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Briefe

ÄRGER MIT BRUNNER
aus DER SPIEGEL 1/1960

ÄRGER MIT BRUNNER

... gratuliere ich Ihnen zu der Feststellung, daß ehemalige Nazis wieder zu Ämtern und Würden gelangt sind. Das ist demnach kein »Hirngespinst«. Merkwürdig ist Ihr Eifer, mein Buch »The Fear Makers« sozusagen von hinten durch die kalte Küche als sprachlich unzureichend abzutun. Gerade die englischen Literaturkritiker, nicht die politischen, sind da anderer Meinung. Ich selbst bin ganz zufrieden, daß mithin die größten Verlage in England und Holland dieses Machwerk herausgebracht haben. Wenn es Sie geärgert haben sollte, kann es doch gar nicht so schlecht sein

Der von Ihnen genannte Alois Brunner, jetzt Louis Brunner, war zuletzt SSHauptsturmführer und Angehöriger der Lagerwache Dachau. Er wurde vor annähernd zwanzig Personen, darunter Presse- und Wochenschauberichtern, verhaftet, kaum zu dem Zweck, um ihm die Uhr zu klauen ... Als ich Brunner später begegnete, erkannte ich mein »Opfer« gar nicht. Folgerichtig konnte ich diesen Umstand weder als Pech ansehen, noch wurde ich auf Brunners Wunsch hin eines Lokales verwiesen. Der ehemalige Inhaber des Nachtlokals »Insel«, Alfred Uhlman, ein rassisch Verfolgter, war über diese von Brunner später aufgestellte Behauptung sehr erstaunt. Er hatte Brunner untersagt, in seinem Lokal Lieder zu singen wie »Wenn die rote Flotte im Meer versinkt« und »Wir gründen wieder eine neue Nazipartei«, weil er das als Verfolgter nicht besonders lustig fand.

Waldhausen (Württ.) WILFRIED SCHILLING

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