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Artikel 25 / 56

Adolf Hitler Anatomie eines Diktators

aus DER SPIEGEL 10/1964

5. und letzte Fortsetzung*

Zukunftsvisionen:

Umsetzung der Theorie in die Praxis

Noch im Kriege beschäftigten Hitler, den verhinderten Architekten, die von ihm geplanten Bauten, zum Beispiel das Nürnberger Stadion mit Platz für 400 000 Menschen, also von einem »Ausmaße, wie es die Welt noch nicht gesehen habe« (6. Juli 1942, abends). Es liegen Pläne für Nürnberg und Berlin vor, aus denen zu erkennen ist zu welchen Dimensionen sich Hitlers Phantasie - die Menschen zu Ameisen in riesigen Gehäusen machend - verstieg.

Die Triebfeder war dieselbe wie bei den Architekturmonstren, die Stalin nicht nur plante, sondern verwirklichte: Übertrumpfen der Vereinigten Staaten, die bis in das 20. Jahrhundert als »das Land der unbegrenzten Möglichkeiten« anerkannt worden waren, aber zum mindesten durch megalomane Architektur aus dieser Rolle verdrängt werden

sollten: ein Bemühen, das jedoch 1933 geschichtlich schon überholt war, weil Architekten neuen Schlages - darunter die von Hitler aus Deutschland verdrängten Gropius und Mies van der Rohe - den Amerikanern zeigten, wie auch riesige Architektur von Maß beherrscht sein, also menschlich bleiben kann.

Aus Hitlers Zuchtgedanken ergab sich die Vision, daß es eines Tages 150 bis 200 Millionen deutscher Menschen geben werde, also eine Bevölkerung, die in die Größenordnung sowohl der nordamerikanischen als der russischen hinaufragte - daß Deutschland im Wettkampf mit den durch ihre Bevölkerungszahlen riesig werdenden »Großmächten« nicht mithalten könne und zur Zwergmacht werde, war ja ein Trauma, das die Deutschen seit den Tagen Friedrich Lists beschäftigte und den »Völkischen« schon viel zu schaffen gemacht hatte.

Solche Vermehrung ließ sich allerdings nicht allein durch Förderung der Geburten bewerkstelligen. Wie man die Zahlen noch mit List und Umsicht vermehren könne, durfte Himmler in Hitlers Tafelrunde, ohne Widerspruch zu finden, ausführen: man müsse in Frankreich einen biologischen »Fischzug« unternehmen, also rassisch geeignete junge Franzosen in Internate überführen, um »sie dort von ihrer zufälligen französischen Nationalität abzulenken und sie auf ihr germanisches Blut und damit auf ihre Zugehörigkeit zum großen germanischen Volk hinzuweisen«. »Der Chef« (das heißt Hitler) meinte dazu, »er sei an sich kein besonderer Freund von allen Eindeutschungsversuchen, soweit es nicht gelinge, sie weltanschaulich zu sichern« (5. April 1942, abends).

Diese zweihundert Millionen Deutsche und solche, die zu Deutschen gemacht wurden, ließen sich - so stellte sich das Hitler vor - nicht nur züchten, sondern auch verpflanzen. Er malte sich aus, daß eines Tages 100 Millionen germanischer Menschen im Osten »angesetzt« sein würden, davon binnen zehn Jahren bereits 20 Millionen (12. Mai 1942, abends).

Völlig konsequent war in diesem Gedankenkreis der Plan, die - das Verhältnis zu Mussolini belastenden - Südtiroler nach der Krim auszusiedeln (2. Juli 1942, abends): in klimatischer und landschaftlicher Hinsicht sei die Halbinsel für die Tiroler durchaus geeignet, ja sogar besser als die bisherige Heimat. Transportmäßig gebe es keine Schwierigkeiten: »Sie brauchten ja nur einen deutschen Strom, die Donau, hinunterzufahren, dann seien sie schon da.« Es bestünden also »weder physisch noch psychisch besondere Schwierigkeiten« - das ist ein geradezu entsetzlicher Satz: hier werden in der Phantasie eines konsequenten Menschenzüchters Menschen, die mit allen Fasern ihres Herzens an ihrer Heimat hingen, wie Arbeitsbienen in einen Bereich transplantiert, in dem sie für das »große Ganze« ebenso rentabel wirken konnten wie in dem Raum, in dem ihre Vorfahren seit Urzeiten saßen, in dem sie jetzt aber »störten«.

Eine große Rolle spielten in Hitlers Zukunftsvisionen - wie hätte das bei seinem Sinn für Technik anders sein können! - die Möglichkeiten, die sich eines Tages durch die Perfektionierung der schon vorhandenen ergeben würden. Hitlers Wachtraum war eine Eisenbahnverbindung zum Donezbecken mit einer Gleisbreite von vier Metern, auf der zweigeschossige Waggons mit 200 Kilometern Stundengeschwindigkeit hin- und hersausten und ein oder zwei Zusatzgleise ermöglichten, daß auf dieser Strecke auch Normalzüge verkehren konnten (27. April 1942). Daneben wollte er Autobahnen nach Osten mit elf statt sieben Meter breiten Fahrbahnen bauen.

Vor seinem geistigen Auge entstanden auf russischem Boden neugegründete Städte mit imposanten Gouverneurspalästen, die mit der einheimischen Bauweise gar nichts zu tun haben durften, bevölkert von »Germanen«. An solche Zukunftspläne hatten sich bisher selbst die Utopien der verbohrtesten Nationalisten noch nicht herangetraut!

Bildete die Lektüre der Werke von Jules Verne, von Kurd Laßwitz und anderen Verfassern von Zukunftsromanen, die Hitler in seiner Jugend gelesen haben wird, das Stimulans zu solchen Visionen? Soweit es um Technisches ging, waren diese Visionen wohl bereits mehr oder minder realisierbar; aber wie stand es um die politischen Umstände, die vorausgesetzt werden mußten, um solche Siedlungen nicht nur durchzuführen, sondern auch auf die Dauer zu sichern?

Darüber war Hitler, wie die »Tischgespräche« an vielen Stellen erkennen lassen, bereits zu klaren Vorstellungen gelangt: Um die von den deutschen Siedlern bewohnten Städte herum sollten die russischen Dörfer bewußt auf niedrigem Kulturniveau gehalten und die vorhandenen Städte nicht irgendwie verbessert »oder gar verschönt« werden (8/19. September 1941).

Der Handel mit Mitteln zur Geburtenverhütung war auf alle Weise zu fördern, um die Vermehrung der einheimischen Bevölkerung zu bremsen: bei ihrem Kinderreichtum »könne es uns doch nur recht sein, wenn die Mädchen und Frauen hier soviel als möglich abtrieben« (22. Juli 1942, abends). Würde man in den besetzten Ostgebieten eine Gesundheitsfürsorge nach deutschem Muster einrichten, »wäre das heller Wahnsinn«. Impfen und sonstige Vorbeugungsmaßnahmen kämen dort keineswegs in Frage. Ja, selbst der Wunsch nach solchen Maßnahmen müsse unterdrückt werden; »man solle deshalb ruhig den Aberglauben unter ihnen verbreiten lassen, daß das Impfen und so weiter eine ganz gefährliche Sache sei«. Selbst die Zahnbehandlung wollte Hitler einschränken.

Eine parallele Gedankenkette führte Hitler zu dem Schluß, daß der Ostbevölkerung keine höheren Schulen zugeständen werden dürften. Der Unterricht müsse sich beschränken auf die Kenntnis der Verkehrszeichen, auf das Erwerben

einiger deutscher Sprachkenntnisse und im Geographieunterricht auf die Kenntnis der Tatsache, daß die Hauptstadt des Reiches Berlin heiße; »Unterricht im Rechnen und dergleichen sei überflüssig«. Hitler meinte deshalb, man dürfe »vor allem die deutschen Schulmeister nicht loslassen auf die Ostgebiete« (3. März 1942). - Daß deren Bewohnern erst recht nicht eine eigene Wehrmacht oder Selbstverwaltung zuzugestehen sei, versteht sich von selbst.

Dies war nicht leichthin in den Raum gesprochen, sondern entsprach den Maßnahmen, die im Rest-Polen, dem sogenannten »Generalgouvernement«, bereits angelaufen waren und in der Zeit der »Tischgespräche« weiter perfektioniert wurden.

Schon am 18. Oktober 1939 hatte sich der General Halder, Chef des Generalstabs des Heeres, nach Vortrag des Oberquartiermeisters über das, was Hitler mit Polen vorhatte, folgende Stichworte notiert: »Wir wollen Polen nicht sanieren... Deutsches Aufmarschgebiet für die Zukunft. Polen soll sich selbst verwalten. Es soll nicht nach deutschem Begriff zum Musterstaat gestaltet werden. Verhindern, daß polnische Intelligenz sich zu neuer Führerschicht aufwirft. Niederer Lebensstandard soll erhalten bleiben. Billige Sklaven. Aus deutschem Gebiet muß alles Gesindel heraus. Verwaltung Polens soll alle Befehlsbefugnis vereinigen ohne militärische. Nur eine Befehlsgewalt: Generalgouverneur. Schaffung einer totalen Desorganisation. Keine Mitwirkung von Reichsstellen! Das Reich soll den Generalgouverneur befhigen, dieses Teufelswerk zu vollenden. Militärische Forderung: Straßen - Bahnen. Garnisonen als 'Ordensburgen' in der Sicherungslinie oder vorwarts*

Ja, ein »Teufelswerk«, bei dem niemand Hitler in den Arm fallen konnte! Das, was auf die Weisungen Hitlers hin von seinem Statthalter in Polen, Dr. Frank, im kulturellen Bereich angerichtet wurde, faßte neuerdings eine sachkundige, nichts beschönigende Darstellung so zusammen**:

»Der Besitz eines Radiogerätes wurde mit dem Tode bestraft. Zugelassen und gefördert wurden wenige kulturelle Erzeugnisse von ausgewiesenermaßen geringem Wert... Falls überhaupt vereinzelt öffentliche Bibliotheken wieder zugänglich gemacht wurden, waren sämtliche Werke über Geographie, ferner Landkarten, Atlanten herausgezogen; weiterhin, ohne Rücksicht auf den Inhalt, alle Bücher in englischer und französischer Sprache sowie sämtliche Wörterbücher. Ebenso fehlte die Mehrzahl klassischer und polnischer Belletristik, geschichtlicher und weltanschaulicher Werke.

»Nur wenige, politisch kollaborierende polnische Theater waren wieder eröffnet worden und durften ein verflachendes Unterhaltungsprogramm bringen: Sex-Sketches, Sittenstücke des 19. Jahrhunderts, Revuen. Verboten blieben Schauspiele, Opern und so weiter. Aus den Konzertsälen waren klassische Musik, Volks- und Nationallieder verbannt. Die Musik Chopins stand an erster Stelle auf der Verbotsliste. Selbst in Kaffeehäusern waren die Musiknummern genehmigungspflichtig. Jeglicher Sport war untersagt. Zur 'Festigung deutschen Volkstums' wurden Pflichtablieferungen der polnischen Bauern, Schrottsammlungen der polnischen Schulen mit Branntwein bezahlt. Alkoholismus und Abtreibung wurden weisungsgemäß begünstigt.«

Wenn Hitler gesiegt hätte, wäre zweifellos auch aus den Plänen, die sich auf die russischen Gebiete bezogen, Wirklichkeit geworden.

Was ist zu ihnen zu sagen? Wir brauchen kein Wort über ihre Unmoral zu verlieren. Aber für einen Augenblick seien einmal alle ethischen Überlegungungen ausgeschaltet, um Hitlers Gedanken auf ihre Realisierbarkeit zu prüfen. Denn da drängt sich sofort eine Menge von Gegenfragen auf, die keiner der Tischrunde - sei es aus Verblendung, sei es aus Furchtsamkeit - zu stellen wußte: Wie sollte es möglich sein, Millionen von Menschen wieder zu Analphabeten zu machen, in ihnen das Geschichtsbewußtsein auszulöschen und sie zu folgsamen Ameisen zu degradieren, die sich mit ihrem Schicksal abfanden? Wie sollten sich die Deutschen - mochten auch Zehn-, selbst Hunderttausende sich bereit finden, diese Außenposten zu beziehen und zu bewachen - auf die Dauer gegenüber einer Bevölkerung behaupten, die stärker war als alle Deutschsprachigen zusammen?

Die von Hitler und seiner Gefolgschaft immer wieder vorgebrachte Analogie: Indien mit seinen vierhundert Millionen Einwohnern werde in Schach gehalten durch 60 000 Briten, beruhte auf einer Wunschvorstellung und ist mittlerweile durch die Verselbständigung von Indien und Pakistan als völlig falsch entlarvt worden. Aber auch die Möglichkeit, Entsprechendes auf dem Boden der Ukraine zu verwirklichen, wäre ja sofort als nicht gegeben erkannt worden, wenn Hitler wirkliche Kenner des Ostens angehört und zur Kenntnis genommen hätte, daß sein Bild von Rußland als einem Land, bevölkert von gefügigen, an die Knute gewöhnten, keinen Widerstand wagenden »Muschiks«, die über Essen und Trinken nicht weit hinaus dachten, an sich ein Zerrbild war.

So denken wie Hitler konnte eben nur jemand, dem noch die im 19. Jahrhundert so vielen Deutschen eingeprägte, auf Bewunderung begründete Haßliebe zu England eigen war, dessen Phantasie noch die Ausdehnung der amerikanischen Union im Kampf mit Mexikanern und Indianern bis zur Pazifischen Küste als Leitbild vorschwebte, jemand, der im Sinne Kiplings* noch an der Überzeugung festhielt, daß die »Bürde des weißen Mannes« darin bestehe, Europas Kultur zu verbreiten, und wähnte, daß sich in Rußland seit Gogol, Tolstoj und Dostojewskij nichts geändert habe...

Selbst wenn man - wie wir es hier taten - einmal alle ethischen Erwägungen beiseite läßt und Hitlers Pläne allein von ihrer politischen Seite aus zu begreifen versucht, kommt man also gleichfalls zu ihrer Verdammung. Sie offenbaren, daß Hitler die Psyche der fremden Völker ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, daß er keinen Sinn für die neuen, jenseits der Reichsgrenzen sich seit dem Ersten Weltkrieg schnell verwirklichenden Realitäten besaß, daß sein Großraumdenken vielmehr noch von Vorstellungen des 19. Jahrhunderts beherrscht war.

Daß Hitler kein Mitleid gegenüber den Unterjochten, kein Erbarmen gegenüber seinen Gegnern kannte, machte uns im Zuge unserer Darlegungen bereits erschrecken. Wie völlig frei er von solchen Regungen war, die ja sonst selbst den größten Unholden nicht völlig fremd sind, enthüllt sich jedoch erst hier in ganzer Nacktheit. Auch wenn man sich noch so sehr bemüht, sich in das hineinzudenken, was in ihm vorging, dann versagt jedes Verständnis angesichts eines solchen Vakuums. Hier liegt - wir wiederholen es - ein Phänomen vor, das höchstens Psychologen und Psychiater zu deuten wissen werden, wobei der in dieser Hinsicht gleichgeartete Stalin einzubeziehen wäre.

Das »Problem Hitler«

Um das Problem, das Hitler durch seine Persönlichkeit, durch seine Ideen und durch die Verführung von Millionen bedeutet, historiographisch zu »bewältigen«, setzte sehr bald das Bestreben ein, ihn irgendwie geistesgeschichtlich in die deutsche Entwicklung einzuordnen und die Tatsache, daß er eine so große Gefolgschaft gewann, im Charakter der Deutschen zu suchen oder durch den besonderen Ablauf der deutschen Geschichte zu begründen.

In dieser Sicht mußten Luther, Friedrich der Große und Bismarck die Rolle von »Vorläufern« des Nationalsozialismus übernehmen...

Wir wollen uns nicht aufhalten bei der psychologischen Leichtfertigkeit, die allen Behauptungen anhaftet, ein Volk habe bestimmte, fest greifbare Eigenschaften, auch nicht bei den geistesgeschichtlichen Kurzschlüssen und Klitterungen, die eine ideologische Zwangsläufigkeit voraussetzen, obwohl eine solche bei der Vielzahl der in jeder Zeit enthaltenen Möglichkeiten gar nicht besteht - sie beruhen ja darauf, daß bei einer historischen Gestalt ein Detail überbelichtet und dadurch verzerrt wird. Es lohnt nicht, sich mit Thesen dieser Art auseinanderzusetzen, da sie auf methodischer Stümperei beruhen.

Drei spezielle Warnungen seien noch angefügt:

Man soll nicht versuchen, sich ein Verständnis für Hitler zu erschließen, indem man auf seine »kleinbürgerliche« Herkunft starrt. Wir haben an bestimmten Stellen unserer Charakteranalyse - so zum Beispiel bei den Ressentiments und bei dem Kunstgeschmack - auf Folgeerscheinungen dieses Ursprungs hingewiesen; sicherlich ist es möglich, noch mehr auf ihn zurückzuführen. Aber insgesamt besagt solche soziologische Ableitung nicht viel. Denn Hitler ist aus der Schicht, der er entstammte, ausgebrochen, ohne in eine andere einzutreten: er gehörte keiner »Klasse«, keinem »Stande« an. Die Sozialgeschichte vermag daher zum Verständnis Hitlers keinen wesentlichen Beitrag zu bieten.

Erst recht sind Versuche abzulehnen, Hitlers Denkart aus der der katholischen Kirche abzuleiten, also in ihm so etwas wie einen säkularisierten Papst mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit zu sehen. Hitler entfernte sich so früh aus der katholischen Kirche, daß ihre Einwirkung - auch wenn man die über die Schule einbezieht - vor der Zeit geschah, in der sich sein »Dogma« festigte.

Man darf die These wagen, daß es genauso ausgefallen wäre, wenn bereits die Eltern sich von der Kirche entfernt und den Sohn auf eine überkonfessionelle Schule geschickt hätten. Wer Parallelen zwischen dem Nationalsozialismus und dem Katholizismus, zwischen dem Aufbau der Partei und der Römischen Kirche aufspüren will, mag das tun: das Resultat kann nicht mehr sein als eine Gedankenspielerei, die hier und da den Blick schärfen mag, aber keine wirkliche Einsicht anbahnt.

Ernster zu nehmen ist die Frage, ob Hitler typisch deutsche Züge aufwies. Sie löst jedoch sogleich die Gegenfrage aus, was denn eigentlich typisch deutsch ist. Denn bei den großen Unterschieden, bewirkt durch die Eigenart der Stämme, durch die konfessionelle Spaltung und die unter der Oberfläche noch fortwirkende ständische Differenzierung, wird jeder die Frage nach dem Typisch -Deutschen verschieden beantworten. Aber selbst wenn man sich darauf einigte, die und die Eigenschaften seien für die Deutschen bezeichnend, würde das im Falle Hitlers nicht weit führen. Denn sollten sie bei ihm festzustellen sein, wäre damit doch nur ein kleiner Sektor seines Wesens gedeutet.

Wir fassen zusammen: Hitler ist weder aus seiner sozialen Herkunft noch aus Schule und früher Umwelt zu erklären, auch nicht aus der Tatsache, daß er einem bestimmten Volke entstammte. Im besten Falle lassen sich dadurch Teilphänomene erklären; das Gesamtproblem »Hitler« wird dadurch jedoch nicht erfaßt. Hitler - als Ganzes gesehen - war vielmehr weder kleinbürgerlich« noch »katholisch« und auch nicht »deutsch«. Das Wesentliche an ihm darauf lief unsere Charakteranalyse hinaus - war singulär, geformt durch bestimmte Anlagen, durch bestimmte Lebensschicksale, durch bestimmte Entscheidungen für und gegen, durch einzelne bestimmte Glücksfälle, die einen einmaligen Aufstieg ermöglichten. Aus all diesen Gegebenheiten, die nur bei diesem einzigen Menschen zusammentrafen, muß man versuchen, Hitler zu begreifen - aber man soll nicht versuchen, ihn »abzuleiten«...

Aus dem ungemein verwickelten Gesamtkomplex »Hitler« haben wir vieles ausklammern müssen, was sich mit Hilfe des hier ausgenutzten Materials nicht durchleuchten läßt. Unser Ziel war nur, in seine Empfindungsweise und in seine Denkart einzudringen, um einen Schlüssel für seine Taten zu gewinnen.

Selbstverständlich ist in den Büchern, in denen Zeitgenossen über Hitler berichtet haben, noch reiches Material zu den von uns angeschnittenen Fragen zu finden; aber bei jedem Zitat, das wir anführen würden, müßten wir vorher klären, ob es wirklich auf einen unmittelbaren Zeugen zurückgeht, ob dieser seine Aussage gleich oder erst später machte, ob er Anhänger oder Gegner war und so weiter. Es schien uns deshalb ratsam, bei einem Bild zu bleiben, das zwar noch ergänzt werden kann, ergänzt werden muß, aber in seiner Art »dokumentarisch« ist und daher in seinen Grundzügen nicht mehr abgeändert werden kann.

Abschließend versuchen wir noch, unser Ergebnis in die Geschichte einzuordnen, wobei wir die Tatsache ins Auge fassen, daß es hier sowohl um ein geistesgeschichtliches als auch um ein Bildungs-, das heißt in der Sozialgeschichte verankertes Problem geht.

Hitler - ein Mensch der Jahrhundertwende

Bei Hitler liegt, wie sich ergab, die singuläre Tatsache vor, daß ein unermüdlich Bücher verschlingender und das Gelesene in einem ungewöhnlich gut funktionierenden Gedächtnis aufstapelnder, daher über ein erstaunlich umfangreiches Wissen von Einzeltatsachen verfügender Mensch zu keinem Denker oder Forscher in so engem geistigen Kontakt stand, daß er als dessen Schüler angesehen werden könnte. Alle Versuche, Hitler irgendwie geistesgeschichtlich abzuleiten, scheitern an diesem Faktum.

Hitlers Gedanken sind vielmehr zu verstehen als ein Sammelsurium der verschiedensten Entlehnungen, in das er durch eigene Denkarbeit Ordnung und Logik hineinzubringen trachtete. Wir führen hier noch einmal die Namen Haeckel und Bölsche, Houston Stewart Chamberlain, Fridtjof Nansen und Sven Hedin an, um deutlich zu machen, wie heterogen die von Hitler in seinen frühen Jahren studierten Autoren waren, bei denen noch am ehesten geistige Nähe oder Bewunderung zu spüren ist.

Prüft man diese Beziehungen chronologisch, dann ergibt sich, daß alle nachweisbaren bereits vor 1914 vollzogen wurden. Dem entspricht die negative Feststellung, daß alles das, was von 1914 an für die deutsche Geistesgeschichte wichtig geworden ist, von Hitler nicht mehr zur Kenntnis genommen oder einfach ungeprüft in Bausch und Bogen abgelehnt wurde, weil er die einmal bezogene und seither immer stärker verkrustete Grundposition für unerschütterlich hielt.

Dabei ist im Auge zu behalten, daß die geistige Vorkriegswelt Hitler in ihrer repräsentativen Ausprägung nicht zugänglich war, weil keine sachkundigen Berater ihm den Zugang öffneten und er auf die Lektüre von Zeitungen, Büchern, Zeitschriften und Lexika angewiesen blieb, die ihm wohl meist nur der Zufall zugänglich machte.

Also - um ein Beispiel zu nennen - nicht echte Naturwissenschaft, sondern popularisierte, das heißt solche, die bereits von »vorgestern« war und die eigentlichen Probleme verharmloste, daneben auch solche, über die die eigentliche Wissenschaft hinwegsah, weil sie haltlose Theorien kolportierte - die »Welteislehre« des Hanns Hörbiger war die letzte, aber sicher nicht die erste Pseudotheorie, auf die Hitler mangels kritischer Schulung »hereingefallen« ist.

Wer also Hitler »geistesgeschichtlich« ableiten will, müßte in die populäre Wissenschaft, ja in die Niederungen der Trivialwissenschaft hinabsteigen und dort nach Entsprechungen suchen. Aber das führte nicht weit; denn das Ergebnis würde durch die Eigenwilligkeit des Hitler-Denkens überschattet werden, das einerseits »schrecklich vereinfachte«, andererseits gewaltsam kombinierte. Dabei blieb es; denn als die äußeren Umstände Hitler erlaubt hätten, sachkundige Männer zu befragen und sich die ausschlaggebenden Bücher nennen zu lassen, blieb er der sich selbst fortbildende, auf keine geistigen Berater hörende Autodidakt. In diesem Zustand verharrte er selbst in der Zeit, als ihm schlechterdings alle Informationen über den geistigen Bereich zur Verfügung gestanden hätten...

Hitler war also geistesgeschichtlich »einmalig«, nämlich bestimmt durch Anlagen, die bei anderen Lebensschicksalen auch zu Existenzen ganz anderer Art hätten führen können, die dann aber ihre Ausrichtung erhielten durch seinen höchst seltsamen, keine Parallele aufweisenden Lebensweg, der ihn aus einem isolierten, geradezu asozialen Dasein durch die Zucht des Heeres, dann durch das Landsknechtsdasein des um seine Behauptung nach innen und außen ringenden Parteimannes zu der Stellung eines den »Principe« Machiavells übertreffenden, keinen Widerspruch mehr hinnehmenden Diktators hinaufführte.

Soweit sich geistige Nähe feststellen läßt (wir wiederholen noch einmal, daß von eigentlicher geistiger Abhängigkeit nicht die Rede sein kann), führten unsere Feststellungen immer wieder auf

die Jahrhundertwende. Das gilt für Hitlers Geschichtsauffassung, für seinen Biologismus, insbesondere für seinen Pseudo-Darwinismus, gilt für den um 1900 die Gemüter faszinierenden Monismus, seinen »Religionsersatz«, und den antikirchlichen Vulgärliberalismus, der sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche zu Popanzen machte, die zu bekämpfen Sache der »freien« Geister sein müsse...

Das gilt genauso für Hitlers Zu- und Abneigungen im künstlerischen Bereich. Er huldigte Wagner und begeisterte sich für das schön anzusehende, weltanschaulich unbelastete Ballett des 19. Jahrhunderts. In der Architektur und der Plastik trat er für den Neoklassizismus ein, und in der Malerei sah er in der Kunstphase, die dem Impressionismus vorausging, das Vorbild, an das die von ihm protegierte Kunst wieder anzuknüpfen hatte. Dadurch geriet er von Jahr zu Jahr mehr in Gegensatz zu den Menschen, die mit wachen Sinnen auf den Wandel in der Historiographie und der Naturwissenschaft, in der Musik und der Tanzkunst, in der Architektur und der Malerei reagierten.

Um 1930, erst recht 1940 setzte sich niemand, der im geistigen und künstlerischen Bereich Gewicht hatte, noch für die Welt ein, aus der Hitler stammte und die er nach der »Machtübernahme« gewaltsam zu erneuern trachtete. Daher bedeutete das, was Hitler im Bereich der Kunst und der Wissenschaft anstrebte, und mit immer drakonischeren Mitteln protegierte, eine »Reaktion«, wie sie die deutsche Geschichte im Kulturbereich noch nie erlebt hatte.

Auch Wilhelm II. hatte sich dem »Trend« seiner Zeit entgegengestemmt und Wildenbruch den Vorrang vor Gerhart Hauptmann eingeräumt, Menzel höher eingestuft als Liebermann und seinem Mißfallen über den Impressionismus Ausdruck gegeben, also »den Anschluß an seine Zeit verpaßt«; aber es hatte nicht in seiner Macht gelegen, den Gang der Geschichte aufzuhalten. Er mußte sich trotz seiner kaiserlichen Glorie gefallen lassen, daß die intellektuellen und künstlerischen Kreise seiner Einstellung mit Skepsis, wenn nicht mit offener Kritik begegneten. Hitler hatte dagegen die Möglichkeit, »Nörgler« in ein Konzentrationslager zu verbannen und seine Intentionen zu verwirklichen.

Hitler war also ein Mensch »um 1900«, und das ist er - viel zulernend, aber nie umlernend - bis zum Ende seines Lebens geblieben. Schrecklich, bleibt, daß es ihm kraft seiner Machtfülle möglich war, vorübergehend diese überholte, verstaubte Welt wieder zu einem Scheindasein zu erwecken und dafür so viele Gefolgsleute zu gewinnen ...

Als Hitler seiner Tischrunde ausmalte, wie die Welt künftig aussehen sollte, da ahnten Hitler selbst und der General Jodl, der zu schweigen verstand, schon, daß 'der Kriegsgott sich bereits ins andere Lager begeben« hatte. Das aber verschwieg der Hintergründige vor allen, auch vor seiner Tischrunde. Ihr gegenüber sah er sich noch immer als den Baumeister eines neuen, von der Gefahr des Bolschewismus befreiten Europa, in dem sein »Großdeutsches Reich« für tausend Jahre die Führerschaft übernahm. Daher konnte er den Ausspruch wagen, es werde einmal als sein größtes Verdienst angesehen werden, »den asiatischen Einfall von Europa abgehalten zu haben« (24. Juli 1942).

Ein halbes Jahr und eine Woche später ging der Kampf in Stalingrad zu Ende; von da an drängte die Rote Armee unaufhaltsam nach Westen vor. Abermals zweieinviertel Jahre später machte Hitler in der Erkenntnis, daß alles verloren sei, seinem Leben ein Ende, und am 9. Mai 1945 erkannte die deutsche Unterschrift unter der Kapitulationsurkunde an, daß Hitler der Union der Sowjetrepubliken den Weg in das Herz Europas geöffnet, also genau das Gegenteil von dem bewirkt hatte, was von ihm als sein Hauptverdienst angesehen wurde.

Hitler war nicht nur gescheitert, sondern zum Verbrecher Deutschlands geworden. Was von diesem noch übrigblieb, war nicht nur im Osten verstümmelt, im Inneren zu einer Ruinenlandschaft erstarrt, sondern auch in seiner moralischen Substanz bedroht, in seinen künstlerischen und geistigen Leistungen schwer gefährdet.

Ein Feldherr und Staatsmann herkömmlicher Art hätte die Konsequenz aus der Einsicht in das Unabwendbare gezogen und nach Stalingrad und Tunis, also im Sommer 1943 Schluß gemacht. Aber Hitler stemmte sich mit erstarrtem Willen gegen das Schicksal und wurde ... dadurch zum »Kriegsverlängerer«, und da das Attentat Stauffenbergs scheiterte und niemand ihm in den Arm fiel, konnte er den Krieg bis zur letzten Sinnlosigkeit fortsetzen. Und das tat er, weil er mit unheimlich logischer Konsequenz an seiner »Weltanschauung« und an seiner - die bisher gültigen ethischen Grundsätze umstoßenden - Moral mit einer erstaunlich bleibenden Willenskraft bis zuletzt festhielt. So wurde er das Opfer seiner Logik, seines Willens, seiner »Moral« - er, die Deutschen, Europa, die ganze Welt.

Wie war der Mann beschaffen, der so Ungeheuerliches auslöste? Wer immer sich mit Hitler beschäftigt, vergegenwärtige sich, was (Generaloberst) Alfred Jodl kurz vor seiner Hinrichtung in seiner Nürnberger Zelle über Hitler niederschrieb: »Kenne ich denn diesen Menschen überhaupt, an dessen Seite ich lange Jahre ein so dornen- und entsagungsreiches Dasein geführt habe? Hat er nicht auch mit meinem Idealismus gespielt und ihn nur benutzt zu Zwecken, die er in seinem Innersten verbarg? Wer will sich rühmen, einen anderen Menschen zu kennen, wenn er einem nicht die verborgensten Falten seines Herzens geöffnet hat? So weiß ich heute nicht einmal, was er gedacht, gewußt und gewollt hat, sondern weiß nur, was ich darüber gedacht habe und vermutet habe.«

Einmal hat Hitler selbst seine Hintergründigkeit aufgedeckt. Als ihn am 23. Mai 1939 der Großadmiral Raeder fragte, was er denn beabsichtige, gab er zur Antwort, er habe drei Arten der Geheimhaltung: »die erste, wenn wir beide unter vier Augen sprechen; die zweite, die behalte ich für mich; die dritte, das sind Probleme der Zukunft, die ich nicht zu Ende denke«.

Das ist eines der ganz wenigen von Hitler selbst stammenden Schlüsselworte, die erlauben, an die Substanz seines Wesens heranzukommen. Es läuft darauf hinaus, daß es gleichsam mehrere Hitler gab: den, den die Öffentlichkeit kannte, den, der sich im Kreis der Tischgenossen als »Kamerad« gab, aber vieles von dem zurückbehielt, was ihn geradebeschäftigte, den, der mit den zur höchsten Verschwiegenheit Verpflichteten die anstehenden Probleme besprach, den, der einsam »kilometerlang« in seinem Zimmer auf und ab ging und den nächsten Entschluß - jede Beratung verschmähend - in seinem Hirn hin und her wälzte, und schließlich den, »dessen rastloser Geist« - so Alfred Jodl - »zuerst die Scheinwerfer in das Dunkel der Zukunft leuchten ließ, lange bevor die Augen seiner militärischen Umgebung in diesem Dunkel etwas Greifbares oder Drohendes wahrzunehmen vermochten«...

Gegen diesen »allerletzten« Hitler stemmte sich mit aller Gewalt der vorletzte, der einsam im Zimmer auf und ab wandernde Hitler, der die richtige Einsicht nicht wahrhaben wollte, der sich gegen das unausweichliche Schicksal mit seiner ganzen, zur Starrheit gewordenen Willenskraft stemmte, der Hitler, dessen Leitwort »anatisch« wurde, weil er sich noch an das Wunschbild klammerte, in der Geschichte entscheide der Wille des charakterlich Stärksten.

Dieser vorletzte Hitler mußte ständig dem allerletzten Hitler Schweigen gebieten und gleichzeitig trachten, den kleingläubig Werdenden Glauben an den Endsieg zu suggerieren. Daß er das bis zuletzt vermochte, ist ein schauriger, heute bereits unbegreifbarer Vorgang, ein angesichts des körperlichen Verfalls kaum mehr glaubhafter Vorgang...

Eben deshalb konnte Hitler zur unheilvollsten Gestalt der deutschen Geschichte werden, weil er so vielschichtig, so hintergründig war. Jeder, der sich mit Hitler, mit seinen Worten und mit seinen Taten befaßt, wird sich immer von neuem vor Augen halten müssen, daß selbst Alfred Jodl, der durch lange Jahre Hitler täglich stundenlang erlebte und als einer der ganz wenigen Gelegenheit erhielt, mit ihm wirklich zu diskutieren, nach langem Überdenken erklären mußte, dieser Mensch sei für ihn ein Buch mit sieben Siegeln geblieben.

Dieser Einsicht folgend, haben wir uns auf den vorausgehenden Seiten mit einer »Bestandsaufnahme« in Hitlers Gedanken- und Empfindungswelt ... begnügt.

Um noch tiefer in Hitlers Charakterstruktur einzudringen, bedürfte der Historiker der Hilfe erfahrener Psychologen

und Psychiater, und diese würden wieder Mediziner heranziehen müssen, da das charakterologische Bild natürlich nicht geklärt werden kann ohne eine klare Übersicht über den Wandel des gesundheitlichen Status.

Sehr zu wünschen ist, daß sich einmal ein solches Gremium bildet und anhand aller bekannten Tatsachen und womöglich mit Hilfe von noch einzuholenden Aussagen der am Leben gebliebenen Zeugen den gesamten Fragenkomplex eingehend diskutiert. Das Resultat, das ein solches Gremium erzielen kann, wird allerdings nur auf eine Deutung hinauslaufen können, die eine hohe Wahrscheinlichkeit, aber keine absolute Schlüssigkeit beanspruchen kann und womöglich - entsprechend dem Fortschritt medizinischer Erkenntnis - eines Tages ergänzt oder abgewandelt werden muß.

Wir sind deshalb bei der Analyse von Hitlers Denkweise diesseits des psychologischen Rubikon geblieben, das heißt: wir verharrten dort, wo der Historiker noch festen Boden unter seinen Füßen fühlt. Wir wissen, daß wir das Thema nicht erschöpften; aber wir dürfen geltend machen, daß wir keine Vermutungen, die sich vielleicht einmal als vorschnell gefaßt herausstellen, vorbringen, sondern eben eine auf Dokumente gestützte »Bestandsaufnahme«, die auch nach Jahr und Tag ihren Wert behalten wird.

Selbst wenn die Ärzte gesprochen haben werden und das, was heute noch problematisch ist, durchleuchtet ist, wird das »Faktum Hitler« als Grenzfall menschlicher Individualität weiter beunruhigend bleiben. Auch die auf uns folgenden Generationen werden immer von neuem das grausige Schicksal des furchtbaren Mannes zu überdenken haben, der zwölf Jahre lang über Deutschland entschied, fünf Jahre lang die Welt zum Erheben brachte. Denn mit den herkömmlichen Begriffen und moralischen Kategorien läßt sich dieser völlig singuläre Vorgang nicht greifen.

Einen Hinweis darauf, wohin die Gedanken zu richten sind, gibt Goethe in »Dichtung und Wahrheit« an der Stelle,

die sich mit dem Wesen des Dämonischen befaßt (20. Buch, Anfang).

»Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten, selten durch Herzensgüte sich empfehlend; aber eine ungeheure Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche, Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente, und wer kann sagen, wie weit sich eine solche Wirkung erstrecken wird? Alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts gegen sie; vergebens, daß der hellere Teil der Menschen sie als Betrogene oder Betrüger verdächtig machen will -die Masse wird von ihnen angezogen. Selten oder nie finden sich Gleichzeitige ihresgleichen, und sie sind durch nichts zu überwinden als durch das Universum selbst, mit dem sie den Kampf begonnen, und aus solchen Bemerkungen mag wohl jener sonderbare, aber ungeheure Spruch entstanden sein: 'nemo contra deum nisi deus ipse' ('Niemand vermag etwas gegen Gott, der nicht selbst Gott ist').«

Diesen Absatz ließ sich der Verfasser am Ende des Krieges von seiner Frau wörtlich ausschreiben, da er ihn nur inhaltlich im Kopfe hatte. Als er ihn Satz für Satz überprüfte, fand er, daß er auf Hitler passe und auch wieder nicht passe. So ergeht es ihm auch jetzt wieder. Goethe sprach -über viele Jahrhunderte zurückblickend - vorn Dämonischen, aber ihm fehlte die Erfahrung, um ermessen zu können, wie entsetzlich, wie satanisch, wie infernalisch es sein könne. Wir wissen es, aber unsere Sprache besitzt kein Wort, um diese Form des Dämonischen zu fassen, die in Hitler Gestalt gewonnen hat.

ENDE

* Entnommen aus Henry Ficker: »Hitlers

Tischgespräche im Fübrerhauptquartier«. Neu herausgegeben von Professor Dr. Percy Ernst Schramm. Seewald Verlag, Stuttgart; 546 Seiten; 38 Mark.

* Generaloberst Halder: Kriegstagebuch, herausgegeben von H.-A. Jacobsen, I, Stuttgart 1962; Seite 107.

** Hildegard Brenner: »Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus«. Rowohlts Deutsche Enzyklopädie; 1963; Seite 138.

* Rudyard Kipling (1865 bist 1936), englischer Schriftsteller.

Der Revolutionär 1923

Der Reichskanzler 1933 Der Sieger 1940

Der Geschlagene 1945

»Die unheilvollste Gestalt der deutschen Geschichte«

Exekution in Polen* (1940): »Wer ein Radio besitzt, muß sterben«

Hitler, Gauleiter (1944): »Das Teufelswerk vollenden«

Hitlers Testament 1945

»Mit unheimlicher Konsequenz...

Hitlers Sessel 1945

... ein Opfer der eigenen Logik«

Deutsche Panzer in Stalingrad: »Was übrigblieb ...

... war zu Ruinen erstarrt": Sowjetische Panzer in Berlin

Hitler (l.) vor dem Modell eines Triumphbogens: »Niemand vermag etwas gegen Gott ...

... der nicht selbst Golf ist": Hitler (r.) in der zerstörten Reichskanzlei (1945)

* In Ursynów bei Warschau.

Professor Dr. Percy Ernst Schramm
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Artikel 25 / 56
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