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INDUSTRIE / ROHSTOFF-VERSORGUNG Ärmste der Welt

aus DER SPIEGEL 5/1969

Die Unheilsbotschaft kam aus dem Fernen Osten, Vertraulich meldete Tokio-Botschafter Franz Krapf dem Bonner Wirtschaftsministerium, daß Japan die Bundesrepublik nicht nur als drittgrößte Industrienation abgelöst (Sozialprodukt 1968: Japan 560, Westdeutschland 527 Milliarden Mark), sondern auch im Kampf um die Rohstoffe überrundet hat.

Allein in sieben Ländern bohren japanische Konzerne nach Erdöl -- deutsche Firmen nur in Libyen. An den großen Kupfergruben der Welt in Australien, Chile, im Kongo und auf den Fidschi-Inseln ist Kapital aus Tokio beteiligt -- die Bundesrepublik produziert im Ausland »nicht eine Tonne Kupfer« (Bankier Abs).

Aggressive Großunternehmen wie Mitsubishi Metal Mining und die Nippon Mining Company schürfen in einem Dutzend Entwicklungsländern, aber auch in Kanada Eisen, Nickel, Zinn und Wolfram. Selbst In Schlesien und Sibirien werden sich demnächst Japaner an der Erschließung von Erzvorkommen beteiligen. Deutsche Stahlfirmen kauften sich nur in Liberia in ein Erzfeld ein.

Krapfs Warnung bestärkte Bonns Wirtschaftsministerium in einem Vorhaben, das von Staatssekretär Arndt bereits vor mehreren Wochen eingeleitet worden war. Schillers Marktstratege hatte Experten seines Ministeriums beauftragt, eine Studie über die Rohstoffversorgung der westdeutschen Industrie bis zum Jahre 2000 anzufertigen.

Die Nachforschungen wurden zu einer Bilanz der Versäumnisse. Denn während andere Nationen die Rohstoffquellen der Welt unter sich aufteilten, blieben Deutschlands Industrieherren in der Regel am heimischen Herd sitzen. Auch weltpolitische Eruptionen wie die zwei Suez-Krisen scheuchten sie nicht aus ihrer Beschaulichkeit.

Lediglich die Gelsenkirchener Bergwerks-AG sicherte sich eine Drittel-Beteiligung an den libyschen Ölvorkommen des US-Konzerns Mobil Oil und kann aus den Ölfeldern in der Wüste billiges Rohöl beziehen.

Dabei fließen zum Beispiel die inländischen Ölquellen überaus spärlich. Die Ölpumpen der Lüneburger Heide und im Friesland decken nur zehn Prozent des wachsenden Öl- und Benzinbedarfs von Industrie und Kraftverkehr. Nach neuestem Kalkül werden die Quellen überdies binnen 20 Jahren versiegen.

Westdeutschlands Erzgruben im Siegerland sind mangels Rentabilität schon seit Jahren geschlossen, und der hochverschuldete Staatskonzern in Salzgitter bringt sein Eisenerz nur mit hilfe staatlicher Subventionen aus der Erde. Zudem zählen die sauren Erze der Salzgitter-Erde mit nur 25 Prozent Eisengehalt zu den ärmsten der Welt.

Überfluß herrscht nur an Überflüssigem: Die Kaligruben und die mit vielen Milliarden Mark Steuergeldern subventionierten Steinkohlengruben der Bundesrepublik können noch jahrzehntelang fördern,

Alle zukunftsträchtigen Rohstoffe dagegen kann die Bundesrepublik zunehmend nur aus Importen decken. Dabei aber, so wiesen Arndts Geologen in ihrer Expertise nach, hat die deutsche Industrie fast auf der ganzen Linie den Anschluß verpaßt: >Die Produktion des wichtigsten Legierungsmetalls, Nickel, wird von drei nordamerikanischen Konzernen kontrolliert, die -- gemeinsam mit der französischen Rothschild-Gesellschaft »Le Nickel« -- einen Marktanteil von über 80 Prozent eroberten;

* den Markt des begehrtesten Buntmetalls, Kupfer, beherrschen die US-Firmen Anaconda und Kennecott Copper, die gemeinsam mit dem britischen Roan Selection Trust an dem Kupfer-Syndikat der Länder Peru, Chile, Sambia und Kongo (Marktanteil 80 Prozent) beteiligt sind. Konkurrenzfähig sind allein sechs japanische Metallverarbeiter, die sich in ausländische Kupfergruben eingekauft haben;

* das zur Stahlveredelung notwendige Molybdän wird zu 93 Prozent von Amerikanern und Engländern hergestellt. Branchenführer ist die US-Firma American Metal Climax Inc.; > mehr als drei Viertel der Weltproduktion des Raketenmetalls Titan entfallen auf die USA, Kanada und Australien;

* das für die moderne Technologie wichtige Edelmetall Platin wird vorwiegend in der Sowjet-Union gewonnen. Einzige potente westliche Erzeugerländer: Kanada, Südafrika, Kolumbien und die USA. Auch In der Versorgung mit anderen Basismineralien, so stellten Arndts Bobstoffexperten fest, ist Westdeutschland auf das Ausland angewiesen, und seine Schlüsselindustrien müssen um ausreichende Lieferungen bangen. Denn einem steil wachsenden Weltbedarf steht eine nur mühsam steigende Förderung gegenüber. Folge: Die Erzeugerländer werden selbstverständlich ihre eigene Industrie bevorzugt beliefern.

Einer der Bonner Experten zum SPIEGEL: »Wenn das so weitergeht, werden wir bald höhere Preise für unsere Rohstoffe zahlen müssen als andere Länder und damit in unserer Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigt sein.«

Am stärksten betroffen ist die deutsche Eisen- und Stahlindustrie, die völlig auf den Import der Stahlveredelungsmetalle Molybdän, Nickel, Chrom und Mangan angewiesen ist. Dennoch hatten sich die Stahlkocher nicht zu eigenen Explorationen oder Beteiligungen an Auslandsgruben entschließen können.

Erst im fünfundzwanzigsten Jahr nach Kriegsende beginnt die deutsche Industrie aufzuwachen und sich auf Rohstoffsuche zu begeben.

Noch in diesem Monat werden die großen westdeutschen Metallverarbeiter dem Rohstoffkommissar Arndt ihre Aufwartung machen. Ihr Verhandlungsziel: Bonn soll mit Schürfsubventionen aus Steuergeldern den verlorenen Anschluß wiederherstellen helfen.

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