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Autofahrer Ärgert immer

Spritklau wird zum Volkssport. Tankstellenbesitzer sichern Zapfsäulen mit Videokameras und Schranken.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Wo früher der deutsch-deutsche Grenzübergang Wartha-Herleshausen lag mit weitläufigen Abfertigungsanlagen für Autos, stehen heute die Tankstellen Eisenach Nord und Süd. Wo damals Schlagbäume den Sozialismus sichern sollten, schützen jetzt elektronisch gesteuerte Schranken den ungeschmälerten Gewinn des Tankstellenbesitzers.

Zu den Sicherungsmaßnahmen an der A 4 sahen sich Tankstellenleiter Hubert Altmüller, 52, und seine Firma gezwungen, weil ihnen Benzindiebe schwer zu schaffen machten. Jeden Monat fuhr ihnen Sprit im Wert von mehr als 10 000 Mark einfach davon. Altmüller: »Die reinste Katastrophe.«

Tank voll und Fuß aufs Gas - mit dieser schlichten Methode bereichern sich Tausende von Autofahrern. »Sie kommen im Trabi oder in der Luxuslimousine«, klagt Hubert Brockmeier. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes des Tankstellen- und Garagengewerbes, der rund 9000 Pächter und Eigner vertritt, schätzt, daß Autofahrer allmonatlich 20 000mal zum Nulltarif tanken.

Brockmeiers Kollege Jürgen Ziegner vom Zentralverband des Tankstellen- und Garagengewerbes mit rund 5000 Mitgliedern hat bereits einen »neuen Volkssport« erkannt. Den nächsten Boom beim Spritdiebstahl erwartet er im Herbst, falls den Bürgern dann eine drastische Anhebung der Mineralölsteuer blüht.

Ähnliches befürchten Praktiker bei der Polizei. Vorige Woche warnte Eike Bleibtreu, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, vor einem Anwachsen der »Benzinkriminalität«. Schon bei der letzten Erhöhung der Mineralölsteuer 1991 habe sich ein »alter Grundsatz der Kriminalistik« bewahrheitet: »Alles, was knapp und teuer ist, reizt zu kriminellen Aktivitäten.«

Beim illegalen Gratis-Tanken lassen sich Autofahrer vielerlei Tricks einfallen. So wollte sich ein Frankfurter mit fünf Zentimeter schwarzem Isolierband vor Entdeckung schützen - er verwandelte damit das »F« seines Frankfurter Kennzeichens in ein »E« wie Essen.

Routiniers fahren mit gestohlenem, gefälschtem oder umklappbarem Nummernschild an die Zapfsäule. Gelegenheitsflitzer brausen davon, wann immer es günstig scheint. Sie kaufen im Kassenraum ein Päckchen Kaugummi oder Zigaretten und »vergessen«, die Spritrechnung zu begleichen. Sie suchen Sichtschutz hinter Lastern oder Tankzügen, die gerade die Reservoirs der Tankstellen auffüllen.

Am meisten wird derzeit in den neuen Ländern geklaut. Während im Westen rund 17 000 Tankstellen miteinander konkurrieren, müssen die Kunden in Neufünfland an etwa 1300 Stationen Schlange stehen. Teilweise liegt dort der Umsatz mit über zwei Millionen Liter Sprit im Monat dreimal so hoch wie an Großtankstellen in den West-Ländern. Im Gewimmel flitzen sogar den alten Minol-Tankstellen, wo noch an der Säule kassiert wird, Trabis davon. Einzelne Tankstellenpächter zwischen Rostock und Dresden beklagen monatliche Verluste von 10 000 Mark und mehr.

In Hamburg, Köln oder München fehlen einige tausend oder auch nur einige hundert Mark monatlich in der Kasse, aber »es ärgert immer«, so Tankstellenchef Edwin Benz aus Mainz-Bretzenheim.

Mit nachträglichen Rechnungen, Inkassogebühren oder Geldstrafe müssen meist nur ungeschickte Spritklauer rechnen. Wegen der geringen Schadenssummen und der schwierigen Beweislage machen Polizei und Staatsanwaltschaft nur selten die Täter dingfest.

Den Schaden bekommen Tankstelleninhaber oft nicht ersetzt. Mineralölgesellschaften erstatten Verluste meist nur, wenn die Autonummer eines Flitzers vorliegt. Erst dann, argumentieren die Konzerne vielfach, haben Tankstelleninhaber der Sorgfaltspflicht für die ihnen anvertraute Ware genügt.

Der Zentralverband des Tankstellen- und Garagengewerbes erwägt deshalb, in einem Musterprozeß klären zu lassen, wie weit die Sorgfaltspflicht der Tankstelleninhaber reicht. Geschäftsführer Ziegner: »Die Mineralölgesellschaften werden nicht erwarten können, daß sich unsere Mitglieder auf die Fahrbahn werfen, um Flitzer aufzuhalten.«

Mit elektronischer Video-Überwachung (Preis: 15 000 bis 40 000 Mark und mehr) suchen sich verstärkt Stationen gegen Benzinklau zu schützen. An manchen Tankstellen übernimmt zusätzliches Personal die Abwehr, im Tankwart-Jargon »Liberos« genannt.

Schranken dagegen wie bei Eisenach oder Wilsdruff an der A 4 stoßen bei den Mineralölkonzernen auf Skepsis. Schlagbäume, so Clemens Jungeblodt von der Hamburger Esso AG, seien »eine der schrecklichsten Sachen überhaupt«. Jungeblodt: »So behandelt man seine Kunden nicht.«

Tankstellenleiter Altmüller dagegen schwört auf die Barrieren. Seitlich verhindern in Eisenach Nord Blumenkübel ein Entweichen, vorn fällt an jeder der 16 Zapfstellen der Schlagbaum, sobald der erste Tropfen Benzin oder Diesel fließt. Die Schranke öffnet sich erst wieder, so Altmüller zufrieden, wenn »das Geld im Kasten klingt«.

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