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CSSR Ähnlich wie Apartheid

Husaks Staatspolizei schikaniert den 20jährigen Prager Bürger Jan Hajek. Sein Verbrechen: Er ist der Sohn eines Oppositionellen. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Nach sechzehn Jahren unermüdlichen Strebens glaubt sich die tschechoslowakische Staatspolizei nun endlich am Ziel. Jiri Hajek, Außenminister des Prager Frühlings und Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung »Charta 77«, erklärte sich zur Auswanderung bereit - unter einer Bedingung: »Zuerst muß mein Sohn Jan ausreisen dürfen.«

Eben diesen Sohn nämlich Jahrgang 1964, haben sich die Hüter des Husak-Kommunismus zu ihrem Lieblingsopfer auserkoren. Sie drangsalieren ihn, um den zähen Vater mürbe zu machen.

Der heute 71jährige Jurist Hajek war ursprünglich ein überzeugter Freund der Sowjet-Union; 1940 verurteilte ihn ein NS-Gericht zu zwölf Jahren Zuchthaus. Hajek hängt mit großer Zärtlichkeit an seinem Spätling Jan, den er liebevoll Honzik ("Hänschen") nennt. Es zeigt also Methode, daß die sogenannte Staatssicherheit den jungen Hajek bereits im Frühling 1978 mit Sippenhaft bedrohte - zu einem Zeitpunkt, da Hajek senior die Funktion eines »Charta«-Sprechers innehatte und im Gegensatz zu anderen Prager Oppositionellen keinerlei Interesse für die indirekt anempfohlene Auswanderung nach Österreich bekundete.

Obwohl der damals 14jährige Honzik die Elementarschule mit dem Notendurchschnitt »eins« verließ, durfte er zunächst nicht aufs Gymnasium. Die Staatspolizei kapitulierte erst, als aus Wien eine feierliche Einladung zur Fortbildung in Österreich eintraf, unterschrieben vom damaligen Bundeskanzler Kreisky.

1983 schlug die Stapo erneut zu; denn nun ging es um Honziks Zulassung an die Universität.

Der junge Hajek hatte auch das Gymnasium als Klassenbester absolviert. Selbst das dringende Ersuchen der Stapo, ihm »keine unverdient guten Noten zu geben«, änderte nichts am hervorragenden Abschlußzeugnis mit Einsern. Der Weg ans Polytechnische Institut, zum Architekturstudium, schien offen.

Als das Unterrichtsministerium trotzdem einen abschlägigen Bescheid wegen angeblich »mangelnder Eignung zum Architekturberuf« schickte, nützte der Ex-Außenminister die Reste seiner früheren Kontakte und erreichte eine Revision der abschlägigen Antwort.

Hajek junior stürzte sich in die Vorlesungen. Doch seine Freude dauerte nur acht Tage. Dann bekam er wieder einen Brief des Unterrichtsministeriums. Er trug die Unterschrift des Vizeministers Vaclav Cisar: »Der Minister hat seinen Beschluß über Ihre Zulassung zum Hochschulstudium aufgehoben.«

Honzik legte Berufung ein. Der Vater begab sich ins Ministerium zu seinem einstigen Duzfreund Cisar. Dort kam es zu einer ergebnislosen Debatte. Cisar erklärte, Unterrichtsminister Vondruska sei schwer verärgert. Grund: Hajek senior habe die gnädige Entscheidung der Obrigkeit als »Konsequenz ausländischen Drucks« mißdeutet. Jiri Hajek bestritt eine derartige Äußerung. »Im übrigen wäre sie irrelevant«, schloß er wütend. »Es geht ja nicht um mich, es geht um meinen Sohn. Was hier geschieht, ist ähnlich wie Apartheid.«

Eine Woche später wurde Honzik von einem Dozenten aus dem Hörsaal gewiesen. In der Wohnung fand er die Aufforderung des Militärs, sich binnen drei Tagen zum Präsenzdienst zu melden. Abends erschien noch obendrein ein Kurier und ließ sich die Übernahme der Ladung von Jan persönlich bestätigen.

Soviel staatliche Zuwendung überforderte die strapazierten Nerven des Jungen. Er fühlte sich elend. Die gestrengen Ärzte des Armeespitals diagnostizierten ein Geschwür in seinem Zwölffingerdarm. Eine Kommission stellte die Einberufung auf zwei Jahre zurück.

Daheim bleiben konnte Honzik freilich nicht. Damit hätte er ein Strafverfahren wegen »Parasitismus« riskiert. Also akzeptierte er die einzige ihm angebotene Stelle - die eines Hilfsarbeiters im Unternehmen Vodohospodarske Stavby. Der Musterschüler begann mit dem Kehren des Betriebshofes und avancierte zum Schreibstubenführer.

Inzwischen beschäftigte sein Fall wieder einmal die stille Diplomatie. Wiens Kreisky, inzwischen in Pension, schrieb an Staatspräsident Gustav Husak; Willy Brandt sprach mit dem CSSR-Vizepremier Peter Colotka bei dessen Besuch in Bonn. Die Osloer »Arkitekthogskole« sandte eine Einladung zum Gratisstudium, ebenso die Wirtschaftsuniversität Wien.

Daß ihm, wie zu erwarten, die nötigen Ausreisepapiere verweigert wurden, wollte der Optimist Honzik anfangs sogar positiv sehen. Die Stapo, so meinte er, würde nun doch geneigt sein, die allseits unerquickliche Angelegenheit innerhalb der CSSR-Grenzen zu erledigen. Dafür sprach auch das Verhalten des Betriebs, der seinem intelligenten Hilfsarbeiter das beste Zeugnis ausstellte und dessen neuerliche Bewerbung um einen Studienplatz ausdrücklich guthieß.

Als Mitglied der bevorzugten Arbeiterklasse glaubte der Hajek-Sohn, letztlich doch im Hörsaal zu landen. Das Aufnahmeexamen bestand er problemlos. »Alles in Ordnung«, bestätigte das Dekanat inoffiziell.

Diesmal dauerte die Freude immerhin drei Wochen. Dann lag das offizielle Ergebnis »nicht genügend« vor. Der Mathematikprüfer, so stellte sich heraus, hatte die schlechteste Note ausgestellt. In sämtlichen anderen Fächern, selbst in der Politikwissenschaft, prangten ausnahmslos die gewohnten Einser.

Honziks Gesuch um Einsicht in die Prüfungsunterlagen blieb ohne Antwort. Vater Hajek protestierte nun in einem wütenden Brief an den Ministerpräsidenten Lubomir Strougal gegen derartige »ungesetzliche und betrügerische Machinationen der Geheimpolizei«. An seinen ehemaligen Regierungskollegen Peter Colotka schrieb er: »Nach der Schlacht am Weißen Berg, in jener Periode also, die bei uns als 'Zeit der Finsternis' bezeichnet wird, waren die Statthalter der Habsburger intelligent genug, die Kinder prominenter Ketzer und Rebellen zum Studium zuzulassen. Ich weiß nicht, ob das Gremium, dem Sie angehören, sich mindestens zu diesem Niveau emporschwingen wird.«

Das Gremium, dem Colotka angehört, ist das Parteipräsidium, die höchste Instanz der kommunistischen CSSR. Nur sie wäre beim derzeitigen Stand der Dinge noch befugt, die Sippenhaft für den Hajek-Sohn aufzuheben.

Daß sie das tun wird, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Gustav Husak pfuscht der Stapo nicht gern ins Handwerk, zumal ihm die Auswanderung des Systemkritikers keineswegs ungelegen käme. »Ich wollte nie ins Ausland«, kommentiert Jiri Hajek, »ich wollte stets, daß auch mein Sohn in der CSSR lebt. Doch wenn sein Lebensberuf davon abhängt, sind wir bereit zu gehen.«

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