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Adolf Hitler: »Aufriß über meine Person«

aus DER SPIEGEL 14/1973

Müde kam der gescheiterte Kunststudent nach Linz zurück, verärgert über das Mißgeschick, das ihm in Wien widerfahren war: Er hatte die Aufnahmeprüfung nicht bestanden. Resigniert erzählte er eines Tages der Besitzerin des Hauses, in dem er wohnte, von seinem Malheur.

Die Frau wußte Rat: Ihre Mutter kenne den Bühnenbildner der Wiener Kunstgewerbeschule, Professor Alfred Roller, der sicherlich bereit sein werde, dem Studenten weiterzuhelfen. Sie bat ihre in Wien lebende Mutter, sie möge dem jungen Mann ein Empfehlungsschreiben an Roller zur Verfügung stellen.

»Der Sohn einer Partei von mir«, so stellte sie den Kandidaten vor, »wird Maler, studiert in Wien seit Herbst, er wollte in die k.u.k. Akademie der Bildenden Künste, fand dort aber keine Aufnahme mehr. Er ist ein ernster strebsamer junger Mensch, 19 Jahre alt, reifer, gesetzter über sein Alter, nett und solid, aus hochanständiger Familie. Die Familie heißt Hitler, der Sohn, für den ich bitte, heißt Adolf Hitler.«

Die Mutter wandte sich daraufhin an Roller, der sich einverstanden erklärte, Hitler zu empfangen. Überschwenglich dankte die Tochter der einflußreichen Mama in einem neuen Brief.

© 1973 Econ-verlag, Düsseldorf.

»Du wärst für Deine Mühe belohnt gewesen«, berichtete sie, »wenn Du das glückliche Gesicht des jungen Menschen gesehen hättest, als ich ihm sagte, daß Du ihn an Direktor Roller empfohlen hast, daß er sich bei ihm vorstellen darf! Ich gab ihm Deine Karte und ließ ihn Direktor Rollers Brief lesen, Da hättest Du den Jungen sehen sollen. Langsam, Wort für Wort, als ob er den Brief auswendig lernen wollte, wie mit Andacht, ein glückliches Lächeln im Gesicht, so las er den Brief, still für sich.«

Artig verfaßte Hitler einen Dankesbrief an die Gönnerin in Wien: Hochverehrte gnädige Frau!

Drücke Ihnen hiermit, hochverehrte gnädige Frau, für Ihre Bemühungen, mir Zutritt zum großen Meister der Bühnendekoration, Prof. Roller, zu verschaffen, meinen innigsten Dank aus. Es war wohl etwas unverschämt von mir, Ihre Güte, gnädige Frau, so stark in Anspruch zu nehmen, wo Sie dies doch einem für Sie ganz Fremden tun mußten. Um so mehr aber bitte ich auch meinen innigsten Dank für Ihre Schritte, die von solchen Erfolgen begleitet waren, sowie für die Kette, welche mir gnädige Frau so liebenswürdig zur Verfügung stellten, entgegennehmen zu wollen. Ich werde von der glücklichen Möglichkeit sofort Gebrauch machen. Also nochmals meinen tiefgefühltesten Dank, und ich zeichne mit ehrerbietigem Handkuß

Adolf Hitler

Diese drei Briefe aus dem Jahre 1908 bezeugen, daß sich der Start von Adolf Hitlers grandios-makabrer Karriere anders vollzogen hat, als es die meisten seiner Biographen wahrhaben wollen. Sie suchen die Ursprünge des großdeutschen Führers auf den Baugerüsten und in den Obdachlosenasylen Wiens, sie stellen sich den jungen Hitler als Hungerleider, als Gammler vor -- zu Unrecht, wie die Briefe zeigen: Hitlers Laufbahn begann in den Salons und guten Stuben der bürgerlichen Gesellschaft.

In Wien standen einflußreiche Gönner bereit, dem Sohn des angesehenen Staatsbeamten den Weg zu einer aussichtsreichen Karriere zu ebnen. Schon zuvor hatte ihm der Rektor der Kunstakademie, Professor Siegmund l'Allemand, bedeutet, seine Fähigkeit liege »doch ersichtlich auf dem Gebiete der Architektur«.

Auch Professor Roller war offenbar von Hitler beeindruckt und empfahl ihn weiter an den Bildhauer Panholzer, der Hitler auf eine neue Aufnahmeprüfung vorbereitete. Die Linzer Gönnerin strahlte: »Ein solches Glück hat nicht jeder junge Mensch, Hitler wird es wohl zu schätzen wissen!«

Solche und andere Erkenntnisse sind in neuentdeckten Dokumenten nachzulesen, die das gängige Hitler-Bild in wesentlichen Punkten korrigieren. Sie offenbaren einen Hitler, wie ihn bisher kaum ein Biograph kannte. Zum erstenmal lernt die Nachwelt den privaten Hitler kennen, gleichsam Hitlers Hitler, denn die neuen Papiere zeigen Hitler, wie er sich selbst gab. Nirgendwo sonst hat er so unmittelbar wie hier überliefert, was er empfand und dachte, wenn er nicht die Absicht hatte, seine Umwelt zu beeinflussen.

Nach der Veröffentlichung meiner Hitler-Biographie im Herbst 1971 erhielt ich aus dem In- und Ausland zahlreiche Hitler-Briefe und Hitler-Notizen von so ungewöhnlicher Bedeutung, daß ich beschloß, sie gemeinsam mit anderen, bereits bekannten Dokumenten zu einer Art unfreiwilliger Autobiographie Adolf Hitlers zusammenzustellen. Ich muß gestehen, daß mir die Dokumente Überraschungen bescherten, mit denen ich nicht gerechnet hatte.

Die Briefe, Postkarten und Notizen, die Hitler zwischen 1906 und 1943 schrieb, sind für seine Selbsteinschätzung weit wichtiger als die meisten seiner offiziellen Selbstdarstellungen. Nahezu ausnahmslos haben seine Briefe und Karten autobiographischen Charakter, auch wenn sie wahrscheinlich nicht so gedacht waren.

Auf die Interessen und Wünsche der Korrespondenzpartner ging Hitler nur ein, wenn er sich für Geschenke und Glückwünsche bedankte, wenn er politische Fragen beantwortete oder um etwas gebeten wurde. So bleiben denn auch Hitlers Briefpartner und deren Probleme meist farblos im Dunkel, blasse Schattenbilder hinter den in Hitlers Korrespondenz meist nur stichwortartig wiederholten Fragen.

In Briefen und Karten konnte Hitler seine Vorstellungen so formulieren, wie es ihm jeweils paßte, konnte er vom geraden Wege abschweifen und Gedankensprünge machen. Selten fragte er, selten suchte er eine Antwort von außen zu hören. Er überließ scheinbar alles dem Zufall.

Einmal allerdings. am 29. November 1921, hielt er es für geboten, seinen Briefpartner ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß er nur über sich selbst reden und »einen kurzen Aufriß über meine Person« geben wolle.

»Ich bin«, schrieb er in jenem Brief, der erst drei Jahrzehnte nach Hitlers Ende in vollem Wortlaut bekannt wurde, »am 20. April 1889 in Braunau a. Inn als Sohn des dortigen Postoffizials Alois Hitler geboren. Meine gesamte Schulbildung umfaßte fünf Klassen Volksschule und vier Klassen Unterrealschule. Ziel meiner Jugend war, Baumeister zu werden, und ich glaube auch nicht, daß, wenn mich die Politik nicht gefaßt hätte, ich mich einem anderen Beruf jemals zugewandt haben würde. Da ich, wie Sie wahrscheinlich wissen, bereits mit 17 Jahren väterlicher- und mütterlicherseits verwaist war, im übrigen ohne jedes Vermögen dastand, mein gesamter Barbetrag bei meiner Reise nach Wien betrug rund 80 Kronen, war ich gezwungen, sofort als gewöhnlicher Arbeiter mir mein Brot zu verdienen.«

Hitler fährt fort: »Ich ging als noch nicht 18jähriger als Hilfsarbeiter auf einen Bau und habe nun im Verlaufe von 2 Jahren so ziemlich alle Arten von Beschäftigungen des gewöhnlichen Taglöhners durchgemacht. Nebenbei studierte ich, soweit meine Mittel es zuließen, Kunstgeschichte, Kulturgeschichte, Baugeschichte und beschäftigte mich nebenbei mit politischen Problemen. Aus einer mehr weltbürgerlich empfindenden Familie stammend, war ich unter der Schule der härtesten Wirklichkeit in kaum einem Jahr Antisemit geworden.«

Und weiter: »Unter unendlicher Mühe gelang es mir, mich nebenbei als Maler soweit auszubilden, daß ich durch diese Beschäftigung von meinem 20. Lebensjahr ab ein, wenn auch zunächst kärgliches, Auskommen fand. Ich wurde Architektur-Zeichner und Architektur-Maler und war praktisch mit meinem 21. Lebensjahr vollkommen selbständig. 1912 ging ich in dieser Eigenschaft dauernd nach München.«

Hier war bereits formuliert, was später die Historiker und Biographen so gläubig nachschrieben: die Legende vom armen Tagelöhner und Hilfsarbeiter Hitler. In Wahrheit waren die von dem Briefschreiber mitgeteilten »Tatsachen« zurechtfrisiert -- aus politischer Berechnung.

Tatsächlich war Hitlers Vater nicht Postoffizial, sondern Zollamtsoberoffizial (entspricht einem heutigen Oberamtmann) gewesen, der seiner Familie ein sorgenloses Leben ermöglicht hatte. Das repräsentative Elternhaus im oberösterreichischen Hafeld, der Respekt, den die Dorfbewohner dem Staatsbeamten Alois Hitler entgegenbrachten, aber auch eigene Leistungen in der Schule erschlossen dem jungen Hitler eine Welt, in der Besitz, Leistung, Einfluß, Schein und Ansehen entscheidend waren.

Im Juli 1897 verkaufte Hitlers Vater sein Hafelder Anwesen und zog mit der Familie zunächst nach Lambach an der Traun, ein Jahr darauf in das Dorf Leonding bei Linz. Ein erster Schatten fiel auf den jungen Hitler: Immer mehr konzentrierte der ehrgeizige Vater seine Hoffnung darauf, auch Adolf werde einmal Beamter werden -- Adolf aber erträumte sich eine Künstlerkarriere.

Je mehr nun Alois Hitler drängte, desto unbeherrschter setzte sich der Sohn zur Wehr. Solange er noch die Leondinger Volksschule besuchte, lernte er willig; der von seinem Vater im September 1900 forcierte Eintritt in die Linzer Realschule aber offenbarte jäh einen anderen Wesenszug Hitlers.

Zwei Zeichnungen des Schülers dokumentieren die Zäsur in seinem Leben: eine Wallenstein-Zeichnung, kurz vor dem Abschluß der 5. Klasse der Volksschule in Leonding angefertigt, und eine Karikatur, die er einige Monate später von einem seiner Lehrer auf der Realschule in Linz entwarf. Sie spiegeln Hitlers Verhältnis zu der jeweiligen Schule wider.

Die Wallenstein-Skizze des elfjährigen Hitler vom 26. März 1900 läßt erkennen, daß der Junge kaum Probleme hat; noch ist er mit sich und der Welt zufrieden. Anders die Lehrer-Karikatur: Sein Widerwille gegen die Realschule und die Verachtung, die er deren Lehrern entgegenbrachte, sind hier in wirkungsvoll kraß schwarzweißmalen -- der Manier ausgedrückt.

»Abneigung gegen eine reguläre und intensive Arbeit.«

Seine Leistungen in der Realschule ließen denn auch rasch nach, Hitler fing an zu bummeln. Später erinnerte er sich: »Ich war fünfzehn auf sechzehn. Es war das Zeitalter, wo man auch gedichtet hat. Ich bin in alle Panoptiken und überall hin, wo stand: Nur für Erwachsene! Man will alles ergründen in einer gewissen Zeit. Da bin ich einmal in Linz am Südbahnhof abends in ein Filmtheater: ein unglaublicher Kitsch. In einer Wohltätigkeitsvorstellung wurden zweideutige Filme gezeigt. An sich war es ein Mist. Mein Lehrer Sixtl war auch drin und sagte zu mir: »Sie spenden also auch fürs Rote Kreuz!' -- »Ja, Herr Professor.« Er hat gelacht.«

Obwohl Sixtl meinte, Hitler habe in einigen Fächern mehr gewußt als mancher Lehrer, ließ er seinen Schüler sitzen. Ärgerlich verstärkte der Vater seinen Druck auf den Sohn, die Auseinandersetzungen zwischen den beiden wurden immer unerquicklicher -- bis der Tod des Vaters im Januar 1903 Adolf von aller Pression befreite. Ein paar Wochen später kam Hitler in ein Linzer Schülerheim, die »schönsten Jahre meines Lebens« (so Hitler 1933) begannen.

Mit seinen Freunden Fritz Seidl, Fritz Lauböck und den Brüdern Haudum heckte er »unerträgliche Streiche« aus, wie er es in »Mein Kampf« nannte. Zugleich freilich wurde ein Wesenszug deutlich, der später vor allem seine Mitarbeiter irritierte: die Abneigung gegen eine reguläre und intensive Arbeit. Er brillierte nur auf Gebieten, die keine anstrengende Arbeit voraussetzten. Seine Leistungen wurden von Veranlagung, Interesse und improvisiertem Engagement bestimmt. Während des Unterrichts in der Schule arbeitete er nur unregelmäßig mit -- er flüchtete sich lieber ins Schülerheim zu den Spielkumpanen.

Den Freunden aus dieser Zeit bewahrte er lange echte Sympathie. Die Briefe mancher Freunde beantwortete er noch in den zwanziger Jahren ungekünstelt freundschaftlich, ging auf Jugendstreiche der Linzer Zeit ein und duldete sogar die Du-Form.

1923 schrieb er an den Regierungsrat Lauböck: »Mit unendlicher Freude erhielt ich gestern Deine lieben Zeilen, die mich an die sonnige Lausbubenzeit erinnerten, die wir beide im Verein mit anderen verbrochen haben. Ich war erst neulich in Linz und bin dabei durch all die alten Straßen und Gäßchen vorbei an unserem alten Grabenhaus und habe zufällig auch dabei an Dich gedacht.«

Und in einem Brief an einen anderen Freund, August Kubizek, schrieb der Reichskanzler Hitler noch am 4. August 1933:

Mein lieber Kubizek!

Erst heute wird mir Dein Brief vom 2. Februar vorgelegt. Umso größer war meine Freude, zum ersten Mal nach so vielen Jahren eine Nachricht über Dein Leben und Deine Adresse zu erhalten. Ich würde sehr gerne -- wenn die Zeit meiner schwersten Kämpfe vorüber ist -- einmal persönlich die Erinnerung an diese schönsten Jahre meines Lebens wieder wachrufen. Vielleicht wäre es möglich, daß Du mich besuchst.

Dir und Deiner Mutter alles Gute wünschend bin ich in Erinnerung an unsere alte Freundschaft

Dein Adolf Hitler

Mit Kubizek verband ihn eine entscheidende Phase seines Lebens: der Abschied von Linz, die ersten Jahre in Wien. Nach dem Verlassen der Schule -- er war im Herbst 1905, inzwischen an der Staatsoberrealschule in Steyr, wegen einer Krankheit ausgeschieden -- hatte er begonnen, sich auf eine Künstlerkarriere vorzubereiten, freilich lässig und ohne sonderliche Energie.

Hitler ließ sich Zeit und machte Urlaub bei seinen Verwandten, Bauern in dem Grenzdorf Spital. Die Schwäche nach seiner Krankheit hinderte die Mutter daran, ihn zum baldigen Beginn des Studiums an der Wiener Akademie der Bildenden Künste zu drängen, zumal die Aufnahmeprüfungen für 1905 bereits stattgefunden hatten. Er konnte sich frühestens im Herbst 1906 an der Aufnahmeprüfung beteiligen, und er erwog es auch.

Doch er hatte keine Lust, schon so früh sein Bummelleben aufzugeben und sich wieder in einen Rhythmus einzuordnen, den nicht er selbst bestimmen konnte. Lieber genoß er die Freiheit und das Nichtstun, die »Hohlheit des gemächlichen Lebens« (Hitler). Dabei gewann er die Freundschaft eines anderen dilettierenden Jung-Künstlers: August Kubizek.

»Morgen in den Tristan, übermorgen in den Fliegenden Holländer usw.«

Der Linzer Kubizek hatte zunächst im väterlichen Tapeziergeschäft gearbeitet und dann die Liebe zur Musik entdeckt. Gemeinsam hörten sie Konzerte und spähten hinter Stefanie her, Adolfs blonder Schüler-Liebe, die er freilich nicht anzusprechen wagte und der er nach seinem Weggang von Linz auf Postkarten den Decknamen »Renkieser« gab.

Sehr spät begriff Kubizek, wen er sich zum Freund auserkoren hatte: »Naturgemäß«, schrieb er 1953, »bedeutete ich Adolf viel weniger, als er mir bedeutet hat. Vor allem aber hatte mich Adolf als willigen Zuhörer schätzen gelernt. Für ihn und das, was er vorhatte, blieben meine Ansichten ganz belanglos. Er brauchte mich ja bloß, um zu sich selbst sprechen zu können.«

Als Hitler im Mai 1906 nach Wien fuhr, um die Chancen an der Kunstakademie zu erkunden, ließ er den Kontakt zu seinem braven Zuhörer nicht abreißen. Kaum war Hitler in der Stadt angelangt, da informierte ein Kartengruß den zurückgebliebenen Freund: »Ich bin also gut angekommen, und steige nun fleißig umher. Morgen gehe ich in die Oper in Tristan übermorgen in Fliegenden Holländer usw. Trotzdem ich alles sehr schön finde sehne ich mich wieder nach Linz. Heute ins Stadttheater.«

Am 7. Mai 1906 eine neue Karte Hitlers, diesmal mit Impressionen von einem Besuch der Oper: »Nicht erhebend ist das Innere des Palastes. Ist außen mächtige Majestät, welche dem Bau den Ernst eines Denkmals der Kunst aufdrücken, so empfindet man im Innern eher Bewunderung, die Würde. Nur wenn die mächtigen Tonwellen durch den Raum fluten und das Säuseln des Windes dem furchtbaren Rauschen der Tonwogen weichen, dann fühlt man Erhabenheit.«

Er hatte jedoch bald Heimweh: »Es zieht mich doch wieder zurück nach meinem lieben Linz und Urfar. Will oder muß den Benkieser wiedersehen. Was er wohl macht, also ich komme Donnerstag, um 3,55 in Linz an. Wenn Du Zeit hast und darfst, hole mich ab.«

Hitler pilgerte von einem Museum zum anderen, doch die Aufnahmeprüfung interessierte ihn nicht mehr. Er fuhr im Juni nach Linz zurück, wo die Familie seit ihrem Wegzug von Leonding in einem Mietshaus wohnte. Hitler bummelte weiter: Er nahm Klavierunterricht, besuchte jede Wagner-Aufführung, schrieb Gedichte, komponierte, entwarf Theaterbauten und las alles, was ihm unter die Hände kam.

»Bücher, immer wieder Bücher!« erzählt Kubizek. »Ich kann mir Adolf gar nicht ohne Bücher vorstellen. Daheim stapelte er sie um sich auf. Er mußte ein Buch, das ihn beschäftigte, immer um sich haben. Auch wenn er nicht gerade drin las, mußte es doch für ihn gegenwärtig sein.« Er las Shakespeare, Goethe, Schiller und Herder, er studierte Renan und Rosalti, Ibsen und Zola.

Hitler erzählte später häufig, er habe stets eine besondere Vorliebe für Karl May gehabt. 1933/34 las der Kanzler angeblich alle 60 May-Bände noch einmal. Hitler hat den Volksschriftsteller offenbar nicht nur als unterhaltsame Lektüre angesehen. Seinem Neffen Heinz Hitler, dem Sohn seines Halbbruders Alois, schenkte er während dessen Ausbildung an einer »Nationalpolitischen Erziehungsanstalt« eine vollständige Karl-May-Ausgabe.

Erst im September 1907 raffte sich Hitler auf, an der Allgemeinen Malerschule der »Akademie der Bildenden Künste« die Aufnahmeprüfung abzulegen. Den schwierigsten Teil der Prüfung (die Bewältigung von zwei »Kompositions-Aufgaben« in Klausuren von je drei Stunden) bestand er, die mitgebrachte »Probezeichnung« befriedigte die Prüfer nicht. Mit ihm fielen 85 von 113 Kandidaten durch.

Hitler legte ein »Pack Zeichnungen« vor, die er zuvor in Linz angefertigt hatte. Unter diesen Arbeiten befanden sich nur wenige Figuren und Köpfe; der Prüfer entschied, Hitler könne zum Studium an der Akademie nicht zugelassen werden. In der »Klassifikationsliste der Allgemeinen Malerschule 1905-1911« findet sich die Eintragung:

Adolf Hitler, geb. in Braunau/Inn, Oberösterreich am 20. April 1889, deutsch, kath. Eltern: k.u.k. Oberoffizial, Probez. ungenügend, wenig Köpfe.

Hitler bewarb sich daraufhin um die Zulassung zum Studium an der Architekturschule der Akademie, doch ihm fehlte die Voraussetzung dazu: eine abgeschlossene Schulbildung. Im November 1907 fuhr er nach Linz zurück und übernahm die Pflege seiner erkrankten Mutter, die schon vom Tode gezeichnet war.

»Die ehrfurchtsvoll Gefertigten bitten um gütige Zuweisung.«

Zum erstenmal leistete er ernsthafte Arbeit: Er führte den Haushalt, überwachte die Schularbeiten seiner Schwester Paula, wusch, scheuerte und kochte das Essen für die Familie. Der jüdische Hausarzt Dr. Eduard Bloch wußte nachher noch: »In innigster Liebe hing er an seiner Mutter, jede ihrer Bewegungen beobachtend, um rasch ihr kleine Hilfeleistungen angedeihen lassen zu können. Sein sonst traurig in die Ferne blickendes Auge hellte sich auf, wenn die Mutter sich schmerzfrei fühlte.«

Ein paar Wochen später war Hitlers Mutter tot. »Adolf und Paula Hitler«, so ließ er auf die Todesanzeige drucken, »geben in ihrem eigenen sowie im Namen der übrigen Verwandten von dem Ableben ihrer innigstgeliebten, unvergeßlichen Mutter, beziehungsweise Schwiegermutter, Großmutter und Schwester, der Frau Klara Hitler, k.u.k. Zollamts-Oberoffizials-Witwe, die am 21. Dezember 1907 um 2 Uhr früh entschlafen ist«, Nachricht.

Jetzt war Hitler entschlossen, sein Glück in Wien zu machen. Es begannen jene »Wiener Lehr- und Leidensjahre« (Hitler), die von den Biographen fast immer pauschal verzeichnet worden sind. Der junge Hitler war nicht der arme Student, der sich durch seiner Hände Arbeit den Lebensunterhalt verdiente, wie in »Mein Kampf« nachzulesen ist; er war freilich auch nicht der hoffnungslos verkommene Tagedieb, als der er in der antifaschistischen Kampfliteratur figuriert.

Hitler flunkerte, als er später in »Mein Kampf schrieb: »Not und harte Wirklichkeit zwangen mich nun, einen schnellen Entschluß zu fassen. Die geringen väterlichen Mittel waren durch die schwere Krankheit der Mutter zum großen Teil verbraucht worden.« In Wahrheit reiste Hitler als nicht schlecht gestellter Bürgersohn nach Wien.

Noch vor der Abreise hatte er sich eine zusätzliche Geldquelle erschlossen. Am 10. Februar 1908 schrieb er an die Linzer Finanzdirektion und bat um die Gewährung der Waisenrente für sich und seine Schwester Paula, die er -- vorsätzlich oder irrtümlich -- um zwei Jahre jünger machte: Hohe kk Finanz Direktion!

Die ehrfurchtsvoll Gefertigten bitten hiermit um gütige Zuweisung der ihnen gebührenden Waisenpension. Beide Gesuchsteller welche ihre Mutter als kk Zolloffizials Witwe am 21. Dezember 1907 durch Tod verloren, sind hiermit ganz verwaist, minderjährig und unfähig sich ihren Unterhalt selbst zu verdienen. Die Vormundschaft über beide Gesuchsteller, von denen Adolf Hitler am 20. April 1889 zu Braunau am Inn, Paula Hitler am 21. Jänner 1898 zu Fischlham bei Lambach Ob. Ost. geboren ist, führt Herr Joseph Mayrhofer in Leonding b. Linz. Beide Gesuchsteller sind nach Linz zuständig. Es wiederholen ihre Bitte ehrfurchtsvoll Adolf Hitler Paula Hitler

Bald konnte Hitler so sorgenfrei leben, daß er des Zuschusses nicht mehr bedurfte. Im Mai 1911 verzichtete der 22jährige Hitler, dem die Waisenrente gesetzlich bis zum 19. April 1913 zustand, beim Linzer Bezirksgericht freiwillig auf seinen Anteil von monatlich 25 Kronen zugunsten seiner Schwester Paula und erklärte, daß »er sich selbst erhalten« könne. Der Verzicht kann ihm nicht schwergefallen sein, denn er verfügte noch über andere Geldmittel.

Daß er 1908 auch aus dem Nachlaß seiner Mutter noch mit einer erklecklichen Summe bedacht worden ist, hat er niemals erwähnt. Im Juni 1905 hatte Klara Hitler das Leondinger Haus für 10 000 Kronen (8510 Mark) verkauft, wobei der Käufer nur 7480 Kronen an sie zu zahlen brauchte, da das Gehöft noch vom Vorgänger mit einer Hypothek von 2520 Kronen belastet war.

1304 Kronen waren als Erbteil für Adolf und Paula abzurechnen, so daß Adolfs Mutter der Betrag von 5500 Kronen verblieb. Darüber hinaus hatte sie seit 1903 eine jährliche Witwenpension von 1200 Kronen (1021 Mark) erhalten, wozu seit 1905 jährlich mindestens 220 Kronen kamen, die sie als Zinsen für das Bargeld aus dem Hausverkauf erhielt, so daß sie ohne Schmälerung des Barvermögens über mehr Geld verfügte, als sie. Adolf und Paula verbrauchten.

Alois Hitler hatte vor seiner Pensionierung ein Jahresgehalt von 2600 Kronen und danach eine Pension von 2196 Kronen bezogen. Frau Hitler und ihren Kindern Adolf und Paula standen (neben dem Barvermögen aus dem Verkauf des Hauses) monatlich rund 120 Kronen zur Verfügung, wozu Zinsen aus einem Erbe von ihrer Tante Walburga Hitler aus Spital hinzugekommen sein dürften. Das Testament der Bäuerin Walburga Hitler.

Erst im August 1969 fand sich bei einem Vetter Adolf Hitlers ein zwischen 1897 und 1903 von einem Gerichtsschreiber aus Weitra im Waldviertel verfaßtes Testament der Bäuerin Walburga Hitler, die im Haus 36 in Spital kinderlos und vermögend verstorben war. In diesem Testament hatte die Erblasserin bestimmt, daß ihre Schwester Johanna Pölzl nach ihrem Tode ihr gesamtes Vermögen erben solle.

Für den Fall, daß diese Schwester vor ihr verstürbe, sollten deren Töchter Klara, Johanna und Theresia erbberechtigt sein. Johanna, die Universalerbin Walburgas, starb am 8. Februar 1906, womit das Vermögen auf ihre drei Töchter überging, von denen Klara, Adolf Hitlers Mutter, bereits im Dezember 1907 verschied, so daß dieser Teil des Erbes ausschließlich an Adolf und Paula Hitler fiel.

Monatlich erhielt Hitler 58 Kronen aus dem väterlichen Erbteil, wozu 25 Kronen Waisenrente kamen. Die Beträge aus den (Walburga-Hitler-)Erbschaften von seiner Tante Johanna Pölzl und seiner Mutter, die er darüber hinaus erhielt, sicherten ihm ein gutes Auskommen.

Für sein Wiener Zimmer zahlte Hitler monatlich 10 Kronen (8,50 Mark) Miete. Ein Jurist bekam damals nach einer einjährigen Tätigkeit am Gericht monatlich 70 Kronen, ein junger Lehrer in den ersten fünf Dienstjahren monatlich 66 Kronen, ein Postangestellter 60 Kronen.

Das »harte Schicksal«, von dem Hitler gerne sprach, hatte zumindest keine wirtschaftlichen Gründe. Er ging denn auch, durch die Vermittlung der Linzer Hauswirtin an den einflußreichen Bühnenbildner Roller empfohlen, optimistisch nach Wien.

Was er in der Schule angeblich absichtlich nicht gewollt hatte, tat er jetzt: Er arbeitete emsig, konsequent und zielgerichtet. Bei dem Bildhauer Panholzer, der hauptberuflich Lehrer an einer Oberschule und erfahrener Pädagoge war, nahm er Kunstunterricht, um die Zeit bis zur nächsten Aufnahmeprüfung an der Akademie nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Offenbar wurde Panholzer ihm von Roller empfohlen, den er rund 30 Jahre später als einen seiner Lehrer bezeich-

* Gemälde, das bei Kriegsende von alliierten Truppen auf Hitlers Obersalzberg gefunden wurde.

nete. Als Rotlers Sohn Anfang 1942 an der Ostfront fiel, meditierte Hitler in der »Wolfsschanze« über die Unersetzbarkeit von Künstlern und warf dem Wiener Reichsstatthalter Baldur von Schirach vor, den Einsatz des jungen Bühnenbildners nicht verhindert zu haben . »Schießt so ein russischer Idiot einen solchen Mann über den Haufen«, schimpfte er, »ein solcher Mann ist nicht zu ersetzen.«

Hunger und wirtschaftliche Not -- eine Legende.

Hitler bereitete sich weiterhin auf eine neue Prüfung an der Kunstakademie vor. »Seit Deiner Abfahrt arbeite ich sehr fleißig, oft wieder bis 2 gen 3 Uhr früh«, schrieb er seinem Freund Kubizek.

Bald fühlte er sich jedoch so isoliert, daß er Kubizek vorschlug, bei ihm in Wien zu wohnen: »Lieber Freund! Warte schon sehnsuchtsvoll auf Nachricht von Deinem Kommen. Schreib bald und bestimmt, damit ich alles zum feierlichen Empfange bereit mache. Ganz Wien wartet schon. Also komm bald. Hole Dich natürlich ab.«

Als der Freund zögerte, drängte Hitler heftiger:

Also wie gesagt, erst bleibst Du bei mir. Werden denn schon beide sehen. Klaviere bekommt man hier im sogenannten »Dorotheum« schon wirklich um 50-60 Gulden. Also viele Grüße an Dich sowie Deine werten Eltern von Deinem Freund Adolf Hitler. Bitte nochmals komm bald!

Kubizek zog zu ihm und begann mit dem Studium am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. Zuweilen reiste er wieder nach Linz zurück, stets gefolgt von einer Karte oder einem Brief Hitlers, der offenbar seinen Zuhörer vermißte.

Freund Hitler trieb manchen derben Scherz mit ihm. Kubizek hatte ihm mitgeteilt, daß er wegen einer Bindehautentzündung künftig wahrscheinlich eine Brille tragen müsse. In seiner Antwort machte sich Hitler über Kubizeks Augenleiden lustig:

Daß Du nun auch noch erblinden wirst hat mich mit tiefer Trauer erfüllt; da wirst Du nun auch noch immer mehr daneben greifen, die Noten falsch lesen. Da wirst Du blind und ich noch mit der Zeit törrisch (taub). Oweh!

Trotz solcher scheinbaren Vertrautheit blieb Hitler seinem Freund fremd und rätselhaft. Kubizek ahnte zeit seines Lebens nicht einmal, wie es mit den wirtschaftlichen Verhältnissen Hitlers bestellt war. So schrieb er 1953: »Ich hatte meiner Mutter erzählt, wie schlecht es meinem Freunde erginge und daß er oftmals hungere.« Hitlers Karte vom 19. Juli 1908. in der es unter anderem heißt: »Meinen besten Dank für Deine Liebenswürdigkeit. Butter und Käse brauchst du mir jetzt nicht zu senden. Ich danke dir aber herzlich für den guten Willen«, hatte er falsch verstanden.

Kubizek kombinierte: »Er wollte keinen Grund mehr haben, weil er sich der eigenen Not schämte. Allein und einsam wollte er seinen Weg gehen. Es war der Weg in die Einsamkeit, in die Wüste, in das Nichts.« Niemals hat Hitler offenbart, wie es ihm in wirtschaftlicher Hinsicht ging.

Hitler verriet auch nicht, daß er sich mit der Absicht trug, das gemeinsam von ihm und Kubizek bewohnte Zimmer in der Stumpergasse 29 aufzugeben. Der Gedanke, daß Kubizek darunter leiden könnte, wenn er seinen Freund nach der Rückkehr von einer Wehrdienstübung nicht mehr vorfände. stand offenbar außerhalb der Überlegungen Hitlers, der immer zuerst nur an sich selbst dachte. Hitler hatte ihm kaum noch etwas zu sagen: Guter Freund!

Erst bitte ich Dich um Verzeihung dafür, daß ich solange keinen Brief schrieb. Es hatte auch dies seine guten, oder besser schlechten Gründe, ich wußte nichts, womit ich Dir hätte aufwarten können. Daß ich Dir nun doch auf einmal schreibe, beweist nur, daß ich sehr lange suchen mußte, um Dir ein paar Neuigkeiten zusammenzusuchen.

Inzwischen hatte sich Hitler im Herbst 1908 der Prüfungsprozedur noch einmal unterzogen. Da weder der Rektor noch das Lehrer-Kollegium der Akademie gewechselt hatte, kannten die Professoren ihn noch vom Jahr zuvor, was ihm mehr schadete als nützte. Diesmal akzeptierten sie -- anders als 1907 -- seine Klausur-Komposition nicht. Die Arbeiten, die er seit der letzten Prüfung unter Panholzers Anleitung mit großem Fleiß und Eifer geschaffen hatte, durfte er gar nicht erst vorlegen.

Die krasse Änderung der familiären Verhältnisse seit Dezember 1907 war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Der Tod seiner relativ jungen Mutter (47 Jahre alt) und die Sorge für die sieben Jahre jüngere Schwester Paula hatten sich so gravierend auf seine künstlerische Leistungsfähigkeit ausgewirkt, daß er bei der Prüfung gänzlich versagte.

Hinzu kommt, daß die bis dahin ungewohnt straffe und konsequente Schularbeit im Bildhauer-Atelier Panholzers die in ihm angelegten malerischen Auffassungen und Fertigkeiten nicht geschult und entfaltet hatte. Sein Verhältnis zur Architektur war jetzt im zeichnerischen Strich und in der Bildkomposition noch profilierter ausgeprägt als im Herbst 1907.

Nach diesem Durchfall verstummte der Briefschreiber Hitler. Sein letzter Brief an Kubizek (Sommer 1908) ist zugleich auch das letzte private Schreiben, das im Gegensatz zu zahlreichen Aquarellen, Zeichnungen, Skizzen und Ölbildern aus der Zeit vor 1914 von Hitler erhalten geblieben ist.

Er hatte triftige Gründe, sich nirgendwo zu melden: Die österreichischen Behörden fahndeten nach ihm. Im Herbst 1909 hätte er nach dem Gesetz-Blatt Nr. 41 des österreichischen Wehrgesetzes vom 11. April 1889 zur sogenannten »Verzeichnung« und im Frühjahr 1910 zur »Hauptstellung« erscheinen müssen, was er vorsätzlich ebensowenig tat, wie er den letzten Termin im Frühjahr 1912 wahrnahm.

Er entzog sich sowohl der »Verzeichnung« und »Hauptstellung« als auch der dann zwangsläufig folgenden »Nachstellung« und galt in seinem Vaterland daher als »Stellungsflüchtling«.

Seine Wehrdienstverweigerung begründete er später mit dem Argument, in der Vielvölker-Armee des Habsburger »Rassenbabylons« habe er als Deutscher nicht dienen können. Als Kubizek seinen Gestellungsbescheid erhielt, empörte sich Hitler: »Auf keinen Fall darfst Du Dich stellen, Gustl! Du bist ein Narr. wenn Du Dich stellst. Am besten ist es, man zerreißt diesen blöden Wisch.« Kubizek stellte sich dennoch.

Hitler aber tauchte unter, immer auf der Flucht vor der Wehrbehörde. Nur wenige Monate hielt es ihn in der jeweiligen Unterkunft: Vom November 1908 bis zum August 1909 wohnte er in der Felberstraße 22. vom 20. August bis zum 16. September 1909 in der Sechshauser Straße 58, von da ab bis zum November in der Simon-Denk-Gasse.

Ende 1909 kam Hitler schließlich in jenem Meidlinger Obdachlosenasyl unter, das später die Phantasie einer ganzen Generation von Hitler-Biographen beschäftigte. Alan Bullock wähnte, Hitler habe nur noch »im Freien schlafen«, Franz Jetzinger spekulierte, Hitler habe sich »ab Frühjahr 1909 kein Zimmer mehr leisten« können.

Tatsache ist, daß Hitler schon wenige Tage später das Asyl wieder verließ und in einer der modernsten Großpensionen in Wien, dem Männerheim in der Meldemannstraße, eine Kabine mietete, die teurer war als das Zimmer in einer Privatwohnung: Sie kostete eine halbe Krone pro Tag.

Gleichwohl war Hitler ein paar Tage lang Hilfsarbeiter, weil das Obdachlosenasyl tagsüber seine Bewohner auf die Straße setzte -- Grund genug für die Mär. Hitler habe jahrelang auf Baugerüsten sein Geld verdient. Die einzige Primärquelle für diese Behauptung war und blieb Hitler selber.

Nie konnten Zeugen, die den jungen Hitler in Wien auf einer Baustelle oder anderswo als Hilfsarbeiter gesehen haben, aufgespürt werden, nicht einmal vor 1945, als Mitarbeiter des Hauptarchivs der NSDAP die Frühzeit ihres Führers erkundeten. Damals wurden Hitlers Mitschüler, Lehrer, Geistliche, Geschäftsinhaber, Käufer von Hitler-Bildern und Mitbewohner des Männerheims befragt -- niemand kannte den Hilfsarbeiter Hitler.

Dennoch gab es einen Mann, der wie kaum ein anderer die Legende vom asozialen Hitler verbreitete: Reinhold Hanisch, ein sudetendeutscher Radierer, den Hitler im Obdachlosenasyl kennengelernt hatte. Er zog mit Hitler ins Männerheim und verkaufte die Bilder (meist Aquarelle), die Hitler rasch und gefällig produzierte.

Den Erlös teilten sich Hanisch und Hitler je zur Hälfte. Doch Hitler hatte nicht Maler, sondern Architekt werden wollen; er wurde mit zunehmendem Erfolg bequemer und oberflächlicher. Er malte und zeichnete nur noch, um sein reichlich bemessenes Budget aufbessern zu können.

Die Käufer der Bilder Hitlers waren häufig jüdische Intellektuelle und Geschäftsleute. Noch 1938, als Hitler-Aquarelle zu Preisen zwischen 2000 bis 8000 Mark verkauft wurden, besaßen Hitler-Bilder aus der Zeit von 1909 bis 1913 unter anderem der Arzt Dr. Bloch, der ungarisch-jüdische Oberingenieur Retschay, der Wiener Rechtsanwalt Dr. Josef Feingold, der zwischen 1910 und 1914 junge begabte Maler unterstützte, und der Bilder-Rahmenhändler Morgenstern.

Einige Linzer und Wiener Hoteliers, Geschäftsinhaber und Akademiker verfügten 1938 noch über manches Hitler-Bild aus den angeblichen »Wiener Lehr- und Leidensjahren«. Im Schloß Longleat des englischen Kunstsammlers Henry Frederick Thynne, Marquess of Bath, hängen nach wie vor 46 von Hitler signierte Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen.

Acht Monate lang bemühte sich Hanisch um die Verbreitung der Hitler-Arbeiten. Er berichtet: »Da er mir erzählte daß er Academie besucht habe sagte ich ihm er solle Postkarten malen. Ich ging diese verkaufen. Er malte auch Ansichten von Wien, die ich bei Bilderhändlern und Tapezirern verkaufte. Ich konnte mitunter eine ganz gute Bestellung erreichen. So daß wir schlecht und recht leben konnten. Doch in besseren Geschäften des Kunsthandels wurden die Arbeiten immer abgewiesen. Ich redete Hitler zu sich mehr Mühe zu geben.«

Hanisch konnte weder mit Zuwendungen aus Erbschaften noch mit ständigen Rentenzahlungen des Staates rechnen. Seine Appelle, mehr zu leisten, überhörte Hitler. Er nahm auf seinen Helfer keine Rücksicht und behandelte in wie ein Werkzeug.

Hanisch mußte ·sich um eine neue Verdienstmöglichkeit kümmern.« Um diese Zeit erhielt ich«, schrieb er später, »einige Aufträge in Radierung, die ich selbst versuchte, da Hitler die Arbeit gänzlich vernachläßigte.« Schließlich fand die Geschäftsverbindung Hitler-Hanisch im Sommer 1910 ein jähes Ende.

Anfang August erstattete Hitler beim Wiener Polizeikommissariat Brigittenau Anzeige gegen seinen Geschäftspartner, der verschwunden war und ihm angeblich einen Teil des ihm zustehenden Verkaufserlöses unterschlagen und ein Bild veruntreut hatte.

Hitler gab an, von Hanisch nach dem Verkauf eines querformatigen Aquarells (eine Darstellung des Wiener Parlamentsgebäudes) um 19 Kronen betrogen worden zu sein -- und darüber hinaus ein weiteres Aquarell im Werte von neun Kronen durch Hanisch eingebüßt zu haben.

Hanisch mußte sieben Tage ins Gefängnis. »Ich habe die Aussage (Hitlers) nicht entkräftet, weil ich vom Privatkäufer des Parlament eine mehrwöchentliche Bestellung erhalten hatte, die Hitler bekommen hätte, wenn ich den Ort des Verkaufs angegeben hätte«, behauptete Hanisch.

Er rächte sich später für die sieben Tage Gefängnis und für den Verlust sein es Zwischenhändlerpostens durch negative Berichte über Hitler. Biographen wie Konrad Heiden, Rudolf Olden und Alan Bullock, die später über Hitler schrieben, fanden in Hanisch einen »Zeugen«, der die Erlebnisse seines Landstreicherlebens auf Hitler übertrug. In einem undatierten Brief an seinen Freund Franz Feiler berichtete Hanisch, daß er große Not leide, von drei Schillingen in der Woche lebe, die Miete nicht bezahlen könne und nicht wisse, »wie das enden soll, es ist ja ganz gleich wo man verreckt«.

Nach der Hanisch-Affäre fand Hitler in einem ungarisch-jüdischen Händler namens Neumann, der zeitweilig ebenfalls im Männerheim in der Meldemannstraße wohnte, einen neuen Verkäufer seiner Bilder. Hitler schränkte seine künstlerische Arbeit ein, las erheblich mehr als vorher und begann, sich mit Politik zu beschäftigen. Er malte weiter, aber es entstanden längst nicht mehr so viele Arbeiten wie zuvor. Von nun an verkaufte entweder Neumann Hitlers Bilder, oder Hitler machte sich selbst auf den Weg zu seinen Kunden -- was die Produktion ebenfalls einschränkte.

Er verlor allmählich ganz die Lust an Wien und beschloß, nach Deutschland zu gehen. Im Mai 1913 reiste er ab. Er hatte einen schwerwiegenden Grund: Die Polizei spürte ihm wieder nach. Doch diesmal ließ sie sich nicht mehr abschütteln.

Am 29. Dezember 1913 wandten sich die österreichischen Behörden an die Münchner Polizeidirektion mit der Bitte, »dienstfreundlichst« festzustellen. ob Hitler in München lebe. »Der im Jahre 1889 in Braunau am Inn zuständige Kunstmaler Adolf Hitler ist«, teilte die österreichische Polizei mit, »am 24. Mai 1913 von Wien nach München übersiedelt. Es wird dienstfreundlichst ersucht, bekannt zu geben, ob Genannter dort gemeldet ist.«

Die Münchner Polizei fand ihn. Am 10. Januar 1914 teilte sie ihren Linzer Kollegen mit: »Der Gesuchte ist seit 26. V. 1913 Schleißheimer Straße 34/111. bei Popp gemeldet. Der künftige Oberbefehlshaber der großdeutschen Wehrmacht sann verzweifelt nach einem Trick, dem Militärdienst zu entrinnen.

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Der Wehrdienstflüchtling Hitler wird von der Münchner Kriminalpolizei aufgespürt -- Hitlers unbekannte Feldpostbriefe -- Er spielt mit dem Gedanken, in die Kommunistische Partei einzutreten

Werner Maser
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