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Adolf Hitler: »Aufriß über meine Person«

Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 23/1973

9. Fortsetzung

Hölzern saß Adolf Hitler in seinem Sessel, er hörte kaum die Stimme des Chefdolmetschers Paul Schmidt, der ihm ein Schriftstück vorlas: Englands Regierung hatte dem Dritten Reich den Krieg erklärt. Es war der 3. September 1939, der dritte Tag des von Hitler entfesselten Krieges gegen Polen.

Kurz darauf erfuhr der Diktator, daß auch Frankreich den überfallenen Polen zu Hilfe kommen werde. Eine Welt der Illusionen brach in Hitler zusammen; entgegen allen Anzeichen hatte er nicht damit gerechnet, daß sich der Polen-Feldzug zu einem allgemeinen Krieg ausweiten werde.

Schon die Eröffnung des Krieges gegen Polen ruinierte seine ursprüngliche Konzeption. Bis zum letzten Augenblick hatte Hitler geglaubt, Polen werde auf die von ihm gestellten Bedingungen (Rückgabe Danzigs, Volksabstimmung in den ehemals deutschen Gebieten Polens) eingehen und kapitulieren, wie einst auch die anderen Kontrahenten nachgegeben hatten. Hitler zu Eva Braun am 26. August: »Es wird keinen Krieg geben,«

Die blonde Naive gab die Nachricht an ihre skeptische Schwester Ilse weiter: »Alles wird friedlich verlaufen und mit Abkommen und Liedern enden.« Wenige Tage später war klar, daß Hitler sein Spiel verloren hatte. In ihr Photoalbum trug sie ein: aber trotzdem, Polen will nicht verhandeln.«

Seither grübelte Hitler darüber nach, was falsch gelaufen war. Das Thema beschäftigte ihn bis zu seinem Tode: immer wieder suchte er einen Sündenbock, dem er die Schuld am Kriegsausbruch aufhalsen konnte.

»Ich weiß nicht«, meditierte er am 19. September 1939, »in welcher Geistesverfassung sich die polnische Regierung befand. als sie diese Vorschläge ablehnte. Polen antwortete mit dem Befehl der ersten Mobilmachung. Meine Bitte an den damaligen polnischen Außenminister, mich in Berlin zu besuchen, um noch einmal diese Fragen durchzusprechen. wurde abgelehnt. Er fuhr statt nach Berlin nach London!«

Hätte Italien. so spekulierte Hitler im Dezember 1940, »die Erklärung abgegeben, daß es sich mit Deutschland solidarisch erklärte, wäre der Krieg nicht ausgebrochen, dann hätten die Engländer nicht angefangen, und die Franzosen hätten nicht angefangen«.

Am 30. Oktober 1942 schrieb er an den schwedischen Forscher-Autor Sven Hedin:

Wäre Polen zu der von mir angebotenen Verständigung bereit gewesen, dann würde es nicht zum Kriege gekommen sein. In diesem Falle aber hätte Rußland seine Rüstungen in einem Ausmaße vollenden können, das wir erst heute kennen und zu ermessen vermögen. Fünf Jahre noch Friede, und Europa wäre von dem Gewicht der bolschewistischen Kriegsmaschine einfach niedergewalzt worden. Ohne Zweifel ist der Schuldige an diesem Kriege, wie Sie sehr richtig aussprechen, ausschließlich der amerikanische Präsident Roosevelt, Allein, indem er und seine Helfershelfer diesen Krieg anzettelten, haben sie sicherlich ungewollt, aber trotzdem den Kontinent der schönsten menschlichen Kultur gerade noch in letzter Minute aufgeweckt.

Ein Jahr später nannte Hitler wieder einen anderen Schuldigen: »Ein mitleid- und erbarmungsloser Krieg wurde uns von dem ewigen Judentum aufgezwungen.«

Solche schillernden Rechtfertigungsversuche konnten kaum verschleiern, daß Hitler in die eigene Falle gestürzt war. Der Mann, der gerne prahlte, Krieg sei immer in ihm gewesen, und der sich den Überfall auf Polen als einen lokalen »Blumenfeldzug« vorgestellt hatte -- er war für einen längeren Krieg gar nicht gerüstet. Aus Furcht vor den innenpolitischen Folgen einer Kriegsmobilisierung im Frieden hatte Hitler die Rüstungsindustrie nur langsam anlaufen lassen; da er erst ab 1943 mit größeren Kriegen rechnete, war auf zentrale Planung und Rationalisierung der Kriegswirtschaft weitgehend verzichtet worden.

Deutschlands Flugzeugproduktion konnte sich gerade mit der Englands messen. Das deutsche Flottenbauprogramm sollte erst 1944 abgeschlossen sein; von den 2,7 Millionen ausgebildeter Soldaten, die Hitler im Kriegsfall hatte vorfinden wollen, standen erst 1,8 Millionen bereit.

Besonders kläglich war es um Deutschlands Rohstoffvorräte bestellt; sie reichten bestenfalls für einen zwölfwöchigen Krieg. Trotz Autarkiewirtschaft war das Hitler-Reich noch immer weitgehend vom Ausland abhängig. Die meisten Rohstoffe kamen aus fremden Ländern, so etwa Blei zu 50 Prozent, Mineralöl zu 65, Kupfer zu 70, Zinn zu 90 und Aluminium (Bauxit) zu 99 Prozent.

Hitler folgerte daraus, Deutschland könne den Krieg nur gewinnen, wenn es seine Gegner einzeln in blitzschnellen Überfällen zu Boden zwang. Der Blitzkrieg war das einzige Mittel. das Deutschland erlaubte, »die Rolle einer Großmacht zu spielen, die es nicht mehr war« (so der britische Historiker Alan S. Milward).

Entsprechend kurz und kräftesparend fielen die ersten Feldzüge Hitlers aus. Der Krieg gegen Polen dauerte viereinhalb Wochen; Holland wurde in fünf, Belgien in 17 Tagen überrannt. Binnen sechs Wochen war Frankreich in deutscher Hand, in elf Tagen Jugoslawien und in drei Wochen Griechenland,

Verblüfft erkannten die stets zur Glorifizierung des obersten Kriegsherrn aufgelegten preußisch-deutschen Militärs, daß ihr Führer offenkundig militärische Talente besaß. Bald ging das Byzantiner-Wort vom »größten Feldherrn aller Zeiten« um, das der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Wilhelm Keitel, geprägt hatte.

Tatsächlich hatte Hitler in strategischen Fragen oft, wie er selber meinte, »eine gute Nase« und erkannte meistens die Schwächen des Gegners. Diese Fähigkeit, dazu sein manchmal erstaunliches Detailwissen beeindruckte die Militärs. General Alfred Jodl, als Chef des Wehrmachtführungsstabes Hitlers eigener Generalstabschef. bezeugt: »Seine Rhetorik und sein Wille triumphierten letzten Endes bei jeder geistigen Auseinandersetzung gegenüber jedermann.«

Daß Hitler zugleich starrsinnig an Befehlen festhielt, Änderungen ablehnte und bei Rückschlägen überaus ängstlich reagierte, fiel den Militärs erst später auf. Der Hitler der ersten Kriegsmonate war eher ein Improvisator, der seine Soldaten brutal vorantrieb und die Bedenken der Generalstäbler beiseite fegte.

»Als ich noch nicht Reichskanzler war«, spottete Hitler, »habe ich gemeint, der Generalstab gleiche einem Fleischerhund, den man fest am Halsband haben müsse, weil er sonst jeden anderen Menschen anzufallen drohe. Nachdem ich Reichskanzler geworden war, habe ich feststellen müssen, daß der deutsche Generalstab nichts weniger als ein Fleischerhund ist. Dieser Generalstab hat mich immer gehindert, das zu tun, was ich für nötig halte. Ich bin es, der diesen Fleischerhund immer erst antreiben muß.«

Im Polen-Feldzug hatte er noch dem Fleischerhund die Führung überlassen. In einem kleinen Eisenbahn-Sonderzug ("Führerzug") war Hitler mit engstem Gefolge, zu dem jedoch nur ein einziger höherer Offizier der Wehrmachtführung gehörte, der kämpfenden Truppe nachgefahren, ohne sonderlich in die Operationen einzugreifen.

Kaum aber war er am 26. September wieder nach Berlin zurückgekehrt, da riß er die militärische Führung an sich. Hitler gab Order, ein stationäres Feld-Hauptquartier zu schaffen, das unter ihm zum obersten Lenkungsorgan militärischer Operationen wurde. Als erster Sitz dieses »Führerhauptquartiers« war eine Bunkeranlage ("Felsennest") bei Münstereifel ausersehen.

Hitler riegelte sich von der Umwelt ab, er lebte fortan fast nur noch in Bunkern und feuersicheren Stellungen inmitten komplizierter Sperrbezirke. Derart geschützt, übernahm Hitler die Leitung der nächsten Wehrmacht-Operationen. Jetzt begann er, seine Blitzkrieg-Konzeption zu verwirklichen. Die Lage war kritisch genug:

Hitler konnte sich im Herbst 1939 ausrechnen, daß Deutschland den Krieg in zwei Wochen beenden müsse, falls die Franzosen und Briten im Westen angriffen. Der deutsche Munitionsvorrat war nahezu aufgebraucht, die Verbände am Westwall reichten zur Abwehr nicht aus. Daraus zog der Vorwärts-Stratege Hitler nur eine Konsequenz: sofortiger Angriff im Westen.

Am 27. September eröffnete Hitler seinen Oberbefehlshabern, die Offensive im Westen müsse bereits im Herbst beginnen, selbst wenn alle militärischen Gründe dagegen sprächen. Fast sämtliche Heeres-Generale opponierten, doch Hitler setzte sich durch.

»Ein längeres Abwarten«, verfügte er, »führt nicht nur zu einer Beseitigung der belgischen, vielleicht auch der holländischen Neutralität zugunsten der Westmächte, sondern stärkt auch die militärische Kraft unserer Feinde in zunehmendem Maße.« Das Oberkommando des Heeres (OKH) fand sich mit Hitlers Entscheidung ab und formulierte eine Weisung für eine Offensive, an deren Erfolg es jedoch zweifelte.

Die Männer des OKH stützten sich dabei auf eine Studie, die General Carl-Heinrich von Stülpnagel über eine Fortführung des Krieges im Westen angefertigt hatte. Stülpnagel kam zu dem Ergebnis, das deutsche Heer sei vor 1942 nicht in der Lage, die Maginotlinie zu durchbrechen. Desto überraschter waren sie, als Hitler vorschlug, die Maginotlinie in Belgien und Holland zu umgehen.

Zudem forcierte Hitler ein Projekt, das den Sieg im Westen im Grunde erst möglich machte. Zufällig hatte er gehört, daß der Generalstabschef der Heeresgruppe A, General von Manstein. einen Plan ausgearbeitet hatte, der vorsah, durch die bisher als unwegsam geltenden Ardennen mit Panzern vorzustoßen und damit den Gegner zu überraschen, der von alters her -- zu Recht -- den deutschen Hauptangriff im Norden erwartete. Manstein hatte sich mit seinem Plan beim Generalstab des Heeres nicht durchsetzen können. Hitler aber

* Arbeitszimmer Hitlers im ersten Hauptquartier bei Münstereifel; auf dem Tisch: Frankreich-Baedeker, Lexika und Lupe.

machte sich die Idee zu eigen -- so eifrig, daß er sich später selber als den Erfinder des Plans ausgab.

Doch ehe der Westfeldzug begann. witterte Hitler eine neue Chance, Deutschlands Rohstoffbasis gewaltsam zu erweitern. Den Anstoß dazu gab der Großadmiral Erich Raeder, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Er wies Hitler am 12. Dezember 1939 auf die Gefahren hin, die dem Reich und der deutschen Kriegswirtschaft drohten, wenn die Briten Norwegen besetzen würden.

»Einzelne Seeoffiziere scheinen laurig zu sein.«

Hitler befahl sofort Jodl, »daß mit kleinstem Stab die Untersuchung geführt wird, wie man sich in Besitz Norwegens setzen kann«. Mit der Order verband Hitler eine weitere Stärkung seiner Macht: Er schaltete den Oberbefehlshaber des Heeres und dessen Generalstabschef von der Bereitstellung und Führung der für die Norwegen-Aktion vorgesehenen Heeresverbände aus. Wie Napoleon wollte auch Adolf Hitler fortan nur noch Gehilfen und ausführende Organe seines Willens um sich haben.

Hitler war entschlossen, den »Fall Norwegen« nicht aus der Hand zu geben. Selbstbewußt, nur auf die Mithilfe des Wehrmachtsführungsamtes gestützt, übernahm er mit dem OKW die Führung und baute die ursprünglich militärischen Vorstellungen Raeders zu einem politischen Eroberungsprogramm aus. Die Befürchtung. die Alliierten könnten Skandinavien besetzen. die Ostsee beherrschen und das Reich daran hindern, die wichtigen schwedischen Erze zu beziehen, trieb Hitler zu immer gewagteren Anordnungen.

Den Militärs erschien in der Tat die von Hitler befohlene Besetzung Norwegens und Dänemarks (Kodewort: »Weserübung") als ein verantwortungsloses Abenteuer. Selbst Jodl nannte Hitlers Befehl »die gewagteste Lösung« und notierte: »Einzelne Seeoffiziere scheinen bezüglich Weserübung laurig zu sein und bedürfen einer Spritze.

Hitler ließ sich von dem Unternehmen nicht mehr abbringen. Jodl-Notiz vom 13. März: »Führer gibt Befehl zur Weserübung.« Unter dem Vorwand, »den bewaffneten Schutz« (Hitler) der Neutralität der nordischen Staaten sichern zu wollen, startete am 7. April 1940 die deutsche Invasion -- wenige Stunden, bevor die Alliierten mit der Verschiffung ihrer Truppen zur Besetzung Norwegens begannen.

Da erlebten die Militärs zum erstenmal einen Anfall Hitlerscher Hysterie. In Norwegen kam es zu schweren Verlusten auf deutscher Seite: die Kreuzer »Blücher« »Königsberg« und »Karlsruhe« sanken, vor Narvik wurde die gesamte deutsche Landungsflotte, zehn modernste Zerstörer, vernichtet. Hitler gab alles verloren: Er war bereit, Narvik, den eigentlichen Schlüsselpunkt der Operation. aufzugeben und sogar die Truppen aus Norwegen abzuziehen.

Hitler mußte auf einmal erkennen, daß er als militärischer Führer noch viel zu lernen hatte; sein systematisch organisierter Führernimbus geriet ins Wanken. Erst nach einem »mehr als eine Woche währenden Schauspiel erbärmlicher Unzulänglichkeiten« (so Jodl-Mitarbeiter Warlimont) raffte sich der nervöse und hilflos wirkende Hitler wieder auf. Dennoch kam es in den nächsten Tagen weiterhin zu schweren Spannungen, weil Hitler ständig in Einzelheiten hineinredete und militärische Entscheidungen umdisponierte.

Als die deutschen Armeen einen Monat später im Westen losschlugen, hatte sich Hitler wieder gefangen. Schon am 14. Mai belehrte er das OKH, daß er fortan auch die Leitung der Operationen in seiner Hand zu halten gedenke. Er wollte nur noch Ratschläge eines Arbeitsstabes akzeptieren, der Hitler-Entscheidungen in Befehle umsetzte. Von nun an pochte Hitler darauf, daß Kriegsexperten ihm als militärischen Führer nur noch zu raten hätten, wenn er eines Rates bedürfe.

Die deutschen Verbände hatten eben die Seine erreicht, als Hitler seine Narvik-Schlappe endgültig überwinden konnte. Die britischen Truppen hatten am 8. Juni Norwegen verlassen. Hitler war so erfreut, daß er die ihm vorgelegte erste Fassung des OKW-Berichts selber redigierte und korrigierte:

Ostmärkische Gebirgstruppen, Teile der Luftwaffe sowie die Reste der tapferen Besatzung unserer Zerstörer haben in monatelangen Kämpfen einen Beweis ruhmvollen höchsten Soldatentums für alle Zeiten gegeben. Durch ihr Heldentum wurden die alliierten Land- und Seestreitkräfte nunmehr gezwungen, die Gebiete von Narvik und Harstadt zu räumen.

Der Erfolg des Westfeldzuges stärkte Hitlers Stellung noch mehr. Jodl berichtet: »Wieder triumphierte Hitlers Wille und siegte sein Glaube. Zuerst zerbrach die Front; dann brachen Holland, Belgien und Frankreich zusammen. Die Soldaten standen vor einem Wunder.«

Jetzt aber erwies sich, daß Hitler strategisch nicht weiter geplant hatte. Wie schon im August 1939 bildete er sich ein, England werde nicht gegen Deutschland kämpfen. Er glaubte ernsthaft, nach der raschen Niederlage Frankreichs sei die britische Regierung bereit, den Krieg zu beenden. Großdeutschlands Führer verwechselte den Erfolg im Westen mit dem Ende des Krieges.

Befangen in seinem Traum vom schnellen Sieg, wartete er die Reaktion der Briten ab. Ein paar dunkle Friedensofferten sollten Englands neuen Premierminister Winston Churchill verlocken, den Kampf gegen die Deutschen abzubrechen. »In dieser Stunde«, tönte Hitler vor dem Reichstag, »fühle ich mich verpflichtet, vor meinem Gewissen noch einmal einen Appell an die Vernunft auch in England zu richten. Ich sehe keinen Grund, der zur Fortsetzung dieses Kampfes zwingen könnte.«

»Wir führen den Krieg gegen die falschen Gegner.«

Als London schwieg, ließ Hitler Agenten des Sicherheitsdienstes der SS zu einem wunderlichen Geheimunternehmen antreten: Die SD-Männer sollten Englands ehemaligen König Eduard VIII., den deutschfreundlichen Herzog von Windsor, aus Portugal entführen und für das Dritte Reich gewinnen.

»Herzog trägt sich mit der Absicht, durch öffentliche Erklärung von derzeitiger englischer Politik abzurücken«, telegraphierte der deutsche Botschafter in Madrid am 22. Juli nach Berlin. Doch ein von Churchill in Marsch gesetzter Sonderemissär machte dem Techtelmechtel zwischen dem Ex-Monarchen und NS-Funktionären ein Ende.

Hitler setzte den Krieg fort. Eine Weisung aus dem Führerhauptquartier kündigte einen neuen Feldzug an, diesmal die Landung in England. Hitler dekretierte am 16. Juli 1940: Da England, trotz seiner militärisch aussichtslosen Lage, noch keine Anzeichen einer Verständigungsbereitschaft zu erkennen gibt, habe ich mich entschlossen, eine Landungsoperation gegen England vorzubereiten und wenn nötig durchzuführen. Zweck dieser Operation ist es, das englische Mutterland als Basis für die Fortführung des Krieges gegen Deutschland auszuschalten, und wenn es erforderlich werden sollte, in vollem Umfang zu besetzen.

Die verklausulierte Sprache Hitlers verriet, wie ungern er an die England-Planung heranging. England -- das bedeutete immer noch eine starke See- und Weltmacht mit überseeischen Streitkräften in allen Teilen der Welt. Bald wurde deutlich, daß Hitler im Grunde das Risiko einer England-Invasion scheute. Von Monat zu Monat verschob er das Einsatz-Datum.

Hitler begnügte sich damit, seinen ersten Paladin Göring einen rücksichtslosen Bombenkrieg gegen England führen zu lassen; er selber jedoch flüchtete sich in strategische Ersatz-Planungen. Er ließ prüfen, ob Madeira und die Azoren besetzt werden könnten, er lud Spanien zum Krieg gegen England ein, er projektierte eine »möglichst wirkungsvolle Zusammenarbeit« mit dem geschlagenen Frankreich.

Trotz seiner rüden Haßkampagne gegen den »Säufer Churchill« und gegen britische »Plutokraten« bewahrte sich Hitler, wie aus jüngst veröffentlichten Äußerungen hervorgeht, einen Rest englandfreundlicher Sentimentalität**. Als ihm später der japanische Angriff auf Pearl Harbor gemeldet wurde, philosophierte er: »Jetzt werden die Engländer Singapur verlieren. Das habe ich nicht gewollt. Wir führen den Krieg gegen die falschen Gegner. Wir müßten mit den angelsächsischen Mächten verbündet sein. Aber die Verhältnisse zwingen uns, einen welthistorischen Irrtum zu begehen«

Ratlos ging Hitler im Hochsommer 1940 die Möglichkeiten durch, den Krieg zu beenden. Sein Blick richtete sich nach Osten. Ein Gedanke faszinierte ihn immer mehr, beherrschte zusehends alle seine strategisch-politischen Überlegungen, wurde ihm zur fixen Idee: Krieg gegen die Sowjet-Union.

Wirre historische Vorstellungen und scheinbar logische Überlegungen der Militärstrategie verbanden sich mit der

* Auf den Champs-Elyées. Bild unten: mit Arbeitsfront-Chef Robert Ley (l.) in Deutschland, 1937.

** Werner Maser: »Adolf Hitler. Legende, Mythos, Wirklichkeit«. Bechtle-Verlag. München und Eßlingen; 530 Seiten; 36 Mark.

alten völkischen Eroberungsideologie des Nationalsozialismus zu einem brisanten Aggressionsprogramm. Wie einst Napoleon wollte Hitler England in Moskau treffen; zudem sah er endlich den »Lebensraum« in greifbarer Nähe, in dem er alle Probleme Deutschlands lösen wollte.

Seit Ende Juli war er entschlossen. das Land zu überfallen, dessen Regierurig er noch ein Jahr zuvor dauerhafte Freundschaft versprochen hatte. Am 29. Juli vertraute Jodl seinem Mitarbeiter Warlimont an: »Der Führer hat die Absicht, Sowjetrußland mit den Waffen niederzuringen, da ein Krieg eines Tages doch unvermeidbar werden würde, um die ständige bolschewistische Drohung gegen Deutschland auszuschalten.«

Nahezu alle Militärs, selbst Göring, warnten vor dem Krieg gegen Rußland, doch Hitler schob die Bedenken beiseite. Am 9. Januar 1941 rief er seine Wichtigsten Mitarbeiter in die Reichskanzlei, um ihnen zu begründen, Warum allein die Zertrümmerung des Stalin-Reiches Deutschland von allen Zwängen befreien könne.

Der Ostfeldzug wird der barbarischste Krieg aller Zeiten.«

Hitlers Argumentation: Die Möglichkeit eines sowjetischen Eingreifens in den Krieg hindere die Briten daran, Frieden zu machen; gebe es keine sowjetische Macht mehr, so werde England den Kampf aufgeben. Wenn England aber durchhalte, dann bestehe die Gefahr, daß die USA und Rußland den Briten zu Hilfe kommen würden und das sei dann eine tödliche Bedrohung Deutschlands. Folglich spreche alles dafür, sofort gegen Rußland loszuschlagen und damit zugleich die USA von einer Intervention in Europa abzuschrecken.

Die Militärs gehorchten, die deutsche Kriegsmaschine rüstete sich zum Überfall auf die Sowjet-Union. Während aber die Kriegsvorbereitungen vorangetrieben wurden, löste sich Hitler von den militärstrategischen Motiven und wandte sich seinen alten sozialdarwinistischen Wahnideen zu.

Jahrzehntelang hatte er davon geträumt, den osteuropäischen Raum in einen Lebensquell des erneuerten deutsch-germanischen Herrenmenschen umzuwandeln; der Osten sollte, von Slawen und Juden freigemacht, zu dem »deutschen Indien« eines großgermanischen Empire werden. Wie von Sinnen ging Hitler daran, den Traum seines Lebens zu verwirklichen.

In diesem Augenblick muß jene fürchterliche Order entstanden sein, die Hitler mit seinen deutschen Gefolgsleuten zu dem größten Verbrechen europäischer Geschichte vereinte: der Befehl zur Ausrottung des Judentums.

Wann Hitler die »Endlösung der Judenfrage«. wie der Rassenmord zynisch umschrieben wurde, befohlen hat, ist noch heute unbekannt; die Entscheidung dürfte etwa im März/April 1941 gefallen sein. Möglicherweise hat es einen schriftlichen Hitler-Befehl nicht gegeben. Er ergab sich für pervertierte NS-Gehirne sozusagen von selbst.

Die systematische Ausrottung der Juden beschäftigte Hitler, seit er die Richtlinien für den Rußland-Feldzug festlegte; da fiel zum erstenmal der Satz, der Reichsführer-SS Heinrich Himmler habe im Osten die Aufgabe, die jüdisch-bolschewistische Führungsschicht auszurotten. Hitler diktierte Jodl am 3. März 1941: »Die jüdischbolschewistische Intelligenz als bisheriger Unterdrücker des Volkes muß beseitigt werden.«

Das derart in Auftrag gegebene Massenverbrechen trug freilich noch einen Schleier: Hitler verriet noch nicht, daß er später jeden Juden der Ausrottungsmaschine ausliefern wollte -- getreu seiner abstrusen Idee, der Bolschewismus sei ein typisches Produkt des Judentums.

Aber schon am 30. März machte Hitler in der Reichskanzlei 200 hohen Offizieren klar, was ihnen bevorstand. Der Ostfeldzug« so erklärte er, werde der barbarischste Krieg aller Zeiten werden. Hitler: »Bolschewismus ist gleich asoziales Verbrechertum. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Kommissare und GPU-Leute sind Verbrecher und müssen als solche behandelt werden.«

Diagnose des Hitler-Arztes: Fortschreitende Verkalkung.

Zug um Zug trieb der Diktator die SS-Schergen zu immer schrecklicheren Massenmorden. Erst hieß er sie jüdische »Bolschewistenhäuptlinge« vernichten, dann zog er den Kreis der Opfer weiter und weiter: Den Politfunktionären der UdSSR folgte die Intelligenzschicht, ihr alle Beamten, diesen wiederum die Partisanenverdächtigen und schließlich jeder einzelne Jude.

Bald genügte Hitler selbst dies nicht. Er ließ die Fangkommandos der Sicherheitspolizei und des SD durch das ganze deutschbesetzte Europa jagen, um neues »Material« in die Gasöfen von Auschwitz und Maidanek zu schleppen.

Nie brauchte sich der Diktator um die Erfüllung seiner Wahnideen zu sorgen, denn die Mordkommandos des »getreuen Heinrich«, wie Himmler genannt wurde, standen bereit zu jeder Aktion. Ihnen genügte ein Führerbefehl -- auf ihn beriefen sie sich denn auch nach dem Krieg.

Willig folgten auch die Militärs ihrem Führer auf die Schlachtfelder und in die Massengräber des am 22. Juni begonnenen Rußland-Krieges. Noch einmal riß Hitler die Wehrmacht voran; ein Sieg nach dem anderen wurde gemeldet, Mitte Juli 1941 war der Diktator so erfolgstrunken, daß er eine wesentliche Verringerung des Heeres in Aussicht stellte.

In der Tat kamen die Truppen rasch voran; schon nach wenigen Tagen brach die sowjetische Mittelfront zusammen. Als jedoch das OKH Mitte Juli Hitler drängte, sofort zum Vorstoß auf Moskau auszuholen, kam es zum ersten Streit im Führerhauptquartier. Der Diktator wollte auf den Flügeln die militärische Entscheidung suchen, Leningrad erobern und die Rüstungsstätten in der Ukraine besetzen, ehe er Moskau einnahm.

Sechs Wochen lang zögerte Hitler und konnte sich nicht entscheiden, ob er seinen Plan oder den OKH-Vorschlag in Angriff nehmen sollte. Am 21. August entschloß er sich »zum Entsetzen aller beteiligten Offiziere« (so der Panzer-General Guderian), seinen eigenen Plan zu realisieren. Er sagte die Moskau-Offensive ab und ließ die Heeresgruppe Mitte nach Süden abschwenken mit dem Auftrag, die Ukraine zu besetzen.

Auch der folgende Sieg bei Kiew (665 000 sowjetische Kriegsgefangene) konnte die Militärs nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihr Führer eine katastrophale Fehlentscheidung getroffen hatte. General Heusinger klagt: »Die letzte Chance war damit vertan.«

Den Militärs fiel auf, daß Hitler jetzt Fehler und Mißgriffe unterliefen, die früher undenkbar erschienen waren. Er war nervös, steigerte sich in Zornausbrüche und führte sich auf, als stünde er unter dem Einfluß starker Drogen. Allmählich dämmerte den Generalfeldmarschällen und Generalen, daß ihr oberster Kriegsherr sich übernommen hatte. Er war ein kranker Mann.

Tatsächlich fühlte sich Hitler nicht gesund. Er klagte über Magenbeschwerden, Übelkeit und Schüttelfrost, Schwächeanfälle und Durchfall. Hitler hielt sich so mühsam auf den Beinen, daß er einen Helfer rief, dem er sich seit Jahren anvertraute: den Mode- und Prominentenarzt Dr. Theo Morell, Jahrgang 1886, gebürtiger Hesse und Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

Morell untersuchte im August 1941 den »Patienten A«, wie er den 52jährigen Hitler in seiner Kartei nannte: An Hitlers Waden und Schienbeinen stellte er Ödeme fest; ein EKG offenbarte zudem, daß Hitler an einer fortschreitenden Verkalkung der Herzkranzgefäße litt. Der Arzt verordnete ihm wöchentlich zehn Tropfen Cardiazol und Coramin, die auf das Kreislaufzentrum im Gehirn, die Gefäßnerven und Atemzentren wirkten.

Hitler erholte sich allmählich, aber Morell wußte, daß die Besserung nicht lange andauern werde; seit 1936 behandelte er den magen- und darmkranken Führer, den das Mißtrauen plagte, ein todgeweihter Mann zu sein und von seinem Arzt Morell allmählich vergiftet zu werden.

Nicht selten weigerte sich Hitler, ein Medikament zu nehmen, wenn der gedächtnisschwache Morell nicht in der Lage war, die Wirkung genau zu beschreiben. Morell verzweifelte einmal: »Mein Führer, ich habe doch die Verantwortung übernommen, über Ihre Gesundheit zu wachen!« Darauf Hitler: »Morell, wenn mir etwas passieren sollte, so ist Ihr Leben auch nichts mehr wert.«

Dabei hatte Morell seinem Chefpatienten meist helfen können. Er behandelte ihn mit Glyconorm, um die Verdauung pflanzlicher Nahrung zu erleichtern und Blähungen zu verhindern, und verabreichte ihm Glukose zur Kalorien-Ergänzung.

Im Januar 1940 unterzog Morell seinen Führer einer gesundheitlichen Generaluntersuchung, die den Arzt durchaus befriedigte. Bis auf den erheblich erhöhten Blutdruck, eine Schädigung des Herzens (erweiterte linke Herzkammer und Aortageräusche) und gelegentliche Darm- und Magenbeschwerden galt ihm Hitler als ein gesunder Mann.

Winter 1941: Hitler erkennt, daß der Krieg verloren ist.

Die Hektik des Rußland-Feldzuges verschlechterte Hitlers Gesundheit rapide. Zunächst freilich verliehen ihm die von Morell verordneten Putschmittel (Pervitin und Coffein) neuen Schwung; sie regten Hitler zu phantastischen Lagebeurteilungen an, in denen die Realität kaum noch eine Rolle spielte. Jetzt kannte der Feldherr Hitler auch keine

* Mit den Kindern von Hitler-Diener Linge, Hitler-Arzt Brandt, Bormann und Speer.

Bedenken mehr, den inzwischen begonnenen Angriff auf Moskau voranzutreiben.

Er glaubte Ende Oktober 1941, die deutschen Verbände könnten bis zum Einbruch des gefürchteten Winters Moskau erreichen; selbst Hitlers Berater im Führerhauptquartier ließen sich von seinem Optimismus anstecken. Hitler setzte den Angriff fort, ohne Heer und Luftwaffe nennenswerte Verstärkungen zuzubilligen.

Um so heftiger trafen ihn der Beginn des Winters und die sowjetische Gegenoffensive, die erhebliche Einbrüche in der deutschen Front erzielte. Befangen in der Illusion, die Rote Armee sei am Ende, konnte Hitler die Alarmnachrichten von der Front kaum fassen; zum erstenmal kam ihm die Erkenntnis, daß der Krieg nicht zu gewinnen sei. »Als die Katastrophe des Winters 1941/ 1942 hereinbrach«, so weiß Jodl, habe ihm Hitler erklärt, daß nun »kein Sieg mehr errungen werden« könne.

Noch einmal versuchte Hitler, die Initiative an sich zu reißen. Am 5. April 1942 verfügte er, nach dem Ende der Winterschlacht müsse die »Überlegenheit der deutschen Führung und Truppe« sich endgültig durchsetzen; die den »Sowjets noch verbliebene Wehrkraft« sei zu vernichten und »ihnen die wichtigsten kriegswirtschaftlichen Kraftquellen so weit als möglich zu entziehen«.

Hitler hat Angst vor den Intrigen seiner Mitarbeiter.

Die deutschen Divisionen brachen erneut auf, aber sie konnten ihre Ziele wiederum nicht erreichen. Zwar kam die Spitze der 6. Armee unter Generaloberst Paulus bis Stalingrad. doch der Keil, den die Armee in die sowjetische Verteidigungsfront vorgetrieben hatte, war derart schmal und in den Flanken so ungenügend gesichert, daß der Heeres-Generalstab vor den Gefahren eines russischen Gegenstoßes warnte.

Hitler aber verließ sich starrsinnig auf sein Glück und weigerte sich, die Rücknahme der 6. Armee zu befehlen. Dann war es zu spät: Die Truppe konnte Stalingrad nicht einnehmen, am 19. November begann die Gegenoffensive der Roten Armee, die ihre Angriffszangen im Rücken der deutschen Armee schloß. Die Paulus-Armee war verloren.

Am 31. Januar 1943, zehn Jahre nach Hitlers Machtergreifung, kapitulierte die 6. Armee. Adolf Hitler hatte die vielleicht entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges verloren, der Bann der großdeutschen Militärmacht war gebrochen. Vor seinen engsten Vertrauten ließ Hitler durchblicken, daß er sich für die Katastrophe verantwortlich fühle. Der Militärarzt Dr. Erwin Giesing, der ihn seit 1944 behandelte, notierte sich Hitler-Worte:

Als die Lage um Stalingrad im Dezember 1942 schlechter wurde, hat mich die Luftwaffe im Stich gelassen, obwohl Göring mir erklärte, daß er die gesamte Versorgung der 6. Armee in Stalingrad für mindestens 6 bis 8 Wochen garantieren könne. Hinzu kommt, daß ich gerade in den kritischen Tagen von Stalingrad, als oben die Italiener und unten die Rumänen die Front nicht halten konnten, nicht erreichbar war, da ich mit meinem Sonderzuge unterwegs war. Ich habe etwa 24 Stunden nicht selbst führen können, und als ich von dem Unglück erfuhr, war es bereits zu spät.

Bestürzt beobachteten die Ärzte, daß Hitler nach dem Stalingrad-Debakel immer mehr verfiel. Seine Augen waren glanzlos und quollen hervor, sein Blick war starr: auf den Wangen zeigten sich rote Flecken. Er ging gebückt -- Folge einer leichten Kyphose der Brustwirbelsäule und einer Verbiegung des Rückgrats.

Ein altes Leiden aus dem Ersten Weltkrieg war zudem wieder zurückgekehrt: Der linke Arm und das linke Bein Hitlers zitterten und waren nur schwer zu bewegen. Oft mußte er sich mühsam in den Lageraum des Führerhauptquartiers schleppen, in dem täglich zweimal die militärischen Besprechungen stattfanden.

Die Offiziere und Parteifunktionäre in Hitlers Umgebung merkten bald, daß er seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen war. Hitler erregte sich schneller als zuvor und reagierte jähzornig auf Einwände und unvorhergesehene Situationen. Starr hielt er an eigenen Einfällen und Vorstellungen fest, auch wenn sie durch neue Entwicklungen an der Front längst überholt waren. Seit Ende 1942 ohne strategische Konzeption, verbiß er sich in einen sterilen Verteidigungskrieg.

Von jetzt an scheute Hitler fast jedes Risiko; er gab eroberte Gebiete nie freiwillig preis, konnte sich nicht entschließen. Nebenfronten zugunsten wichtiger Kriegsschauplätze zu entblößen, und schob unangenehme Entscheidungen tagelang hinaus. Die Verteidigung jedes Quadratmeters wurde zum alleinigen Prinzip der militärischen Führung,

Anderslautende Ratschläge wies Hitler brüsk zurück, denn in ihm bohrte immer mehr das Mißtrauen, seine engsten Mitarbeiter wollten ihn hintergehen. Das war nicht zuletzt eine Folge des Augenleidens, unter dem Hitler litt. Der Berliner Augenspezialist Walter Lohlein hatte im Glaskörper von Hitlers rechtem Auge Blut entdeckt und eine starke Trübung des Auges diagnostiziert. Löhlein empfahl Bestrahlungen und verordnete Mittel: Homatropin für das rechte, Veritol für das linke Auge.

Hitler mußte von nun an eine Zweistärkenbrille tragen, deren Gläser -- damals noch eine Seltenheit -- verschiedene Dioptrien hatten. Doch der Diktator setzte die Brille ungern auf; statt dessen erschien er zu den Lagebesprechungen oft mit einer übergroßen Lupe.

Jenseits seines verengten Blickfelds aber witterte er Mächte und Intriganten, die seinen Sturz erstrebten. Hitler traute kaum noch einem seiner vielen Mitarbeiter; klein wurde der Kreis jener Männer, denen er seine Ideen und Überlegungen offenbarte. Martin Bormann, seit dem Umbau des Berghofs die »graue Eminenz« Hitlers« gehörte dazu, ebenso Albert Speer, der 1942 -- als der Krieg verloren war -- den Auftrag erhalten hatte, die deutsche Rüstungswirtschaft endlich auf den totalen Krieg umzustellen.

Auch der Hitler-hörige SS-Chef Himmler, pedantisch und stets übereifrig, fand jetzt bei Hitler mehr Gehör als in Friedenszeiten. Er wußte seinen Führer durch allerlei Aufmerksamkeiten und Sonderdienste zu erfreuen. Himmler spezialisierte sich auf Nachforschungen über die Hitler-Vergangenheit, denn die Gedanken des greisenhaft gewordenen Diktators kreisten immer häufiger um die Jugendzeit.

Da tauchten zum Beispiel drei Hitler-Aquarelle aus der Wiener Zeit auf, die dem Diktator nicht mehr gefielen. Himmler erhielt den Auftrag, die Bilder »Heiligenkreutzerhof«, »Kannitzberg« und »Das Rathaus« aus der Welt zu schaffen. Am 27. Oktober 1942 diktierte Himmler einen Aktenvermerk:

Die drei angeblichen Aquarelle aus der Hand des Führers sind heute auf meine Anordnung hin, der eine Weisung des Führers zugrunde lag, vernichte worden. Ebenso habe ich die eidesstattliche Versicherung über die Echtheit dieser Aquarelle vernichtet.

SD-Chef Schellenberg: Der Führer muß weg.

Als Himmler erfuhr, in Wien lebe eine Frau namens Lukas, die Briefe aus Hitlers Jugendzeit besitze und sie im Bekanntenkreis herumreiche, alarmierte er die Gestapo. Himmler wollte mit der Frau verhandeln, doch die Gestapo kam zu spät. Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD meldete Himmler am 24. März 1943:

Weisungsgemäß habe ich wegen des Ankaufs der Briefe des Führers mit der Ehefrau Lukas in Wien Verbindung aufnehmen lassen. Ich habe hierbei Kenntnis davon erhalten, daß die Originalbriefe auf den ausdrücklichen Antrag des Reichsleiters Bormann bereits am 4. 9. 42 gegen Empfangsbestätigung an den Stellvertretenden Gauleiter Niederdonau, SS-Oberführer Gerland, übergeben wurden.

Je mehr freilich der SS-Chef seinen Führer bediente, desto häufiger kam selbst ihm der Zweifel, ob der Führer des Großdeutschen Reiches noch ganz normal sei. Himmler begann, Berichte über Hitlers Krankheit zu sammeln: Bald lag in seinem Safe ein 26seitiges Dossier, in dem sogar -- fälschlich -- behauptet wurde, Hitler leide an der Syphilis und sei von progressiver Paralyse bedroht.

Himmler hatte auf einmal eine schaurige Vision: Ein verrückter Führer stürze sie alle, Partei und Staat, ins Verderben. Schon 1942 fragte er seinen Leibarzt, den Masseur Felix Kersten, ob Hitler geistesgestört sei. Kersten will geantwortet haben, Adolf Hitler gehöre dringend in eine Nervenheilanstalt, nicht aber ins Führerhauptquartier.

Ein anderer Besucher Himmlers, der SD-Chef Walter Schellenberg, wußte eine einfachere Antwort: Der Führer muß weg. Er hatte eine genaue Vorstellung darüber, wie man sich Hitlers entledigen konnte. Schluß folgt:

Die SS will Hitler kidnappen und an die westlichen Alliierten ausliefern -- Der 20. Juli 1944: Hitler über das Attentat in der Lagebaracke -- Das Ende im Berliner Führerbunker

Werner Maser
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