch der Egon Krenz.« Abgelehnt. Karlshorst? »Da wohnten doch die Russen.« In Kreuzberg räumen gerade vier fleißige Türken die Gemüsetheke ab. »Nein, hier doch nicht.«

Letzte Station Grunewald, eine ansehnliche Immobilie im halbwegs Grünen. Einhelliges Urteil der Fahrgäste: »Hinter einen Staketenzaun ziehn wir nicht, das sind wir nicht gewohnt.«

Die Beamten-Kleinfamilie tritt den Rückzug zum Bahnhof Zoo an. Gerhard Schröder, der höchste Arbeitgeber, hat wieder eine Runde verloren.

Das heimelige Bonn - ohne Kommunistenadressen, Türken und Staketenzäune - hat sie wieder. Vater wird pendeln mit dem Beamtenbomber zwischen alter und neuer Hauptstadt. Mutter wird vorläufig im idyllischen Familienheim eines der Sesselfurzer-Vororte des entmachteten Bonn zwischen
Thujahecke und Rosenbeet den elektrischen Rasenmäher bewegen.

Eine Beschäftigung, der sie seit Jahren nachgegangen ist mit spähendem Blick aufs Nachbargrundstück und darauf bedacht, dem Familienvorstand am Abendbrottisch zu melden, ob der Ministerkollege von nebenan etwa ein Areal für die Zweitgarage oder den Swimmingpool hat abstecken lassen.

So war schließlich über 50 Jahre der exakt nach Besoldungsgruppen parzellierte Siedlungsring um Bonn zwischen Voreifel, Kölner Bucht und Siebengebirge gewuchert. Finanziert vom »Bund«, dem Beamtenheimstättenwerk und der benachbarten Spar- und Darlehnskasse. Kein Wunder, dass es da außer ein paar Jungen, die ihr Abenteuer in der neuen Metropole suchen, niemanden nach Berlin zieht.

Und es ist nicht nur die Idylle, der berechenbare Nachhauseweg und die gemeinsame Erdbeerbowle mit den Nachbarn, die so sesshaft gemacht hat. Das Vertrauen ins tausendjährige Bonn hat schließlich auch die Hypothekenlast für Aus-, Um- und Weiterbau des einst bescheidenen Reihenhauses
so ins Unermessliche steigen lassen, dass der Wiederverkaufswert der rheinischen Immobilie nach dem verhängnisvollen knappen Bundestagsbeschluss unter den Buchwert gesunken ist. Bonn bedeutet Umgang mit dem Lieben und Teuren, Berlin Schulden, Abenteuer und Versuchung. Und wer will das schon, wenn er irgendwo in der Besoldungsgruppe B nistet.

Die Bundestagsabgeordneten, Minister gar, hat es dagegen bis auf wenige sowieso nie nach Bonn gezogen. Flughafen und Hauptbahnhof waren in den sechziger, siebziger, achtziger und neunziger Jahren an Montagen und Freitagen überflutet von an- und abreisenden Parlamentariern. Von Freitagmittag an leerte sich der Plenarsaal rapide, der Mittags-IC Richtung Bayern füllte sich. Daran hatte man sich in 50 Bonner Jahren gewöhnt.

Warum auch in der hohen Luftfeuchtigkeit des Rheintals verharren, wenn selbst die Mehrzahl der Bonner Kanzler regelmäßig das Weite suchte. Schon der Rhöndorfer Konrad Adenauer, auf dessen Insistieren Bonn mit knapper Mehrheit zur »provisorischen Bundeshauptstadt« bis »zur Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit« proklamiert worden war, suchte allabendlich sein Adlernest im Siebengebirge auf. Natürlich fuhr er nicht heim, ohne dem Fahrer Wilhelm Klockner den Auftrag gegeben zu haben, den leeren Wasserkanister einzupacken, aus dem er sich tagsüber versorgte.

Siebengebirgswasser ist schließlich besser als Bonner Wasser.

Den Tag über verbrachte er auf den knarrenden Dielen des Palais Schaumburg, einem Phantasieschlösschen am Rheinufer, das vor 140 Jahren der Deutschamerikaner William Loeschigk errichtete und Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe um die Jahrhundertwende umbauen ließ: für den staatlichen Prunk und große Feste ungeeignet.

Als der amerikanische Präsident John F. Kennedy zu Besuch kam und ihm die Nachricht vorausgeeilt war, der hohe Herr pflege mittags ein heißes Bad zu nehmen, war die gesamte Belegschaft des Kanzleramtes unter Anführung des Staatssekretärs Hans Globke auf Achse: Gemeinsam bemühten sie sich, das Wasser in einer alten Badewanne mit Tauchsiedern zu erhitzen.

Der Kurzzeit-Nachfolger Ludwig Erhard, über Jahre vom ersehnten Kanzleramt von Adenauer fern gehalten, jieperte dagegen so nach einem Amtssitz, dass er noch zu Amtszeiten Adenauers nächtens mit seinem Architekten Sep Ruf über den Zaun des Palais Schaumburg kletterte, um für die Zeit der eigenen Kanzlerschaft ein angemessenes Areal für einen Bungalow
abzustecken. Das Ding wurde schließlich gebaut und erwies sich nach dem Erhard-Intermezzo für seine Nachfolger als zu eng und zu kleinbürgerlich. Allein er wohnte dort gern und hielt unter einem scheußlichen Bild, der »Schmied des Vulkan«, Hof.

Nachfolger Kurt Georg Kiesinger, der dank seiner Körpergröße schon gar nicht in Erhards Swimmingpool gepasst hätte, verzog sich an den Wochenenden ins Schwäbische, Willy Brandt wohnte auf dem Bonner Venusberg, Helmut Schmidt floh nach Hamburg und Helmut Kohl ins heimische Oggersheim.

Franz Josef Strauß verfügte über eine abscheuliche Parterrewohnung nahe dem Bundeshaus, in die er von Zeit zu Zeit Besucher, so auch Rudolf Augstein, zu einem erkalteten Brathendl aufs Sofa nötigte. Im Übrigen war er eher in seiner Cessna auf dem Heimweg nach München zu Hause als in Bonn. Parteifreund Zimmermann erwarb sich den Ehrentitel Di-Mi-Do-Minister, weil er nur dienstags, mittwochs und donnerstags in seinem Innenministerium anzutreffen war.

Zu so genannten gesellschaftlichen Ereignissen klammerten sich die hauptstädtischen Ministerialen und ihr Presse-Queue an zwei Daten im Jahr, die ihnen das Flair einer Metropole vorgaukelten - den Presseball im Winter und das Kanzlerfest im Sommer. Das eine strahlte in der Beethovenhalle, später im Ballsaal des Hotels Maritim den Charme eines mittelständischen Betriebsfestes aus, zu dem das selbst genähte Cocktailkleid aus dem Schrank musste. Beim anderen, einer Freiluftveranstaltung, wenn's nicht wie in Bonn üblich gerade regnete, dominierte der fettreiche Duft bis zur Unkenntlichkeit gegrillter Würste.

Wirklich gesellschaftliches Leben blieb aus Bonn verbannt, fand in Otto Wolff von Amerongens Villa in Köln-Marienburg statt oder bei den großherzigen und spendablen Henkels in Düsseldorf.

Dort lernten die Ministerialen Essen und Trinken, ehe sie wieder zu Bonner Reibekuchen und rheinischem Sauerbraten zurückfuhren.

Was also band das politische Establishment an Bonn, was macht ihren Abschied so tränenreich? Gerade die beamtenhafte, kleinbürgerliche Enge, der Underdog-Stallgeruch der kleinen Residenzstadt, an den man sich so gewöhnt hat, lässt einen das Schlimmste in der urbanen neuen Hauptstadt mit ihren vielen gesellschaftlichen Fallstricken befürchten.

Wo soll es in Berlin ein Bierbeisel geben, wie die »Rheinlust«, wo sich in den sechziger und siebziger Jahren das Fußvolk des Deutschen Bundestags samt seinen Oberen zu unendlich viel Pils und Korn traf?

Wo mag es in Berlin jene überparteiliche Pissrinne geben, wie die in
der »Rheinlust«, an der man sich traf, um parteiübergreifende Kompromisse auszuhandeln, als von Blockaden noch nicht die Rede war? Und es gab damals innerhalb der parlamentarischen Bannmeile nur diese eine und nicht hunderte wie in Berlin.

Der damalige Bonner SPIEGEL-Redakteur Erich Böhme erinnert sich noch heute mit einem wohligen Wir-Gefühl daran, wie ihm und seinem Kollegen Helmut Gassmann in ebenjener Kultkneipe zu bierseliger Mitternachtsstunde der FDP-Finanzminister Rolf Dahlgrün in Hemdsärmeln zum SPIEGEL-Gespräch zur Verfügung stand.

Die »Rheinlust« war auch der Ort, wo wir exemplarisch zur Kenntnis nahmen, wie sehr der damalige CSU-Innenminister Hermann Höcherl geknickt war, als er strafhalber vom Innen- zum Landwirtschaftsminister degradiert wurde.

Höcherl hatte nach der SPIEGEL-Affäre und einem Abhörskandal das geflügelte Wort fallen lassen, man könne nicht immer »mit dem Grundgesetz unter dem Arm« herumlaufen. Aus dem einen ins andere Amt eskamotiert, erschien der Ex-Innen- und künftige Landwirtschaftsminister in der »Rheinlust« mit einem Packen Akten unterm Arm, deren Aufarbeitung er im alten Amt verweigert hatte. Als die grüne Ministertinte trocken und der Amtsträger ausreichend angefeuchtet war, brachten wir Journalisten ihn vor seine elende Junggesellenbehausung und lehnten ihn gegen die Tür, bis er seinen Schlüssel ins Loch bugsiert, umgedreht und sich mit einem Sturz kopfüber in häusliche Sicherheit gebracht hatte.

In der »Rheinlust« begegnete uns Jahre später auch der Oppositionsabgeordnete Höcherl nach dem missglückten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, ein Auge komplizenhaft zugekniffen. Der Verlierer Rainer Barzel wurde übrigens nie in diesem Kult-Tempel gesichtet.

Als die »Rheinlust« schließen musste - dort steht jetzt das »Haus der Geschichte« -, verzogen sich die »Kanalarbeiter«, der Arbeiter- und Gewerkschaftsflügel der SPD, in den nahe gelegenen »Kessenicher Hof« und übten dort unter Anführung ihres Egon Franke die Bundestagsabstimmungen für den nächsten Tag.

Franke zeichnete seine Mannen dort mit der Vorführung der niedersächsischen »Lüttjen Lage« aus, dem kunstvollen Trinken eines Glases Pils und eines Korn so, dass Korn und Pils zusammen im Mund ankommen. Andere retirierten in den »Hoppegarten«, später in die »Provinz«. Dort übten die Grünen den Parlamentarismus und lernten ihre Bräute kennen. Die Freidemokraten verzogen sich in einen
Edelitaliener auf der Cecilienhöhe. Und bei einem Italiener in der Bonner Innenstadt instruierte Hanns Martin Schleyer, der damalige BDI-Präsident, den Oppositionsführer Helmut Kohl bei Spaghetti Carbonara, wie man Kanzler wird.

Nicht zu vergessen das Bad Godesberger »Weinhaus Maternus« der alterslosen Ria Alzen, einer rheinischen Frohnatur, die bisweilen inmitten ihres plüschigen Interieurs auf dem Tisch tanzte. Ansonsten aber war sie die adrette Wirtin, die zwischen spendiertem Champagner und säuerlichen Möselchen den seriösen Rahmen abgab für Staatsgäste inklusive amerikanischer Präsidenten, die von ihren deutschen Gastgebern mit der rheinisch-fröhlich-harmlosen Art der Deutschen vertraut gemacht wurden.

Es war nicht der Strahlkranz elitärer Gourmet-Sterne, Auszeichnungen, deren Ria zu Recht nie teilhaftig wurde, sondern die rheinische Bonhomme-Atmosphäre, die einen fränkischen Ludwig Erhard und den Berliner Willy Brandt mit Ehefrau Rut bis zum Night-Cup festhielt. Dazu gesellte sich das standhafte Bonner Lobbyisten-Corps, das sich oft bis zum Morgengrauen in den verwinkelten Nischen oder im Hinterhofgärtchen der Ria Maternus klumpte.

Das Hinterhöfchen erlebte zu oft eine Ria »Maternus« Alzen, die »Der Mond ist aufgegangen« schmetterte, und einen Lothar Rühl, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, der sich, ins erste Büchsenlicht blinzelnd, lauthals beschwerte: »Der Morgenstern, das Schwein, ist auch schon da.«

Das alles schliff sich schon etwas ab in den Hoch-Zeiten des Kanzlers Kohl. Er empfing amerikanische Präsidenten und russische Zaren im heimischen Bungalow in Oggersheim. Man wurde staatstragender, aber es blieb doch trotz Edelitaliener und Cuisine Française dieser Hauch von daheim, der den Staatsträgern heute immer noch in den Klamotten hängt und mit dem sie in der Berliner Neubaupracht angelangt sind.

Wo im umtriebigen, neu-mondänen Berlin eine »Rheinlust« finden, eine Ria Maternus? Wo jene Wärmenester und Kungelnischen zwischen der neuen protzigen Reichskanzlei des Gerhard Schröder und den Sky-Scrapern von Daimler-Benz und Sony, zwischen dem aufrührerischen Prenzlauer Berg und dem Klein-Istanbul Kreuzbergs? Wo fände sich im neuen Hochsicherheitstrakt des Berliner Regierungsviertels ein Kanzleramtstor, an dem ein Hinterbänkler namens Gerhard Schröder rütteln könnte mit dem Ruf: »Ich will hier rein«?

Nicht nur die Ossis, sondern auch die Staats-Wessis tragen an ihrer Nostalgie.

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