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GRUNDIG Adler für Amerika

aus DER SPIEGEL 45/1968

Unter dem blauen Wandteppich in seiner Fürther Chefsuite vernahm der Grollindustrielle Max Grundig im August die verlockende Offerte aus Amerika: »Wir wollen zehn Jahre lang bei Ihnen jährlich 50 000 elektrische Schreibmaschinen kaufen.«

Der untersetzte Franke rechnete: »Das ist ein Auftrag über 600 Millionen« und verblüffte seinen hochaufgeschossenen Besucher Harry J. Gray, Vizepräsident des US-Trusts Litton Industries in Beverly Hills, mit einem Gegenangebot: »Kaufen Sie lieber die ganze Firma. Das ist billiger.«

Manager Gray erkannte seine Chance, denn Litton hatte bisher mit den eigenen Elektro-Typewritern »Imperial« und »Royal« wenig Erfolg. Kurz entschlossen machten Littons Bosse mit Grundig den Vertrag perfekt: Sie kauften sein Schreibmaschinen-Unternehmen Triumph Werke Nürnberg AG und die Triumph-Tochterfirma Adlerwerke vorm. Heinrich Kleyer AG in Frankfurt. Vom 10. Januar 1969 an müssen Grundigs 8200 Schreibmaschinisten auf amerikanische Kommandos hören.

Max Grundig verteidigt sich gegen den Vorwurf, den Ausverkauf der deutschen Industrie an die Amerikaner weiter zu forcieren: »Niemand kann mir das verbieten. Ich will mich aus einer Branche zurückziehen, die mir immer fremd war.« Der Fürther Selfmademan, Sohn eines Lagerverwalters und Inhaber von 17 Fabriken im In- und Ausland, will sich wieder auf sein Stammgeschäft mit Rundfunk- und Fernseh-Geräten konzentrieren, das ihm 1967 mehr als eine dreiviertel Milliarde Umsatz brachte.

Nur einmal hatte sich der Radiofabrikant in branchenfremdes Neuland vorgewagt. »Weil der Preis so niedrig war« (Grundig), erwarb er 1957 von der Dresdner Bank die Mehrheit an den Nürnberger Triumph- und den Frankfurter Adler-Werken. Beide waren schwer angeschlagen und konnten ihren Aktionären keinen Pfennig Dividende zahlen.

Die Adlerwerke AG. vor dem Kriege renommierte Autofabrikantin, halten die traditionelle Produktion aufgegeben und sich auf die Fertigung von Fahr- und Motorrädern sowie Schreibmaschinen beschränkt. Nach dem gleichen Programm arbeitete auch Triumph. Als Mitte der 50er Jahre die Deutschen vom Fahrrad auf Automobile umstiegen, trieben beide Unternehmen auf den Konkurs zu. Grundig kaufte sie für weniger als 20 Millionen Mark.

Der neue Herr von Adler und Triumph strich die Zweiräder vom Programm und putschte die Schreibmaschinen-Fertigung auf mehr als 500 000 Stück pro Jahr, den Umsatz auf 225 Millionen Mark hoch. Das meistverkaufte Modell trug den Namen seiner Enkelin Gabriele. Deren Vater Wilhelm Scheuer, Vorstand beider Unternehmen, überwies seinem Schwiegervater Grundig 1967 von Adler zwölf und von Triumph 20 Prozent Dividende.

Obwohl die Kasse stimmte, bereiteten die fleißigen Schreibmaschinen-Töchter ihrem Konzernherrn Unbehagen. Grundig: »Von einer Schreibmaschinen-Firma wird zwangsläufig auch die Herstellung von Computern erwartet. Das kostet aber mehr als 100 Millionen Mark Investitionen.«

Sein dickes Finanzpolster -- Grundig verfügt über 150 Millionen Mark flüssige Mittel -- mochte der Fabrikant jedoch nicht in einer Branche riskieren, in der er sich mit Giganten vom Schlage der IBM hätte auseinandersetzen müssen. Daher sah er sich nach einem computerkundigen Partner für Triumph und Adler um.

Kontaktgespräche mit dem Frankfurter AEG-Konzern aber blieben ohne Ergebnis. Der AEG-Vorstand zauderte und legte die Fürther Offerte nicht einmal seinem Aufsichtsrat vor. Littons Vizepräsident Gray war schneller zu überzeugen, er fing Adler und hatte den Triumph.

Der Litton-Trust (Elektronik, Schreibmaschinen, Schiffe. Restaurants) beschäftigt in 34 Ländern 106 000 Mitarbeiter. Seine 10 000 Produkte, darunter das Navigationsgerät für die Bundeswehr-Starfighter, bringen einen Jahresumsatz von über sieben Milliarden Mark. Allein 1968 sammeln sich 280 Millionen Mark Gewinn in der Kasse der Litton Industries Incorporated, die Grundigs Preisforderung verkraften kann: 240 Millionen Mark.

Max Grundig glaubt heute, daß die Amerikaner für Triumph und Adler noch mehr gezahlt hätten. Als der Verkaufsvertrag in Beverly Hills signiert war, gestand Vizepräsident Gray: »Der Aufbau einer eigenen Produktion in Deutschland mit eigenem Vertriebsnetz hätte uns doppelt soviel gekostet.« Grundig seufzte: »Wenn ich das vorher gewußt hätte.«

Die Dollar aus Amerika will der Fürther Magnat umgehend wieder ausgeben. In Nürnberg soll Europas größte Fabrik für Farbfernseher mit einer Jahreskapazität von 400 000 Geräten entstehen. Den französischen Markt geht er mit einem weiteren Farb-TV-Werk im Elsaß an.

Erst wenn 1970 die Fließbänder der neuen Farbwerke anlaufen, so glaubt Max Grundig, 60, sei sein Haus gut bestellt. Der Konsul von Mexiko, Gutsherr von Hohenburg in Bayern und Besitzer eines zweistrahligen Jets vom Typ Hawker Siddeley 125 will seine Familienfirma in eine Familien-Aktiengesellschaft umwandeln und sich zum Generaldirektor machen.

Sein bester Freund soll ihn dann kontrollieren: Aufsichtsratsvorsitzender der Grundig AG wird der Kruppianer Berthold Beitz.

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